Bereschith: Die Naturwissenschaft kann helfen, den Schöpfungsbericht zu verstehen

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Der Beginn der Tora, »Bereschit bara«, ist ein faszinierender Text, der die Schöpfung unseres Universums beschreibt. Darin kommt oft die Wendung »wajehi erew, wajehi boker« (es wurde Abend, und es wurde Morgen) vor…

Das große Werden
Rabbiner Dr. Tom Kučera

Hier entsteht ein logisches Problem, weil der Tag und die Nacht aus der Sicht des Menschen aufgrund des Sonne-Mond-Zyklus definiert werden. Doch beide Himmelskörper tauchen erst am vierten Tag auf. Trotzdem wird dieser Begriff schon bei den ersten drei Tagen benutzt.
Dieses Problem wird unterschiedlich angegangen. Der mittelalterliche Denker Nachmanides, genannt Ramban, verstand es schon im 13, Jahrhundert folgendermaßen: »Erew« (Abend) wird so genannt, weil an ihm die Gestalten vermischt waren. »Boker« (Morgen) wird so genannt, weil der Mensch sie auseinanderhalten kann. Mit anderen Worten: Erew ist ein Gemisch der Elemente, das einen gezielten Prozess durchlaufen muss, um eine klar definierte Gestalt zu bekommen. Erew ist ein Potenzial, Boker ein Ergebnis. Und dazwischen? Eine stufenweise Entwicklung. (Natürlich benutzt Ramban das Wort Evolution nicht, aber Darwin interessanterweise auch nicht).

Aus der heutigen naturwissenschaftlichen Erkenntnis kann der Schöpfungsbericht folgendermaßen verstanden werden: Der erste Tag – Big Bang, vor fast 14 Milliarden Jahren. Der dritte Tag – unser Planet Erde, vor vier Milliarden Jahren. Der fünfte Tag – die Vielfalt des Tierlebens. Die kambrische Explosion vor 530 Millionen Jahren im Wasser, bis dann vor 200 Millionen Jahren die großen Saurier und die kleinen Säugetiere miteinander lebten. Erwähnenswert ist auch, dass die Tora das allererste Lebenszeichen nicht mit einer direkten Schöpfungstat Gottes in Verbindung bringt (das Verb »bara«), sondern Elohim, Gott, sagt zur Erde: »Tadesche haarez desche«, es lasse die Erde die Sprossen sprießen. Mit anderen Worten: Erde, zeig dein Potenzial –durch die Evolution und die Elemente und mithilfe der Gesetze, die ich in dich hineingesetzt habe.

Ich möchte nicht behaupten, dass sich der Schöpfungsbericht und die wissenschaftliche Beschreibung überdecken. Dies wäre beiden gegenüber unfair. Ich behaupte nur, dass beide Verständnisse auf parallelen Schienen laufen. Was kommt nach der Evolution der Natur? Die Evolution des Menschen, zu der Ramban auch einen erstaunlichen Kommentar liefert. Die Tora sagt: Elohim, Gott, hat Adam, den Menschen, aus der Adama, der Erde, geschaffen und blies in seine Nase Nischmat chajim, den Lebensatem.

Wir stellen es uns immer wie die Erschaffung des Golems vor: als eine unbewegliche Erdgestalt, die belebt wird. Doch Ramban erklärt schon die erste Hälfte des Verses, also die Formung des Menschen aus der Erde, noch bevor ihm der Lebensatem eingehaucht wurde, mit folgenden Worten: Wenn Gott den Menschen formte, bedeutet es, dass der Mensch sich bewegen konnte, weil die Formung Chijut (Leben, Existenz) und Hergesch (Gefühl, Emotionen, hier besser: Wahrnehmung) bedeutet. Erst nach dieser Wahrnehmung kam die nächste Stufe: Es wurde ihm Nischmat chajim eingehaucht, und er bekam Sechel we-Dibur, die Vernunft und die Sprache.

Der revolutionäre (oder besser: mystische) Ramban behauptet also, der biblische Mensch habe Vorstufen gehabt. Falls wir noch nicht völlig überzeugt sind, schreibt Ramban am Ende seines Kommentars, warum die Tora bei der Beschreibung des Menschen als lebendigem Wesen, Nefesch chaja, die an sich überflüssige Präposition »le« benutzt. Rambans Begründung: Der Mensch wurde ganz zu einem lebendigen Wesen und wurde zu einem anderen Menschen transformiert (wenehepach le-isch acher).

Die Naturwissenschaft beschreibt es folgendermaßen: Vor fast zwei Milliarden Jahren kam der Homo erectus, vor 250.000 Jahren der Neandertaler und vor 150.000 Jahren der Homo sapiens, bei dem immer noch offensteht, ob er ein symbolisches Denken besaß. Wann ist die Sprache entstanden? Vor 50.000 Jahren. Wann wurde die erste Schrift benutzt? 3.000 Jahre vor der Zeitrechnung. Wenn wir die 2.000 Jahre der Zeitrechnung dazuzählen, kommen wir sehr nahe an das jüdische Jahr.

Es gibt tatsächlich Spekulationen, dass das jüdische Jahr die symbolische Angabe für die Schaffung des Menschen als der letzten Stufe seiner Evolution ist. Im Gegensatz zu Ramban wäre es also nicht die Sprache, die den Menschen zum Menschen gemacht hat, sondern die Schrift. Auch hier sollen wir keine Überlappung, sondern ein paralelles Denken sehen.

Es fällt auf, dass die Parschanim, die mittelalterlichen Tora-Ausleger, Aussagen getroffen haben, die denen von Charles Darwin ähneln. Doch das sollte nicht überraschen. Denn das Judentum war nie fundamentalistisch, sondern hat die Worte der Tora durch die Linsen der talmudischen Rabbiner immer wieder anders gelesen und auf neue Interpretationsebenen gebracht.

Allg. Rabbinerkonf. Deutschland

14 Kommentare

  1. @Birgit
    Ich kenne die Geschichte (bzw Sage) zu den Nephillim Ausgegraben wurde bisher aber
    nie jemand von dieser Größe. Es gibt nur Abbilder. Und Phantasiegestalten leiden in der Regel nur an Krankheiten, die der Erfinder ihnen zuschreibt.

  2. @Karl Hilse stimmt schon beweisen lässt sich gar nichts exakt.  
    Von der in der Bibel beschreiben Zeit lässt sich viel ausgraben es ist echt spannend. Was da alles gefunden wurde. Sogar die Nephillim an vielen  Teilen der Welt das sind Riesen die bis zu 10 Meter groß waren da war König Og und Goliath noch wesentlich kleiner.Sie litten nicht an Agromegalie, was im Extremfall die Leute 2,50m -3m groß werden lassen kann.

     

  3. @Birgit
    alle Deine Zweifel an der Exaktheit der Wissenschaft sind berechtigt, aber die Wissenschaft will weder einen Gottesbeweis noch das Gegenteil. Sie forscht.
    Die Paradigmen wechseln sobald neue Erkenntnisse vorhanden sind, die sich verifizieren lassen. Es gab vor und neben dem homo sapiens seinerzeit noch andere Menschenarten für die Entwicklung des homo sapiens, das ist zumindest gegenwärtiger Konsenz, waren Gen Mutationen verantwortlich.
    Die Erschaffung des Universums, die alles Leben erst möglich gemacht hat kann immer noch Gottes Werk gewesen sein. Dies lässt sich nicht beweisen oder widerlegen.
     

  4. Evolution gibt es innerhalb der Arten schon aber generell denk ich gibt es wohl. Wo sind die ganzen Zwischenstufen denn geblieben wo sind sie heute noch. Warum haben sich viel Tiere denn nicht zu Menschen weiterentwickelt. Ich persönlich glaube an eine Schöpfung.

    Mit der Altersforschung die ist gar nicht so eindeutig, man geht da von den selben physikalischen Bedingungen aus wie sie heute sind. Zerfiel den Rubidium und C 14 immer gleich, lassen sich solche Zahlen überhaupt realistisch bestimmen?Vor allem wenn die Menschen damals aufgrund eines Strahlen Schutzes um die Erde ein längere Lebenszeit hatten. Das soll ja nach der Großen Flut zerstört gewesen sein und die Lebensdauer wurde reduziert deswegen Es wurde mal behauptet von einem Wissenschaftler es gäbe älter Galaxien als der Urknall. Und er hat dann ein Schaumbadtheorie gemacht. Falls es Weltraumbeben zuvor gab kan auch die Stellung der Erde anders gewesen sein. Letztes Jahr war ein Weltraumbeben der Magnitude 8 die Kompassnadel hat gesponnen und gezittert und man konnte im Norden die Südpolarlichter sehen. es scheint auch Gefahr für geostatische Beben zu  geben durch die Sonnenflecken. Durch diese weltraumbeben entstanden  diese Sinkholes in vielen Teilen der Welt.

    Nun ist durch die vielen Erdbeben die Erdachse verschoben und das so was innerhalb vielen Jahrtausenden öfters vorkommt, dürfte klar sein. Also können die Zeitangaben nicht stimmen.(eventuell auch die Halbwertzeit nicht)

    Nur was ebenso unerforscht wie unerfoschbar ist ,wieviel Schöpfungen gab es vor und nach unserem Raum Zeitsystem.

    Also ich glaube auch so an ein Schöpfung und an den Ewigen der alles erschaffen hat egal wie und wodurch.
     
    Schabbat schalom

  5. »Nun, was mich angeht,« sagte der Specht, der ein geborener Philosoph war, »so kümmere ich mich um keine, noch so subtilen Erklärungstheorien. Wie etwas ist, so ist es, und augenblicklich ist es schrecklich kalt.«

    Oscar Wilde – in: „Das Sternenkind“

  6. „Es war nicht try and error, was zur Entwicklung(!) des homo sapiens geführt hat, sondern wie die moderne Genetik beweist Mutationen. Bei der Vererbung der Gene wurden einzelne Gene nicht genau kopiert und so entstanden neue Gene und der sogenannte Gene-Pool wurde reicher.“

    Und genau diese Mutationen SIND „try and error“. Der Großteil der Mutationen führt zu Krankheit und Verkümmerung. Aber ein kleiner Teil davon verschafft ihren Trägern Vorteile, so dass sie sich in ihrer Art hervorzuen können, bessere Nieschen besetzen, länger überleben und/oder sich häufiger lebensfähig reproduzieren. „Survival of the fittest“ .. Ãœberleben des am besten angepassten. alle waren „try“ .. die anderen waren „error“.

  7. Es war nicht try and error, was zur Entwicklung(!) des homo sapiens geführt hat, sondern wie die moderne Genetik beweist Mutationen. Bei der Vererbung der Gene wurden einzelne Gene nicht genau kopiert und so entstanden neue Gene und der sogenannte Gene-Pool wurde reicher.
    Was Gott betrifft: Es gibt keinen Gottesbeweis, da er nicht physisch ist lässt er sich nicht beweisen. Was nicht ausschliesst, dass Gott als unbewegter Beweger dass Universum erschaffen hat (Urknall) aber meine persönliche Meinung ist, dass er mit der Schaffung des Menschen nichts zu tun hatte. Am Anfang der Menschwerdung, stand wahrscheinlich der Hefepilz.

  8. das es G“tt gibt dafür gibt es zwei Beweise. einmal unsere Erde und so wie die Erde funktioniert nach den Gesetzen die  Er  Kadosh Baruch Hu geschaffen hat.
    Das sind die sogenannten Naturgesetze von den wir heute als Menschen genau so viel Kennen wir wir sie auch verstehen können.
    Die anderen Naturgesetze die wir nicht kennen weil wir sie noch nicht verstehen sind trotzdem seid Erschaffung der Welt vorhanden.

    der 2. Beweis das es G“tt gibt  ist die Torah wo zum Beispiel gleich zum Anfang im Buch Berischit auf ein Naturgesetz hingewiesen wird was die Jüdischen Gelehrten und Rabbiner ab Moshe schon immer wussten nur für alle anderen Volker war es ab dem Tag der Erkenntnis etwas neues weil sie es verstanden haben.

    Mit und aus der Torah kann man lernen Lesen, Rechnen, Mathematik, Phyisk, Chemie, Recht, Sozialrecht,  Strafrecht, Zivilrecht, Schadensersatzregelung, Arbeitsrecht, Verwaltungsrecht u.n.m.

     

  9. „Das kommt einem G”ttesbeweis nah.“

    Vielleicht nahe .. aber nicht nahe genug .. aber ganz sicher gibt es dabei auch keinen  „nicht-Gottesbeweis“ .. oder wie mensch so gerne sagt: ein eindeutiges „Genau genommen weis mensch nichts!“

    Was mich allerdings auch nicht ‚problemisiert‘. ..
    wenn jeder Mensch .. hier und anderswo .. sein Handeln.. seine Sprache .. sein Duktus .. auf die Essenz der Bibel, der Evangelien, des Korans, der Aufklärung und des gesunden Menschenverstandes richtet  (jepp .. das verneint jegliche Parteiname für eine Religions- oder Rassenvorherrschaft) .. wenn mensch seine Umwelt, seine Herkunft und seine Zukunft offen angeht, dann benöt
    igt mensch keinen Gottesbeweis ,, denn er ist dann gelassen genug, seine persönliche „Ansprache“ abzuwarten.

  10. Jetzt wirds philosophisch:

    „warum es denn Naturgesetze gibt“

    ?? Ohne Naturgesetze keine Natur

    „und wer die Regeln vorgegeben hat.“

    VORgegeben. Genau. VOR dem Urknall müssen die Regeln (=Gesetze) fehlerfrei präzisiert worden sein. 

    Das Amüsante dabei ist, dass der allererste Materiebaustein nur entstehen konnte, weil er alle Naturgesetze „wusste“, genau wie alle anderen, folgenden Bausteine – und dass es die Dimensionen bereits gab, die er zur Existenz benötigte.

    Durch „try and error“ kann ein Universum nicht entstehen.

    Das kommt einem G“ttesbeweis nah.

    • „VORgegeben. Genau. VOR dem Urknall müssen die Regeln (=Gesetze) fehlerfrei präzisiert worden sein.“

      Nöö .. müssen sie nicht .. die Anforderung, dass die Regeln fehlerfrei gewesen sein müssen, ist schon eine religiöse Doktrin!
      „,,Das Amüsante dabei ist, dass der allererste Materiebaustein nur entstehen konnte, weil er alle Naturgesetze “wusste”, genau wie alle anderen, folgenden Bausteine – und dass es die Dimensionen bereits gab, die er zur Existenz benötigte.“
      Ist mir jerz ein bisken zu dokmatisch ..

      „Durch “try and error” kann ein Universum nicht entstehen.“

      Warum nicht? .. Welches Naturgestz .. welches Religionsgesetz  .. beweist eindeutig, dass das Universum KEIN Experiment ist???

      Ich denke mal, auch Thora, Bibel, Koran sind nda keine verlässlichen und belastbaren Quellen ..
      Das kommt einem G”ttesbeweis nah.

  11. Also ich finde es prima, wenn Rabbis/Priester/Imane/sonstige religiöse „Offizielle“ versuchen, ihren Glauben mit dem Stand der Erkenntnis zu vereinbaren .. oder zu „parallelisieren“ 🙂

    Nur Holzköpfe nehmen das Buch Genesis auf kindliche Weise wörtlich und verneinen die Evolutuion (ob sie sie „Evolution“ nennen ist unerheblich.

    Auch Darwin und viele andere Vertreter der Evolutionstheorie, der Astrophysik und anderer wichtiger Naturwissenschften und naturwissenschaftlichen Theorien waren keine Atheisten.

    Denn keine heutigen Erkenntnis kann sagen,
    – was vor dem Urknall war,
    Рund wer oder was den Urknall ausgel̦st hat,
    – warum es denn Naturgesetze gibt und wer die Regeln vorgegeben hat.

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