Ermreuths orthodoxe Juden und ihre christliche Nachbarn

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Das wundersame Toleranzverständnis in der fränkischen Gemeinde Ermreuth. Orthodoxe Juden, getaufte Osmanen, christliche Nachbarn und ein Neo-Nazi: Ein dringend notwendiger Hilferuf…

Von S. Michael Westerholz, Deggenau

2. Teil
Christen und ihre Anschuldigungen:
Ritualmorde, Hostienschändungen, Brunnenvergiftungen

Ermreuth war 1796 von Preußen okkupiert worden, die 1800 abzogen. Im Jahre 1806 kam die Gemeinde unter die staatliche Oberhoheit Bayerns. Sie gehört trotz enger Verbindungen ins Erlanger und Nürnberger Land zum Regierungsbezirk Oberfranken des Freistaates Bayern.

Diese Daten sind nicht ohne Bedeutung, geht es doch um die Frage, wann Juden in diesen Territorien legal lebten. In Preußen gab es 1640 unter Kurfürst Friedrich Wilhelm ansässige Juden. Nicht jedoch in der kurfürstlichen Mark Brandenburg, dem Kernland Preußens: Denn 1573 war Hofkämmerer und Münzmeister Lippold als angeblicher Mörder des Kurfürsten Joachim II. hingerichtet worden. 1712 aber wurde die erste der später zahlreichen Berliner Synagogen errichtet und hatte sich in Preußen eine relativ gut situierte jüdische Gesellschaft etabliert – denn das war der Hintergrund der kaum eingeschränkten Niederlassungs-Erlaubnis sowohl in Preußen, als auch in allen anderen Regionen der heutigen Bundesrepublik Deutschland: Reichs-, Landesfürsten, regionale und lokale Herrscher ließen sich ihren „Judenschutz“ sehr teuer bezahlen. Und sie nutzten sowohl den soliden finanziellen Hintergrund, als auch die grenzüberschreitenden Kontakte der Juden für ihre eigenen Finanzgeschäfte oder Staatsfinanzierungen auf Pump!

In Bayern hatte es im Jahre 906 ansässige Juden gegeben, 1096 bereits die Gemeinde Bamberg, 1146 jene in Nürnberg. Ab 1430 bis 1553 war eine Ausweisungs- und Vernichtungswelle über die jüdischen Gemeinden im heutigen Bayern hinweg gerollt: Begonnen in Lindau, dann fortgesetzt in Augsburg, Ober- und Niederbayern, 1498/99 heftig in Nürnberg. Seit 1553 waren Juden endgültig aus Bayern vertrieben.

Zuvor schon, nämlich um 1298, vernichtete der von einem Kleinadligen namens Rintfleisch angezettelte Aufstand in 146 Orten Frankens, der Oberpfalz, Schwabens, Hessens und Thüringens das Leben von rund 5.000 ansässigen und etwa 100 durchreisenden Juden. Ausgangsort dieses Verbrechens war das fränkische Röttingen, wo noch bis 1988 gegen widerliche, antisemitische Darstellungen eines angeblichen Hostienfrevels in der katholischen Pfarrkirche angekämpft werden musste – Jahrzehnte nach dem Holocaust! Als das Ölgemälde mit den verlogenen Kleindarstellungen erfundener jüdischer Verbrechen in der Pfarrkirche St. Kilian endlich abgehängt war, trotzte eine namentlich ungenannte Frau laut „FRÄNKISCHE NACHRICHTEN“ vom 22. Oktober 1988: „…bis jetzt sei keine Spur von Judenhass in Röttingen festzustellen, aber jetzt könnte ein Judenhass entstehen…“ Schmerzliche Erkenntnisse aus mehr als tausend Jahren grausamer Sünden von Christen an Juden bestätigten sich hier erneut: Nicht die Täter, sondern die jüdischen Opfer sind schuldig!

Seit den Pogromen von Röttingen und Deggendorf (1337) war eine der schlimmsten, zugleich absurdesten Anschuldigungen gegen jüdische Mitbürger in der Welt: Nach angeblichen Ritualmorden an christlichen Buben die der Hostienschändungen! Die Wahnsinnsanschuldigungen des blutrünstigen Schlachtens kleiner Jungen waren von bigottischen Christen erstmals im 12. Jahrhundert wider die Juden erhoben worden. Auf Vorkommnisse im heutigen England folgten 1283 Mainz, 1285 München – im Laufe der Jahrhunderte rund 30 im deutschen Sprachraum. Darunter in Ravensburg, Überlingen, Lindau, Regensburg, eine besonders folgenreiche in Trient in Oberitalien.

Unter den im Lexikon der katholischen Seligen und Heiligen genannten Personen finden sich bis heute allein zwölf angebliche Opfer jüdischer Ritualmorde, die es in Wahrheit nie gegeben hat. Typisches Beispiel und besonders übel, weil trotz Verboten durch Innsbrucker Bischöfe nicht wirklich gestoppt: Der im 18. Jahrhundert von einem Papst in die Schar der „anbetungswürdigen“ Seligen erhobene Anderl von Rinn in Tirol. Der Bub sollte 1462 von jüdischen Kaufleuten ermordet, sein Blut abgezapft und in einem jüdischen Ritual verwendet worden sein. Ein – allerdings suspendierter -, „freischaffender“ katholischer Kaplan Gottfried Melzer aus Bad Hall in Österreich widersetzte sich den Anordnungen zur Abschaffung des alljährlichen Kirchenfestes zum Andenken an das Anderl von Rinn, die seit 1985 verkündet, 1994 verschärft worden waren. Er feiert die Gottesdienste seither im Wald nahe der einstigen Wallfahrtskirche.

Der widerspenstige, gleichwohl von der katholischen Kirche alimentierte Priester Melzer gab alljährlich mindestens ein Heft seines „ANDERLBOTE(n)“ heraus, in dem noch in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts die Legende stand, die „zwei jüdische Kaufleute aus Frankfurt am Main auf dem Weg zur Messe in Bozen“ des Mordes beschuldigte. Der Priester Melzer nannte zahlreiche Spender für den Kult und zitierte Schreiberinnen und Schreiber, die über angebliche Heilungen und Nothilfen berichteten, die nach der Anrufung des Anderl von Rinn gewährt worden seien. Dessen angebliche Mörder werden heute als „Unbekannte“ anonymisiert. Melzer wurde mittlerweile vom Landesgericht Steyr wegen „Antisemitischer Verhetzung“ zu einer bedingten Freiheitsstrafe von sechs Monaten verurteilt. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Kaum 40 Jahre nach der erstmaligen Beschuldigung war der mörderisch-lügnerische Vorwurf angeblicher Hostienschändungen eine weitere Grundlage für Verbrechen wider die Juden – nur gesellte sich jetzt noch die zusätzliche angeblicher Brunnenvergiftungen durch Juden dazu.

Ausgangspunkt für diesen dritten, ebenfalls sehr gefährlichen Komplex wohlfeiler Anschuldigungen gegen Juden war 1336 erneut Röttingen, Haupttäter ein Arnold Ritter der Jüngere von Uissigheim, den aufständische Bauern zu ihrem „König Armleder“ gewählt hatten. Betroffen waren Juden in 36 Städten und Orten zwischen Rhein, Mosel, Lahn, Main, Saale, Tauber, Jagst und Neckar. Der nichts weniger als ritterliche junge Verbrecher wurde im November 1336 mit dem Schwert geköpft, aber in einer Kirche beerdigt. Den ermordeten jüdischen Kindern, Frauen und Männern gab dies ihr Leben nicht zurück. Die wenigen Überlebenden sahen auch von den ihnen geraubten Vermögen nichts mehr wieder.

Es folgten kleinere Pogrome, dann die Verfolgungen und Morde 1337 in Deggendorf und 1338 in Straubing mit den Vorwürfen angeblicher Hostienschändungen und Brunnenvergiftungen. Was in Deggendorf begonnen hatte und vom Herzog alsbald verziehen worden war, löste in weiteren rund 20 Orten Pogrome aus. 1669 aber ist das oberpfälzische Sulzbach (heute Sulzbach-Rosenberg) Druckort für zahlreiche jüdische Schriften und Bücher, und aus dem Jahr 1684 erfahren wir, dass im oberpfälzischen Floss Juden leben – es ist jenes Floss, in dessen Sichtweite der Ort Flossenbürg eines von vielen Synonymen für Mord und Terror nicht allein an und gegen Juden wird, das KZ Flossenbürg mit seinen unzähligen Nebenlagern weit über Bayern hinaus. So offensichtlich die dort verübten Verbrechen gewesen waren – eine Mehrheit der Bevölkerung verhielt sich nach 1945 wie die berühmten Affen einer kleinen Plastik: Sie hatten nichts gesehen und gehört und wollten über all das Grausige auch nicht sprechen – und wenn doch, dann nur über das ihnen passierte Unglück und Unrecht.

Im 19. Jahrhundert steigt die Zahl der in Bayern lebenden Juden rasch an, 1804 wird für sie die Militärdienstpflicht eingeführt, 1813 mit dem „Judenedikt“ die formale Gleichberechtigung mit den übrigen Bayern: Und obwohl jüdische Großspenden zum Beispiel 1817 zahlreiche Bayern vor dem Verhungern nach schlimmen Missernten retten, obwohl Juden die ersten Industrie- und Staatsbanken gründen und mit der Finanzierung der ersten, bis heute wichtigen Eisenbahnlinien den Grundstein für ein modernisiertes, teilweise industriealisiertes Bayern legen, wird die Gleichberechtigung von christlichen und jüdischen Bürgern in Bayern erst 1871 real wirksam.

Nun integrieren sich Juden stärker als je zuvor, gründen zum Beispiel in Ermreuth die Freiwillige Feuerwehr mit, marschieren ab 1914 mit ihren christlichen Kameraden in den Krieg „zur Verteidigung des Vaterlandes“. Dabei stirbt am 23. April 1917 der junge Moritz Hönlein beim Angriff seines 17. Infanterie-Regiments auf das französische Arras. Wundersamer Weise bleibt sein Name auch in der dunkelsten Zeit der deutschen Geschichte auf dem heimatlichen Kriegerdenkmal ungelöscht – auch das eine Ermreuther Toleranz-Besonderheit.

Dennoch müssen 1945 nach dem totalen Zusammenbruch des deutschen Reiches in den Grenzen des heutigen Freistaates Bayern 9086 namentlich bekannte Opfer der Shoa beklagt werden.

Die toleranten Ritter von Künsberg/Künßberg

Im Jahre 1498/99 wurden auch die Juden Nürnbergs wie alle in den sämtlichen deutschen Reichsstädten ausgewiesen. Im Laufe der folgenden Jahre ließen sich über 80 % der bayerischen Juden in den ländlichen Bereichen Frankens nieder, vereinzelt wohl auch in Ermreuth. Sie waren hochwillkommen: Denn sie fanden sich nicht als Fremdkörper in Bauerndörfern ausgegrenzt, sondern in einer landwirtschaftlich prosperierenden und zugleich frühindustriealisierten Region der Steinverarbeitung, Mühlen und Hammerwerke mit einer ausgedehnten Eisen- und Holzverarbeitung und –produktion. Unternehmer und deren Abnehmer hatten hohen Finanzbedarf. Und sie bauten auf den Finanz- und Sachverstand sowie auf die Verbindungen ihrer jüdischen Nachbarn, während die lokalen Herrscher sich Steuern und Kredite erhofften.

Als Glücksfall der Ermreuther Juden erwies sich, dass eine Linie der weitverzweigten und angesehenen Familie von Künsberg/Künßberg das Rittergut Ermreuth übernahm. Im Kreis der Familie, darunter auch in Ermreuth, treffen wir auf Militärs, die keinen der zahlreichen Reichs- und lokalen Kriege ausließen. Aber ausgerechnet die wildesten Kämpfer erwiesen sich in zweifacher Hinsicht als ungewöhnlich tolerant für ihre Zeit:

  • Vorzüglich gegenüber „ihren“ Juden,
  • großartig aber auch gegenüber Osmanen, die ihnen bei der Abwehr der Krieger des osmanischen Reiches („Türkenkriege“) in die Hände gefallen oder vom Kaiser ob ihrer Tapferkeit aus dem Heer der Gefangenen geschenkt worden waren.

Im 12. Jahrhundert werden erstmals „Kinsberg“ als Ministeriale – das sind Verwalter ihrer Dienstherren – urkundlich genannt. Als „Künsberge“ und „Künsberg“ dienten sie überwiegend Bischöfen: Zum Beispiel jenen von Bamberg, Würzburg, Eichstätt und Regensburg. Aber auch im kaiserlichen Dienst und bei den unseligen Kreuzzügen, die im heute deutschsprachigen Raum Europas so viele unschuldige Juden das Leben kosteten, sind sie dabei.

Die Künsberg/Künßberg ab dem 17. Jahrhundert werden zu weltoffenen Patronen und Verwaltern des durch Fleiß und vorteilhafte Heiraten zügig vermehrten Familieneigentums ausgebildet, unter anderem an der Universität Altdorf bei Nürnberg und bei ausgedehnten Reisen durch Italien und Frankreich. Valentin Georg von Künsberg-Thurnau, * 1616, wurde 1654 Burggraf auf dem Rotenberg. Der frühe Romantiker war Jurist, reich verheiratet – und ihm gefiel der Anblick des nahen Schlosses Ermreuth so, dass er es 1649 kaufte. Es entwickelte sich die Ermreuther Nebenlinie, die 75 Jahre in drei Generationen existierte. Der zweite Künsberg/Künßberg auf Ermreuth, Georg Friedrich II., war in hohen und mächtigen Stellungen tätig und so angesehen, dass er als Gesandter an der Krönung des englischen Königs Georg II. teilnahm.

Ein Cousin seines Vaters, Hans Christoph auf Thurnau, *1657, war als Rittmeister der Leibkompanie seines Markgrafen Christian Ernst von Brandenburg-Ansbach ein berühmter Krieger. 18 Feldzüge und 21 Schlachten überlebte er. Als das belagerte Wien 1683 von den „Türken“ befreit wurde, hatten sich sieben weitere Künsberg/Künßberg um ihn geschart. Der Kaiser belohnte ihre Tapferkeit mit einem sonderbaren Geschenk: Drei Gefangene übergab er ihnen, darunter ein Emir (Fürst, Feldherr, Statthalter des Sultans) aus Konstantinopel, und ein türkischer Gärtner.

Im heutigen Bayern sind rund 190 solcher Kriegsgefangenen nachgewiesen, in Deutschland über 600. Darunter auch Frauen und Kinder aus den osmanischen Trossen im Gefolge der Truppen, oftmals Verwandte der Soldaten des Sultans. Ursprünglich Sklaven in der totalen Bestimmungsgewalt ihrer christlichen Herrschaften, wurden einige verkauft oder verschenkt, manche auch gegen gefangene Christen bei deren Freikauf ausgetauscht. Die meisten sahen zwar ihre Heimat nie wieder, bewegten sich aber stetig freier. Fast alle wurden getauft, bei weitem nicht alle unter Gewaltanwendung. Dies wirft ein unerwartet helles Licht auf die Toleranz der Menschen jener Zeit. Einer dieser Muslime wurde katholischer Priester, einer lutherischer Prediger, eine Fatima wurde Gräfin Castell, zwei, die im Raum Belgrad in Gefangenschaft geraten waren, ließen sich taufen und heirateten. Danach amtierte der Mann viele Jahre als Ortsvorsteher im kleinen Stamsried im Bayerischen Wald – unangefochten.

Die Künsberg/Künßberg nahmen zwei ihrer Gefangenen mit nach Oberlangenstadt in Franken: Der Emir und der Gärtner bekamen im benachbarten Ort Nagel je ein Fachwerkhaus, heute noc h vorhanden, sowie etwas Ackerland. Der Emir zeichnete sich als Pferdezüchter aus. Der dritte Gefangene wird im Kreis dieser Familienzweige nicht mehr erwähnt, doch taucht später in Ermreuth die Familie des späteren, leider überaus intoleranten Nazi-Bürgermeisters Oßmann auf – Nachfahren dieser Osmanen?

Dass diese Familie eine derartige Ahnengeschichte hat, liegt nahe: Viele der gefangenen „Türken“ waren dies in Wahrheit nicht, sondern stammten aus den unterschiedlichsten Regionen des osmanischen Reiches – Griechen, Araber, Landsleute der Völkerschaften des späteren Jugoslawien waren darunter. Sie waren aber durchweg Muslime, viele, wie die Janitscharen unter ihnen, unter Zwang in den Islam gewechselt . Bei ihren nunmehrigen christlichen Taufen im Beisein zahlreicher Zuschauer übernahmen reiche Herrschaften gerne die Patenschaft. Sie ließen sich diese Aufgabe meist viel kosten. Die Getauften trugen dann Heiligennamen ihrer Paten (Christian, Conradus, Rosina u. a.). In Bayern bekannt sind die Top-Journalisten Dr. Markus Mauritz, Nachfahre des Muslimen Hussin, der in den „Türkenkriegen“ in Gefangenschaft geraten war, und Götz Aly.

Zu den bekannten Namen dieser Täuflinge gehören auch die „sprechenden“ der Familien Solt(d)an und Oßmann. (Allerdings haben nicht alle der insgesamt rund 1500 Osmann und 24 Ossman/Oßmann in 185 deutschen Städten und Landkreisen diesen familiären Ahnen-Hintergrund: Vielmehr überwiegen hier die türkischen Zuwanderer in Deutschland. Es finden sich nur rund 30 Osman/Ossman/Oßmann mit Vornamen, die als typisch für das christliche Abendland gelten können!).

Dass ausgerechnet ein mutmaßlicher Nachfahre eines später getauften Osmanen aus der Künsberg/Künßberg-Herrschaft zum übelsten Gegner der Ermreuther Juden werden sollte, ist eine bittere Erfahrung. Die Künsberg/Künßberg hatten es geduldet, dass sich der Emir erst nach Jahrzehnten unter den neuen Namen Carl Osmann taufen ließ. Der Ermreuther Nazi-Bürgermeister vergalt die Toleranz, die seinem muslimischen Vorfahren in der Gefangenschaft gewährt worden war, mit grausamer Intoleranz, unter der nicht allein die Ermreuther Juden, sondern auch deren christliche Nachbarn litten, die sich den Juden freundschaftlich verbunden fühlten.

Die jüdische Gemeinde Ermreuth

Erstmals urkundlich genannt wurden Ermreuther Juden im Jahre 1554. Schon im 17. Jahrhundert lebten sie als Vieh- und Pferdehändler. Noch 1718 gab es in der Gemeinde aber nur vier Judenhäuser. Zwischen 1780 und 1800 waren unter ihnen zwölf Familien mit je fünf und mehr Kindern. Es gab nun dreizehn Hausierer mit Schnittwaren im Bereich des Landgerichts Gräfenberg, je einen in den Landgerichten Pegnitz und Eschenbach, zwei, die auf Messen und Märkten zugelassen waren, vier Hopfen-, sechs Vieh- und drei Händler mit Landwirtserzeugnissen wie dem hier zahlreich angebotenen Dörrobst aus den seit Jahrhunderten gepflegten Obstplantagen. Ferner gab es vier Pelzhändler, zwei Schmuser, je einen Glaser, Spezereihändler und (Koscher-)Metzger, sowie einen Unternehmer mit einer Flachs- und Wollspinnerei. Nur wenige Jahrzehnte später betrieben Nachfahren dieser Gewerbetreibenden zahlreiche Handwerksberufe, die meisten mit Meisterurkunde ausgezeichnet!

Um 1810 gehörte fast jeder vierte Dorfbewohner der jüdischen Gemeinde an, 1822 fast jeder dritte = 35 Familienväter, je ein Witwer und Lediger sowie 124 Kinder. Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts setzte auch hier eine Abwanderung vor allem in die größeren Städte ein. So sank der Anteil der jüdischen Mitbürger im Jahre 1867 auf 132 unter den 673 Einwohnern = 19,6 %. Jüdische Ermreuther waren nach 1874 Feuerwehr-, Gemeinderats- und Mitglieder der Soldatenkameradschaft.

Die Gemeinde besaß seit 1738 eine Synagoge, die 1822 durch einen Neubau für rund 100.000 Gulden ersetzt wurde. Seit 1711 gab es den eigenen Guten Ort, dessen Zufahrtsstraße heute noch im jüdischen Eigentum steht! Es gab eine eigene Elementar-, zuletzt Religionsschule. Die Gemeinde hatte einen Lehrer angestellt, der zugleich als Kantor und Schächter amtierte. Die Gemeinde scheint in jeglicher Hinsicht gut gewesen zu sein, amtierten doch Lehrer Isak Heß 36, der Kultusvorstand Jakob Schönberger über 40 Jahre. Allerdings wurde auch heftig gestritten, zum Beispiel, wenn Sturköpfe unter den Mitgliedern in Pantoffeln in die Synagoge schlurften: Das untersagte die Synagogenordnun g.

1923 starb der langjährige Mohel (Beschneider) Leopold Ermreuther, dessen Vorfahren offensichtlich zu den ganz frühen Ermreuther Juden gehört hatten. Nur um die Frage, welchem Bezirksrabbinat Ermreuths Gemeinde angehören sollte, kam es immer wieder zu Spannungen und Streitigkeiten zwischen den mehrheitlich orthodoxen Juden und den von ihnen zunehmend als zu liberal empfundenen in jüdischen Gemeinden ringsum. Jedenfalls gehörte die Ermreuther Gemeinde zuletzt dem Bezirksrabbinat Bamberg an.

Die Auflösung der Gemeinde ging rasch vor sich. 1925 waren noch 22 Gemeindeglieder im Ort, denen Wilhelm (Adolf) Schwarzhaupt, Gustav Hönlein und Leopold Goldner vorstanden. Die beiden Erstgenannten trugen auch 1932 noch die Verantwortung für die Gemeinde. Damals kam Lehrer Julius Fraenkel aus Erlangen regelmäßig zur Unterrichtung der nur noch drei schulpflichtigen Kinder nach Ermreuth. In dem verhängnisvollen Jahr 1933, als die Deutschen mit wenigen Ausnahmen jegliche Ethik und Moral und ihr so lange sorgsam gehütetes Ansehen eines Landes „der Dichter und Denker“ lustvoll über Bord warfen, gab es in Ermreuth noch fünf jüdische Haushalte mit 21 Personen.

In der Reichspogromnacht am 09./10. November 1938 wurden die Synagoge und die jüdischen Wohnungen teilweise schwer beschädigt. Damit endete auch die Geschichte der Gemeinde. Schon ab 1930 war der Minjan (der mindestens zehn religionsmündigen jüdischen Männer!) nicht mehr gesichert gewesen. Oftmals war in benachbarten Gemeinden um Teilnahme an G´ttesdiensten der Hohen Feiertage gebeten worden. Angeblich auswärtige Nazis drangen ins G´tteshaus ein, zerstörten und verbrannten Ritualien und Möbel. Der Umstand, dass dieses G´tteshaus inmitten der dörflichen Bebauung stand, verhinderte eine Brandlegung. Die Nazis nutzten die Synagoge demonstrativ als Lagerraum.

Die nicht mehr existente jüdische Gemeinde Ermreuth blieb gleichwohl Eigentümerin der Synagoge. Das Besitzrecht wurde 1948 auf die Jewish Restitution Successor Organisation in New York übertragen. 1953 wurde das G´tteshaus auf den Freistaat Bayern überschrieben. Der verkaufte es 1954 an die Raiffeisenbank Ermreuth. Bis der Markt Neunkirchen am Brand sie 1974 übernahm, war die Synagoge (wie fast überall auch hier „die Schul“ genannt!) als Abstellraum für meist landwirtschaftlic he Maschinen verwendet und teilweise auch umgebaut worden.

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