Mord im Tempel zu Jerusalem: Die Heiligkeit von Stätten und von Menschenleben

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Was ist denn so interessant zum Beispiel an der Opferordnung im Tempel zu Jerusalem, dass man sich damit beschäftigt? Warum sind die Einzelheiten des Opferkultes des Hohenpriesters am Jom Kipur lesens- und diskutierwert? Seit dem Abschluss des Talmuds vor etwa fünfzehnhundert Jahren studieren Juden dieses immense Gesetzes- und literarische Werk mit all seinen bedeutenden aber auch skurrilen Teilen…

Gabriel Miller

Der Traktat Jom-Hakipurim (oder Joma) beschreibt die am Jom Kipur gebräuchlichen Regeln, aber nebenbei auch andere Themen, die durchaus auch für unsere Zeit einen aktuellen Bezug haben. Das besondere am Talmud ist eben seine erstaunlich immerwährende Aktualität.

In der zweiten Mischna des Traktats Joma wird das Abheben der Asche vom Altar durch die Priester behandelt. Ganz früh an jedem Morgen musste die Asche der am Vortage verbrannten Opfer vom Altar abgeräumt werden. Zunächst bedurfte diese Aktivität keiner besonderen Regelung, da man davon ausgegangen war, dass die meisten Priester am frühen Morgen lieber schlafen als sich mit Tierasche beschäftigen würden. Im Laufe der Zeit stellte sich aber heraus, dass junge Priester sich um diese Aufgabe bemühten und zuviel Eifer an den Tag legten. Einst geschah es, berichtet die Mischna, dass zwei junge Priester an einem Morgen gleichzeitig die Altarrampe hoch liefen und auch gleichzeitig die Stelle der vier Ellen vor der Asche erreichten, wo die Asche abgehoben wurde; da stieß einer den anderen hinunter, so dass dieser sich das Bein brach. Daraufhin wurde ein Losverfahren angeordnet und der Verwalter bestimmte nach diesem Verfahren den Priester, der die Asche abheben durfte.

Die Gemara im Anschluss an die Mischna weiß von einem noch viel krasseren Streitfall in diesem Zusammenhang zu berichten (b. Joma 23a): „Einst liefen zwei Priester die Altarrampe hinauf und waren gleich weit, als aber einer innerhalb der vier Ellen des anderen diesen einholte, nahm dieser ein Messer und stieß es ihm ins Herz“. Nach diesem dramatischen Ereignis setzt die Gemara ihren Bericht mit einer erstaunlichen Merkwürdigkeit fort: Da trat Rabbi Zadok auf die Stufen der Vorhalle des Tempels und sprach: „Höret, Brüder aus dem Haus Israel! Für wen haben wir nun das Sühneopfer zu bringen, für die Stadt oder für den Tempelhof?“, worauf das Volk in Weinen ausbrach. Dieser Satz enthält zwei für uns heutzutage unverständlich Punkte. Erstens war die Frage des Rabbi Zadok fehl am Platz und zeugt von einer geradezu beispiellosen Ignoranz. Das Sühneopfer bei einer Mordtat (so steht es ausdrücklich in der Tora, Deuteronomium Kap. 21) wird nur dann erbracht, wenn der Ermordete auf dem Land gefunden wurde und der Mörder unbekannt ist. Dann nämlich obliegt es der Stadt, die am nächsten zu dem Ermordeten sich befindet, das Sühneopfer zu erbringen. Zweitens ist es unverständlich, dass in diesem Augenblick weder die Priesterkollegen noch die anderen Versammelten sich um den Verwundeten kümmerten, sondern keine anderen Sorgen hatten, als über das Sühneopfer für die Mordtat zu debattieren. Die Fortsetzung dieses Berichts ist aber ein Gipfel an Merkwürdigkeit: Hierauf, kam der Vater des ermordeten Jünglings und sah, dass sein Sohn noch lebte und verkündete: „Er bewegt sich noch; das Messer ist nicht unrein geworden.“ Für den Vater des Niedergestochenen ist in diesem Augenblick wichtiger als alles andere festzustellen, ob das Messer für den rituellen Dienst rein oder unrein geworden ist. Denn wäre der Sohn bereits tot, so wäre das Messer unrein und für den rituellen Dienst (z.B. Schlachtung) nicht mehr zu gebrauchen.

Die Szene, wie sie hier beschrieben wird, fordert vom Leser eine Bewertung: Hier liegt ein Mensch mit einem Messer in seinem Herzen, er verblutet allmählich und keiner kümmert sich um ihn, nicht einmal um festzustellen, ob er noch lebt und ob man ihm noch helfen kann. Stattdessen erscheint Rabbi Zadok (wahrscheinlich aus dem hohepriesterlichen Geschlecht; der Name deutet darauf) und bringt das Volk zum Weinen mit einer Frage von ritueller Bedeutung. Selbst für den Vater des Verblutenden scheint die Frage nach der kultischen Reinheit des Schlachtgeräts zu diesem Zeitpunkt das Wichtigste gewesen zu sein. Welch eine Gesellschaft…, möchte man sich fragen. Die Gemara kommentiert dieses Ereignis mit der lapidaren Schlussfolgerung: „Dies lehrt dich, dass die Reinheit der Tempelgeräte für sie schwerer wog als das Blutvergießen.“ Diese etwas zaghafte Kritik reichte dem Midrasch – der homiletischen Überlieferung der Gelehrten – nicht aus. Er wiederholt den Bericht der Gemara und erklärt, dass das Blutvergießen, also die Missachtung des menschlichen Lebens, einer der Gründe war, weshalb Gott beschlossen hatte, den Tempel zu Zerstören (Sifri, Bamidbar 161).

Es mutet bedenklich an, wenn Menschen Gottes Willen, seine Beschlüsse und Handlungen angeben, interpretieren zu können. Es ist auch nicht anzunehmen, dass die gottesfürchtigen Gelehrten der Talmudzeit sich dies anmaßten. Was der Midrasch mit dem Hinweis auf die zerstörung des Tempels zum Ausdruck bringen wollte, ist offensichtlich. Der Tempel, der allerheiligste Ort, wo Gott sich seine Heimstätte errichten ließ, wurde in einen unheiligen Ort verwandelt. Die dort agierenden Diener Gottes und mit ihnen das ganze Volk achteten das Leben geringer als äußerliche Kultushandlungen. Das menschliche Blut zählte weniger als die Reinheit der Tempelgeräte. Was soll an diesem Tempel noch heilig gewesen sein? Konnte Gott solch einen Ort mit seiner Anwesenheit noch weihen? Konnte er die Pervertierung seiner Gebote und Satzungen noch dulden? Für die Gelehrten der Talmudzeit war die Antwort klar: der Gott Israels, der seinem Volk seine Botschaft offenbart hat, „um mit ihr zu leben“, wollte diesen Ort, den Tempel, nicht mehr haben und ließ ihn zerstören. Was nun auch immer der wahre Grund für die Zerstörung des Tempels und für die Zerstreuung Israels in alle Welt war, die Gelehrten haben dies auf ihre Weise interpretiert: das Leben ist das allerheiligste und alles andere ist zweitrangig. Sie gaben aber mit ihrer Erklärung diesen geschichtlichen Tatsachen noch einen tieferen Sinn. Der Jude musste sich durch die geschichtliche und religiöse Katastrophe nicht von Gott verlassen fühlen, er musste nur verinnerlichen, dass es für seinen Gott andere Prioritäten gab: nicht die heiligen Stätten standen an erster Stelle. Er konnte in der Diaspora im Bewusstsein leben, dass nicht der „Wohnsitz“ Gottes für seinen Glauben als Kristallisationspunkt entscheidend war, sondern dass Gott mit ihm überall dorthin zog, wohin er selbst im Laufe der Jahrhunderte wandern musste.

Es ist schon sehr erschreckend, wenn man heutzutage hört, dass es unter den orthodoxen Juden in Israel Gruppierungen gibt, die mit großem Eifer den Wiederaufbau des Tempels propagieren und zu betreiben versuchen. Sie nehmen dabei bewusst in Kauf, dass ihr Plan, sollte er je in die Tat umgesetzt werden, zu einem Blutvergießen vieler Menschen (Juden und Araber) führen würde. Soll das denn der Wille Gottes sein? Wissen diese Eiferer so genau, was Gott will? Sie und ihre Rabbiner, die ihre Intentionen billigen oder stillschweigend in Kauf nehmen, lernen gewiss den Talmud, kennen auch den Midrasch und studieren ganz besonders den Traktat Jom-Hakipurim mit den Regeln des Tempeldienstes. Haben sie denn nichts aus der Lehre der alten Weisen verstanden? Soll der Tempel zum dritten Mal zerstört werden?

„Sie wissen nichts und verstehen nichts; denn ihre Augen sind verblendet, dass sie nicht sehen, und ihre Herzen nicht verstehen.“ Jesaja 44, 18

Quelle: http://juedisches-recht.org

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