Mittelpunkt Jerusalem

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Parascha 381. Ansprache für Freitag, den 27. Mai 2011 …

Prof. Dr. Daniel Krochmalnik, Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg

Die Orthodoxe Rabbinerkonferenz Deutschlands (ORD) hat letztes Jahr die Broschüre Psalm zum Wochenabschnitt von Jizchak Ahren veröffentlicht. Darin wird nach einem alten, vergessenen jüdischen Brauch, jedem der 54 Wochenabschnitte der fünf Bücher Moses jeweils ein thematisch passender Psalm zugeordnet und am entsprechenden Schabbat aufgesagt. Nach dieser Konkordanz entspricht dem Abschnitt dieser Woche, d. i. der erste Abschnitt aus dem 4. Buch Moses, der Psalm 122. Es ist nicht schwer den gemeinsamen Nenner von Wochenabschnitt und Psalm zu finden, nämlich der Mittelpunkt des Volkes Israel – in der Wüste: das Gotteszelt (Ohel Mo’ed, Num 2, 2) und im Gelobten Land: das Gotteshaus in Jerusalem (Bet HaSchem, Ps 122, 4).

Der erste Wochenabschnitt des vierten Buches beschreibt auch die Sitz- und Marschordnung des ganzen Volkes in der Wüste: „Die Kinder Israels, heißt es, sollen nach ihren Heerscharen lagern, ein jeder in seinem Lager, ein jeder bei seiner Fahne. Die Leviten aber sollen rings um die Gesetzeswohnung lagern“ (Num 1, 53; 2, 2-3). Das Volk Israel lag demnach in zwei konzentrischen Kreisen um die Gotteswohnung (Machane Schechina): im inneren Kreis, die Priestersippen (Machane Lewia), die den Tempel und seine Geräte bedienten; im äußeren Kreis die 12 Stämme um ihre Fahnen (Machane Jisrael). An der Spitze des ganzen Zuges im Osten stand etwa der Stamm Juda mit seiner himmelblauen Löwenfahne. Diese theozentrische Ordnung wurde nach der Landnahme von der Wüste auf das Gelobte Land, sowie auf die heilige Stadt Jerusalem übertragen. In einer rabbinischen Überlieferung heißt es dazu: „Drei Lager gibt es: das ‚Lager der Israeliten’ (Machane Israel), das Lager der Leviten (Machane Lewia) und das Lager der Wohnung Gottes’ (Machane Schechina). Von den Toren bis zum Tempelberg: Lager der Israeliten, von den Toren des Tempelbergs bis zum Vorhof: Lager der Leviten, von den Toren des Vorhofs nach innen zu: Lager der Wohnung Gottes’“ (SifreNum z. St.). Für die Juden galt das Allerheiligste im Tempel als Mittelpunkt und Nabel und Grundstein der Welt (Emza HaJischuw): „So wie der Nabel (Tabur)“, sagt eine andere rabbinische Überlieferung, „in der Mitte des Menschen ist, so befindet sich das Land Israel in der Mitte der Welt, (…) und so ist auch Jerusalem in der Mitte des Landes Israel, und das Heiligtum befindet sich in der Mitte Jerusalems, und der Tempel in der Mitte des Heiligtums, und die Bundeslade mit den Gesetzestafeln in der Mitte des Tempels, und vom Grundstein vor dieser Lade ging die Gründung der ganzen Welt aus“ (TanKed 10). Wenn auch der Tempelberg in Jerusalem nicht mehr als geographischer Mittelpunkt der Welt gelten kann, wie noch auf den mittelalterlichen Weltkarten, so ist er bis heute doch einer der stärksten spirituellen Anziehungspunkte und größten politischen Streitpunkte auf der Erde geblieben. Den Menschenmagneten Jerusalem preist Psalm 122.

Dieser Psalm ist ein Pilgerlied. Jeder Israelit war nach dem mosaischen Gesetz verpflichtet, dreimal im Jahr nach Jerusalem hinaufzuziehen und seine Erstlinge im Tempel zu opfern (5M 16, 16). Psalm 122 schildert die Pilgerreise:

1Ich freute mich, als man mir sagte: ‚Zum Haus des Herrn wollen wir gehen.
2Unsere Füße standen in deinen Toren Jerusalem.
3Jerusalem, gebaut als wohl gefügte Stadt
4Wohin die Stämme hinaufsteigen, die Stämme des Herrn,
Ein Gebot für Israel, den Namen des Herrn zu preisen.
5Denn dort stehen die Richtstühle,
die Throne Davids.“ 

Der Pilger erinnert sich an seine Freude beim Aufbruchssignal (1). Die Mühen des Aufstiegs hat er schon wieder vergessen, in seiner Erinnerung steht er bereits vor dem Ziel seiner Wünsche (2). Für immer prägte sich ihm die Ansicht der hoch gebauten und dicht besiedelten Stadt ein (3) – ihre Mauern (7), ihre Gerichtshöfe (5), ihre Paläste (7) ihr Gotteshaus (9) und die aus allen Richtungen dorthin strömenden Pilgerscharen (4). Unvergesslich sind dem Mann vom Lande das Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit in der Stadt und der Eindruck von Macht und Ordnung, den die Prachtbauten ausstrahlen.

Im zweiten Teil des Psalms geht die schöne Erinnerung in gute Wünsche für die Stadt und ihre Bewohner über: 

6Erbittet den Frieden Jerusalems
 Befriedet seien, die dich lieben.
7Friede  sei in deiner Mauer
Zufriedenheit in deinen Palästen.
8Wegen meiner Brüder und Freunde
Lass mich sagen: Frieden mit dir. 
9Wegen des Gotteshauses,
Lass mich erflehen Gutes für dich“.

Ein Wunsch dominiert: Frieden! In den vier Zeilen klingt nicht weniger als fünfmal das hebräische Wort: „Frieden“, „Schalom“ an und spielt lautmalerisch auf den Stadtnamen Jeruschalajim an. Dreimal reimt der Psalmist Jeruschalajim auf „Schalom“, „Frieden“, zweimal auf „Schalah“ „befriedet leben“ und  „Schalwah“, „zufrieden leben“. Das Wortspiel: „Jeruschalajim“ – „Jehi Schalom“, „Möge Frieden sein!“ war und ist freilich ein frommer Wunsch.  Bereits in der Bibel ist von Jerusalem weit öfter als von der zu zerstörenden, der zerstörten oder der wieder aufzubauenden als von der friedlichen und sicheren Stadt die Rede. Aber gerade deshalb wurde dieses Souvenir einer Reise nach Jerusalem von alters her zum jüdischen „Ave“, zum: „Sei mir gegrüßt, du große, geheimnisvolle Stadt“ (H. Heine). Am Schabbat vor dem Jerusalem-Tag am nächsten Mittwoch wiederholen wir diesen Friedensgruß, wie an jedem Schabbat, mit besonderem Nachdruck.

Radio Schalom. Sendung des Landesverbandes der Israelitischen Kultusgemeinde in Bayern auf Bayern 2Freitag um 15:05 Uhr