Hadera – Die unbekannte Schwester

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Eindrücke aus der israelischen Partnerstadt Nürnbergs…

Von Jim G. Tobias

Zu Hadera fällt mir nichts ein. Auch die meisten Reiseführer widmen der Stadt am Mittelmeer bestenfalls nur einige Zeilen. Zwar verfügt Hadera über einen kilometerlangen Strand, doch fehlt die nötige touristische Infrastruktur. Unterkünfte, Freizeitangebote und Sehenswürdigkeiten gibt es nur im nahegelegenen Netanja oder Caesarea.

Die israelische Kleinstadt, etwa 40 Kilometer nördlich von Tel Aviv gelegen, ist seit 25 Jahren mit Nürnberg freundschaftlich verbunden. Als ich Hadera im Frühjahr 1989 erstmals besuchte, war ich schon neugierig, warum ausgerechnet diese unscheinbare Kommune nun zum erlesenen Kreis der Nürnberger Partnerstädte gehören sollte. Auf dem Weg nach Norden musste ich in Hadera umsteigen. Der triste Busbahnhof machte wenig Lust auf eine Erkundungsreise. Doch da ich Zeit hatte, entschloss ich mich für eine Nacht in der Stadt zu verweilen. Diese Entscheidung musste ich allerdings umgehend revidieren. In Hadera gab es kein Hotel. So nahm ich den nächsten Bus und es sollten viele Jahre vergehen, bis ich der Stadt einen erneuten Besuch abstattete.

Mittlerweile sind über zwanzig Jahre verstrichen. Viel hat sich in Hadera nicht verändert. Immer noch dominieren die gewaltigen Kamine des unweit gelegenen monumentalen Kraftwerkes „Orot Rabin Power Site“ die Landschaft. Im flächenmäßig kleinen Israel gibt es kaum Möglichkeiten, Industrie und Wohngebiete zu separieren. Durch beständige Einwanderung wächst die Bevölkerung des Judenstaates konstant. Auch in Hadera sind neue Wohngebiete entstanden. Knapp 80.000 Bewohner leben nun hier. Die meisten stammen aus Äthiopien oder den ehemaligen Sowjetrepubliken. Die Stadt entwickelte sich zum multikulturellen Schmelztiegel.


Äthiopische Einwanderin in Hadera

Für die Verwaltung bringt die enorme Zuwanderung gleichwohl eine Menge Probleme mit sich. Die Immigranten benötigen Wohnungen und Arbeitsplätze. Keiner der Neubürger spricht die Landessprache Hebräisch. Mit staatlicher Unterstützung ist Hadera allerdings in der Lage, den Einwanderern eine Umschulung oder Weiterbildung zu offerieren. Neben der Landwirtschaft werden Arbeitsplätze in der Industrie sowie im größten Kohlekraftwerk des Landes angeboten.

Das Leben auf den Straßen von Hadera gleicht einem bunten und hektischen Jahrmarkt. Die zahlreichen Garküchen und Imbissstände bieten ihre frischen und schmackhaften Leckereien an. Der Wochenmarkt braucht den Vergleich mit einem arabischen Bazar nicht zu scheuen. Das Angebot reicht von exotischen Früchten bis zu seltenen Gewürzmischungen. Wer etwas Ruhe sucht, findet diese bei den zahlreichen Schach- oder Domino Spielern, die überall auf den Plätzen und in den Parks ihrer Leidenschaft frönen. Dieses Metier ist fest in der Hand russischer Immigranten. Mit stoischer Ruhe wird eine Partie nach der anderen gespielt. Erst bei Einbruch der Dunkelheit werden die Bretter und Steine zusammengepackt.

Mit der starken Zuwanderung aus der ehemaligen Sowjetunion scheint sich der Kreis in Haderas Geschichte zu schließen. Die Gründerväter der Stadt waren ebenfalls Einwanderer aus Russland. Bereits 1891 ließen sich die ersten Siedler in „Al Hudara“ nieder. Der aus dem arabischen entlehnte Name der Stadt bedeutet „grüner Ort“. Diese Bezeichnung stand allerdings nicht für einen fruchtbaren Landstrich, sondern charakterisierte die sumpfige und moskitoverseuchte Gegend um das heutige Hadera.


Russische Einwanderer beim Dominospiel

Die Halbmillionenstadt Nürnberg und Hadera haben kaum Gemeinsamkeiten. Allein die unterschiedliche Größe der Kommunen macht deutlich, dass die beiden Städte höchst ungleiche Geschwister sind. Auch das Alltagsleben der Einwohner unterscheidet sich grundlegend. In Hadera ist die angespannte Sicherheitslage, in der sich Israel seit der Staatsgründung befindet, auch nach über 60 Jahren immer spürbar. Die Nürnberger genießen dagegen seit über einem halben Jahrhundert Frieden und Wohlstand. Aber es gibt einen Anknüpfungspunkt zwischen den Partnerstädten. Die „Straße der Menschenrechte“ gemahnt die Nürnberger an das dunkelste Kapitel ihrer Geschichte. Das „Yad Lebanim Memorial“ in Hadera erinnert an den seit Jahrzehnten andauernden Überlebenskampf des Judenstaates und seiner Gefallenen. Beide Monumente konzipierte der israelische Künstler Dani Karavan.


„Yad Lebanim Memorial“ in Hadera. Das Denkmal für die gefallenen Soldaten konzipierte der israelische Künstler Dani Karavan

Mit der Verabschiedung der „Rassegesetze“ wurde 1935 in Nürnberg die Vernichtung des europäischen Judentums vorbereitet. Seit Jahrzehnten bemüht sich die ehemalige Stadt der Reichsparteitage ihr Negativ-Image abzustreifen. Die Aufnahme freundschaftlicher Beziehungen zu Hadera ist Zeugnis für die Bemühungen der Nürnberger, sich der Vergangenheit zu stellen. Ob Nürnberg nun mit Hadera oder einer beliebigen anderen israelischen Stadt eine Partnerschaft pflegt, ist im Grunde unwichtig. Es wollte sich keine andere Kommune in Israel mit Nürnberg verschwistern. Deshalb ist die Freundschaft mit Hadera besonders bedeutend und kostbar.

Fotos: © jgt-archiv

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