Das geheime Deutschland im Exil?

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„Feierlich sein ist alles! Sei dumm wie ein Thunfisch, temperamentlos wie eine Qualle, stier besessen wie ein narkotisierter Frosch, aber sei feierlich, und du wirst plötzlich Leute um dich sehen, die vor Bewunderung nicht mehr mäh sagen können“, witzelte Otto Julius Bierbaum einst über die Verehrung Stefan Georges…

Von Ramona Ambs

Doch all diesen Spötteleien zum Trotz entwickelte sich der Kreis um den Dichter George zu einem einflußreichen literarischen Zirkel. George, der von seinen Anhängern stets als „Meister“ angesprochen wurde, sammelte immer neue, jüngere Anhänger um sich, die er nach eigenen Vorstellungen „bildete“. Die Mitglieder dieses Bundes wurden nach 1933 sowohl stramme Nazis als auch Regimegegner. George selbst, der von den Nazis zunächst hofiert wurde, entzog sich deren Vereinnahmung bis zu seinem Tod im Dezember1933.

Viele Mythen ranken sich um George und seinen Kreis. Bis heute wird beispielsweise gerätselt, ob Graf von Stauffenberg, der zu Georges Jüngern zählte, vor seinem Tod das heillige oder das geheime Deutschland – letzteres die Losung des Geoorge-Kreises – anrief. Ein Großteil der Gruppe musste nach 1933 wegen seiner jüdischer Herkunft emigrieren. So beispielsweise auch Karl Wolfskehl, der den Begriff des „geheimen Deutschlands“ geprägt hatte. Wolfskehl, selbst Dichter und Übersetzer, war ein früher Weggefährte Georges. Gemeinsam mit ihm gab er die „Blätter für die Kunst“ heraus.

Wolfskehl war denn auch Thema gleich mehrerer Referate, die am Freitag und Samstag im Rahmen des Symposiums „Das geheime Deutschland im Exil?“ in Heidelberg gehalten wurden, das vom dai (deutsch-amerikanischen Institut) organisiert und dank großzügiger Unterstützung der Manfred-Lautenschläger-Stiftung überhaupt erst möglch gemacht wurde.

Zum Eröffnungsvortrag kam Prof. Dr. Ulrich Raulff, Direktor des Deutschen Literaturarchivs in Marbach am Neckar und berichtete vom George-Jünger Ernst Kantorowicz in Deutschland zwischen 1933 und 1938. Prof. Carola Groppe aus Hamburg zeichnete die Idenditätsbildung insbesondere der jüdischen Mitglieder des George-Kreises nach. Dass auch hier Karl Wolfskehl derjenige war, welcher sich am intensivsten mit der Frage seiner jüdischen Identität auseinandersetzte, war schnell deutlich.

Der Frankfurter Erziehungswissenschaftler Prof. Micha Brumlik referierte ausführlicher über Wolfskehls Selbstverständnis, als Darmstädter, als Zionist und Abendländer: „Mein Judentum und mein Deutschtum, ja mein Hessentum – das sind keine biologischen Antagonismen, es sind Ströme einander befruchtenden Lebens“ zitierte er Wolfskehl Einschätzung nach Hitlers Machtergreifung. Rabbinerin Elisa Klapheck zeichnete Wolfskehls kurze Liebesbeziehung mit Margarete Susman nach und stellte dabei heraus, welche Rolle die neue Schicksalgemeinschaft dabei spielte. Besonders intressant dabei waren die Ausführungen über die talmudischen Metaphern, mit denen sich Susman auseinandersetzte und mit deren Interpretation sie die jüdische Religion auch als politischen Widerstand verstanden haben wollte. Susman selbst war von George akzeptiert worden, wurde jedoch im George-Kreis nie heimisch. Dr. Friedrich Voit von der University of Auckland stellte die verschiedenen Varianten von Wolfskehls Gedicht „An die Deutschen“ vor, anhand dessen Wolfskehls Ringen um sein eigenes Deutschtum überdeutlich wurde. „Wo ich bin, ist deutscher Geist“ begann einst Wolfskehls Gedicht, das nach all dem Erlebten, der Ausgrenzung, der Emmigration zum „Abgesang“ wird.

Über einen anderen George-Anhänger, Wolfgang Frommel , dem „Meister mit eigenem Kreis“ erzählte, mit dem sichtlich größten Spaß am eigenen Referat, Thomas Karlauf. Anhand diverser „Beweisstücke“, die er teilweise mühsam aus dem Frommel-Archiv zusammengesucht hatte, zeigte er, weshalb Frommel, der sich stets als legitimer Nachfolger von George dargestellt habe, dem „Meister“ selbst wohl nie begegnet war. Dabei sparte er auch nicht mit amüsanten Anekdoten, die sich allesamt in Heidelberg abspielten. So erfuhr man beispielsweise von Frommels erfolglosem Versuch, durch ein Küchenfenster in das Haus einzudringen, wo George sich aufhielt. Karlauf selbst war viele Jahre Verlagslektor und Redakteur der George gewidmeten Zeitschrift „Castrum Peregrini“, die, benannt nach einer uneinehmbaren Festung in Haifa/Israel, aus Frommels Zeit in der Amsterdamer Heerengracht stammt. Frommel hatte dort zwischen 1942 – 1945 jüdische Jugendliche versteckt und mit diesen gemeinsam versucht das „geheime Deutschland“ fortzuführen. Das gemeinsame Rezipieren von deutschen Gedichten war ein Versuch, das wahre, aber „geheime Deutschland“ gegen die Realität des deutschen braunen Mobs auf der Straße zu verteidigen. Karlauf beschrieb, dass Frommel wegen seiner Beziehung zu Percy Gothein nie wirklich eine Chance bei dem „Meister“ gehabt habe, weil dieser stark eifersüchtig gewesen sei.

An Karlaufs Ausführungen schloss sich denn auch eine spannende Debatte an, die sich um die Frage drehte, ob es George letztendlich nur um homopädophile Erotik ging. „Glauben Sie denn wirklich George habe sich bei Platon für die Ideengeschichte intressiert? Da ging es doch eher um die Atmosphäre mit den schönen jungen Knaben“, so Karlauf. Dem Leiter des dai, Jakob Köllhofer ist es zu verdanken, dass die Debatten jedoch ruhig und sachorientiert verliefen. Dazu trugen sowohl seine Einführung als auch seine salomonische Moderation bei. Köllhofer dankte in seiner Abschlussrede auch nochmal ganz besonders der Manfred Lautenschläger-Stiftung für deren großzügige Unterstützung. Nur so war es möglich all die Referenten zu bekomen, die diese Tagung zu dem gemacht hatten, was sie war: eine vielfältige Stimmensammlung rund um den George-Kreis im Exil. Man kann nun nur noch hoffen, dass die Symposiumsbeiträge bald in einem Buch zusammengestellt werden, damit die Ergebnisse der Tagung auch nachhaltig einem breiteren Publikum zugänglich gemacht werden können.

4 Kommentare

  1. Wolfskehl war denn auch Thema gleich mehrerer Referate, die am Freitag und Samstag im Rahmen des Symposiums „Das geheime Deutschland im Exil?“ in Heidelberg gehalten wurden…
     
    Leider eine Persönlichkeit, die nur wenige in Deutschland, bes. in Bayern (wo er immerhin mehr als 35 Jahre lebte!) kennen. Mag sein, dass mit Wolfskehls literarischem Werk nicht viele etwas anfangen können, seine Vita verdient unsere Beachtung.
     
    Als wichtig erscheint mir zunächst die Feststellung, dass trotz der Nähe zu George, die Weltauffassung beider als gegensätzlich zu bezeichnen ist.
    Wolfskehl, der „Zeus von Schwabing“ (Franziska von Reventlow), stand, bes. in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, mit einem Großteil der damaligen deutschsprachigen Geisteselite in Verbindung, wie Briefwechsel mit Else Lasker-Schüler, Ricarda Huch, Rudolf Pannwitz, Oskar Spengler, Margarete Susmann, Oskar A. H. Schmitz, Walter Benjamin, Albert Schweitzer, Max Weber, Lujo Brentano, Georg Simmel, Martin Buber, Leo Baeck, Melchior Lechter, Alfred Kubin, Sonja Delaunay, Franz Marc, Wassilij Kandinsky, Gabriele Münter etc. belegen.
    Wolfskehl war ein Bibliophiler durch und durch. Seine Sammlung an Büchern, es wird von 12 000 Exemplaren berichtet, enthielt extreme Raritäten und Sammlerstücke erster Güte. Später musste der Denker und Literat sie verkaufen um von einer minimalen Rente, aus dem Erlös der Bücher seine letzten kargen Jahre zu verbringen.
    Interessant ist die Stellung Wolfskehls, des so assimilierten und manchmal geradezu extrem deutsch empfindenden Juden, der Vater galt in der Darmstädter bürgerlichen Gesellschaft als beispielhaft integriert, seine Stiefmutter war Protestantin, seine Haltung zum Judentum und zum Zionismus.
    „Meine Stellung zum Judentum, mein Bekenntnis zur Jüdischen Idee, zur Jüdischen Wirklichkeit ist so alt wie ich selbst“; „Viel Lärm darin ((Zionismus)), Selbstgefälligkeit, Phrase und doch die Stimme der Tiefe… Ob ich freilich dazu bin die Stimme zu reineren Tönen zu bringen, ob ich das soll, ob ichs kann?“
    lauten zwei seiner überlieferten Zitate. Artikel und Beiträge von Wolfskehl erschienen u.a. in der Jüdischen Rundschau, er hielt Vorträge an der Jüdischen Kultusgemeinde München, er schrieb die Einleitung zum Sammelband „Vom Judentum“ von Martin Buber und Hans Kahn, er beriet, als hervorragender Germanist und Kenner der deutschen Sprache war er wohl hierfür ein geeigneter Spezialist, Buber und Rosenzweig bei ihrer Bibelübersetzung und schließlich stand er mit Theodor Herzl auf vertrautem Fuße. 1897 initiierte Wolfskehl die Gründung einer zionistischen Ortsgruppe München mit und er wirkte sechs Jahre später als Berichterstatter beim sogenannten „Uganda-Kongreß“ (zu vorgesehener Judenstaatsgründing in Kenia).
    Unglaublich traurig gestalteten sich Wolfskehls letzte Jahre in der Schweiz, in Italien und schließlich in Neuseeland. Obwohl inzwischen erblindet, verfolgte er nach Kriegsende die Vorgänge (u.a. in Sachen „Wiedergutmachung“) in der alten Heimat mit großer Aufmerksamkeit und kommentierte sie bitter. Selbst wenn er in seinen letzten Jahren den Wunsch äußerte, in Europa sterben zu wollen, blieben seine Aversionen gegenüber dem alten Kontinent beträchtlich und wer Wolfskehls Biografie einigermaßen erfasst hat, kann nicht umhin ihn zu verstehen.
     

  2. Danke, Ramona, für diesen interessanten Beitrag.
     
    Ãœber Stefan Georges ‚Affinität‘ zum  Nationalsozialismus hat Klaus Mann, der Sohn von Thomas Mann, in einem Nachruf 1934 angemerkt:
    Hier ist alles schon da, ausgeführt mit einem Glanz und einer Reinheit, vor der die Größen von Goebbels Gnaden schweigend in die Knie brechen müßten: der Führergedanke in seiner radikalen Pointierung; der Kult des heroischen Jünglings; die Verherrlichung der Zucht, des heldischen Todes„.
     
    Höchstselbst hatte der bis in die Gegenwart in gewissen Kreisen hoch verehrte ‚teutsche‘ Dichterfürst einst geäußert:
    Die Ahnherrschaft der neuen nationalen Bewegung leugne ich durchaus nicht ab und schiebe auch meine geistige Mitwirkung nicht beiseite. Was ich dafür tun konnte, habe ich getan.“
     
    Wahrhaft schade, dass es George nicht mehr vergönnt war, den Scherbenhaufen von 1945 selbst mitzuerleben und sich rechtfertigen zu müssen, wirklich ein Jammer.
    (Lit.: Ernst Klee, Das Kulturlexikon zum Dritten Reich und Nicole Schaenzler, Klaus Mann)

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