Bayreuth im Wagner Jubiläumsjahr 2013

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Immer wieder wird die Frage neu aufgeworfen, inwieweit viele aktuellen Operninszenierungen den Vorstellungen ihrer Autoren noch entsprechen und warum sie von deren ursprünglichen Texten und Bühnenanweisungen oft bis zur Entstellung abweichen. Dies scheint für Wagners Werk ganz besonders zuzutreffen…

Von Anna Zanco-Prestel

Mit Gewissheit stellt die neu bearbeitete Tannhäuser-Inszenierung der Bayreuther Festspiele 2013 des Berliner Regisseurs Sebastian Baumgarten, seit kurzem Professor für Regie an der Hochschule für Musik und Theater in München, sehr hohe Anforderungen an das Publikum, das sie bei der Premiere mit nachhaltigen Buhrufen begrüßte. Hilfreiche Erläuterungen dazu liefert zwar Dramaturg Carl Hegemann in dem Programmheft, u.a. anhand eines ausklappbaren 2011 entstandenen Tafelbildes, das in die Struktur der – wie er selber zugibt – „schwer lesbaren“ Inszenierung einführen soll. Von „komplementären“ und „symmetrischen Orten“ ist dabei die Rede, respective von der „Wartburg“, wo sich der berühmte „Sängerkrieg“ abspielt, im hinteren Teil der Bühne und vom „Venusberg“ ganz vorne nahe dem Orchestergraben. „Wartburg“ und „Venusberg“ stehen jeweils im Sinne Nietzsches für das „Apollynische“ und das „Dionysische“: Gegensätze, die hier allerdings als „zusammenhängend“ begriffen sind, denn Kunst schlussendlich aus der Synthese zwischen „Formtrieb“ (Apollynische) und „Stofftrieb“ (Dyonisische) entsteht.

Von Gegensätzen gezeichnet ist auch die Gestalt des Titelhelden, mit deren inneren Zerrissenheit Wagner sich völlig identifizierte. Wie der Komponist befindet sich auch Tannhäuser auf „Irrfahrt“, auf eine Wanderschaft – oder Flucht –  zwischen zwei Welten, der Welt der höfischen und der Welt der sinnlichen Liebe, wie Lacan in seiner psychoanalitischen Deutung suggeriert, die sich die Autoren zu eigen gemacht haben. Schiller, Nietzsche, Lacan sind in dem erwähnten Tafelbild als Quellen genannt. Neben ihnen Heine, dessen  „Tannhäuserlied“ – und nicht „irgendwelches Volkslied“  -Wagner die „Initialzündung“  gegeben haben soll.  Eine weitere genannte Quelle ist die Musik der Rockgruppe Rammstein, die in den dramaturgischen Absichten mit ihrem Lied „Hier kommt die Sonne“ das „zu konventionelle“ Venus-Lied hätte ablösen sollen. Mit stürmischen Beifall belohnt das Publikum die nicht geglückte „Grenzverletzung“ und jubelt der sensiblen Leitung ohne übertriebenen Pathos des fränkischen Dirigenten Axel Kober bei seinem Debut im beinah heimatlichen Bayreuth.

Bayreuther Festspiele 2013 - TANNHÄUSER, Musikalische Leitung: Axel Kober, Inszenierung: Sebastian Baumgarten, Bühnenbild: Joep van Lieshout, Kostüme: Nina von Mechow 2. Akt, © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath
Bayreuther Festspiele 2013 – TANNHÄUSER, Musikalische Leitung: Axel Kober, Inszenierung: Sebastian Baumgarten, Bühnenbild: Joep van Lieshout, Kostüme: Nina von Mechow 2. Akt, © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Vieles hätte Wagner an dem in einer Biogasanlage-Installation angesiedelten Bühnenbild des Holländers Joep van Lieshout  auszusetzen gehabt. Gestoßen hätte er sich gewiss an der  Entscheidung, einige Zuschauer mit ihren Stühlen rechts und links auf der Bühne zu platzieren. Eine Idee, die näher am Brechtschen „Verfremdungseffekt“ liegt als an Wagner, der sein Orchester in den „mystischen Abgrund“ verdeckte, um die Illusion auf der Bühne vollkommen werden zu lassen. Durch ein solches Vorgehen entwickelt sich Baumgartens Tannhäuser somit zum eigenständigen Werk, das sicherlich zur Reflexion in philosophisch-ästhetischen Kategorien einlädt, aber nicht leicht nachvollziehbar bleibt.

Verständlich und qualitativ hochwertig ist die neue Inszenierung unter der Leitung von Boris Schäfer der Kinderoper Tristan und Isolde, die in einer getreuen eineinhalbstündigen Fassung mit Sängern zum Anfassen – darunter die gewaltige, tonsichere „offizielle“ Bayreuther Isolde Irene Théorin – , witzigen Anlagen und opulenten Kostümen die jungen Zuschauer zu begeistern weiß. Die Oper ist Teil des  2009 von Katharina Wagner initiierten „Vorzeigeprojekts“  Richard Wagner für Kinder.

Tristan und Isolde - für Kinder 2013; Irene Theorin (Isolde), Hans-Georg Priese (Tristan), © BF Medien GmbH 2013 / Foto: Jörq Schulze
Tristan und Isolde – für Kinder 2013; Irene Theorin (Isolde), Hans-Georg Priese (Tristan), © BF Medien GmbH 2013 / Foto: Jörq Schulze

Eine ganz witzige Note bringen auf dem „Festspielhügel“ vor dem Wagner-Theater und in dem Park die kleinen Wagner-Figuren in den dunklen Farbabstufungen des Roten und des Blauen von Ottmar Hürl, die die Besucher empfangen. Sie kohabitieren mit der bis zum Jahresende bleibenden Freiluftinstallation „Verstummte Stimmen“(S. Artikel v. August 2012) , die von einer weiteren Schau unten im Rathaus ergänzt wird, deren Titel „Die Bayreuther Festspiele und die Juden“ auf einem Transparent die Blicke der Passanten und der vielen Touristen katalysiert. Wenige hundert Meter entfernt im Haus Wahnfried, Wagners letzter Wohnstätte, das zum Museum durch einen angrenzenden Bau erweitert wird, ist „Götterdämmerung“, eine kompakte Fassung der Sonderausstellung zum 150. Todesjahr von Ludwig II. zu sehen, die 2011 auf Schloss Herrenchiemsee zum Publikumsmagnet wurde. Ergänzt wird sie auf einer großen Tafel durch einen wichtigen Aspekt im Leben und Wirken des bayerischen Monarchen, dem Wagner alles zu verdanken hatte: Ludwigs II. sehr positives Verhältnis zum Judentum beleuchtet anhand seines Besuchs der Synagoge in Führt und durch seine konsequente Durchsetzung des genialen Hermann Levi (1839-1900) als Dirigenten der Parsifal-Uraufführung in Bayreuth trotz des Widerstandes des glühenden Antisemiten Wagner.

Das Thema „Wagner und die Juden“ wird auch in einer anderen Doku-Schau fokussiert, die das Heinrich- und Thomas-Mann-Zentrum Haus Buddenbrooks in Lübeck der komplexen Beziehung Thomas Manns zur Wagnerschen Musik widmet. Mit Gemälden, Bühnenbildentwürfen, Installationen, Plakaten und wertvollen Manuskripten wird sie dank einer aufwendig- eleganten  Ausstellungsarchitektur rekonstruiert, in der sich u.a. auch ein von Thomas Manns Schwiegervater Alfred Pringsheim 1872 erworbenes Patronat-Schein des Richard-Wagner-Vereins befindet.

Der berühmte Mathematiker, Musiker und Kunstsammler Alfred Pringsheim (1850-1941)  war einer der frühesten Kenner und entschiedensten Förderer Richard Wagners und der Festspiele. Überliefert sind von ihm 44 eigene Bearbeitungen von Wagner-Opern für zwei Klaviere, Klaviertrio und Klavierquintett, die den höchsten Ansprüchen gerecht werden und einen Vergleich mit den Wagnerbearbeitungen von Max Reger, Claude Debussy und Paul Dukas nicht fürchten. Legendär waren die Münchner Wagner-Konzerte an zwei Flügeln im Musiksaal des Palais Pringsheim an der Arcisstraße 12 um die Jahrhundertwende, bei denen die geistige Elite Münchens von Franz v. Lenbach, Franz v. Stuck und Fritz August Kaulbach zu Richard Strauß, Gustav Mahler und Bruno Walter sowie Paul Heyse und Annette Kolb verkehrten. Seines immensen Besitzes beraubt, wird der 90.jährige Mäzene auf Vermittlung von Winifried Wagner, die sich direkt beim Führer eingeschaltet hatte, mit seiner Frau Hedwig Dohm in letzter Minute in die Schweiz ausreisen dürfen, das Land, das auch Wagner Asyl geboten hatte.

Neben Wagners 200.Jubiläum feiert das barocke Bayreuth in diesem Jahr auch den 250. Geburtstag eines Großen der deutschen Literatur, nämlich Jean Paul.  Sein Leben und Schaffen werden wieder lebendig in der innovativen und dennoch sehr intimen Gestaltung des Münchner Florian Raff nach einem ausgefallenen Konzept des Experten Frank Piontek in dem kleinen Museum an der Wahnfriedstraße.  Bayreuths andere große Attraktion, das Markgräfliche Opernhaus, das Wagner wegen der ausgezeichneten Akustik nach Bayreuth gelockt hatte und seit 2012 zum Unesco-Weltkulturerbe gehört, bleibt in den kommenden vier Jahren wegen Restaurierungsarbeiten geschlossen. Ein von der Bayerischen Schlösserverwaltung eingerichtetes Info-Zentrum bietet erstaunliche Einblicke über ihre Geschichte und den Verlauf der Bauarbeiten.

Saniert wird derzeit auch der angrenzende Vorläuferbau des von der kunstsinnigen Markgräfin Wilhelmine, Friedrich des Großen Schwester, und vom Italiener Giuseppe Galli Bibiena 1750 erbauten Opernhauses.  Die ursprüngliche Markgräfliche Komödie, die als „Mutter des Opernhauses“ gilt, wurde seit 1760 Bayreuths Synagoge, die älteste Deutschlands und die einzige noch erhaltene barocke. In der Kristallnacht wurde das Gotteshaus nicht angezündet aus Angst, das Theater zu zerstören. „Das Opernhaus“ – erklärt der Vorsitzende der israelitischen Kultusgemeinde Felix Gothart – „hat die Synagoge beschützt, und umgekehrt“. Mit dem Neubau hofft die jüdische Gemeinde an das „wunderbare Zusammenleben von jüdischer und nicht-jüdischer Bevölkerung “ anzuknüpfen , das im aufgeklärten Bayreuth jahrhundertelange Tradition hatte.

Literatur:

Liebe ohne Glauben. Thomas Mann und Richard Wagner, Hsg. v. Holger Pils u. Christina Ulrich. Wallenstein Verlag 2013 (Erschienen anlässlich der gleichnamigen Ausstellung im Neuen Rathaus).   
Alfred Pringsheim, der kritische Wagnerianer. Eine Dokumentation. Thomas-Mann-Schriftenreihe, Bd. 9, Hsg. v. Egon Voss. Verlag Königshaus- Neumann 2103.

2 Kommentare

  1. Noch zum Bayernkönig Ludwig II.
    Sein Wikipedia-Artikel strotzt geradezu von Lobhudelei und Bedürfnis nach einer verehrungswürdigen Persönlichkeit: http://de.wikipedia.org/wiki/Ludwig_II._%28Bayern%29
    Naiver Personenkult wie in der alten Sowjetunion zu deren Hochzeiten.
    Kaum ein kritischer Satz zur so unbeherrschten und durch und durch zweifelhaften Persönlichkeit dieses Idols so vieler seiner Landsleute.

    Ein (kleines) Wunder, dass WP den sexuellen Missbrauch von Untergebenen zumindest erwähnt. Der Totschlag, begangen an einem seiner Diener, hingegen bleibt unerwähnt, wie so manches andere. Der körperlich als klein und mager beschriebene Knecht wurde von Fleischberg Ludwig (überdurchschnittlich großgewachsen und massiv übergewichtig) derart an die Wand geschleudert, dass er Monate lang arbeitsunfähig war und binnen Kurzem an den Folgen des Gewaltausbruchs seines Herrn verstarb.

    Wenn man den Bürger tatsächlich ernst nehmen will, was unsere Politiker doch immer wieder vorgeben, dann sollte man ihm auch die historische Wahrheit zumuten. D. h. im vorliegenden Falle sollten staatlich/öffentlich besoldete Geschichtsschreiber (und somit auch die WPler) mit den Märchen vom guten König, vom braven Philosemiten und vom Vorbild für die Nachwelt endlich Schluss machen und Ludwig mit all seinen Schwächen und Mängeln darstellen. Seine Stärken und Verdienste sind uns inzwischen ja wohlbekannt.

  2. „…Ergänzt wird sie auf einer großen Tafel durch einen wichtigen Aspekt im Leben und Wirken des bayerischen Monarchen, dem Wagner alles zu verdanken hatte: Ludwigs II. sehr positives Verhältnis zum Judentum beleuchtet anhand seines Besuchs der Synagoge in Führt und durch seine konsequente Durchsetzung des genialen Hermann Levi (1839-1900) als Dirigenten der Parsifal-Uraufführung in Bayreuth trotz des Widerstandes des glühenden Antisemiten Wagner…“

    …heißt es oben, mehr als nur ein wenig schönschreiberisch und idealisierend, wie leider so oft auf offiziellen bayerischen Tafeln und Täfelchen.

    Tatsache ist, dass das Verhältnis des ‚märchenhaften‘ Bayernkönigs zu Juden noch nie umfassend und erschöpfend wissenschaftlich untersucht worden ist. Tatsache ist ferner, dass die Judenemanzipation Bayerns zwar in die Regierungszeit Ludwigs II. fiel, dieser jedoch nie als besonderer (Vor-)kämpfer für diese Gleichberechtigung in Erscheinung getreten ist oder er sich sonstige, eindeutig mit seiner Person verbundene, Verdienste um die Verbesserung der Lage der Juden seines Königsreiches erworben hat. Die bayerische Königsdynastie der Wittelsbacher war im allgemeinen judenfeindlich eingestellt, dies gilt für den Blauen Kurfürsten Max Emanuel ebenso wie für Kronprinz Rupprecht und zahlreiche weitere Angehörige dieser bis heute so kritiklos verehrten und peinlich beweihräucherten weißblauen Königs-Mischpoke.

    Lion Feuchtwanger bringt in seinem Schlüsselroman Bayerns „Erfolg“ Ludwig II. gleich mehrfach: In Kurzbiografien fiktiver verstorbener Durchschnittsbayern, die alle in ihren Wohnungen Porträts dieses Bayernkinis hängen hatten und in einem von einigen Nazianhängern kolportierten Mythos. Demnach sei Ludwig II. nicht tot, er lebe (tatsächlich hätte er Anfang der 1920er, also in den Aufbaujahren des NS, bejahrt zwar, aber er hätte durchaus noch leben können) und werde von seinen Feinden gefangen gehalten. Nur unter und mit den Nazis könne er befreit werden, um die in Chaos und Inflationskatastrophe geschlitterte bayerische Heimat zu retten. Selbstverständlich würde der neue alte Kini sich gleichfalls für ein Bayern ohne Juden, Demokraten und andere schädliche Elemente begeistern…

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