Habt Angst füreinander

Corona und der Ausnahmezustand des Anderen…

Von Miriam N. Reinhard

Der Ausnahmezustand, in dem wir uns befinden, ruft uns nicht nur schmerzlich die eigene Verwundbarkeit ins Gedächtnis zurück – er lenkt auch den Blick auf all die Selbstverständlichkeiten des Lebens im Moment ihres Zusammenbruchs. Selbstverständlichkeiten, von denen allerdings nicht nur das Leben, sondern auch sein Ende, Tod und Sterben, radikal betroffen sind.

Gewiss: Auch das beste Gesundheitssystem, alle Fortschritte der Medizin, werden es nicht verhindern können, dass Menschen an Krankheiten sterben– und doch bleibt der Tod der größte Skandal im Leben, ganz egal, wann und wie wir mit ihm konfrontiert sind. Auch die Länge eines Lebens lässt den Tod als sein Ende zunächst nur bedingt erträglicher werden. Was heißt es schon, dass der geliebte Mensch einer der Toten in der Statistik ist, die Krankheiten nun einmal mit sich bringen, dass er ja immerhin 80 Jahre alt wurde, wenn ohne diese Erkrankung vielleicht noch 10 weitere Jahre möglich gewesen wären? 

Der Tod ist auch deswegen eine Ungeheuerlichkeit, weil er nicht zu uns gehört, weil er nicht vorstellbar ist, er nicht zu einem selbst erfahrbaren Teil des eigenen Daseins zählt. Der Tod ist immer schon ein Ausnahmezustand, weil er kein Zustand des Daseins und doch eine Gewissheit des Daseins ist. In dieser paradoxen Struktur korreliert er auf der Ebene der Zugehörigkeit mit dem politischen Ausnahmezustand, den es – mit den Worten Giorgio Agambens – auszeichnet, „außerhalb der Rechtsordnung zu stehen und doch zu ihr zu gehören“.[1] Der Tod, über den wir sprechen, ist damit zwangsläufig immer der Tod, der den Anderen ereilt.

Dieser Tod des Anderen wird erst dann für uns wirklich und erträglich, wenn er betrauerbar wird, mit den Strategien der Narration mithilfe von lebensweltlich verinnerlichten, kulturell tradierten Ritualen verarbeitet werden kann: Alle Religionen kennen spezielle Rituale der Trauer und Bestattung – und auch nicht religiös gebundene Menschen halten Trauerfeiern ab, versammeln sich, gedenken des Verstorbenen in besonderer Weise. Die Kultur, in der wir leben, ist nicht nur eine Kultur im Umgang mit dem Tod, sie ist eine Kultur, durch den Umgang mit ihm; Jacques Derrida formuliert: „Die Kultur selbst, die Kultur im allgemeinen ist im wesentlichen vor allem, ja wir können sogar sagen, a priori Kultur des Todes; und infolgedessen Geschichte des Todes. Es gibt keine Kultur ohne den Kult der Vorfahren, ohne die Ritualisierung der Trauer und des Opfers, ohne Orte und Modalitäten institutionalisierter Bestattung, und wäre es selbst für die Asche einer Verbrennung.“[2]

Eine jede Kultur ist also ein tradiertes Antwortgeschehen auf den Tod, das sich fortsetzt, und damit den konkreten Tod immer wieder in die Wirklichkeit, in die Ordnung des eigenen Daseins zurückbringen kann. Die Trauer überträgt die unüberwindbare Fremdheit des Todes in die Narrative individueller Geschichten, die mit kollektiven Praktiken bezeugt und erzählt werden können – und die uns dann anders von ihm sprechen lassen als von einer entfernten Alltäglichkeit, die uns nichts weiter angehen muss.

Martin Heidegger hat eine Zweideutigkeit bemerkt, mit der die Öffentlichkeit sich alltäglich über den Tod zu verständigen versucht: „Die öffentliche Daseinsauslegung sagt: >>man stirbt<<, weil damit jeder andere und man sich einreden kann: je nicht gerade ich; denn dieses Man ist das Niemand. Das >>Sterben<< wird auf ein Vorkommnis nivelliert, das zwar das Dasein trifft, aber niemandem eigens gehört. […] Die charakteristische Rede spricht vom Tode als ständig vorkommendem >>Fall<<. Sie gibt ihn aus als immer schon >>Wirkliches<< und verhüllt den Möglichkeitscharakter und in eins damit die zugehörigen Momente der Unbezüglichkeit und Unüberholbarkeit.“[3] Heidegger hört in der Rede der Öffentlichkeit, in ihrer Abwälzung des Todes auf das Man einen Verdrängungsmechanismus heraus. Das Dasein schützt sich vor der Möglichkeit der eigenen Sterblichkeit, indem es sich im Alltag über den Tod verständigt, als sei niemand Konkretes von ihm betroffen. Die Kultur, die wie Derrida beschreibt, sich durch den Tod überhaupt erst konstituiert, entwickelt also auch Strategien, sich gerade von ihm fern zu halten, ihn noch in der expliziten Einblendung zugleich auszuschalten, ihn im „Symbolischen zu tilgen“[4] und damit seinen Ausnahmezustand zu vergessen. (Wir müssen uns die Frage stellen, inwiefern die Philosophie Heideggers, die sich dem Umgang mit dem Tod so intensiv widmet, von dieser Dialektik, einer tödlichen (tötenden) Ambivalenz, in besonderer Weise betroffen bleibt).

Die „Corona-Toten“, die uns als statistische Zahl täglich präsentiert werden, machen uns die Gefahr des Todes deutlich und halten sie doch auf die Distanz. Vor allem aber blitzt die Dialektik der Ein- und Ausblendung des Todes auf, denn er wird damit angezeigt und zugleich wird auf Distanz gehalten, dass die Art und Weise des Sterbens, die gerade geschieht, selbst ein Ausnahmezustand ist, der der Spezifik des Virus geschuldet ist: Es gibt keine Möglichkeit spezifischer Medikation mit der eine Coronainfektion therapeutisch behandelt werden könnte, es gibt keine Impfung, die vor der Lungenkrankheit Covid-19 schützt. Dies hat auch die Länder, die ein Sterben an Krankheiten aufgrund der Möglichkeiten ihrer medizinischen Versorgung sonst unwahrscheinlicher werden lassen oder auch ganz verhindern können, in die Situation gebracht, eine Triage in ihren Krankhäusern durchführen zu müssen. Diese aus der Militärmedizin übernommene Methode bricht mit dem Versprechen demokratischer Gesellschaften in äußerster Not: dem Versprechen, dass kein Leben priorisiert wird, dass jedem Menschen in gleicher Weise Schutz und Versorgung zustehen.

Zugleich hat das Coronavirus auch die kulturelle Verarbeitung des Todes unmöglich gemacht und die Kultur als ein tradiertes Antwortgeschehen auf den Tod unterbrochen. In Italien, so konnte man es lesen, hörte man in manchen Regionen nur noch das Totengeläut und die Sirenen, die Toten wurden dort von dem Militär, in New York mithilfe eines Gabelstaplers, abtransportiert, für die Verstorbenen wurden und werden Massengräber organsiert. Überall ist es unmöglich geworden, Sterbende zu begleiten, Beerdigungen in gewohnter Weise stattfinden zu lassen. Diese Entindividualisierung von Sterben und Tod lässt den Tod als ein unwirkliches Szenario erscheinen und verstärkt somit die Zweideutigkeit der Rede vom ihm, die Heidegger der Öffentlichkeit in ihrem alltäglichen Umgang attestiert hat. Die Toten verbleiben im „Man“ der Statistik, weil eine Überführung in die Ordnung des Daseins der Anderen durch die Realität des virologischen Ausnahmezustandes blockiert wird. Die Gesellschaften werden kulturlos, weil sie sich mit den ihr zur Verfügung stehenden Mitteln versuchen, gegen diesen Tod zu stellen; sie haben so nicht nur die Menschen an den Tod, sondern auch die Toten an die Statistik verloren. Die Statistik der Corona-Toten droht, wie die Statistik von Kriegs-Toten, Teil einer Zombologie zu werden, bloße Zahl, die nicht mehr ins Erzähl- und Betrauerbare überführt werden kann und uns nur noch auf einer Ebene der aus ihr abgeleiteten Wahrscheinlichkeiten für das eigene Dasein berührt.

Solidarität in diesen Tagen bedeutet nicht nur den Tod des Anderen, sondern einen solchen Tod als Tod des Anderen zu fürchten, einen Tod, der den Ausnahmezustand, an dem er gestorben ist, über seinen Tod hinaus verlängert. „Es ist nicht mehr die Frage, ob gestorben wird, sondern nur noch wie“, formuliert der Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin Bernd Oliver Maier, der dafür plädiert, dass für Corona-Patienten „ein würdevolles Versterben im häuslichen Umfeld und im Beisein nächster Angehöriger“ durch eine Intensivierung palliativ-medizinischer Strukturen ermöglicht werden muss.[5]

Vielleicht ist es auch dieser Ausnahmezustand von Sterben und Tod im Ausnahmezustand der Corona-Krise, der bei Manchen die Anerkennung der Ausnahme und die Fähigkeit zur Solidarität grundsätzlich blockiert. Sie können sich nicht von der Vorstellung lösen, dass doch gerade eigentlich nichts Außergewöhnliches passieren würde. Allen Verschwörungstheorien ist gemeinsam, dass ihnen eine jede Ausnahme unbekannt ist – und damit vermitteln sie etwas Beruhigendes. In die Narrative, die solchen Theorien zugrunde liegen, lässt sich jedes Ereignis integrieren und in die Sinnhaftigkeit ihres argumentativen Systems assimilieren. Verschwörungstheorien sind immer störungsfrei, weil bereits auch jede Kritik an ihnen als Teil der Verschwörung vorweggenommen und aufgelöst werden kann. Weil die Verfechter solcher Theorien beanspruchen, aus der Wahrheit selbst zu sprechen, die den weiteren Akteuren des Diskurses durch deren gezielte Manipulation bloß nicht zugänglich ist, kann das Außen nicht an sie heranreichen. Solche Theorien sind zu jeder Zeit unerschütterlich, weil die Zeit, aus der sie sprechen – ich komme noch darauf zurück – sich in einer täuschenden Gegenwart erschöpft. Der Tod ist auch außerhalb des virologischen Ausnahmezustandes niemals ein Ausnahmezustand für sie – und somit ist der jetzige Ausnahmezustand, in dem sich der Ausnahmezustand des Todes verdoppelt, für ein solches Denken nicht existent.

Von medizinscher Seite ist es etwa der sozialdemokratische Arzt Wolfgang Wodarg, der den Ausnahmezustand nicht anerkennen kann und weiterhin darauf insistiert, dass am Coronavirus weniger Menschen als während der Grippewellen sterben, der nicht nachlässt, auf den ihm zur Verfügung stehenden Kanälen zu verbreiten, dass uns das Coronavirus nicht auffallen würde, würde es den Test nicht geben, dem sein Nachweis gelingt.[6] Wodargs Deutung der Ereignisse liegt eine Figuration der WHO als einer korrupten Organisation zugrunde, die er nicht mehr aus dem Bild herauslösen kann, das er während der Zeit der Schweinegrippe als ihr Kritiker einst von ihr gewonnen hat.[7] Obwohl er Mediziner ist, kann Wodarg nun nicht an sich herankommen lassen, dass die Abwesenheit eines Impfstoffes und einer medikamentösen Therapie und die Geschwindigkeit der Übertragung zu einem Sterben führen, das nicht als Normalfall angesehen werden kann. Die Krankenhäuser in Italien, Spanien und den USA sind wohl kaum dadurch kollabiert, dass Menschen getestet wurden, sondern eben durch eine Vielzahl von Erkrankten, für die sie keine Kapazitäten hatten – auffällig wäre dieses Geschehen ja also sicher auch dann geworden, hätte man keine medizinische Zuordnung dafür gehabt. Die Suggestion, erst der Test produziere die Erkrankungen, die Wodarg vornimmt, ist grotesk. Als blieben die Menschen am Leben, hätte man nur die Krankheit, die sie dahinrafft, nicht entdeckt, als wäre Krankheit nichts weiter als eine Inszenierung cleverer Diagnostik, als würden die Menschen am Testergebnis ersticken, weil sie die unfreiwilligen Statisten in einer Performance der WHO geworden sind –  und nicht an dem Mangel von Sauerstoff. Wodarg ist es, der diese Testung und die Stimmen der Virologen, die sie praktizieren und anerkennen, mit einer performativen Macht ausstattet, die sie nicht besitzen können, weil das, was sie nachweisen und bezeugen, auch ohne den Nachweis Realität besitzt. Damit argumentiert Wodarg ähnlich magisch wie Gurbanguli Berdymuhamedow, der Präsident Turkmenistans, der glaubt, das Pandemieproblem u.a. damit lösen zu können, indem er das Wort „Corona“ in der Öffentlichkeit verbietet, als würde Benennung nicht Identifizierung, sondern Infizierung bedeuten, die sonst nicht stattfinden kann.

Dass wir es hier aber nicht mit einer Performance zu tun haben, die etwas Normales bloß in hysterischer Inszenierung modifiziert, ist dadurch belegt, dass man bei keiner Grippewelle in den letzten Jahren von einer Triage in europäischen Krankenhäusern gehört hat, dass man niemals Gabelstapler Leichen aus amerikanischen Krankenhäusern abtransportieren sah, dass bei jeder Grippewelle Sterbebegleitungen und Bestattungen stattfinden konnten. Doch Wodarg bemerkt diesen Unterschied nicht; mit reiner Statistik argumentierend kann er den Ausnahmezustand nicht denken, weil der Tod ihm immer nur als eine Zahl erscheint, die man verrechnen kann.

Auf geisteswissenschaftlicher Seite ist es zum Beispiel der Kulturwissenschaftler Clemens Heni, der in der Situation jetzt nichts weiter als den autoritären, faschistoiden Staat erkennen kann, den er vermutlich immer schon erkannt hat. Nicht zufällig ist seine Deutungsmatrix des Geschehens u.a. der Deutsche Herbst 1977, wird von ihm der Umgang des Staates mit Corona-Infizierten und ihren Kontaktpersonen mit dem Umgang des Staates mit der RAF und ihren Sympathisanten verglichen[8], um dann festzustellen, dass die ergriffenen Maßnahmen jetzt viel drastischer sind, dass dieser Staat damit noch autoritärer und faschistischer ist, als er einst unter Helmut Schmidt agierte – als sei die Anfälligkeit für radikale Ideologie, zu der man eine Entscheidung treffen muss, wenn man sich ihr engagiert anschließen möchte, überhaupt in irgendeiner Weise vergleichbar mit einem Infektionsgeschehen, das nach politischer Haltung und Zustimmung nicht fragt. Auch Heni führt in seinen Argumentationen u.a. die Verkehrs- und Grippetoten als Vergleichspunkt an; doch auch für die von ihm angeführten Toten gilt, dass der Ausnahmezustand ihres Todes ihren Tod nicht überdauern wird. Das macht die Statistik der Corona-Toten mit den Statistiken der Verkehrs- und Grippetoten so unvergleichbar, denn all diese Toten bringt die kulturelle Praxis der Gesellschaft in diese als konkrete Geschichten zurück.  

Wolfgang Wodargs und Clemens Henis Leugnungen des Ausnahmezustandes zeichnen sich also durch eine Abwehr der Ausnahme des Todes aus, mit der wir im jetzigen Ausnahmezustand konfrontiert sind. „Man“ ist eben schon immer gestorben, so scheinen sie sagen zu wollen[9] und deswegen gehe es jetzt eigentlich um etwas ganz anderes, für Wodarg um die wiederkehrenden Machenschaften der WHO[10], für Heni um eine erneute faschistoide Machtdemonstration[11] des „Schweinesystems“[12].

Auch für die rechten Akteure ist nichts passiert, auf das sie nicht mit ihren gewohnten argumentativen Reflexen reagieren könnten; dies galt auch zunächst für Donald Trump, der mit seinem Reden vom „chinesischen Virus“ die Gefahr exterritorialisierte und zugleich mit xenophoben Traditionen verknüpfte. Die globalen antisemitischen Verschwörungstheoretiker wussten sofort in ihren Netzwerken zu berichten, dass George Soros an dieser Pandemie verdienen werde[13]; der iranische Professor Ali Karami lieferte seinem Regime die willkommene Theorie, das Virus sei eine „biologische-ethnische Waffe“ der Zionisten, die es gezielt auf die iranische DNA abgesehen habe[14] und auch die rechtsradikale Reichsbürgerbewegung bedroht Virologen und Politiker und deutet den Kampf gegen die Pandemie in einen „Vernichtungskrieg gegen die europäischen Völker“[15] um.

So fiel auch der AfD nichts Neueres ein, als die sofortige Schließung der Grenzen für Asylbewerber zu fordern, weil Geflüchtete in dieser Situation für sie primär potentielle Überträger der Viren sind.[16] Damit legt die Krise erneut jenes entstellte Bewusstsein frei, das den Anderen nur vor dem Hintergrund der immer schon dagewesenen feindseligen Interpretation denken kann. Der Andere ist in einem solchen Denken ein Gefährder, er ist gefährlich, aber nicht gefährdet, er ist niemals jemand, auf den die Sorge sich richtet. Weil in der Ideologie der Rechten der Andere immer schon derselbe ist, weil er schon mit allem, was er ist und sein könnte, komplett gedeutet wurde, kann auch das Virus das Verhältnis zu ihm nicht erschüttern.

Doch die für die AfD gefährlichen Geflüchteten sind jetzt umso mehr gefährdet und befinden sich in prekärer Lage vor den Grenzen Europas oder in den europäischen Lagern und Unterkünften – und es wird dieselbe Bewegung der Solidarität sein müssen, die jetzt im Ausnahmezustand auch das Handeln der europäischen Regierungen und Hilfsorganisationen an diesem Punkt eingeschränkt hat, die es sie wieder für die Geflüchteten aufnehmen lässt.

„Die Tradition der Unterdrückten belehrt uns darüber, dass der >Ausnahmezustand<, in dem wir leben, die Regel ist[17]“, formuliert Walter Benjamin in seinen geschichtsphilosophischen Thesen. So macht uns die Krise auch noch einmal deutlich, dass die Selbstverständlichkeiten, die uns genommen worden sind, nicht für jeden gegeben sind, dass sogar die letzte Selbstverständlichkeit, die uns bleibt, dass wir gefahrlos zuhause bleiben können, um die Gefahr zu verringern, für viele Menschen keine so einfach praktizierbare Möglichkeit ist. In den Armenvierteln dieser Welt, die wir in ihrem sonst geschäftigen Treiben oft nicht näher betrachten wollen, etwa in den Slums von Neu-Dehli, bringt der Stillstand Lebensgefahr für jene, die nun weder als Tagelöhner Geld verdienen, noch eine Unterkunft besitzen, in der sie bleiben können.[18] Zuhause zu bleiben, setzt nicht nur voraus, einen Ort zu haben, an dem man nicht nur verweilen kann, sondern an dem das Verweilen auch noch gefahrlos möglich ist. Auch in den Peripherien europäischer Zentren ist dies keine Selbstverständlichkeit: „Die Ausgangssperre ist eine bourgeoise Vorstellung. Sie impliziert eine bürgerliche Wohnung, in die man sich zurückziehen kann. Diese Vorstellung ist hier komplett falsch“[19], formuliert der Soziologe Hamza Esmili, der in dem Pariser Vorort La Plaine Saint-Denis wohnt.

Wenn wir nun Angst füreinander haben, wenn wir Angst haben, dass der Andere den Tod sterben könnte, der ihm nicht mehr gehört, dass er im entividualisierten Tod der Statistik verbleibt, dass er den sozialdarwinistischen Tod der Triage sterben könnte, dass er nicht zuvor begleitet und nicht rituell bestattet werden wird, dann müssen wir auch immer um sein Leben fürchten. Dem statistischen Tod, den wir jetzt als eine Verdoppelung des Ausnahmezustandes des Todes im Ausnahmezustand erleben, geht dort, wo der Ausnahmestand die Regel ist, ein entfremdetes Leben voran, zu dem das Dasein gezwungen wird. Dies liegt auch an den Strukturen unserer Normalität.

Doch können wir eine solche Angst füreinander haben, ist es möglich Solidarität zu empfinden, wenn wir dem Anderen nicht mehr begegnen können? Setzt nicht die Hinwendung zum Anderen gerade auch dessen physische Nähe voraus? Bewirkt denn nicht das Social-Distancing, in das uns der Ausnahmezustand gezwungen hat, eine Entfernung von ihm, die jede Empathie unmöglich werden lässt und als dessen Ergebnis wir in einer entsolidarisierten von einander entfremdeten Gesellschaft leben werden?

Vielleicht bewirkt der Ausnahmezustand dies nicht, wenn wir uns wieder daran erinnern können, dass der Ausnahmezustand der Ferne des Anderen immer schon der Ausnahmezustand ist, in dem er uns begegnet, ohne dass er sich dabei in der Logik des Ausnahmezustandes – wie er in der strukturellen Verwandtschaft und Abhängigkeit zur Normalität sichtbar geworden ist– erschöpft. Emanuel Levinas formuliert: „Man kann sagen, dass der intersubjektive Raum nicht symmetrisch ist. Das Außerhalbsein des anderen verdankt sich nicht einfach dem Raum, der trennt, was dem Begriff nach identisch bleibt, oder irgendeiner begrifflichen Distanz, die sich durch das räumliche Außerhalbsein manifestieren würde. Das Verhältnis zur Anderheit ist weder räumlich noch begrifflich.“[20] Das heißt, der Andere begegnet uns auch dann nicht am selben Ort, wenn wir räumliche Nähe zu ihm haben, er ist nicht am Ort unserer Bedeutung beheimatet, er ist keine stehende Präsenz, er ist nicht Teil des Koordinatensystems, das der Vermessung des Raums zugrundliegt. Die Verschwörungstheorien, die sich auf den Anderen und die Gefahren (der Lüge, der Täuschung, der Manipulation, der Infizierung) konzentrieren, kennen die Begegnung mit dem Anderen nicht, weil sie von einer Präsenz ausgehen, die nichts weiter als ein Spiegel des Eigenen ist. Deswegen kennen sie nicht nur keine Störung und keinen Ausnahmezustand, sie haben auch kein anderes Verhältnis zur Zeit als das Illusorische einer sich im Selbst erschöpfenden Gegenwart.

Dem Anderen in seiner Abwesenheit zu begegnen (ganz unabhängig davon, ob er räumlich zugegen ist), ist die Bewegung, die eine jede Ethik konstituiert, die sich auf die nicht ergreifbare Zukunft hin entwirft. Diese Ethik ist der Modus der Begegnung mit dem Antlitz des Anderen, das nicht ‚Augenhöhe‘ ist, kein symmetrisches Ich-Du, kein Verhältnis von Verhältnismäßigkeiten (Levinas spricht von der „Epiphanie des absolut anderen“, die Antlitz ist[21]) – und die deswegen ihre Begründung immer in der Potenzialität der Möglichkeiten dieses Anderen finden muss, ohne seine Möglichkeiten zu kennen.

Den Anderen in dieser Potenzialität des uneinholbar Zukünftigen (der Möglichkeit seiner dauernden Ankunft, nicht seines Angekommen-Seins) zu denken, bedeutet kein Bild, sondern eine Vision von ihm zu haben, deren Urheber nicht das Ich, nicht das Gegenüber des Anderen ist.

Der immer zukünftige Andere ist zugleich eine Erinnerung an ihn:

„Komm nicht näher hierher“, sagt G’tt zu Mosche, was ohne Frage eine ziemlich irritierende Anweisung ist. Soll denn nicht hier, vor dem brennenden Dornbusch, eine Nähe besiegelt werden, eine starke Verbindung entstehen?

Komm nicht näher, denn ich habe eine Vision, die ich dir mitgeben möchte – doch komm nicht näher hierher, verbrenne dich nicht.

Denn sobald du mich gesehen und begriffen und in die Logik der Bedeutung gebannt hast, sobald ich dadurch zu einem aufrechenbaren, abgewogenen Wert der Ordnung geworden bin, wird von dieser Vision nichts bleiben und das, was hier als Bewegung beginnen soll, erstarrt.

Und weil nur der Abstand Zeugnis und Beginn dieser Nähe, dieser Zukunft sein kann, kannst nur du, der nicht sprechen kann, der Zeuge meines Namens, der Über-Setzer meiner Vision vom Aufbruch sein.

Komm nicht näher hierher. Brich auf zu __

 

Bild oben: E.M.Lilien, Mose am Dornbusch

Anmerkungen:

[1] Giorgio Agamben: Ausnahmezustand. (Homo sacer II.I). Aus dem Italienischen von Ulrich Müller-Schöll, Frankfurt/Main: Suhrkamp 2004, S. 45.

[2] Jacques Derrida: Aporien. Sterben – Auf die >>Grenzen der Wahrheit<< gefaßt sein. Aus dem Französischen von Michael Wetzel., München: Wilhelm Fink 1998, S.77.

[3] Martin Heidegger: Sein und Zeit, Tübingen: Max Niemeyer 1986, S.253.

[4] Derrida formuliert: „Aber eine Kultur und ein soziales Gedächtnis können sich symbolisch mit jedem Tod belasten (das ist sogar ihre wesentliche Funktion und ihr Daseinsgrund), sie begrenzen in diesem Maße die „Realität“ dessen, sie tilgen sie im „Symbolischen“. In: ders.: Apokalypse. Von einem neuerdings erhobenen Ton in der Philosophie. No Apocalypse, not now. Aus dem Französischen von Michael Wetzel, Wien: Passagen 2000, S. 108.

[5] Interview mit Bernd Wolfgang Maier von Norbert Lossau: „Es ist nicht mehr die Frage, ob gestorben wird, sondern nur noch wie“, in: Welt-Online vom 03.04.2020, abrufbar unter: https://www.welt.de/debatte/kommentare/plus206999743/Palliativmedizin-und-Corona-Es-ist-nicht-mehr-die-Frage-ob-gestorben-wird-sondern-nur-noch-wie.html?wtrid=onsite.onsitesearch, zuletzt aufgerufen am 15.04.2020.

[6] Wodarg z.B. hier: „Wir messen derzeit nicht die Inzidenz von Coronavirus-Erkrankungen, sondern die Aktivität der nach ihnen suchenden Spezialisten.“ In: ders.: Lösung des Corona-Problems: Panikmacher isolieren, Artikel im Flensburger Tageblatt vom 29.02.2020, online abrufbar unter: http://zeitung.shz.de/flensburgertageblatt/2332/article/1094358/29/1/render/?token=d21c25e0d9812d4a58df107989b641a2&fbclid=IwAR1-D770TFry1QHdFjWclcQ8Q8rpPwlKmC63uKbnZXtMtawXxbumjxUtO6I, zuletzt aufgerufen am 15.04.2020.

[7] Wodarg hat im Zusammenhang mit der Schweinegrippe die WHO kritisiert, unter „systemfremder Einflussnahme multinationaler Konzerne“ eine Fake-Pandemie ausgerufen zu haben. Wolfgang Wodarg: „Falscher Alarm: Die Schweinegrippe-Pandemie“, online abrufbar unter: Fake Pandemics. Eine Auswertung von Wolfgang Wodarg, http://wodarg.com/publikationen, zuletzt aufgerufen am 15.04.2020.

[8] Clemens Heni: „Als >>Experten<< geadelte >>Virologen<< leisten sich derzeit täglich Übersprungshandlungen und schüren eine Panik, die weit über die fanatische Hetze gegen Sympathisant*innen der RAF im Herbst 1977 hinausgehen. (…) Dabei geht es Spahn und den Virologen nicht um die Menschen, es geht ihnen um den Staat, der muss funktionieren. Und dafür werden wirklich alle Register gezogen. Dagegen war der Herbst 1977 ein Kinderspiel. Jetzt ist Zeit für die ganz großen autoritären Maßnahmen und das Aussetzen der Demokratie für alle. Aus der Kommunistenjagd wird die Virusjagd und Infiziertensuche. Traumhafte Voraussetzungen für den Faschismus.“  In: ders.: Prä-Faschismus, Hysterie, Panik, Seuche – Wie Virologen, rechte Politiker und die Medien einfach mal die Demokratie abschaffen wollen oder Was heißt Aufklärung im Zeitalter des Coronavirus“, Aufsatz vom 12.03.2020, online abrufbar unter: http://www.clemensheni.net, zuletzt aufgerufen am 15.04.2020.

[9] Besonders deutlich formuliert Heni dies in seinem jüngsten auf seiner Homepage publizierten Aufsatz: „1969/70 bei der schweren Hongkong-Grippe starben alleine in der BRD geschätzte 40.000 Menschen. Das führte zu überhaupt gar keinen panischen Reaktionen, kein Lockdown nirgends, nicht einmal diskutiert wurde darüber. Es war eine besonders schwere Grippe, das kommt vor – wir nennen es: Leben. Der Tod ist ein Teil davon.“ In: ders.: DGB-Bundesausschuss gegen jede Notstandsgesetzgebung (1967), Aufsatz vom 15.04.2020, online abrufbar unter: http://www.clemensheni.net, zuletzt aufgerufen am 16.04.2020.

[10] Wodarg verknüpft auf seiner Homepage durch das Setzen von links seine Kritik an dem Agieren der WHO während der Zeit der Schweinegrippe mit der aktuellen Situation, um so zu suggerieren, dass die Corona-Epidemie in derselben Weise harmlos wie die Schweinegrippe ist und von der WHO und ihr nahestehenden Akteuren bewusst überbewertet wird. Zum Beispiel mit: „Déjà vu: Prof. Drosten’s Rolle bei der Schweinegrippe von 2009/2010, online abrufbar unter: http://www.wodarg.com, zuletzt aufgerufen am 15.04.2020.

[11] Heni: „Wir erleben derzeit das größte weltweite Experiment der Politik, wie tagtäglich etwas mehr autoritäres Handeln, etwas mehr Willkür und Polizeistaat unser Leben bestimmen. (…) Die Politiker machen sich einen Spaß daraus, die Bevölkerung zu quälen.“ In: ders.: Antifa-Pogo: Heribert Prantl und Henry M. Broder gegen die „Generalprobe für den Notstand“, Aufsatz vom 07.04.2020, online abrufbar unter: http://www.clemensheni.net, zuletzt aufgerufen am 15.04.2020.

[12] S. Clemens Heni, Endn. 8.

[13] Vgl. hierzu zum Beispiel: Alte Feindbilder zurechtgebogen, tagesschau.de vom 09.04.2020, online abrufbar unter: https://www.tagesschau.de/investigativ/br-recherche/corona-antisemitismus-101.html, zuletzt aufgerufen am 15.04.2020.

[14] Vgl. hierzu zum Beispiel Kasra Aaarabi: Iran Knows Who to Blame for the Virus: America and Israel, foreignpolicy vom 19.03.2020, online abrufbar unter: https://foreignpolicy.com/2020/03/19/iran-irgc-coronavirus-propaganda-blames-america-israel/, oder Ralf Balke: Im Fieberwahn, haGalil vom 27.03.2020, online abrufbar unter: https://www.hagalil.com/2020/03/corona-verschwoerung/, zuletzt aufgerufen am 15.04.2020.

[15] Reichsbürger drohen Virologen, tagesschau.de vom 16.04.2020, online abrufbar unter: https://www.tagesschau.de/investigativ/reichsbewegung-corona-101.html, zuletzt aufgerufen am 16.04.2020.

[16] So schrieb etwa die stellvertretende Bundessprecherin der AfD, Beatrix von Storch: „Das öffentliche Leben kommt in weiten Teilen zum Erliegen, die Wirtschaft geht in die Knie, aber Asylbewerber dürfen weiter ohne Beschränkung einreisen. Bei Asylbewerbern spielt das Corona-Virus plötzlich keine Rolle mehr. Unsere Sicherheit und unsere öffentliche Ordnung sind in Gefahr, und Merkel und Seehofer weigern sich weiterhin, die Grenzen für Asylbewerber zumindest für die Zeit der Corona-Krise zu schließen.“ Beatrix vom Storch am 17.03.2020, online abrufbar unter: https://www.afd.de/beatrix-von-storch-corona-krise-fuer-asylbewerber-sind-die-deutschen-grenzen-noch-voellig-offen/, zuletzt aufgerufen am 15.04.2020.

[17] Walter Benjamin: Über den Begriff der Geschichte, in: ders.: Erzählen. Schriften zur Narration und Prosa, Frankfurt/Main: Suhrkamp 2007, S.133.

[18] Vgl. zur Situation in Indien zum Beispiel: >>Haben nichts zu essen und kein Geld<<, Coronavirus in Indien, tagesschau.de vom 29.03.2020, online abrufbar unter: https://www.tagesschau.de/ausland/indien-corona-103.html, oder: Millionen Wanderarbeiter in Indien stehen vor dem Abgrund, SZ-online vom 31.03.2020, online abrufbar unter: https://www.sueddeutsche.de/politik/coronavirus-indien-wanderarbeiter-1.4862361, zuletzt aufgerufen a. 15.04.2020.

[19] Hamza Esmili zitiert aus: Tassilo Hummel: Was, wenn sie in den Vorstädten die Nerven verlieren?, Zeit-Online vom 24.03.2020, online abrufbar unter: https://www.zeit.de/politik/ausland/2020-03/corona-vorsorge-pariser-vororte-ausgangsbeschraenkungen-regierung, zuletzt aufgerufen am 15.04.2020.

[20] Emanuel Levinas: Die Zeit und der Andere. Übersetzt von Ludwig Wenzler, Hamburg: Felix Meiner 2003, S.55.

[21] Levinas formuliert: „Die Epiphanie des absolut Anderen ist Antlitz, in dem der Andere mich anruft und mir durch seine Nacktheit, durch seine Not, eine Anordnung zu verstehen gibt.“ Emanuel Levinas: Die Spur des Anderen. Untersuchungen zur Phänomenologie und Sozialphilosophie. Übersetzt von Wolfgang Niolaus Krewani, Freiburg/München: Karl Alber 2007, S. 224.

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