Eine palästinensische Sicht: Die Revolution ist noch nicht vorbei

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Nach 14 Tagen massiven öffentlichen Protests gegen Ägyptens Regime ist es noch immer zu früh, um die Situation tiefschürfend zu analysieren. So wollen wir statt dessen einige der Fragen und Probleme berühren, die durch die Revolution –wie sie in Ägypten genannt wird– aufgeworfen sind und überwunden werden sollten…

Von Ghassan Khatib

Zunächst, für viele von uns sollten diese Entwicklungen keine Überraschung sein. Tatsächlich sollte es überraschen, daß es erst nach so vielen Jahren geschieht. Während die Wirtschaft und alarmierende Arbeitslosenzahlen sowie Armut als hauptsächliche Auslöser benannt werden, sollte auch nicht der Mix der sich verschlechternden Position Ägyptens und die Abwesenheit von Würde, in der sich Ägypter im allgemeinen wie individuell wiederfinden, nicht übergangen werden. Zusätzlich wurde eine beispiellose Korruption von den Protestierenden als Begründung für ihre Forderungen erhoben.

Diese Entwicklungen in Ägypten, die ähnlichen in Tunesien folgten, haben die Aufmerksamkeit der ganzen Welt auf sich gezogen. Viele westliche Länder reagierten zögerlich, ausweichend und unklar.

Einerseits war Ägypten ein verläßlicher Verbündeter der USA und der westlichen Länder, speziell in den zwei vordringlichen Gebieten der Beziehungen zu Israel und dem Kampf gegen den Terrorismus. Jedoch andererseits sollten diese westlichen Staaten die Forderungen der Öffentlichkeit für Demokratie, Reformen und den Kampf gegen die Korruption unterstützen, in Ägypten und dem Rest der arabischen Welt.

Israel reagierte unmißverständlich auf diese Ereignisse und äußerte sich besorgt zu möglichen Veränderungen von Ägyptens Haltung gegenüber Israel und dem arabisch-israelischen Konflikt.

Andererseits hat die ägyptische Bewegung weltweite öffentliche Unterstützung und Begeisterung erfahren (in anderen arabischen Ländern ist das aus offensichtlichen Gründen nicht immer einfach).

Einer der kritischen Punkte, die in der Diskussion um die möglichen Konsequenzen dieser Entwicklungen erhoben wurden, ist die Stellung und die Rolle der politisch-islamischen Bewegung in Ägypten und im Rest der arabischen Welt. Bislang erscheint es, daß eine neue Ära einsetzen wird, wo Islamisten in das politische System miteingebunden sind. Dies könnte eine einmalige Gelegenheit für alle Betroffenen sein.

Traditionell hat die Regierung die Bedrohung islamistischer Kontrolle als Ausrede angeführt, um die eigenen Positionen und Verhaltensnormen zu begründen. Es ist aber auch sinnvoll sich zu erinnern, daß es zwei Denk-Schulen unter den islamischen Bewegungen der Region gibt: die eine geht absolut mit dem demokratischen Prozeß einher, die andere ist weniger deutlich, hält sich aber doch die Tür offen, um das Regime in ein islamistisches zu wandeln. Es ist Zeit für die islamische Bewegung sein Engagement für den demokratischen Prozeß sehr deutlich zu machen.

Soweit wie die palästinensische Angelegenheit berührt wird, sind keine großen Veränderungen zu erwarten. Von den Ägyptern in ihrem ganzen politischen Spektrum  ist zu erwarten, daß sie sich weiter engagieren für den Kampf der Palästinenser um ihre Unabhängigkeit und das Ende der Besatzung.

Bedeutender und der Unterstützung von allen Beteiligten wert, ist es, daß dies ein erster Versuch für einen friedvollen sozialen und politischen Wandel in der arabischen Welt sein könnte. Seit dem Ende der Kolonisierung der arabischen Welt Mitte des vergangenen Jahrhunderts geschah hier politischer Wandel durch militärisches coup d’etat, ohne Rücksicht auf die Menschen und oft durch Gewalt. Die Möglichkeit dramatischen Wandels durch friedliche Mittel und durch öffentliche Bewegungen ist ein neues, positives Phänomen, das von jedem unterstützt werden sollte, besonders, da es zu einem neuen politischen System führen kann, gestützt von echter Teilnahme, welche eine Vorbedingung für gute Regierungsgewalt der Art ist, die soziale und wirtschaftliche Entwicklung ermöglicht, nach der die Menschen der Region schon so lange strebten. © bitterlemons.org

Ghassan Khatib ist Mitherausgeber der bitterlemons Gruppe family of internet publications‘ und Direktor des ‚Government Media Center‘. Dieser Artikel spiegelt seine persönliche Sicht.
Übersetzung: A.mOr