Einige Fragen an die Palästinenser

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Ich weiß nicht, ob es passend und richtig war, im Rahmen der Friedensverhandlungen von den Palästinensern zu fordern, Israel als den jüdischen Nationalstaat anzuerkennen. Aber da die Frage nun einmal aufgeworfen worden ist, kann man die entschieden und ausdrücklich negative Reaktion der palästinensischen Führung, von Mahmoud Abbas und Saeb Erekat, sowie der Arabischen Liga nicht ignorieren…

Von Shlomo Avineri

Da die Wurzel des Konflikts in der arabischen Nichtbereitschaft liegt, das Selbstbestimmungsrecht des jüdischen Volkes und überhaupt die Existenz eines jüdischen Volkes zu akzeptieren, ist klar, dass hier ein nicht einfaches Problem vorliegt.

Wenn die palästinensische Seite Fragen aufwirft, die das Wesen des jüdischen Selbstbestimmungsrechts berühren, darf man vielleicht auch der palästinensischen Seite einige Fragen stellen – so schwer und kompliziert sie auch sein mögen. Damit es keine Missverständnisse gibt: So wie die jüdische Selbstbestimmung Sache der Juden ist, ist die palästinensische Selbstbestimmung Sache der Palästinenser, und nicht der Juden. Aber Juden dürfen in diesem Zusammenhang doch einige Fragen stellen.

Die erste Frage geht an die Verhandlungsführer der Palästinenser. Ich hoffe, dass trotz aller Hindernisse am Ende ein unabhängiger palästinensischer Staate an der Seite des Staates Israel entstehen wird. Aber da der Begriff „Palästina“ im arabischen Bewusstsein das gesamte Gebiet zwischen dem Mittelmeer und dem Jordan umfasst und nicht lediglich das Westjordanland und den Gaza-Streifen, ist den führenden Köpfen des zukünftigen palästinensischen Staates die Frage zu stellen, ob ihnen klar ist, dass das Territorium Israels nicht Teil von Palästina sein wird – und auch nicht als solches im palästinensischen Narrativ und in Schulbüchern dargestellt wird.

So wie die meisten jüdischen Bürger Israels klar zwischen dem „Staat Israel“ und dem „Land Israel“ unterscheiden, muss auch – ihnen und uns – klar sein, dass Akko und Haifa und Yafo und Ramle und Be’er Sheva nicht Teil von Palästina sind.

Dies ist eine komplizierte Angelegenheit, aber wenn die Palästinenser in ihrem unabhängigen Staat das Territorium des Staates Israel weiter als „besetzte Gebiete“ betrachten, die zur palästinensischen Heimat gehören, wird dies den gegenseitigen Versöhnungsprozess bestimmt nicht erleichtern.

Eine zweite Frage richtet sich an die arabischen Bürger Israels: Ein Teil ihrer politischen Führung zieht es vor, sich selbst als „Palästinenser israelischer Staatsbürgerschaft“ zu bezeichnen, was selbstverständlich ihr gutes Recht ist. Aber man kann nicht darüber hinwegsehen, dass diese Selbstdefinition mit der Gründung eines unabhängigen Palästinas problematisch wird.

Bedeutet diese Definition, dass sie Palästina – das dann bereits ein unabhängiger Staat sein wird – als ihren Staat und ihre Heimat betrachten? Bedeutet das gleichzeitig, dass sie letztlich ihre Wohnorte – Galiläa, das ‚Dreieck‘, Akko, Haifa, Yafo – als Teil Palästinas betrachten, das bereits ein Staatswesen sein wird und nicht nur ein geographischer Raum?

In der modernen und liberalen Welt kann es selbstverständlich multiple Identitäten geben (wer wüsste das besser als die Juden), aber die Sache ist doch alles andere als einfach. In einer von historischen Spannungen geladenen Atmosphäre könnten einige Klarstellungen die Stellung der israelischen Araber als gleichberechtigte Bürger unterstützen – eine Herausforderung, die nach Gründung eines unabhängigen Palästinas noch dringlicher für Israel wird; werden doch alle möglichen sicherheitsfixierten israelischen Ausreden nicht mehr dasselbe Gewicht und dieselbe Gültigkeit haben wie zuvor.

Es sind dies schwierige Fragen; und sie überhaupt zu stellen, könnte als Versuch der Verhandlungsbehinderung betrachtet werden. Aber ich bin überzeugt, dass das Gegenteil wahr ist: Gerade wer wie ich die Lösung von zwei Staaten für zwei Völker unterstützt und die volle rechtliche Gleichstellung der israelischen Araber will, sollte, ja muss sie stellen.

Haaretz, 05.10.10, Shlomo Avineri ist Emeritus für Politische Wissenschaften an der Hebräischen Universität Jerusalem.

11 Kommentare

  1. Interessant ist doch immer wieder, dass von arabischer/palästinensischer Seite abgelehnt wird, dass sich Israel als jüdischer Staat definiert. Gleichzeitig nehmen aber insbesondere die muslimischen Araber/Paläst. für sich in Anspruch, ihre Staaten als „islamischen Staat“ oder „islamische Republik“ nicht nur zu definieren, sondern gar in die offizielle Staatsbezeichnung, wie z.B. „Islamische Republik Iran“, aufzunehmen. Dabei ist nicht auszuschließen, dass es ganz schnell nach der offiziellen und international anerkannten Gründung eines palästinensischen Staates (die Ausrufung von 1988 wurde nicht umgesetzt!) zu einer (Selbst-)Bezeichnung „Islamische Republik Palästina“ kommen wird. Was wieder einmal unter Beweis stellen würde, das Muslime nur die eigene Vorherrshaft akzeptieren – und wollen -, aber keine Religionsfreiheit, geschweige denn gleiches Recht für Alle.

    Diese ganze Verhaltens- und Verhandlungsweise läuft ganz nach dem Schema ab, „ich habe immer Recht, Du aber nur, wenn Du meiner Meinung bist“. – Und das ist ja wohl absoluter Unsinn, aber leider Realität.

    Immer wieder, insbesondere wenn es um Israel geht, wird gerne mit zweierlei Maß gemessen – zu Ungunsten Israels, der Juden, …aber auch weltweit verfolgten rund 100 Millionen Christen. – Doch das wollen die Verblendeten, die nur ihrer Ãœberzeugung „nur ich habe Recht“ folgen, weder hören noch anerkennen.

    Ich mag den Islam nicht, wie ich auch bestimmte christliche oder jüdische Gruppierungen oder auch Atheisten nicht mag. Doch ich respektiere Jeden, der seinem individuellen (Un-)Glauben folgt, ihn friedlich praktiziert und niemanden – auch nicht mit Worten – zwingen will, seinen Glauben anzunehmen. – Jeder Zwang zu einer Religion ist für mich der Beweis dafür, dass diese Religion nicht die wahre Religion, nicht der wahre Glaube sein kann.

    Doch gerade dieser religiöse Zwang, der Versuch, die Dominanz einer bestimmten Religion – nicht nur – in einer Region durchzusetzen, ist einer der Gründe für den andauernden Nahostkonflikt. Doch ist es leider – z.B. in Deutschland – nicht opportun, diese Wahrheit auszusprechen. Doch ohne dass Wahrheiten angesprochen werden, wird es niemals wahren und dauerhaften Frieden in dieser Welt geben.

    • @Hildebrand,
      ich weiß es nicht hundertpro, aber kann mir ehrlich gesagt nicht vorstellen, dass sich der 1988 von der PLO proklamierte Staat Palästina als islamisch definiert. Arabisch, ja, aber das umfasst auch arabische Christen und Juden.
      Richtig ist, dass die Hamas andere Vorstellungen hat, aber das sind genau die Knackpunkte, weswegen sie nicht Mitglied der säkularen PLO ist.

      • Hallo Gutmensch,

        Der seinerzeit 1988 ausgerufene Paläsinenserstaat machte keinen Anspruch geltend, ein islamischer Staat zu sein. Daher auch meine Formulierung „..nicht auszuschließen, dass es … zu einer (Selbst-)Bezeichnung “Islamische Republik Palästina” kommen wird“.

        Niemand kann vorhersagen, was wirklich kommen wird. Jedoch liegt die Umsetzung der von mir dargestellten Möglichkeiten im Rahmen einer hohen Wahrscheinlichkeit, – jedoch nicht der Gewissheit. Sowohl ein arabischer (z.B. säkularer) als auch ein islamischer Staat bietet auch heute die Möglichkeit, das Christen oder Juden dort leben. Allerdings sieht es so aus, dass nicht nur Juden, sondern auch rund 100 Millionen (!) Christen weltweit verfolgt werden, vor allem in islamischen, aber auch in Staaten mit anderen vorherrschenden Religionen. – Der Islam sieht in seiner wortwörtlichen – und auch interpretierten – Auslegung vor, dass nur Muslime gleiche Rechte geniessen. Dies nur als Beispiel.

        Das Problem Hamas ist auch nicht wirklich einfach und pauschal darzustellen. Einerseits ist sie stark islamisch bis islamistisch geprägt, andererseits verfolgt sie selber islamistische Extremisten im Gaza-Streifen – die nicht zur Hamas gehören, oder einen unerwünschten Zweig der Hamas repräsentieren. Diese Uneinigkeit im Lager der Palästinenser, der Extremisten und Terroristen im Gaza-Streifen macht die Situation und eine mögliche Entwicklung hin zu einem Frieden ja so besonders schwer.

        Die PLO hat über Jahre und Jahrzehnte eine Entwicklung von Terroristen zu einem akzeptierten Verhandlungspartner durchgemacht. Gäbe es die Hamas – und andere extremistische Gruppen – nicht, wäre ein Friedensvertrag entweder schon unterzeichnet worden, oder würde kurz vor der Unterzeichnung stehen.

        Auf der israelischen Seite gibt es Politiker, die auf ihre Weise eine Wandlung durchgemacht haben, …von Hardliner-Falken zu Friedens-Tauben, wie z.B. Ariel Sharon, Benjamin Netanyahu oder auch Shimon Peres. Wenn auch die jüdischen Siedler im Westjordanland nicht direkt mit palästinensischen Terroristen vergleichbar sind, – abgesehen davon, dass es auch dort solche gibt, wie z.B. die Moschee-Brandstifter -, so sind doch auch sie – zumindest die Extremisten unter ihnen – Friedenshindernisse!

        Ich denke, es wäre shon einmal hilfreich, auch bei den Siedlern zu unterscheiden, und diese Unterschiede darzustellen, um leichter und nachhaltiger eine dauerhafte Lösung zu finden, die ich absolut für möglich und auch praktisch umsetzbar halte. – Es kann mir niemand erzählen, dass es keine Lösung ohne Gewalt gibt.

  2. @Michael Perleberger, sorry, aber die Zweistaatenlösung setzt voraus, dass alle jüdischen Siedlungen in der Westbank aufgelöst werden. Rückzug Israels hinter die Grüne Linie heißt das. Es wird keinen Staat Palästina geben, in dem diese jüdischen Siedlungen fortexistieren.

    • @Gutmensch… das ist eben mein Punkt… lasst uns von Dogmen wegrücken. Genauso wie nach dem Teilungsplan der UN in 1947 die Palästinenser sich als israelische Staatsbürger auch ohne Friedensvertrag naturalisieren konnten, spricht nichts dagegen, dass in einem künftigen Friedensplan die lokale Bevölkerung – die Juden in diesem Fall – sich freiwillig zu palästinensische Staatsbürger naturalisieren, auch wenn der Staat Israel diese Gebiete abtritt. Oder muss Palästina à tout prix judenrein werden?
      Der politisch-rechtlich sauberer Schritt wäre im übrigen zuerst die Gebiete an den früheren Machthabern* Jordanien und Ägypten zurückzugeben, die dann die Übergabe an die Palästinenser machen sollten.
      * Jordanien hielt bekanntlich die zur Diskussion stehende Westbank von 1948 bis 1967 illegal besetzt, ohne dass irgend ein Hahn danach schrie.

  3. Herr Avineri vermischt hier einiges auf nicht ganz koschere Art und Weise.

    Zum einen, sagt er, es ist Sache der Israelis und nicht anderer, zu definieren, was für einen Staat sie haben.

    Recht hat er.

    Deshalb ist es völlig überflüssig, von den Palästinensern zu verlangen, den Charakter dieses Staates anzuerkennen. Es ist völlig ausreichend ihn anzuerkennen (und es wäre umgekehrt völlig ausreichend Palästina anzuerkennen).

    Nun wechselt er auf einmal die Perspektive und behauptet: ‚Wenn die Palästinenser Fragen aufwerfen, die das jüdische Selbstbestimmungsrecht berühren..‘ dann hat er sich hier eines rethorischen Taschenspielertricks bedient. Es sind nicht die Palästinenser, die dieses aufwerfen, sondern die Israelis und die Palästinenser weigern sich darauf einzugehen, und zwar mit der klaren Begründung, dass dies eine Einmischung in die inneren Angelegenheiten Israels ist, sicher nicht nur die der Juden, sondern auch die der muslimischen Israelis und diese Zurückhaltung ist völlig legitim.

    Weiterhin beschwert er sich, dass es in der Knesset muslimische Mitglieder gibt, die sagen, dass sie Palästinenser mit israelischer Staatsbürgerschaft sind.

    Es ist bekannt, dass die Wahrnehmung der Interessen der muslimischen Minderheit in Israel auf nicht unerheblichen Widerstand der jüdischen Mehrheitsgesellschaft stößt, Z.Bsp. können Muslime in weiten Teilen Israel kein Land erwerben, weil man es dulded, dass ein ‚jüdischer Nationalfond‘ ein Großteil des Landes exklusiv für Juden verwaltet.

    Auch vom Militärdienst und damit von vielen gesellschaftlich attraktiven Perspektiven, die sich daran knüpfen, sind die Muslime ausgeschlossen.

    Wie sollten sie da nicht ihre eigenen Identität, als geborene Palästinenser, wahren?

    “So wie die meisten jüdischen Bürger Israels klar zwischen dem „Staat Israel“ und dem „Land Israel“ unterscheiden, muss auch – ihnen und uns – klar sein, dass Akko und Haifa und Yafo und Ramle und Be’er Sheva nicht Teil von Palästina sind.“

    Das gleiche sollte er auch den Muslimen, den Palästinensern zugestehen.

    “Aber da der Begriff „Palästina“ im arabischen Bewusstsein das gesamte Gebiet zwischen dem Mittelmeer und dem Jordan umfasst und nicht lediglich das Westjordanland und den Gaza-Streifen, ist den führenden Köpfen des zukünftigen palästinensischen Staates die Frage zu stellen, ob ihnen klar ist, dass das Territorium Israels nicht Teil von Palästina sein wird – und auch nicht als solches im palästinensischen Narrativ und in Schulbüchern dargestellt wird.“

    Es ist gar keine Frage, dass eine völkerrechtliche gegenseitige Anerkennung Fakten schafft,  die Konsequenzen, Rechte und Pflichten für beide Seiten beinhaltet.

    Wenn z.Bsp. die Hamas darüber nachdenkt, (wie geschehen) Palästina jenseits der Grünen Linie zu akzeptieren, und damit die verschrieenen Teile der Hamas Charta ad acta legt, so hat dies selbst dann völkerrechtliche Konsequenze, wenn sie Israel nicht anerkennt, da für Palästina das gleiche gilt wie für Israel – Landgewinn durch Krieg ist verboten.

    All diese Fragen sind hypothetischer Natur und wenn mans recht betrachtet eigentlich überflüssig.

    Wenn man ganz konkret wird, kann man aber sehen, dass Israel nicht in Wort, sondern vielmehr in der Tat das ganze Palästina, ausschließlich des Gaza-Streifens (und auch das ist noch nicht sicher) für sich beansprucht und schon voreilig fast die ganze West-Bank mit jüdischen Siedlungen überzogen hat.

    Der Artikel ist sicher gut gemeint, aber mir scheint doch eher, dass auch Avineri den Palästinenser nicht wirklich fair begegnet, im Bedürfnis, seinen israelischen Widerstreitern entgegenzukommen.

    “..und sie überhaupt zu stellen, könnte als Versuch der Verhandlungsbehinderung betrachtet werden“

    Ja – das scheint mir da doch sehr viel zutreffender zu sein, auch wenn diese unbequemen Wahrheit allzuviele Israelis oder Juden in der Diaspora nicht wahrhaben wollen, auch wenn sie der Zwei-Staaten-Lösung wohlwollend gegenüber stehen. Bevor sie mit der eigenen Gemeinschaft konsequent ins Gericht gehen – stellt man sich lieber solch verquaste Fragen.

  4. Herr Avineri, Sie werfen 2 interessante Fragen auf, der zweiten fehlt jedoch eine wichtige Komponente. Die Antwort darauf muss zwingend als Formulierung in einem Friedensabkommen ersichtlich sein.
    Genauso wie es heute „Palästinenser israelischer Staatsbürgerschaft“ in Israel gibt, muss es künftig „Juden palästinensischer Staatsbürgerschaft“ im künftigen Palästina geben können. Diese Menschen müssten dann nicht entwurzelt werden, Häuser und Dörfer müssten nicht geräumt oder gar zerstört werden. Gleichzeitig wird dies DER Test schlechthin sein, ob Palästina sich als Demokratie entpuppt das seine Minderheiten respektiert und ihnen freie Religionsausübung gewährt. Leider wissen wir aus der Gaza-Erfahrung, dass andere Entwicklungen durchaus realistisch sind.

  5. Soll ich?
    Das sind zwei Scheinfragen. 🙂

    1. Die Zweistaatenlösung bedeutet, Abzug Israels aus den 1967 besetzten Gebieten und Anerkennung Ostjerusalems als Hauptstadt des Staates Palästina. Im Gegenzug erkennt Palästina den Staat Israel an, so wie die PLO dies bereits seit der Proklamation dieses Staates 1988 tut. Das bedeutet, dass der UN-Teilungsplan endlich realisiert wird, und ja, dann ist Palästina kleiner als ursprünglich. Es ist logisch, dass ein israelisch-palästinensischer Friedensvertrag jegliche Gebietsansprüche ausschließt.

    Die völkerrechtliche Anerkennung Israels sagt nichts über seine innere Verfasstheit aus. Das bestimmen die Bürger Israels. Nur weil die Bevölkerungsmehrheit jüdisch ist, heißt es noch lange nicht, dass sich der Staat als jüdisch definieren muss. Die Schweiz definiert sich ja auch nicht als deutschsprachig.

    Die Verweigerung der Anerkennung des zionistischen Anspruchs von Israel als jüdischem Staat liegt wohl in der Angst begründet, dass eine Zweistaatenlösung letztlich zur ethnischen Säuberung in Israel führt, also der Vertreibung der israelischen Araber nach Palästina.

    2. Die israelischen Araber sehen sich als Palästinenser. Sind sie doch auch. Wo ist das Problem? Die dänische Minderheit in Südschleswig sieht sich auch als Dänen und nicht als Wikinger. Es ist ja nicht Schuld der Araber, dass die arabische Welt in viele Staaten zersplittert ist. Wir können gerne Großsyrien draus machen, und dann nennen sich die israelischen Araber halt Syrer, oder was? Entschuldigung, aber ich kann diese Frage nicht ernst nehmen. Es wäre so, wie wenn man den Dänen deutscher Staatsbürgerschaft ihr Verhältnis zu Dänemark vorhalten will und sie zu unsicheren Kantonisten erklärt.

    • Sie schrieben:
      „Die völkerrechtliche Anerkennung Israels sagt nichts über seine innere Verfasstheit aus. Das bestimmen die Bürger Israels.Nur weil die Bevölkerungsmehrheit jüdisch ist, heißt es noch lange nicht, dass sich der Staat als jüdisch definieren muss. Die Schweiz definiert sich ja auch nicht als deutschsprachig.“
      Ist das Problem nicht eher, dass von seiten palästinensischer Verhandlungsführer der Selbstdefinition des völkerrechtlich anerkannten Staates Israel als jüdischer Staat die Berechtigung nicht zugesprochen wird?
      Und ich fürchte, die Leute, die „wir“ in unserer Bescheidenheit als deutschsprachige Schweizer sehen, sehen sich meistens eher als schwyzerdütsche Schweizer und setzen deutsche Untertitel unter die „deutschen“ Schweizer Sendungen bei 3Sat. (Und ich gehöre zu den Deppen, die das manchmal auch brauchen…).
      Sie schrieben:
      „Die israelischen Araber sehen sich als Palästinenser. Sind sie doch auch. Wo ist das Problem? Die dänische Minderheit in Südschleswig sieht sich auch als Dänen und nicht als Wikinger.“
      Allerdings sind die Wikingerherrschaften schon ein paar Jahrhunderte vorbei und es gab und gibt die Königreiche Dänemark und Schweden. Der Wikingerort Haithabu wird nach meinem Eindruck auch nicht als Enklave Dänemarks auf deutschem Boden gesehen, sondern als regionalgeschichtliches Denkmal. Das Königin Margreth oder irgendein dänischer Vertreter auch nur einen Quadratmeter der Bundesrepublik beansprucht, der einmal zu Königreich Dänemark gehörte (und das waren ein paar – die Dänen in Deutschland sind ja weniger eingewandert als erobert worden) wäre mir nicht bekannt… Auch nicht, dass es Gruppierungen gibt, die bewußt als Zeichen der Nichtanerkennung Deutschlands Wahlen boykottierten… Und selbst, wenn beides so wäre, wäre es Deutschland wahrscheinlich egal, weil „wir“ mehr sind und es nicht reichlich dänische Staaten rundherum gibt, die ein Problem damit hätten, Deutschland als deutschen Staat  anzuerkennen…
      Interessant wäre die Frage, wieviele israelische Araber sich als „Palästinenser mit israelischer Staatsbürgerschaft“ sehen – nach diesem Artikel wohl bei weitem nicht alle. Sonst würde man doch auch eher von israelischen Palästinensern als von israelischen Arabern sprechen. Wer spricht als was von sich selber und wie verteilt sich das?
      Warum sollte man überhaupt Gesellschaften, Konflikte, Entwicklungen mit Europa vergleichen, die ganz andere Bedingtheiten und Kontexte haben? Geschichte und Gesellschaften eignen sich nicht unbedingt für die Analyse per flottem Vergleich.

      • @Lisa, Haithabu gilt als älteste dänische Stadt, auch wenn sie heute in Deutschland liegt. Das wird genauso zum Dänentum gerechnet, wie das Danewerk.

        Und selbstverständlich ist die dänische Königin auch die Königin der dänischen Minderheit in Südschleswig. Das Wappen des Landesteils Schleswig ist noch heute Bestandteil des dänischen Königswappens. Dass durch die Bonn-Kopenhagener Erklärung keine Gebietsansprüche mehr bestehen, ist ansonsten klar. Man muss eben unterscheiden zwischen dem Staat Dänemark und dem Kulturraum, der größer ist.

        Übrigens ist Arabisch in Israel zweite Amtssprache, oder? Man anerkennt also doch die nationale Minderheit, die nicht hebraisiert werden soll, oder? Ich glaube, es geht nur darum, die Rechte der Minderheit weiter zu stärken und nicht ihre Anwesenheit im jüdischen Staat infrage zu stellen. Dazu wäre es vielleicht gut, wenn man sich drauf einigt, dass sich Israel als binational definiert. Aber wie gesagt, das ist Sache des dortigen Souveräns.

        Ansonsten ist die Bezeichnung israelische Palästinenser oder israelische Araber für mich synonym. Oder ist damit gemeint, dass Palästinenser auch Drusen und Beduinen umfasst, während Araber enger definiert ist?

    • Sie schrieben:
      „@Lisa, Haithabu gilt als älteste dänische Stadt, auch wenn sie heute in Deutschland liegt. Das wird genauso zum Dänentum gerechnet, wie das Danewerk.“
      Allerdings ist die Pflege des „Dänentums“ im Wikingermuseum Haithabu eher überschaubar…
      Sie schrieben:
      „Dass durch die Bonn-Kopenhagener Erklärung keine Gebietsansprüche mehr bestehen, ist ansonsten klar. Man muss eben unterscheiden zwischen dem Staat Dänemark und dem Kulturraum, der größer ist.“
      – bezogen auf Norddeutschland jedenfalls ein kleines bisschen…Und deutscher Kulturraum ist dort oben auch, ebenso friesischer. Finden Sie die Fragen der Staatenentwicklung und „Kulturraumverteilung“ in Mittel-/Nordeuropa und Nahost in irgendeiner Form vergleichbar?
      Sie schrieben:
      „Ãœbrigens ist Arabisch in Israel zweite Amtssprache, oder? Man anerkennt also doch die nationale Minderheit, die nicht hebraisiert werden soll, oder?“
      Wo also muss man unbedingt ein Problem sehen, schließlich definiert sich der Staat jetzt schon als jüdisch und die Abschaffung von Arabisch als zweiter Amtssprache steht nach meinem Kenntnisstand nicht zur Debatte.
      Wie Sie selbst weiter schreiben, sehen auch Sie das nicht als wirkliches Problem. Die Wahrung der Rechte von Minderheiten können auch ohne binationalen Staat gewahrt werden. In diesem Punkt wäre die Konzentration auf die Rechte jüdischer Minderheiten in einigen Ländern der Region vielleicht mindestens so dringlich – oder die Rechte christlicher, muslimischer oder anderer Minderheiten… Vielleicht würde dann auch Israel weniger als Projektionspunkt für Unzufriedenheit, vielleicht sogar Aggression benötigt.
      Sie schrieben:
      „Ansonsten ist die Bezeichnung israelische Palästinenser oder israelische Araber für mich synonym. Oder ist damit gemeint, dass Palästinenser auch Drusen und Beduinen umfasst, während Araber enger definiert ist?“
      Diese Frage der Selbstdefinition ist für mich eben nicht klar – sind diese Begriffe für die synonym, die sich israelische Araber oder israelische Palästinenser nennen? Dem Artikel nach eben nicht. Wie werden Drusen und Beduinen von sich selbst und denen, die sich Palästinenser oder palästinensische Araber nennen, gesehen? Wären sie bei jeder Lösung eine Minderheit, deren Rechte gewahrt werden müssen, auch wenn ihre Nationalität nicht Teil der Staatsdefinition ist?  Was für ein Staatsbürgerschaftsrecht ist für den palästinensischen Staat geplant? Sind die Palästinenser in arabischen Staaten, die dort ja offenbar teilweise weniger Rechte in bezug auf Arbeit u.a. haben als in den westkirchlichen Staaten Europas. (Klar, wir sind ja alle säkular, aber Zeitrechnung – Sonn- und Feiertage, keine Kirmes in der Karwoche – finde ich alles ok, aber als Katholik oder Protestant muss ich ziemlich wenig Urlaub nehmen, wenn ich das Kirchenjahr voll ausleben will. Bereits für orthodoxe Christen oder sieht das wegen der Feiertagsverschiebung etwas anders aus, für alle anderen sowieso.)
      Wenn sich Israel als jüdisch definiert, ist es das, und vielleicht wäre schon viel eher mehr in Gang gekommen, wenn man gegenüber arabischen Politikern klar die Position vertreten hätte, dass auch Juden, die jahrhundertelang in sich arabisch definiertenden Staaten und Gesellschaften nur begrenzte Rechte hatten, einen Staat gründen dürfen und der genauso jüdisch sein kann, wie andere ihren z.B. arabisch nennen. Aber vielleicht ist das einfach auch für den einen oder anderen im christlichen Abendland zuviel? (Damit meine ich nicht Sie).

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