Bayerische Stadt Hof im Clinch mit Wikipedia

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Die Stadt Hof wirbt mit ihrer geographischen Lage „ganz oben in Bayern“. Doch für das lexikalische Werk WIKIPEDIA sind die Hofer nicht nur unten, sondern buchstäblich draußen: Als „Vandalen“ von jeglichem Zugriff ausgeschlossen, im Internet sozusagen negativ markiert…

Von S. Michael Westerholz

Der Grund: Entsetzte Hofer wollten sich nicht damit abfinden, dass in der WIKIPEDIA-Liste „markanter Hofer Persönlichkeiten“ zwei NS-Verbrecher und ein NPD-Mann genannt werden. Und dies in Gesellschaft des „Gerechten unter den Völkern“ Bernhard Lichtenberg. Stadtsprecher Rainer Krauß: „Der Begriff `markant´ ist positiv besetzt, zutreffend am Beispiel Lichtenbergs. Die drei anderen genannten Männer sind aber durchaus keine markanten Hofer!“

WIKIPEDIA, die freie Online-Enzyklopädie, wird ehrenamtlich erarbeitet und nutzt das Wissen von JEDERMANN! Das hyperschnelle System für Webseiten leistet mittlerweile, was keine gedruckte Enzyklopädie schaffen kann: Die Anhäufung von Wissensdetails zu jedem einzelnen Begriff, zu jedem Personen-, Orts- oder Ländernamen ist unbegrenzt. Verkennt sie oder missachten ihre Macher aber auch jeglichen Diskussionsbedarf über die vorherrschenden Darstellungsformen? Im konkreten Fall Hof geht es darum, ob es für Menschen, die durch Geburt oder Zuzug Hof zugerechnet werden und deren Vita nicht untadelig und straffrei war, nicht besser eine eigene Rubrik gäbe?

Die „Liste Hofer Persönlichkeiten“ nennt unter „Söhne und Töchter der Stadt“ und „Personen, die mit Hof in Verbindung stehen“ 71 eingeborene und zugewanderte sowie Zufalls-Hofer unterschiedlicher Bedeutung und Bekanntheit: Zum Beispiel Nikolaus Medler (1502 – 1551), Mathematiker und Schulreformer. Vor allem aber war er ein bedeutender Mitstreiter jenes Martin Luther, der mit seinem Versuch einer Kirchenreform scheiterte, deshalb ungewollter Gründer der evangelischen Lutheraner – und übrigens ein übler Antisemit war. Auch Komponisten, Dichter, Künstler aller Art, ein Chemiker, der u. a. ein Feuerzeug erfand, Mediziner, Vorkämpfer der Pressefreiheit, Politiker, Rechts- und sonstige Wissenschaftler, Unternehmer und sonstige Praktiker werden genannt.

Genannt wird auch ein zwielichtiger General Otto von Lossow: Dessen Familie war schon 1320 als adelig bekannt, der späte Nachfahr aber seltsam schwankenden Charakters: Ging als Militärinstrukteur mit den Osmanen des türkischen Sultans unter, stemmte sich aber gegen die Jungtürken, die schließlich trotzdem Millionen Armenier ermordeten. Er verweigerte dem ersten demokratisch gewählten deutschen Reichspräsidenten Friedrich Ebert (SPD) den Gehorsam, als der die extremistische Nazizeitung „VÖLKISCHER BEOBACHTER“ verbieten wollte, stellte sich aber nicht auf Adolf Hitlers Seite, als der 1923 in München einen Putsch versuchte, scheiterte, vor Gericht und im Gefängnis Landsberg am Lech landete.

Als unerträglich aber empfanden es Hofs Stadtväter, als sie auf der Liste die Nazis Karl Fritsch und Wilhelm Grimm entdeckten: Fritsch, Nazi schon in der Frühzeit, 1933 NS-Innenminister in Sachsen, Abgeordneter des Reichstags und SS-Mann, 1943 als Sexmonster abgesetzt. Als mit dem Kriegsende Prozesse drohten, nahm er sich in Dresden das Leben. Grimm gehörte schon 1920 einer Antisemitenpartei an, war Gauleiter in Mittelfranken, saß in Bayerns Landtag und ab 1933 im deutschen Reichstag. Er stieg in die Gruppe der nur 18 „Reichsleiter“ der NSDAP auf, machte Karriere in der SS. Er starb 1944 bei einem Autounfall.

Aber auch Klaus Baier wollen Hofs Verantwortliche nicht auf der Liste „markanter“ Persönlichkeiten sehen: Baier schloss sich früh rechtextremistischen Gruppierungen an, wurde Bundessprecher der NPD und deren Landesvorsitzender von Brandenburg bis Frankfurt an der Oder. Er leugnet Deutschlands Schuld am Ausbruch des Zweiten Weltkrieges, ist wegen Volksverhetzung vorbestraft, wird vom Verfassungsschutz beobachtet und wurde wiederholt wegen seiner Umtriebe für seine Partei angezeigt, gegen die wiederholt Verbotsforderungen erhoben wurden.

Als nachgerade tragisch und unzumutbar empfinden es Hofer Oberbürgermeister und Stadträte, dass diese Alt- und Neonazis sozusagen in Gesellschaft des untadeligen Bernhard Lichtenberg (1875 – 1943) genannt werden: Der nazikritische katholische Priester starb in Hof beim Zwischenstopp in das KZ Dachau. Er hatte zuvor zwei Jahre Haft in einem Zuchthaus erlitten. Lichtenberg, in Yad Vashem als „Gerechter unter den Völkern“ geehrt, wurde von der katholischen Kirche in den Kreis der „Seligen“ aufgenommen – sicher auch in einer Art Schuldbekenntnis: Denn mit seinem Mut und seiner Beharrlichkeitd gegen die Nazis stand er in der Kirche ziemlich allein. Lichtenberg hatte sich nicht nur in Wort und Schrift gegen die Nazis gestemmt, gegen die Massenermordung Kranker und Behinderter, gegen die niederträchtige Behandlung der Juden und deren Abtransport in KZ. Schon als junger Priester in Berlin war er zum Gegner von Joseph Goebbels und zur Zielscheibe der Nazis geworden.

Der Hofer Pressesprecher Krauß: „Auf WIKIPEDIA kann zwar jeder, der das möchte, mitschreiben. Missliebige Einträge aber kann man nicht einfach entfernen. In diesem Falle ist es sogar so, dass wir als Pressestelle bereits vor längerer Zeit versucht haben, die besagten Personennamen zu löschen, worauf uns WIKIPEDIA – so wörtlich – für das `nicht nachvollziehbare Löschen´ bzw. `WIKIPEDIA-Vandalismus´ komplett die Schreibrechte entzogen hat.“ In keiner sonstigen Publikation der Stadt Hof, ob gedruckt oder online, würden die Genannten erwähnt. Dass auf der Hofer Liste sogar „Ehrenbürger Adolf Hitler“ auftauchte, empörte die Verantwortlichen dort, doch wurde dieser Eintrag von WIKIPEDIA gelöscht.

Die Nöte mit den ungewollten Namen von Verbrechern oder Extremisten auf WIKIPEDIA-Listen „markanter“ Persönlichkeiten quälen jedoch nicht allein die Hofer. Krauß erfuhr in Hintergrundgesprächen zum Beispiel bei Tagungen des Städtetages, dass in vielen deutschen Gemeinden Ratlosigkeit bis wütendes Entsetzen herrschen, weil WIKIPEDIA sich allen Vorstellungen gegenüber hartleibig zeigt. Dabei geht es Hof nicht um eine Zensur, sondern um eine hinnehmbare Klärung eines Missstandes.

Was WIKIPEDIA dazu zu sagen hätte, ist leider nicht zu erfahren: Wiederholte Presseanfragen wurden nicht beantwortet.

21 Kommentare

  1.  
    Alte Zeitungsartikel im WWW zu Kronprinz Rupprecht als Kriegsverbrecher (war criminal)
     
     
    Eine Reuters-Meldung vom 23.10.1919 über die deutschen Kriegsverbrecher:
    http://paperspast.natlib.govt.nz/cgi-bin/paperspast?a=d&d=NA19191023.2.32
     
     
    Die New York Times vom 1.2.1920:
    ALLIES WILL DEMAND 5 FIELD MARSHALS; Crown Prince Rupprecht Is Also Included in the List of Germans Wanted for Trial. GIVE DETAILS OF CRIMES Kaiser and Crown Prince Wilhelm Are to be Treated Separately,Says Echo de Paris.
    http://query.nytimes.com/gst/abstract.html?res=F00E15FA385F1B728DDDA80894DA405B808EF1D3
     
    Die New York Times vom 8.4.1921:
    RUPPRECHT TAKES A SECOND BRIDE; Ex-Crown Prince of Bavaria Finally Weds the Princess Antoinette of Luxembourg. HIS JUNIOR BY 30 YEARS Bridegroom Was Dismissed From Command by Hindenburg–Proscribed by Allies for War Crimes.
     In diesem Artikel: „… that he had ordered prisoners to be slain…“
    http://query.nytimes.com/mem/archive-free/pdf?res=F00D11FB3B5B1B7A93CAA9178FD85F458285F9
     
     
     
     

  2. Nachtrag zu Kronprinz Rupprecht
    Das virtuelle „Historische Lexikon Bayerns“ erwähnt in seinem Kapitel „Versailller Vertrag, 1919/20“ die Eigenschaft des Kronprinzen als Kriegsverbrecher, ohne jedoch auf nähere Einzelheiten einzugehen:
    Auch die Auslieferung von Kriegsverbrechern betraf Bayern. Kronprinz Rupprecht von Bayern (1869-1955), ehemaliger Armeebefehlshaber in Frankreich, Admiral Franz von Hipper (1863-1932) und weitere bayerische Generäle und Regimentskommandeure sollten wegen Kriegsverbrechen angeklagt werden. Durch Verhandlungen konnte man jedoch eine Verlegung der Verfahren an das Reichsgericht erreichen. Alle Fälle verliefen letztlich im Sande.
    http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/artikel/artikel_44635
     
    Die englische Fassung von Wikipedia hingegen verschweigt diese traurigen Tatsachen ebenso wie ihr deutschsprachiges Pendant. Dafür erfährt man bei en.wikipedia eine Menge Dinge mehr als in der deutschen Fassung. So wird eine Reihe Berührungspunkte zwischen dem bayerischen Hochadeligen und der angloamerikan. Welt aufgezählt, aber eben nicht die so schwer wiegenden, die hier besonders interessiert hätten.
    http://en.wikipedia.org/wiki/Rupprecht,_Crown_Prince_of_Bavaria
     
    Schade, dass unser obiger Wikipedia-Administrator (Dirk Franke) nicht bereit war zu diesem Themenkomplex Stellung zu beziehen. Werden wir noch einige Jahre länger mit den populären Lügen leben müssen. Jedoch wird es in Zeiten eines weltweiten Internets immer schwerer solche ‚Geheimnisse‘ zu hüten.
     
     

  3. Und zum Schluss meine – jawohl, ich gebe es zu: polemische – Frage: Wie müsste ein Bekenntnis, müsste eine Buße der evangelischen Kirche aussehen, damir Sie mit ihr zufrieden wären.
     
    Ja, Herr Flemming, wie müsste so ein Bekenntnis aussehen?
     
    Ich mach‘ mir immer wieder den Spaß und frage evangelische Christen über das Verhältnis Luthers zu den Juden, evangelische Christen hier in Deggendorf, aber auch in München und in Nürnberg. Mag sein, dass ich immer nur die Falschen treffe, aber die Antwort war und ist überaus häufig, präziser gesagt, mehrheitlich – „Weiß ich nicht so genau.“
     
    Kann man den Leutchen auch nicht verdenken, angesichts der Geschäftspolitik deutscher Nachschlagewerke und Geschichtsbücher gerade dieses Kapitel deutscher Geistes- und Konfessionsgeschichte am liebsten zu unterdrücken.
    http://test.hagalil.com/2009/12/23/luther/
     
    Also, um glaubwürdig zu wirken, lieber Flemming, sollte die ev. Kirche an alle ihre Mitglieder immer wieder (regelmäßig) Aufklärungsbriefe versenden und darin über Grundzüge (sog. „Basics“) informieren. Das wäre angemessen (und nicht zu teuer). Gern könnte man sich dabei hier orientieren:
    http://test.hagalil.com/2010/03/18/luther-graetz/
     
    Klar, gibt es auch Topleute in Ihrer Kirche, Leute, die sich geradezu professionell auskennen, aber die Basis, die Basis der ev. Gläubigen ist bedauerlicherweise schwer unterinformiert. Das sollte man unbedingt ändern. Auch mit den Lexikonredaktionen sollte die ev. Kirche ein ernstes Wort reden, so geht’s jedenfalls nicht (Lesen Sie mal das Fazit in meinem LutherimLexikon-Artikel!).
    Das wäre doch hoffentlich nicht zuviel verlangt für ein „Bekenntnis“ bzw. für eine „Buße“?
     
    Hoffentlich war ich jetzt nicht zu polemisch.

  4.  
     Lieber Herr Willow,
     
    nein, so kurz möchte ich es nicht abmachen.
    In manchem gebe ich Ihnen Recht: Es gibt eine Reihe von unverbindlichen und wohlfeilen Äußerungen, die meinen, mit einem schnellen und oberflächlichen Bekenntnis davonzukommen. Dazu rechne ich auch das Stuttgarter „Schuldbekenntnis“ – ich setze das absichtlich in Anführungszeichen, denn ein Bekenntnis von Schuld sieht für mich anders aus.
    Konkreter ist da sicher das von Heinrich Vogel entworfene Darmstädter Wort von 1947.
     
    Doch das nur zur Einleitung.
    Es gab und gibt in der evangelischen Kirche viele ernste und glaubhafte Versuche, sich dem Antisemitismus in der Kirche und seinen Folgen zu stellen. (Das Epitheton „entsetzlich“ versage ich mir, weil ich auf keinen Fall in die Nähe jener eilfertigen Bekenner geraten möchte.)
    Die Liste hier ist bei weitem nicht vollständig, sondern soll nur Beispiele liefern.
     
    http://www.theologe.de/theologe11.htm
    http://www.ulrike-heitmueller.de/images/Religion/Heitmueller-Ulrike_Friedrich-Heitmueller-Freikirchen-Nationalsozialismus-Antisemitismus-Aufarbeitung.pdf
    http://www.bagkr.de/wp-content/uploads/Wegschauen-gilt-nicht.pdf
    http://www.kirche-hohndorf.de/Menue-Oben/gemeinde/kirchenvorstand/Archiv.html/Aufarbeitungsprozess-3-Reich
    http://www.ekkw.de/predigerseminar/kolleg/erfahrungsberichte_9845.htm
    http://www.virgil.at/fileadmin/user_upload/downloads/MAS-Rohrhofer.pdf
    http://www.evang-graz-heilandskirche.at/files/vortrag_schubert.pdf
     
    Die ganz großen Verlautbarungen fehlen darin, die mag jeder selbst finden und nachlesen, und Sie kennen die ohnehin.
     
    Aber nun etwas anderes: Die Beziehung zwischen Juden und Christen ist nie fertig, nie abgeschlossen, nie „aufgearbeitet“. Sie lebt immer weiter und muss immer wieder neu gestaltet werden, solange die beiden neben- oder miteinander leben. Denn nur so ist sie lebendig und kann sich entwickeln.
     
    Und zum Schluss meine – jawohl, ich gebe es zu: polemische – Frage: Wie müsste ein Bekenntnis, müsste eine Buße der evangelischen Kirche aussehen, damir Sie mit ihr zufrieden wären.
     
    Ich grüße Sie freundlich – Ihr Flemming
     

  5. Die ungeheure Verlogenheit der deutschen Geschichtsschreibung und der Öffentlichkeit (!) unseres Landes im Umgang mit eigenen Idolen, Identitätsstiftern sowie mit Angehörigen der heimischen Dynastien hat mich dazu veranlasst im September 2011 an die Verantwortlichen des oben genannten Museums zur Geschichte des Hauses Wittelsbach („Museum der bayerischen Könige“) zu schreiben. Ich gebe unten die beiden Anschreiben wieder, die selbstverständlich unbeantwortet blieben, die jedoch affirmative Reaktionen von Seiten anderer über diese Anschreiben Informierter nach sich zogen.
     
    Hier das erste Schreiben

     

    Sehr geehrte Verantwortliche für das neue Museum zum Haus Wittelsbach,

    als kritischer Bürger und Publizist zur Minderheitengeschichte meines Bundeslandes Bayerns sehe ich es als meine Aufgabe an – auf einige wesentliche Fakten zum Leben und Wirken einiger Mitglieder des Hauses Wittelsbach hinzuweisen.

    Museumsland Bayern.

    Zahlreiche Museen in unserem Freistaat bemühen sich die historische und archäologische Vergangenheit zeitgemäß aufbereitet für ein möglichst breites Publikum zugänglich und verständlich zu machen.

    Bedauerlicherweise jedoch fallen bei dieser Präsentation fast stets sehr wichtige Aspekte, wie u.a. die Minderheitengeschichte, unter den Tisch.

    Auch hat man gewöhnlich in bayerischen Museen den Eindruck herrschende Persönlichkeiten und Bischöfe würden in einem arg unkritischen und geschönten Licht präsentiert. Selten werden mit diesen Personen und Persönlichkeiten verbundene echte Tiefpunkte unserer bayerischen Geschichte berücksichtigt, außer, selbstverständlich, es handelt sich um die Zeit des sog. „Dritten Reiches“.

    Bedauerlicherweise jedoch sind jene Tiefpunkte unserer bayerischen historischen Vergangenheit eben nicht nur auf diese 12 Jahre, 1933 bis 1945, beschränkt gewesen, sondern sie erstrecken sich, blickt man auf die Geschichte der Juden auf mindestens einen Tausendjahreszeitraum, blickt man auf die Geschichte der Sinti, auf einen Zeitraum von etwa sechshundert Jahren.

    Häufig waren diese Tiefpunkte in der Geschichte Bayerns, konkret – Verfolgungen von Minderheiten, Verfolgungen, die meist mit dem grausamen Tod, der Ermordung der Verfolgten, im günstigen Falle mit Enteignung und Vertreibung, endeten, mit dem Namen von bayerischen Herrschern verbunden.

    So nahm z.B. der gern aufwändig lebende bayerische Kurfürst Max Emanuel zwar gern das Geld von jüdischen Geldleihern an, wenn, wie so oft, Ebbe in seiner Kasse herrschte, um nur wenig später fast sämtliche Juden aus Bayern zu vertreiben.

    Um zu den Wittelsbachern zu kommen: Ludwig I., dem wir doch so schöne Bauten verdanken – auch er ‚hielt‘ sich jüdische Hoffaktoren, auf die er sich bereits bei seinen ganz frühen Kunstkäufen stets stützen konnte. Mit der Freiheit des Wortes jüdischer Intellektueller konnte er hingegen wenig anfangen – wie die Verbannung des österreichisch-jüdischen Journalisten und Schriftstellers Moritz Gottlieb Saphir zeigte.

    Prinzregent Luitpold erfreute sich im Volk hoher Beliebtheit, heißt es. Minderheiten lehnte dieses Oberhaupt der Bayern jedoch anscheinend ganz und gar ab: als das diskriminierende „Zigeunerhandbuch“ übereifriger Münchner Beamter 1905 fertig wurde, war er voll des Lobes und der Anerkennung für diesen Akt bayerischer Schande. Wer weiss, was aufgrund dieses Schmachwerkes in Sachen Verfolgung von Angehörigen der Minderheit geschah, kann darob nur seinen Kopf schütteln. Das „Zigeunerhandbuch“ beeinflusste noch in der NS-Zeit den Umgang mit Angehörigen der Minderheit.

    Aber nicht nur die Minderheitengeschichte unseres Freistaates gilt es bei der Präsentation von Viten Wittelsbacher Herrscher zu berücksichtigen – auch die Kriegsgeschichte birgt so manchen Tiefpunkt:
    Kronprinz Rupprecht von Bayern gilt bis heute als ein aufrechter, braver Mann, der ’sogar‘ ins (italienische) Exil ging, um nicht mit den „Nazis“ kollaborieren zu müssen.
    Auf einem anderen Blatt steht freilich, dass er im Ersten Weltkrieg, indem er den Befehl zur Erschießung britischer Kriegsgefangener gab, zum Kriegsverbrecher erster Ordnung wurde. Nur die günstigen Umstände, die damaligen Sieger des Krieges waren am Fluss ungehindert und lange fließender Reparationszahlungen mehr interessiert als an der Abhaltung von Tribunalen zur Verurteilung von Kriegsverbrechern, verhinderten, dass seine Untaten publik wurden. Heute hält nicht einmal Wikipedia es für nötig, auf diese (wirklich nur lächerliche?) Episode aus dem Leben des langjährigen Hoffnungsträgers bayerischer Monarchisten einzugehen.

    Es gäbe noch eine Reihe weiterer ‚Episoden‘ aus dem Leben der Wittelsbacher, die genau zu hinterfragen und aufzugreifen, bzw. keinesfalls zu unterdrücken oder schön zu reden wären. Denn unser Bayern war und bleibt Brutstätte und Wiege des Nationalsozialismus‘, des schlimmsten Bruches menschlicher Zivilisationsgeschichte überhaupt. Und daher sollte es nicht nur für den einzelnen Bayern, sondern ganz besonders für den Museumsverantwortlichen ein unbedingtes Muss sein, alle möglichen Ursachen und Entwicklungen im Vorfeld dieser nationalen wie internationalen Katastrophe zu untersuchen und publik zu machen.

    Mündigen Bürgern, und das sind wir Bayern doch inzwischen hoffentlich, sollte man nicht nur, nein muss man, auch unpopuläre Tatsachen zur vaterländischen Geschichte zumuten können.

    In diesem Sinne hoffe ich, dass das von Ihnen geplante Museum nicht ein weiteres ‚Jubelmuseum‘ zur Verherrlichung bayerischer Glorie und „bayerischer sprichwörtlicher Toleranz“ (die es nie gegeben hat) wird, sondern auch unpopuläre aber bitter nötige Fakten berücksichtigt.

    Mit freundlichen Grüßen

    Robert Schlickewitz

    =======================================================
    Eine der Reaktionen von außen:
     

    Sehr geehrter Herr Schlickewitz,
     
    vielen Dank für Ihre Email.
     
    Ebenso wie Herr Rosenbach halte ich die in Ihrer Email vom 15.09.2011 aufgeführte Forderung, daß zum geplanten Museum zum Haus Wittelsbach nicht nur die positiven Aspekte der bayerischen Geschichte, sondern auch die Tiefpunkte ausführlich berücksichtigt werden müssen, für völlig berechtigt. Wer weiß schon, daß auf dem Gebiet des Freistaats Bayern (wenn auch nicht im damaligen Herrschaftsbereich der Wittelsbacher) Pogrome auch gegen Sinti und Roma erfolgten – so etwa die Ermordung von 15 völlig unschuldigen Sinti-Frauen (die jüngste war 15 Jahre alt) durch Schergen des Bayreuther Markgrafen Georg Wilhelm im Jahre 1724? Die bisherige Geschichtsschreibung sowie die entsprechenden Abteilungen heimatkundlicher Museen, verschweigen dieses fürchterliche Kapitel leider bis heute.
     
    Mit freundlichen Grüßen
    Erich Schneeberger
     
    Verband Deutscher Sinti und Roma
    Landesverband Bayern e.V.
    Marienstr. 16
    90402 Nürnberg
    Tel. 0911 / 99 28 793
    Fax 0911 / 99 28 798
    Email: sinti.bayern@nefkom.net
    ==========================================================

    Mein zweites Schreiben an die Museumsverantwortlichen:
     

    Sehr geehrte Frau Glowalla,

    inzwischen erhielt ich auf mein Mail an Sie vom 15.9., das ich anderen Adressaten zur Kenntnis ebenfalls zugeschickt hatte, erste Antworten. Als exemplarisch möchte ich das unten (in blau) wiedergegebene bezeichnen. Das Bedürfnis nach historischer Wahrheit ist erfreulich hoch in unserem Freistaat, nicht nur bei den Vertretern und Repräsentanten der Minderheiten, sondern auch weit darüber hinaus. Selbst aus den Vereinigten Staaten wurde schon Interesse signalisiert.

    Ein ganz besonders trauriges Kapitel in der Geschichte der Wittelsbacher des 19. Jh. wäre noch das Verhalten der Herrscher dieses Hauses in Bezug auf die Gleichberechtigungsbewegung der bayerischen Juden gewesen. Bayern war jenes deutsche Territorium, das Juden gleiche Rechte am längsten vorenthielt. Wohl erst 1881 fielen die letzten diskriminierenden Gesetze, die die Rechte der Angehörigen dieser Minderheit einschränkten.Nicht die Spur von Unterstützung war seitens der Wittelsbacher zu erwarten. Und wie sehr hatten doch gerade die Wittelsbacher Könige von ihren Juden (Hoffaktoren) profitiert!

    Interessant zu untersuchen wäre weiters die Haltung von Ludwig II., dem „Märchenkönig“, zum militanten Antisemitismus seines Günstlings Richard Wagner, jenes Richard Wagner, der 1850 als Autor des Hass-schürenden Pamphlets „Das Judentum in der Musik“ hervortrat und der später zum Leib-und-Magen-Komponisten der Protagonisten des Dritten Reiches avancierte…

    Man kann es gar nicht oft genug wiederholen: Jenes arrogante, widerliche und durch nichts zu entschuldigende Desinteresse, ja die Gleichgültigkeit mit der die Wittelsbacher der Minderheit der Sinti gegenüberstanden. Keine Regung des Mitleids, keine der Hilfsbereitschaft, von Mitgefühl gar nicht zu reden – ist von Mitgliedern dieser Dynastie überliefert. Die sog. „Zigeunerromantik“ war denn dann wohl das einzige, was den drei Ludwigs, dem Maximilian und dem Luitpold zu diesem Thema eingefallen ist.

    Summa summarum, eine Menge Argumente dafür, dass Sie Ihr bisheriges Konzept vielleicht doch nochmal überdenken sollten.

    Mit freundlichen Grüßen

    Robert Schlickewitz
     
    =================================================
     
    Falls haGalil-Leser ebenfalls der Ansicht sind, dass der deutschen, hier bayerischen, Geschichtsschreibung mehr Ehrlichkeit gut zu Gesicht stünde, warum nicht ebenfalls an die beiden Damen schreiben und meine Forderungen unterstützen!

  6. Ergänzung und Korrektur
    Für diejenigen Leser, die meine Angaben zur Hofer Judengeschichte gern überprüfen möchten, oder für jene, welche ihre Kenntnisse hierzu vertiefen wollen, gebe ich die bibliographischen Daten der von mir oben verwendeten Literatur an. Darin darüberhinaus noch weiterführende Literaturhinweise:
     
    Israel Schwierz, Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens in Bayern, Bayerische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit – Veröffentlichung Nr. A85, München 1992
    Klaus-Dieter Alicke, Lexikon der jüdischen Gemeinden im deutschen Sprachraum, Gütersloh und München 2008, Band 2
    (Nicht fündig wird man zu diesem Thema hingegen in der EJ, Berlin 1930, in der EJ Jerusalem 1971, im Jüdischen Lexikon, Berlin 1927 und in den Germania Judaica!)
     
    Im Eifer und in Eile wurde oben aus dem Landesverband Bayern der Sinti und Roma (Nürnberg) versehentlich ein „Zentralverband“. Ich bitte um Verzeihung.
     
    Wie immer meinen verbindlichsten Dank an Herrn Westerholz, der uns mit seinem Beitrag eine Fülle wertvollster Denkanstöße lieferte.
     
    @A.mOr
    In Kürze beantworte ich Deine Mail.
     
    @willow
    Ihre Einwände, Fragen und Kommentare weiß ich außerordentlich zu schätzen; sie bescherten mir in Form der durch sie ausgelösten Reaktionen, stets neue und unerwartete Einblicke bzw. Erkenntnisse zu christlich-deutschem Denken, Meinen, Dafürhalten, Fühlen und Empfinden. Der Deutsche von nebenan – das unbekannte Wesen. Danke, willow!

  7. Nun, Herr Dirk Franke, warum verschweigt uns Wikipedia die unpopuläre Doppelrolle des „Nazigegners“ Kronprinz Rupprecht, warum teilt die virtuelle Enzyklopädie uns Bürgern nicht mit, dass es sich bei diesem um einen gemeinen Kriegsverbrecher handelte?
     
    Sie als „Wikipedia-Administrator“ sagen doch oben selbst: „Wikipedia will die Welt so abbilden wie sie ist: mit Stärken und Schwächen, erträglichem und unerträglichen.“ bzw. sagen Sie:
    Aber Wikipedia ist nur dazu da, die Geschichte zu dokumentieren: was da zu dokumentieren ist – dafür müssen die Geschichte machenden Leute sorgen.
     
    Eben, genau dafür hat der Kronprinz doch reichlich gesorgt, oder etwa nicht?
     
    Nimmt Wikipedia Rücksichten, weil es sich bei Rupprecht lange Zeit um eine geradezu magische Integrationsfigur handelte und in weiten Kreisen Bayerns immer noch handelt?
    Immerhin ist er der langjährige Hoffnungsträger verblendeter bayerischer Monarchisten geblieben, bis zu seinem Tod. Und auch heute noch umweht ihn eine Aura des „Heimatlichen“, ihn, den Sohn des letzten bayerischen Königs Ludwig III.
     
    Kürzlich hat man sogar ein Museum zur Beweihräucherung der bayerischen Dynastie der Wittelsbacher, dessen ein Sproß unser Rupprecht war, eingerichtet. Ein Museum, das konsequent die Minderheitengeschichte Bayerns ausblendet und nur ausgesucht Schmeichelhaftes präsentiert, auch über den Kronprinzen. Kein kritisches Wörtchen erfährt der Bürger; Bayern muss halt „schön“ bleiben und Wikipedia hilft mit, dass unser Bayern noch ein paar Jahre länger „schön“ bleibt. Ist doch so Herr Dirk Franke?
     
    Hier ein Link zu diesem Museum:
    http://www.presseportal.de/pm/102572/2109845/das-museum-der-bayerischen-koenige-in-hohenschwangau-wird-eroeffnet-ausstellung-umfasst-die
    (aus der Pressemappe des Wittelsbacher Ausgleichfonds)

  8. Nun Herr Flemming, machen wir es kurz – ich weiß natürlich, daß sich „die“ evangelische Kirche von den Verbrechen der Nazizeit distanziert hat, kenne auch den Beschluss “Zur Erneuerung des Verhältnisses von Christen und Juden” … aber ganz ehrlich, davon, daß innerhalb der evangelischen Kirchen der schlimme Antisemitismus (der auch Mordaufrufe gegen „die Juden“ beeinhaltet) des Dr. Martin Luther tatsächlich im größeren Rahmen „thematisiert und aufgearbeitet“ wurde habe ich nichts mitbekommen. Ich kenne das nur so, daß die Beschäftigung mit diesem unangenehmen Thema mit einigen wohlfeilen Halbsätzen abgetan wird …

  9. Sehr geehrte Schreiber, ich erlaube mir zwei Zwischenrufe: Nein, Herr Peter „Ohnenachnamen“, mein Text ist da deutlich: Weder Hof noch andere bayerische Städte, noch gar ich selbst wollen, dass die Naziverbrecher schlicht ungenannt bleiben. Braunau muss damit leben, das Hitler dort geboren wurde, Passau damit, dass er dort lebte, usw. usf. Wir bitten aber zu überlegen, ob nicht eine klare Trennung erfolgen kann. Denn mir persönlich macht es ein tiefes Unbehagen, wenn neben Bernhard Lichtenberg die Namen der Naziverbrecher stehen – Lichtenberg war ein Naziopfer! Unsere Ãœberlegung ist, dass es eine eigene Liste der Verbrecher geben sollte.
    Ferner muss ich präzisieren, dass „markant“ im Zusammenhang mit Persönlichkeiten positiv besetzt ist. Oder werden irgendwo Verbrecher als „markant“ gewürdigt? In strenger Sprachauslegung mag VIELES markant sein. Aber hier stolpere nicht ich allein. Jan Fleischmann von WIKIPEDIA hat heute mitgeteilt, in dem Werk würden die Namen ohne Wertung eingesetzt: Ich empfinde jedoch den Begriff „markant“ in diesem Zusamenhang als wertend.
    Natürlich wäre der Halbsatz zu Martin Luther entbehrlich gewesen: Aber wenn man aus einer Opferfamilie stammt, sind alle diese Fragen und Überlegungen im Hinterkopf: Wer war was? Wer hat was verursacht; wie hat das zu Zeiten der frühen Pogrome, der mittelalterlichen und späteren Judenverfolgungen ausgesehen? Darf man Luthers Antisemitismus bei Ursachenforschungen vernachlässigen? Sie tun das offensichtlich nicht, ich auch nicht: Aber meine Fragestellungen sind aufgrund meiner Herkunft andere als Ihre.
    Mit herzlichem Dank und freundlichen Grüßen,
    S. Michael Westerholz.

  10. Kritik an der Wikipedia-Seite zur Stadt Hof
    Wer sich der Mühe unterwirft und den Wikipedia-Eintrag zu Hof aufruft, ist erstaunt, wieviel Volumen dem Sport sowie anderen eher untergeordneten Bereichen und zugleich wie wenig der Geschichte, insbesondere der Minderheitengeschichte eingeräumt wurde.
     
    Die Geschichte der Sinti und Roma etwa wurde ganz ausgespart, obwohl doch in der Frankenmetropole Nürnberg, also in der Nähe, der Zentralverband der Minderheit residiert, den man hätte fragen können, was über die Geschichte dieser Minderheit bzw. über die Anzahl der in Hof noch lebenden Sinti und Roma bekannt geworden ist.
     
    Nun aber zur Geschichte der Juden, zu der von der virtuellen Enzyklopädie lediglich folgende minimale Angaben angeboten werden:
    Mindestens seit Ende des 19. Jahrhunderts waren jüdische Familien in der Stadt ansässig, die eine jüdische Gemeinde bildeten und im Jahre 1927 am Hallplatz in der Nähe der alten Bahnhofshalle ihre Synagoge errichteten. Dieses Gotteshaus wurde beim Novemberpogrom 1938 durch SA-Männer zerstört. Seit 1983 erinnert eine Gedenktafel am Standort der alten Synagoge an die alte jüdische Gemeinde und die Verfolgung der jüdischen Einwohner in der Shoa.
     
    Nein, wesentlich früher siedelten erste Juden in Hof, nämlich schon ab dem 14. Jh., wenn nicht bereits früher. Zwar ist die Quellenlage schlecht, aber eine Urkunde berichtet von Juden, die im Jahre 1319 dort lebten.
    Ein Kernjahr der Judengeschichte der oberfränkischen Stadt wäre noch 1515, das Wikipedia ebenfalls unbedingt hätte erwähnen sollen. Denn zu diesem Zeitpunkt fand die gewaltsame Austreibung der Angehörigen der Minderheit statt. Hier eine Ortschronik:
     
    „…Anno 1515, den 8. Aprilis, am h. Ostertag zu frue unter dem hohen ambt, gleich doman gepredigt, sind die judenheuser (welche mehrerstheils in der judengaße gewohnet) mit dieser gelegenheit gestürmet und beraubt worden. Die burgersöhn, böse Buben und Handwerksburß bekam jerlich am charfreitag von den juden ein verehrung an gelt, welches sie gleich von rechts und schuldiger Straf wegen aller jar von ihnen forderten und hernach die osterfeyertag, über von solchem gelt ein guthen mut hatten und es miteinander verzehrten. Gedachtes jahr weicherten sich die juden vielleicht aus gottes verhengnis, ihnen etwas zu geben, und weiseten sie mit schnöden unnützen wortenab, … Darüber die junge burß (die ohnedes den juden aufsetzig waren und sie täglich mit einwerfen des sewkots in ihre heußer und sonsten wol plagten…) dermaßen bewogen, daß sie sich heimlich zusammen geschlagen und solch der juden schimpflich abweisen mit gewaltsamer Hand zu rechen unterstanden. Setzeten derhalben dieselben bösen buben und handwerksburß am h. ostertag frue uf bestimpte stund zusammen, grieffen die juden und ihre Heuser mit gewalt an, raubten, plünderten und trugen hinweg was sie bekamen…
    …, also das etliche juden erschlagen wurden und sich hernach die übrigen nach diesen auflauf aus der stadt hinweg begeben…“
     
    In diesem Zusammenhang von Interesse, die Austreibung der Juden fand nicht rein zufällig zu Ostern statt; in Bayern und anderen christlichen, besonders in den katholischen, Gebieten gab es den alten Brauch des „Judasverbrennens“ vor dem Osterfest. Ein Zeitpunkt also, an dem die Gemüter der christlichen Eiferer aufs Äußerste erregt waren. Hierzu auch mein Beitrag: 
    http://test.hagalil.com/2009/04/30/brauchtum/
     
    Weiter in der Hofer Judengeschichte: 1515 bis in die 1830er waren Juden aus der Stadt Hof grundsätzlich verbannt, kein Jude durfte dort leben. Nur allmählich wuchs danach die jüdische Gemeinde, die 1880 aus 25 Angehörigen bestand und 1900 aus 78. Die Gesamtbevölkerung der Stadt hat sich in diesem Zeitraum von 10 000 (1860) auf 42 000 (1910) erhöht. 1892 gründeten Hofer Juden ihren privaten Synagogenverein, 1911 weihten sie ihren Friedhof ein, 1927 konnten sie ihre Synagoge beziehen. Hofer Juden waren als Geschäftsleute, Gewerbetreibende und einige wenige als Fabrikanten tätig.
     
    Der teils brutale Antisemitismus der christlichen Hofer Bürger hat lang vor 1933 eingesetzt. Bereits ab den 1880er Jahren fanden antisemitische Diskriminierungen und andere judenfeindliche Akte durch die christliche Mehrheit statt, die sich in ihrer Intensität bis Ende der 1920er Jahre steigerten. Das was unter den „Nazis“ geschah, hatte sich also schon lange vorher angekündigt, mit stiller oder lauter Billigung durch die christliche Mehrheit.
    Ab Ende der 1920er Jahre wurden Juden tätlich angegriffen und beschimpft, Scheiben der Synagoge eingeschlagen etc.
     
    Bis Ende 1933 hatte ein Drittel der Juden Hof den Rücken gekehrt. 1941 war die Stadt „judenrein“. Es hatten sich in der Stadt ähnliche Szenen abgespielt wie anderswo.
     
    1945 bis 1947 beherbergte Hof ein DP-Camp, in dem vorübergehend bis über 1100 Juden, zumeist aus Osteuropa, lebten. 1950 entstand eine „Israelitische Kultusgemeinde“ in Hof. 2006 lebten wieder 400 Juden in der oberfränkischen Stadt, dank Zuzug aus der ehem. Sowjet Union.
     
     
    Anmerkungen zur Gedenkkultur der Stadt Hof
    Da, wo einst die alte Synagoge stand, befindet sich heute das Theater am Hallplatz. Es hängt dort eine Gedenktafel mit folgendem Wortlaut:
     
    „Hier stand von 1927 bis 1938 die Synagoge der israelitischen Kultusgemeinde Hof.
    Am 10. XI. 1938, in der „Kristallnacht“ wurde dieses Gotteshaus durch nationalsozialistische Gewalt zerstört.
    Die Stadt Hof erinnert mit dieser Tafel an die Verfolgung und an die Leiden unserer jüdischen Mitbürger: 10. XI. 1983″
     
    „durch nationalsozialistische Gewalt zerstört“ steht da. Geht es denn noch unpersönlicher? Wer soll sich denn davon angesprochen fühlen? Die Hofer Bürger etwa? – Für die sind doch die „Nazis“ inzwischen wie für jeden anderen Deutschen ein Stellvertreter für alles und nichts. Kein Hofer, dessen Vater, Onkel oder Opa an der Zerstörung beteiligt war, wird sich angesprochen fühlen. Es sind leere Floskeln, sinn- und gehaltlose Worthülsen, es sind Alibisprüche, man will doch nicht wirklich gedenken, will sich nicht wirklich schämen, schiebt die Verantwortung auf einen abstrakten Begriff.
    Man könnte argumentieren, das war damals in den 1980er jahren, da stand man halt mit der Gedenkkultur noch am Anfang, das waren die typischen Gedenktafelsprüche, die man damals als zeitgemäß erachtete, da man ja noch auf die Ãœberlebenden der Tätergeneration Rücksicht nehmen musste…
     
    Aber heute sind wir doch schon ein Stück weiter, sollten wir doch jedenfalls sein. Oder?
    Heute brauchen wir die Rücksicht auf die alten Verbrecher nicht mehr zu nehmen, denn sie sind tot. Und – wir wissen heute zuverlässig, dass nicht nur „Nazis“, sondern auch unsere Vorfahren aus der Zeit lang vor den Nazis judenfeindlich aufgetreten sind, Raub, Mord und Totschlag begangen haben, zu Tätern geworden sind.
    Konsequenz:
    Die Stadt Hof (und mit ihr alle anderen Städte, die noch Gedenktafeln mit Texten aus Phase eins der Gedenkkultur von nach 1945 besitzen) sollten sich ans Umformulieren ihrer Gedenktexte machen. Anstatt „nationalsozialistische Gewalt“ (oder ähnlichen Losungen) nun also hier  – Hofer Bürger, oder Oberfranken oder Bayern oder Christen als verantwortlich, für das, was den Angehörigen der Minderheit widerfuhr.
     
    Das wäre ebenso ehrlich wie angemessen. Und es wäre bezahlbar.
     

  11. Auch ich hätte da eine Frage an Wikipedia.
    Zu diesem Eintrag:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Rupprecht_von_Bayern
     
    Da ist die Rede davon, dass der hohe Adlige ein Nazigegner war. Schön und gut. Aber warum verheimlicht das virtuelle Lexikon, dass der Kronprinz ein Kriegsverbrecher erster Ordnung war?
     
    Indem er den Befehl zur Erschießung von britischen Kriegsgefangenen im Ersten Weltkrieg gab, machte er sich doch eindeutig dieses schweren Verbrechens schuldig. Er wurde auch zunächst als einer der viel zu wenigen deutschen Kriegsverbrecher jenes blutigen Völkerringens auf eine Liste der Anzuklagenden gesetzt, dann jedoch, als die Alliierten lieber möglichst regelmäßig und möglichst viel Reparationsgelder von Deutschen fließen sehen wollten, wieder, wie die anderen auf der Liste, gestrichen, und es war aus mit den löblichen Absichten.
     
    Wohl so mancher, der im Zweiten Weltkrieg zum Kriegsverbrecher wurde, hätte sich seine eigenen Untaten möglicherweise nochmals gut überlegt, wenn er eine entsprechende Behandlung von Kriegsverbrechern aus dem Ersten Weltkrieg noch im Kopf gehabt hätte. So jedoch tilgten die Sieger wie die Besiegten diese unschönen Ereignisse aus dem kollektiven Gedächtnis und Kronprinz Rupprecht konnte schließlich als unbefleckter, braver Nazigegner in die Geschichtsbücher eingehen.
     
    Und Wikipedia? Welche Gründe mag Wikipedia gehabt haben, uns (depperten?) Deutschen diese Tatsachen abermals zu verheimlichen? Was wohl dem schlagfertigen und wortgewandten Herrn Franke dazu einfällt?

  12. Wikipedia ist im naturwissenschaftlichen Bereich recht gut.

    In Geschichte, Politik u.ä. Feldern sieht man sehr deutlich, welche „Gesinnung“ dominiert.

    Ich lasse gern mal Wikipedia-Darstellungen von Schülern umformulieren. Man kann schon bei einer so leichten Übung erkennen, wie kritisch man die Beiträge lesen muss. Solche Beiträge sind leider ein wesentlicher Teil der political correctness in Deutschland, die von „Linken“ und „Antifaschisten“ dominiert werden.

  13. Nein, Willow, da lehnen Sie sich aus dem falschen Fenster: Der Artikel von Jochen Vollmer im Deutschen Pfarrerblatt ist ganz eindeutig die Meinung eines Einzelnen und bleibt es, selbst wenn er in der Diskussion in den folgenden Heften Zustimmung gefunden hat. Diese hielt sich aber doch sehr in Grenzen, die Ablehnung und vor allem die profunden Gegenargumente wogen weit schwerer.
    Sie machen übrigens den gleichen Fehler, den der Zentralrat der Juden in Deutschland gemacht hat: Der hatte sich an Präses Schneider als den Ratsvorsitzenden der EKD gewandt. Die EKD hat aber mit dem Pfarrerblatt nichts zu tun; das wird vom Verband der Pfarrvereine herausgegeben. Und der ist ein von der Kirche unabhängiger eingetragener Verein. Machen Sie also bitte die Kirche (Welche übrigens? Es gibt 22 evangelische Landeskirchen in Deutschland; Vollmer ist Pfarrer der württembergischen Kirche) nicht für etwas verantwortlich, wofür sie selbst beim schlechtesten Willen nichts kann.
    Und dass die evangelische Kirche sich „immer noch immer als Ablösung des Judentums“ verstehe, halte ich für eine sehr mutige Behauptung.
    Wenn Sie sich auf diesem Gebiet bewegen, kennen Sie sicher den Beschluss der Landessynode der Evangelischen Kirche im Rheinland von 1980 „Zur Erneuerung des Verhältnisses von Christen und Juden“. Der hat für viele andere Landeskirchen beispielhaft und beispielgebend gewirkt.
    Und wo da etwas von der „Ablösung des Judentums“ zu finden ist, müssten Sie mir noch zeigen.
    Darf ich gespannt sein?
    Ihr Flemming

  14. Peter Ohnenachnamen,

    sie meinen also, Wikipedia sollte die deutschen Städte lieber von ihrer Nazi-Vergangenheit befreien, und diese gar nicht erst erwähnen, weil das Stadtmarketing das nicht mag?

  15. „Nota bene: Ich halte Luthers Antisemitismus für eine außerordentlich widerliche Sache, theologisch – auch im Rahmen der lutherischen Theologie nicht – nicht zu rechtfertigen. Und es ist gut, dass die evangelische Kirche sich dessen bewusst wird und endlich ein anderes Verhältnis zu den Juden sucht.“
     
    Das sind schöne Worte Herr Flemming, aber leider leider gilt das so uneingeschränkt wohl nur für die ermordeten, die toten Juden … bei den lebendigen -besonders wenn sie ohne Bevormundung leben wollen- gilt diese geläuterte Haltung wohl eher nicht … Leider.
     
    Sie werden das jetzt bestreiten wollen, aber ganz ehlrlich, schauen sie sich in ihrer Gemeinde um, schauen sie in das „Deutsche Pfarrerblatt“ : gerade die evangelische Kirche versteht sich immer noch immer als Ablösung des Judentums, will die „Verstockten“ auf den „rechten Weg“ führen …
     

  16. Ein Beispiel mehr für die Arroganz der Wikipedia-Autoren, die sich hinter ihrer Anonymität verstecken und sich auch juristisch jeder Verantwortung entziehen. Der Betreiberverein Wikimedia behauptet, für die Inhalte der Wikipedia nicht verantwortlich zu sein, macht aber gleichzeitig gefüttert mit Millionen von Spendengeldern eifrig Werbung für die angebliche „Online-Enzyklopädie“ und trägt so dazu bei, dass die Plattform und ihre Inhalte noch bekannter werden.

    Die Erfahrungen der Stadt Hof und anderer Städte zeigen auch, dass die Behauptung, Wikipedia sei ein „Mitmach-Lexikon“ für jeden, bloße Öffentlichkeitstäuschung ist. Was bei Wikipedia stehen darf und was nicht, entscheidet letztlich eine kleine Clique von etwa 1.000 Stammautoren und rund 280 Administratoren. Wer Änderungen oder Ergänzungen in Artikel einbringt, die dieser Meinungselite nicht schmecken, wird auf den Diskussionsseiten gnadenlos gemobbt und schließlich gesperrt, also von der weiteren Mitarbeit ausgeschlossen. Das ist die hässliche Realität der Wikipedia, die so ganz anders aussieht, als die  schönfärberische Propaganda ihres Erfinders Jimmy Wales und des Betreibervereins Wikimedia.

  17. Was Wikipedia zu sagen hat, lässt sich im Normalfall relativ einfach ergründen. Diskussionen dort sind ja öffentlich, hier zum Beispiel unter https://de.wikipedia.org/wiki/Diskussion:Hof_%28Saale%29#Pers.C3.B6nlichkeiten

    Ich bin zwar nicht Wikipedia, aber immerhin ein Wikipedia-Administrator. Die Logik hinter diesen Listen ist doch eigentlich ganz einfach: Wikipedia will die Welt so abbilden wie sie ist: mit Stärken und Schwächen, erträglichem und unerträglichen. Dazu gehört natürlich auch, dass man Städten ihre

    Markant ist nicht positiv besetzt. Man kann markante Narben haben, Gegenstände können markante Farbflecke haben, und der 30jährige Krieg war ein markantes Ereignis in der Geschichte vieler Städte.

    Und dass in fast allen deutschen Städtelisten diverse Nazis auftauchen: nunja, nicht Wikipedia hat dafür gesorgt, dass deutsche Städte ein derart fruchtbarer Boden waren. Die Diskussion dort zeigt ja auch eindrucksvoll, worum es dem Stadtmarketing geht: es hat Angst, dass die Nazis „bekannt werden“ – natürlich will die Stadt Hof, dass man zu gut weiß, welche Nazis dort vor nicht allzu langer Zeit prominent und wichtig wahren, und ihren Reihen entstammten.

    Aber Wikipedia ist nur dazu da, die Geschichte zu dokumentieren: was da zu dokumentieren ist – dafür müssen die Geschichte machenden Leute sorgen.

  18. „…ungewollter Gründer der evangelischen Lutheraner – und übrigens ein übler Antisemit war.“
    Das scheint ein unbedingter Reflex zu sein: Wo Luther erwähnt wird, wird zugleich und sofort seines Antisemitismus gedacht.
    Nota bene: Ich halte Luthers Antisemitismus für eine außerordentlich widerliche Sache, theologisch – auch im Rahmen der lutherischen Theologie nicht – nicht zu rechtfertigen. Und es ist gut, dass die evangelische Kirche sich dessen bewusst wird und endlich ein anderes Verhältnis zu den Juden sucht.
    Aber was bringt die Erwähnung von Luthers Antisemitismus in diesem Zusammenhang? Trägt die zum Verständnis bei; gibt es irgendetwas, was ohne diese Erwähnung unverständlich wäre?
    Nein, das gibt es nicht. Mithin ist dieser Satz völlig überflüssig. Ab er es ist doch so schön, Luther im Vorbeigehen noch schnell einen kleinen Peitschenhieb zu verpassen.  Das kostet nichts, birgt keine Gefahr, man kann auf Beifall von allen Seiten rechnen und fühlt sich gut, weil man etwas zur Volksbildung beigetragen hat.
     
     

  19. Was soll Wiki auch dazu sagen?
    Wenn die Pressestellen der Städte ihre Vergangenheit positivieren wollen, sollten sie gar nicht erst mit Geschichtsverleugnung anfangen. Das war ja nun mal so das eben auch in den kleinen süddeutschen Nestern Nazis aktiv waren.
    Wiki ist doch nicht das Toristenamt dieser Städte, klar dass sie ihnen die Schreiberechte entziehen.

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