Fundsache: Jeremias bei den Taliban

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Afghanische Hirten haben in den Bergen der Samangan Provinz in einer Höhle ein mittelalterliches Archiv mit jüdischen Texten entdeckt. Die rund 150 Pergamente, teilweise unleserlich und in schlechtem Zustand, werden von Experten der Hebräischen Universität in Jerusalem untersucht und entziffert…

Von Ulrich W. Sahm, Jerusalem, 13. Januar 2012

Einige mit einem Datum versehene Manuskripte in Judeo-Arabisch und Judeo-Persisch stammen aus dem 11. Jahrhundert, sagte Professor Schaul Schaked. Die Manuskripte seien zweifellos echt und enthalten eine alte Übersetzung des biblischen Buches Jeremias ins Persische und bislang unbekannte wissenschaftliche Abhandlungen des jüdischen Gelehrten Saadja Gaon. Die Manuskripte stammen von einem jüdischen Händler, der auch Buch über seine Schuldner geführt hat, sagte Schaked. Der Fund wirft neues Licht auf alte fast unbekannte jüdische Gemeinden. Robert Eisenman, ein bekannter Forscher der 2000 Jahre alten Tote Meer Rollen erwartet neue Erkenntnisse über die Rhadaniten in Zentralasien, mittelalterliche jüdische Händler, deren Netzwerk Asien mit Europa verband. Diese Rhadaniten seien im 11.
Jahrhundert “völlig verschwunden”. Schaked meint, dass der Besitzer des Archivs Karaiter gewesen sein könnte, eine bis heute existierende jüdische Sekte, die nur die biblischen Schriften anerkennt und nicht die spätere rabbinische Literatur. Eisenmann geht einen Schritt weiter und spekuliert, dass der Fund vielleicht sogar ein Hinweis auf die mythologischen „zehn verlorenen Stämme“ Israels sein könnte, die in biblischer Zeit in Richtung Osten, dem heutigen Afghanistan, Pakistan und Indien gewandert und dann untergegangen seien.

Immer wieder tauchen indische Stämme auf, die vermeintlich Nachkommen dieser „verlorenen Stämme“ seien und den Staat Israel auffordern, sie im Rahmen des „Rückkehrgesetzes für Juden“ einwandern zu lassen.

Auf Anfrage sagte Schaked, dass die Dokumente sich heute bei Antiquitätenhändlern in London und in Israel befänden. Sie hätten sich bei Schaked gemeldet und ihm per Email Photos geschickt, woraufhin er nach London gereist sei, um sie in Augenschein zu nehmen. Die Händler verlangen für die alten Manuskripte „Millionenbeträge“. Schaked hofft, dass sich Spender finden, um sie zu erwerben und bei der Nationalbibliothek in Jerusalem zu hinterlegen, wo sie auch fachgerecht präpariert und konserviert werden könnten, ähnlich wie die Tote-Meer-Rollen. Die meisten Texte seien auf Papier geschrieben worden und einige wenige auf Pergament. Die buchhalterischen Texte seien von besonderem Interesse, weil die Wissenschaftler hoffen, aus ihnen etwas über die Hintergründe des Besitzers dieser kleinen Bibliothek zu lernen. „Doch solche nicht-literarische Texte sind besonders schwer zu entziffern und zu verstehen, weil ein Händler seine Geschäftsgeheimnisse nicht für jeden Lesbar notiert hat“, sagte Schaked.

(C) Ulrich W. Sahm / haGalil.com

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