Im Fort Knox der Menschheitskultur

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Google macht mit seiner „Street-View“ Technologie im Jerusalemer Israel-Museum aufbewahrte Tote Meer Rollen per Knopfdruck aller Welt „erfahrbar“. Die zwei Tausend Jahre alten Pergamente mit den ältesten bekannten Bibel Abschriften wurden vor über 60 Jahren nahe dem Toten Meer gefunden. Das Internet-Projekt wurde am Montag feierlich in Jerusalem enthüllt…

Von Ulrich W. Sahm, Jerusalem, 26. September 2011

„Ich fühle mich wie Bill Gates, wenn der ein neues Programm vorstellt“, lachte Susan Hasan, Multimedia Kuratorin des Israelmuseums. Sie drückte auf „Enter“, um das gemeinsame Projekt von Google und dem Israel-Museum vorzustellen… und erst mal passierte nichts.

Dann funktionierte es doch. Ab sofort kann man auf Englisch in einer Suchmaschine Wörter aus dem Buch des Propheten Jesaja eingeben, etwa „Wolf und Schaf“ oder „Schwerter und Flugscharen“ und schon landet man an der richtigen Stelle in der im Jahr 135 vor Chr. kopierten Pergamentrolle und kann dort den Originaltext in hebräischer Schönschrift lesen. Acht fast komplette Bücher wurden bei Qumran gefunden, aber nur fünf wurden mit einer Spezialkamera in hoher Resolution für Google neu fotografiert: Jesaja, ein Kommentar zu Habakuk, die Tempelrolle der Essener sowie deren Kriegsrolle und Gemeinderegeln.

Auf die Idee, modernste Digitaltechnik und uralte Texte zu verknüpfen, kam der amerikanische Geschäftsmann George Blumenthal, im Elsass geboren, in Frankfurt aufgewachsen und 1939 „rechtzeitig“ geflohen, „nachdem meine Mutter nach Buchenwald geschickt worden ist“, wie er nach der Feier bei Orangensaft erzählte. Museumsdirektor James Snyder wollte nicht verraten, wie viel das Projekt gekostet hatte: „Wir benötigten die Kameras und vor allem viel Zeit unserer Angestellten und der Forscher von Google. Es kostete also kein Vermögen.“

Ardon Bar Hama war der Fotograf und hatte schon in Oxford und im Vatikan historische Manuskripte mit seiner Spezialkamera abgelichtet. Um Schaden zu vermeiden, verwendete er UV-freies Blitzlicht von 1/4000 einer Sekunde. Die Objektive stammen aus der Schweiz und Deutschland. Die Technologie für die hochauflösende Schweizer Alpa-Kamera hat die israelische Firma „Leaf“ entwickelt. Jedes Bild enthält 1.200 Megapixel und ist 160 Megabites groß. Normale Fotoapparate speichern Bilder in einer Größe von 1 bis 3 Megabites. Bar Hama habe innerhalb von 6 Tagen jede Textkolumne einzeln fotografiert. Danach wurden die Bilder in mühseliger Arbeit wieder zu den kompletten Rollen zusammengefügt. „Wir haben jedem Vers einen eigenen Link gegeben, und mit einer englischen Übersetzung der Bibel verknüpft“, erzählte Professor Yossi Matias, Leiter der Google-Forschungsabteilung in Israel.


Ardon Bar Hama fotografiert die Rollen

„Ich kann kein Hebräisch lesen und verstehe kein Wort Englisch“, sagte in bestem Englisch ein Reporter und fragte, warum denn die Jesaja-Rolle nicht gleich auch mit der Lutherbibel verknüpft worden sei. Nach Gelächter im Raum sagte Matias, dass man auch die Bibelverse auf Chinesisch eingeben könne. „Es ist eine gute Idee, die Tote Meer Rollen in anderen europäischen Sprachen zugänglich zu machen.“ Fotograf Bar Hama erzählte später: „Die Bibel unterliegt dem Copyright!“ Natürlich nicht des Lieben Gottes, sondern jener, die Bibeltexte in Deutsch, Italienisch oder gar auf Hebräisch ins Internet geladen haben.

Nach der Feier im Auditorium des „Schreines des Buches“, wo eine Faksimile-Kopie der Jesajarolle dem Publikum zugänglich ist, wurden jeweils nur sieben Journalisten ins „Allerheiligste“ eingelassen, in den Tresor im Luftschutzkeller mit meterdicken Mauern. „Das ganze Gold im amerikanischen Fort Knox würde nicht ausreichen, den Wert der hier gelagerten Schätze der Menschheitskultur aufzuwiegen“, sagt einer. In einem abgedunkelten Raum steht Kurator Adolfo Roitman hinter einem Tisch mit einem zwei Meter langen Kasten. Auf einer schwarzen säurefreien Unterlage „ruht“ da ein eng beschriftetes Pergament. „Zum letzten Mal haben wir vor zwanzig Jahren diese Jesajas-Originalrolle ausgewählten Gästen gezeigt“, sagt Roitman. „Bitte nicht berühren“, sagt er einem frommen jüdischen Journalisten, der sich beugte, um den Text zu lesen, als wäre es eine israelische Zeitung. „Diese Rollen sind unberührt. In den 60ziger Jahren haben Forscher Fragmente mit Tesafilm zusammengeklebt und schrecklichen Schaden angerichtet. Ehe wir sie mit japanischem Papier und chemischen Stoffen festigen, säubern oder restaurieren, wollen wir absolut sicher gehen, nichts falsch zu machen.“ Die Dokumente lagern in verschlossenen Glasschränken bei 18 Grad und 49 Prozent Luftfeuchtigkeit in absoluter Finsternis.

(C) Ulrich W. Sahm / haGalil.com

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