Ausreden gegen Antisemitismus

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Oder: die schamlose Entschuld(ig)ung des AJZ Bielefeld …

Von Hartwig Schuck,
Gruppe Alas! (Denkbewegung Bielefeld)

Was ist passiert?
Das Antifa Referat des Allgemeinen Studierendenausschusses der Fachhochschule Bielefeld und die Antifa AG der Uni Bielefeld hatten für den 19. November einen Vortrag mit Karl Pfeifer zum Thema „Antisemitismus, Antiziganismus und Neonazismus in Ungarn“ angekündigt. Karl Pfeifer ist ein österreichisch-jüdischer Journalist, der vor den Nazis nach Ungarn fliehen musste und sich 1943 von dort aus mit einem der letzten Kindertransporte nach Palästina retten konnte, wo er im Unabhängigkeitskrieg kämpfte. Er engagiert sich bis heute gegen faschistische Tendenzen. Der Vortrag sollte im ArbeiterInnenJugendzentrum (AJZ) stattfinden. Am 17. November, also zwei Tage vor dem Veranstaltungstermin, entschied die Hausversammlung des AJZ, der Vortrag dürfe nicht im dort stattfinden – aufgrund des ungeklärten, diffusen Gerüchts, Karl Pfeifer habe nach dem zweiten Weltkrieg an einem Massaker in einem palästinensischen Dorf teilgenommen. Im Laufe der Diskussion wurde von einzelnen TeilnehmerInnen der Versammlung geäußert, Karl Pfeifer sei ja Zionist, und das AJZ würde schließlich auch niemanden vom ‚Schwarzen September‘ einladen. Glücklicherweise gelang es der Antifa AG und dem Antifa Referat, kurzfristig einen alternativen Raum zu organisieren, wo die Veranstaltung schließlich stattfinden konnte.

Was hat das mit Antisemitismus zu tun?
Karl Pfeifer war erschüttert, denn der Angriff erinnert ihn an bekannte Vorwürfe: „When I was child, I heard the ‚the Jew is guilty.'“ Tatsächlich lässt sich die Art und Weise, wie die Entscheidung der HV zustande kam, nur verstehen als Schuldvorwurf, der nicht weiter überprüft werden muss, bevor eine Entscheidung getroffen wird. Es entsteht der Eindruck, dass an einer Aufklärung gar kein Interesse bestand, denn nicht mal eine spontane Internetrecherche wurde durchgeführt. Tatsächlich hat die Hausversammlung (im Folgenden: HV) mit ihrer Entscheidung – ob bewusst oder nicht – wohlbekannten antizionistischen Ressentiments das Wort geredet und eine unglaubliche Ignoranz gegenüber dem Zusammenhang zwischen dem Holocaust und der Gründung des Staates Israel an den Tag gelegt, die mit Waffengewalt gegen die Angriffe von Ägypten, Transjordanien, dem Irak, Libanon und Syrien durchgesetzt werden musste. Dabei zeigt sich besagter Zusammenhang überdeutlich gerade dann, wenn die Nachkommen der Täter_innen den ehemals Verfolgten vorwerfen, dass sie nicht alles mit sich haben machen lassen: Die Juden und Jüdinnen sind offenbar nur dann genehm, wenn sie tot sind, ein bisschen was aus ihrem Leben erzählen oder als Galionsfiguren der eigenen Ansichten heranzitiert werden können, nicht aber wenn sie den Staat (und seine Gründung) verteidigen, der allen antisemitisch Verfolgten Zuflucht gewährt. Dass die HV Pfeifers Beteiligung am Unabhängigkeitskrieg gleich zum Anlass nahm zu unterstellen, er könnte Dreck am Stecken haben, geht auf antisemitische Denkmuster zurück. Der Vergleich mit dem ‚Schwarzen September‘, frei nach dem Motto: ‚Wir laden ja die Antisemiten auch nicht ein, warum sollten wir dann den Juden einladen?‘, liefert ein bemerkenswertes Beispiel für Täter-Opfer-Umkehrung, aggressive Schuldabwehr und sekundären Antisemitismus.

Sekundärer Antisemitismus meint jene Form von Antisemitismus, die sich aus der Abwehr von Scham- und Schuldgefühlen im Zusammenhang mit der Shoah speist: ‚Die Deutschen werden den Juden Auschwitz niemals verzeihen.‘ Dabei werden die Überlebenden der Shoah und ihre Nachkommen als RepräsentantInnen des Grauens wahrgenommen, die beständig an die eigene Schuldverstrickung erinnern (noch vom Nazi-Opa das Taschengeld eingesteckt zu haben): daher die projektiven Bilder der rachsüchtigen Juden und ihrer Medienmacht, die jede Kritik mit „der Auschwitzkeule“ (Walser) verhindern. Sie werden gehasst, weil sie als lebende Mahnmale eine bruchlose Identifikation mit der deutschen Nation verhindern. Sekundärer Antisemitismus und Abwehraggression finden sich durchaus auch in der Linken: Gerade die Linken erinnert der Staat Israel an ihr eigenes Scheitern, z.B. weil sie nicht mal die unsäglich diskriminierende Entschädigungspolitik verhindert haben, die bis heute fortgeführt wird und die, statt mit der Verfolgung zu brechen, für viele Überlebende erneute Traumatisierungen bereithielt und klarmachte, wo die Prioritäten lagen: Nazitäter bekamen Geld vom deutschen Staat, viele der Verfolgten nichts oder Almosen nach aufreibenden bürokratischem Demütigungen. Auch hat die Linke darin versagt, die Deutschen daran zu hindern, zum Tagesgeschäft überzugehen, als sei nichts geschehen; man denke nur an Hanna Arendts Beschreibungen der Deutschen, die nach dem zweiten Weltkrieg betriebsam durch die Trümmer stapften, als hätte überhaupt kein Krieg stattgefunden. Allein so zu tun, als sei alles wie vor der Shoah, geht damit einher, den Schrecken zu leugnen darüber, dass die Verbrechen der Deutschen gezeigt haben, wie überflüssig die Individuen sind, deren ‚Verschwinden‘ kaum jemanden gestört hat. Das Entsetzliche daran nicht wahrhaben zu wollen, perpetuiert die Bedingungen von Auschwitz kaum weniger als das fröhliche Profitieren von ‚Arisierung‘ und Krieg im Wirtschafts’wunder’deutschland. Nicht einmal den Versuch, dafür zu sorgen, dass Nazi-Tätern der Prozess gemacht wurde, hat die deutsche Linke oben auf ihrer Agenda gehabt. Anstatt sich das eigene Versagen einzugestehen und zu reflektieren, versteif(t)en sich weite Teile (nicht nur) der deutschen Linken darauf, gegen die Nachkommen der Opfer zu wettern, indem Antizionismus zum Kult zu erhoben wurde. In ihm werden die Jüdinnen und Juden z.B. qua pathischer Projektion zu faschistischen Fans eines ‚Apartheitsstaates‘, der einen ‚Genozid‘ an den Palästinenser_innen verübe und als ‚Brückenkopf des Westens‘ einen weltbeherrschenden Imperialismus vorantreibe. Indem die Juden auf diese Weise zu den eigentlichen Nazis stilisiert werden, können Linke sich davor drücken, sich mit der eigenen Geschichte auseinanderzusetzen. Wenn sich als Antifaschist_innen verstehende Linke solcherart die familiäre Harmonie bewahren können, indem sie fast das gleiche vertreten wie die Nazi-Großeltern – dass nämlich die Juden, pardon, Israelis, sämtlich Kindermörder und Brunnenvergifter seien, die sich weigern, die deutschen Todeslager als Erziehungcamps zu begreifen, aus denen sie tolle Lehren hätten ziehen müssen –, fällt damit jedes emanzipatorische Potential in sich zusammen.

Dies zeigte sich unlängst in Hamburg, wo bewaffnete Mitglieder des Internationalen Zentrums B5, der Sozialistische Linken und der Tierrechtsaktion Nord die Aufführung von Lanzmanns Film „Warum Israel“ über den Zusammenhang zwischen der Shoah und der Bedeutung des Staates Israels gewaltsam verhinderten. Besucher_innen wurden ins Gesicht geschlagen und mit Beschimpfungen wie „Schwuchteln“ und „Judenschweine“bedacht. In solche Gesellschaft begibt sich das AJZ, wenn es vage Gerüchte über Pfeifer zum berechtigten Absagegrund verklärt.

Das AJZ entschuldigt sich, weil alles gut und richtig war
Die AJZ-Hausversammlung hat sich in ihrer Stellungnahme entschuldigt. Doch nicht so recht bei Karl Pfeifer und auch nicht für die Absage seiner Veranstaltung. Wofür und bei wem stattdessen? Dafür, „dass sowohl durch missverständliche und [von der Antifa AG in ihrem Gedächtnisprotokoll] aus dem Kontext gerissenen Bemerkungen, als auch durch die missverständliche Wiedergabe von Äußerungen [durch die AG!], sowie durch Fehlkommunikation innerhalb des AJZ und mit der Antifa AG [an der, soviel ist den weiteren Ausführungen zu entnehmen, nicht zuletzt auch die AG mit schuld sei] Dritte [wer?] angegriffen und verletzt wurden, dafür können wir nur aufrichtig um Entschuldigung bitten – was wir hiermit tun.“ Das ist doch mal Ent-schuld(ig)ung im Wortsinne. Sinngemäß besagt dieses Zitat: ‚Es tut uns, der HV, sehr leid, dass die Antifa AG so blöd ist und dass deswegen irgendwer [nämlich „Dritte“] angegriffen und verletzt wurde.‘ Sollte hiermit tatsächlich Karl Pfeifer gemeint sein, so wird den bisherigen Unverschämtheiten noch eine hinzugefügt, indem er nicht einmal mit seinem Namen angesprochen, sondern stattdessen unter ‚Dritte subsumiert wird – als wäre er innerhalb eines Konfliktes, der sich wesentlich um vermeintliche Aspekte seiner Biographie entzündete, selbst ein Außenstehender. Wer sonst gemeint sein könnte wird nicht ersichtlich. Andererseits wurde, so die HV, „die Veranstaltung mit Herrn Pfeifer […] nicht aufgrund des Inhaltes der Veranstaltung […] oder der Person Karl Pfeifer verlegt.“ Es ging also eigentlich gar nicht um Karl Pfeifer? Scheinbar doch, denn „in der Absagemail der AJZ’ler_innen eine Woche vor der Veranstaltung“ sei der Antifa AG mitgeteilt worden „dass es Unklarheiten bzgl. des Vortragenden gäbe“.

Es ging also um Karl Pfeifer, und es ging doch nicht um ihn. Überhaupt läuft die innere Logik der HV-Stellungnahme immer wieder zu Höchstleistungen auf: Von einer „Absagemail“ ist im obigen Zitat die Rede, und zwar schon „eine Woche vor der Veranstaltung“. ‚Absage?‘ Wie passt das nun wieder dazu, dass ansonsten in der Stellungnahme penetrant nur von einer „räumlichen Verlegung“ die Rede ist? Wenn hieran eines deutlich wird, dann wie Leute nichts von dem gewusst haben wollen, was sie getan haben: Einerseits haben sie die Absage frühzeitig rausgeschickt, andererseits war es gar keine Absage, sondern eine ‚räumliche Verlegung‘. Erstens hatte der Eimer schon ein Loch, als ich ihn mir ausgeliehen habe, zweitens habe ich ihn heile zurückgebracht und drittens niemals ausgeliehen: So verhalten sich Menschen, die vertuschen wollen, dass sie etwas angestellt haben, und die nicht bereit sind ihre Fehler einzugestehen, zu reflektieren und daraus Konsequenzen zu ziehen.

Die Entschuldigung geht weiter: „Wir bedauern sehr, dass die Kommunikation zwischen den AJZ’ler_innen und der Antifa AG derart schlecht und ungenau war. Wären die Bedenken der AJZ’ler_innen frühzeitig der Antifa AG mitgeteilt worden, hätte noch recherchiert bzw. mit Herrn Pfeifer kommuniziert werden können. Für diesen Fehler entschuldigen wir uns.“ Alles, wovon hier die Rede ist, beschränkt sich auf den Zeitraum VOR der fraglichen Hausversammlung, die den eigentlichen Skandal darstellte.

Nach den Entschuldigungen kommt noch mehr Bedauern: „Wir bedauern auch, dass die anwesenden Personen der Antifa AG nicht geäußert haben, dass sie die Entscheidung, die Veranstaltung nicht im AJZ, sondern in der FH durchzuführen, anscheinend nicht mittragen wollten. Dies war auf der Hausversammlung nicht ersichtlich.“ Es ist in der Tat bedauerlich, dass die auf der HV anwesenden Antifa AG-Mitglieder angesichts erfolgten Äußerungen und der Entscheidung der HV nicht viel vehementer protestiert haben. Die HV selbst ist allerdings nicht unbedingt in der Position, sich hierüber beschweren zu können: Denn da in ihrer Version des ‚Konsensprinzips‘ die Zweifel einzelner Leute als eine Art Generalveto geltend gemacht werden, hätten die AG-Mitglieder schimpfen können wie sie wollten – für die Entscheidung wäre das schließlich unerheblich gewesen. Mit diesen Entscheidungsstrukturen hätte aus Sicht der HV in diesem Fall kein anderer Entschluss gefasst werden können; es sei denn natürlich, die AG wäre auf einen der generösen Kompromissvorschläge eingegangen, die ihr gemacht wurden.

Da gab es etwa den „Vorschlag, mit Herrn Pfeifer Kontakt aufzunehmen, um so die Bedenken ausräumen zu können“. Wir stellen uns also vor: XY, Mitglied der Antifa AG, ruft zwei Tage vor der Veranstaltung Karl Pfeifer an: ‚Hallo Herr Pfeifer. Na, wie geht’s? … Schön. Nur eine kleine Frage zur kommenden Veranstaltung in Bielefeld: Haben Sie, nur so interessehalber, rein zufällig in den 1940er Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg an einem Massaker in einem palästinensischen Dorf teilgenommen? Na, klingelt da was? … Wann genau, fragen Sie? Welches Dorf überhaupt? Naja, das wussten die ja auch nicht so genau. Wer das behauptet? Neinnein, das wurde gar nicht behauptet, das war nur so eine Frage, könnte ja sein… Sie brauchen sich aber auch nicht davon distanzieren, wenn sie nicht mitgemetzelt haben. Das muss nur abgeklärt werden, weil hier nämlich auch niemand vom Schwarzen September eingeladen würde. Wer auf diese Idee gekommen ist? Das darf ich nicht sagen, die Leute bleiben gern anonym. Die HV würde dann bloß noch mal neu abschätzen, ob Ihr Hintergrund dem Minimalkonsens des AJZ vielleicht entgegen stehen würde, und das könnte dann zu Bedenken führen, Ihnen das AJZ für eine Veranstaltung zur Verfügung zu stellen. Das hätte dann natürlich nichts mit Ihrer Person zu tun.‘ Ende der Vorstellung.

Zweiter Vorschlag: „[…]die Veranstaltung zu verschieben, so dass es Gelegenheit gäbe, sich mit dem Zusammenhang genauer zu beschäftigen, um dann eine Entscheidung treffen zu können.“ Mal ganz abgesehen davon, dass dieser Vorschlag die Annahme voraussetzt, es wäre kein Problem gewesen, mithilfe einer Zeitreisemaschine Karl Pfeifers Flug nach Deutschland zu verschieben und seinen Terminkalender leer zu fegen: Auch in diesem Falle wäre wohl ein Anruf beim Referenten notwendig gewesen. Wir stellen uns also (als Möglichkeit A der Umsetzung dieses Vorschlags) eine Variante des oben imaginierten Telefonates vor, mit dem Unterschied, dass XY, Mitglied der Antifa AG, Herrn Pfeifer außerdem eröffnet, dummerweise müsse die Veranstaltung verschoben werden, insofern habe er (Karl Pfeifer), falls ihn gerade sein Gedächtnis im Stich lasse, nun ein paar Wochen Zeit, drüber nachzudenken. Parallel könnten Mitglieder der AG in den palästinensischen Gebieten rumreisen und mal in den Dörfern rumfragen, ob sich wer an Herrn Pfeifer erinnert. Möglichkeit B: YX ruft bei Karl Pfeifer an, erfindet irgendeinen Grund für die Notwendigkeit, die Veranstaltung zu verschieben, und dann wird hinter Pfeifers Rücken recherchiert. Soviel zu den konstruktiven ‚Vorschlägen‘ der HV an die Antifa AG.

Kaum ist konstatiert worden, dass die Entscheidung, den Vortrag zu ‚verlegen‘, „weder antisemitisch noch antizionistisch motiviert“ (Hut ab für die säuberliche Trennung!) gewesen sei, entblödet sich die HV nicht, damit hausieren zu gehen, die HV sei „der Ort, an dem auch ‚Gerüchte‘ ernst genommen und geklärt werden müssen“, als hätte Adorno den berühmten Satz „Der Antisemitismus ist das Gerücht über die Juden.“ nie geschrieben. Schamlos auch, das ohnehin schon euphemistische Wörtchen ‚Gerücht‘ in Anführungsstriche zu setzen, als müssten die SchreiberInnen noch einmal betonen, dass es sich ja doch nicht nur um ein Gerücht handele, sondern „lediglich“ um eine berechtigte „Frage“. Eine solche Herumlaviererei, wo eine Ablehnung dieser Räumlichkeiten für diesen Referenten zur „Verlegung“ umgedichtet und dann doch wieder von einer „Absagemail“ gesprochen wird, wo die Assoziation von Pfeifer als Massaker-Teilnehmer als harmlose Frage deklariert wird und wo es mal um die Person Pfeifers gegangen sein soll und dann doch wieder nicht, zeugt herzlich wenig von der eingeforderten „(selbst)kritischen Art“ der Auseinandersetzung, sondern (bestenfalls) von mangelndem Bewusstsein für Proportionen und fehlender Sensibilität gegenüber einem Referenten, der 1943 gerade noch eben den deutschen Lagern entkommen konnte. Umso anmaßender ist es, andere zu einer „ernsthaften Auseinandersetzung mit dem Thema Antisemitismus“ zu ermahnen.

Gerade vor dem Hintergrund dieser Ermahnung kann es aus unserer Sicht nur als Frechheit aufgefasst werden, dass in der Stellungnahme zwei der Hauptanlässe dafür, dass Kritik zum „Thema Antisemitismus“ schließlich überhaupt aufkam, einfach unterschlagen werden: Zum einen die Aussage in der HV, Karl Pfeifer sei ja Zionist, zum anderen die dort ebenfalls geäußerte Feststellung, der ‚Schwarze September‘ werde ja schließlich auch nicht ins AJZ eingeladen. In der Stellungnahme der HV werden sowohl die besagten Aussagen selbst als auch die konkrete Kritik daran unter den Teppich gekehrt. Dass die Bemerkungen gefallen sind, wird nicht dementiert, wohl aber, dass sie SO gefallen sind oder SO gemeint waren. Lediglich ist von „missverständliche[n] und aus dem Kontext gerissenen Bemerkungen“ sowie von einer „missverständliche[n] Wiedergabe von Äußerungen“, kurz: von „Fehlkommunikation“ die Rede. Und: „Das veröffentlichte Gedächtnisprotokoll über die Hausversammlung stellt einen Zusammenhang her, den es auf der Hausversammlung nicht gab; es gibt außerdem nur in Fragmenten und mehr als ungenau die Situation wieder.“ WELCHEN ‚Zusammenhang‘ es nicht gegeben haben soll; wie die ‚missverständlichen Bemerkungen‘ bzw. ‚Äußerungen‘ lauteten, die so ‚missverständlich wiedergegeben‘ wurden; wie sie in Wirklichkeit gemeint waren; wie wir uns die ‚Situation‘ sowie den ‚Kontext‘ vorzustellen haben, aus dem sie ‚gerissen‘ wurden – all diese Fragen zu beantworten, überlässt die Stellungnahme der Phantasie der LeserInnen. Mögen die „selbst verwalteten, autonomen Strukturen“ auch noch so ’schwerfällig‘ sein – wieso haben sich eigentlich nicht einmal die UrheberInnen der fraglichen Sätze zu Wort gemeldet, um aufzuräumen mit all den ‚Missverständnissen‘? Sollte, wer der Vorwurf „unsachlicher, konstruierter und falscher Berichterstattung“ erhebt, nicht imstande und willens sein, diese zu widerlegen? Unsere Phantasie aber versagt an dieser Stelle: Wir können uns innerhalb einer Diskussion über das Stattfinden oder die Absage von Karl Pfeifers Vortrag schlicht keinen ‚Kontext‘ vorstellen, in dem eine Bemerkung des Inhaltes, der ‚Schwarze September‘ werde ja schließlich auch nicht ins AJZ eingeladen, passend oder auch nur akzeptabel gewesen wäre. Vielmehr ist Phantasie – und zwar antisemitische – erforderlich, um in einer solchen ‚Situation‘ auf eine solche ‚Bemerkung‘ zu kommen. Was genau die Feststellung, Karl Pfeifer sei Zionist, in diesem Zusammenhang ‚wirklich‘ besagen sollte (wenn sie nicht meinte, dass Zionisten ohnehin zum Massaker neigen bzw. ohnehin nicht eingeladen werden dürfen), bleibt ebenfalls im Dunkeln.

Nach der Bereitschaft, wirklich auch auf „die eigenen Fehler, Vorurteile und Ressentiments“ einzugehen, suchen wir in der Stellungnahme vergebens. Da wird sich für ein paar Kommunikationsschwächen entschuldigt, nur um zwei Absätze später zu betonen, wie „richtig und gut“ die eigenen „Strukturen“ seien, in denen (in abnehmender Opposition zum Staat) die Unschuldsvermutung umgedreht wird. So wird ziemlich deutlich gesagt, dass die Beweislast im ‚Fall Pfeifer‘ nicht etwa denjenigen zu tragen gehabt hätten, die die ‚Frage‘ der angeblichen Verstrickung in ein Massaker ins Spiel brachten, sondern die Antifa AG, „da diese sich als Veranstalterin, obwohl ihnen in der Absagemail der AJZ´ler_innen eine Woche vor der Veranstaltung mitgeteilt wurde, dass es Unklarheiten bzgl. des Vortragenden gäbe, nicht im Vorfeld um eine Klärung der Unklarheiten bemüht haben.“ Es muss also die Unschuld bewiesen werden, nicht die Schuld – ob das im AJZ wirklich grundsätzlich so üblich ist, oder ob es im Falle Karl Pfeifers besondere (nämlich antisemitische) Gründe gehabt hat, oder ob beides zutrifft: Gruselig bleibt es in jedem Fall. Selbst die Antwort auf die einfachste Frage, wie sich die AG denn um eine „Klärung von Unklarheiten“ hätte bemühen sollen, während ungeklärt war, worin jene überhaupt bestehen sollten, bleibt uns das AJZ schuldig.

Während auf der einen Seite munter drauflos entschuldigt, entschuldet, bedauert und unter den Teppich gekehrt wird, wird in der gleichen Stellungnahme also – zunächst unterschwellig und am Ende ganz offen – immer wieder der Spieß umgedreht. So stellt die HV fest, „dass das Vorgehen der Hausversammlung des AJZ offensichtlich für Personen, die nicht mit selbst verwalteten, autonomen Strukturen vertraut sind, irritierend war und auch insbesondere, dass es in der Zwischenzeit – trotz der massiven Vorwürfe in der Presse – keine Äußerung aus dem AJZ gab“. Mit dieser Aussage wird suggeriert, die ‚Irritation‘ vieler Personen, Gruppen und Medien habe sich auf das Konsensprinzip beschränkt. Im Fokus der ‚Irritation‘ respektive Kritik bzw. Empörung stand allerdings die Entscheidung selbst: Der Entschluss, einem im NS verfolgten Juden unter Rückgriff auf Gerüchte und Ressentiments einen Raum im AJZ für seinen antifaschistischen Vortrag zu verweigern. Dafür hat die HV den Antisemitismusvorwurf kassiert, und nicht für den Verlauf des Entscheidungsprozesses. Für die HV hingegen besteht der Skandal eher darin, „dass aus einem hausinternen Kommunikationsproblem und dem Befolgen unserer selbst vorgegebenen Entscheidungsstrukturen eine derartig politisch aufgeladene Debatte wurde, die den tatsächlichen Beiträgen der internen Diskussion nicht gerecht wird“. Skandalös ist aus Sicht des AJZs offenbar nicht, dass Pfeifer an jenem Abend nicht im AJZ sprechen konnte, sondern dass er anschließend nicht zugelassen hat, dass das unter den Teppich gekehrt wird. Als würde nicht gerade diese Behandlung als quasi bürokratisches Problem einer Reflexion der Situation zuwiderlaufen und die Ignoranz gegenüber der deutschen Geschichte (auch der der Linken) deutlich machen.

Warum all dies „und das darauf folgende Presseecho in dieser indiskutablen Art und Weise erfolgt ist“, müsse jedenfalls „in den internen politischen Strukturen geklärt werden, aber nicht in der Art und Weise, wie dies in den letzten Tagen auf etlichen Internetseiten erfolgte, sondern in einer solidarischen und (selbst)kritischen Art, die auch die eigenen Fehler, Vorurteile und Ressentiments mit einschließen muss.“ Selbstbewusst fordert die HV „alle Beteiligten auf, von weiterer unsachlicher, konstruierter und falscher Berichterstattung […] abzusehen.“ Eins steht also fest: Die mehrfach beschworene ‚Klärung‘ soll ausschließlich ‚intern‘, also unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden. Über die Berichterstattung und die Debatte wird hier gesprochen, als wäre das AJZ in derart unangemessener (‚indiskutabler‘, ‚unsachlicher‘) Weise angegriffen worden, dass die (‚konstruierte‘ und ‚falsche‘) Berichterstattung und Kritik überhaupt keine inhaltliche Auseinandersetzung verdient. Wird zu Beginn noch ‚begrüßt‘, „dass sich auch bürgerliche Medien mit dem Thema Antisemitismus in Deutschland beschäftigen“, so werden deren Artikel (von der NW über die Jerusalem Post bis zur Haaretz) schließlich keiner Antwort gewürdigt. Und Leute aus den ‚Strukturen‘, die evtl. an die Presse gegangen sind oder sich selbst öffentlich geäußert haben, stehen auf einmal als NestbeschmutzerInnen da. Wer nicht ’solidarisch‘ war oder ist, soll offenbar das Maul halten, bzw. wer solidarisch ist, schweigt freiwillig?

Die HV aber erklärt nun die AnklägerInnen zu TäterInnen, und die Hauptverursacherin des ganzen Dramas – sich selbst – zum Opfer ‚indiskutabler‘ Berichterstattung. Warum nicht gleich wie Walser von der „Auschwitzkeule“ reden und sich als armer kleiner Wurm darstellen, der von der (jüdischen) Medienmacht gequält wird? Und ganz am Rande wird – für den Fall, dass sich doch noch jemand trauen sollte, den Antisemitismusvorwurf aufrechtzuerhalten – relativiert, dass sich die Balken biegen: „Denn es ist selbstverständlich, dass niemand vor Antisemitismus oder Rassismus gefeit ist.“ Na dann, wenn das so einfach ist. Verantwortlich sind also alle und niemand.

7 Kommentare

  1. Info zur Gruppe des Autors:
    Alas! (Denkbewegung Bielefeld) ist ein 2009 von Unzufriedenen und Unbefriedeten gegründetes politisches Grüppchen. Unser Anliegen ist die ungerade Kritik an Kapitalismus, Nation(alismus), Antisemitismus, Rassismus, Geschlechterverhältnissen und allen anderen alltäglichen gesellschaftlichen Zurichtungen. Der Gruppenname Alas! bezeichnet das Elend, dass das, was wir uns wünschen, die Wurzelbehandlung der  fettarmen Welt, noch immer nicht verwirklicht ist, obwohl Emanzipation zum Greifen nahe liegen könnte. Wenn wir groß sind, würden wir gerne die Angst durchqueren, als Laufmasche die Muster des Wiederholungszwangs aufribbeln und mehr auslösen als bloße Reaktion.
    Quelle:
    http://www.redok.de/content/view/1605/7/

  2. @ente@ Einen einzelnen Satz aus einem langen Artikel herausklauben, um dann die Behauptung aufstellen, dass dies Wasser auf die Mühlen der Antizionisten ist, zeigt, dass Sie den Artikel nicht verstanden haben.
    Der Satz von H.S. ist vollkommen richtig.  Lediglich 3 Jahre nach dem Ende der Nazibarbarei, wollten die arabischen Nachbarn, den Jishuv liquidieren. H.S. beschreibt auch  dass sich Israel mit Waffengewalt dagegen verteidigen musste.
    Lesen Sie nochmals den Artikel, vielleicht sehen Sie dann ein, dass Ihre Bemerkung fehl am Platz ist.

  3. Wasser auf die Mühlen der Antizionisten:
    „ eine unglaubliche Ignoranz gegenüber dem Zusammenhang zwischen dem Holocaust und der Gründung des Staates Israel an den Tag gelegt, die mit Waffengewalt gegen die Angriffe von Ägypten, Transjordanien, dem Irak, Libanon und Syrien durchgesetzt werden musste.“ ???
    Diese Definition stammt wohl eher aus einem weiter östlich gelegenen Staat?

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