Braucht Freiburg eine Mahn- und Gedenkstätte?

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Am 9. November 2009 verteilte die Initiative „Freiburg braucht eine Mahn- und Gedenkstätte“ bei einer Gedenkveranstaltung für die Opfer der Reichspogromnacht Flyer, um für den Bau einer Mahn- und Gedenkstätte in Freiburg zu werben. Die Jüdische Gemeinde Freiburg, sowie die Deutsch-Israelische Gesellschaft Freiburg reagierten daraufhin mit folgenden Stellungnahmen…

Presseerklärung der Jüdischen Gemeinde Freiburg v. 04.12.2009

In Freiburg hat sich eine Initiative gegründet, die sich die Errichtung einer „lokalen Mahn- und Gedenkstätte als NS- Dokumentationszentrum“ (Zitat aus dem Aufruf zur Unterstützung dieser Forderung) zum Ziel gesetzt hat.
Wir als Jüdische Gemeinde in Freiburg möchten dazu öffentlich Stellung beziehen!

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Eine möglichst lückenlose Dokumentation der lokalen NS-Geschichte, die eine umfassende Materialsammlung auch für künftige Generationen zugänglich macht, sollte idealerweise in den Räumlichkeiten unseres Stadtarchivs untergebracht sein.
Dazu bedarf es keiner zusätzlichen – neu zu errichtenden (!) – „Mahn- und Gedenkstätte“!

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Den Aufruf der Initiative „Freiburg braucht eine Mahn- und Gedenkstätte“ lehnen wir ganz entschieden ab!

Weil:
Wir haben hier in Freiburg genügend „Orte der Erinnerung“ und wir haben regelmäßig stattfindende Gedenkveranstaltungen.
Eine inflationäre Besetzung des öffentlichen Raumes mit dieser Thematik erachten wir als ausgesprochen kontraproduktiv, besonders aus pädagogischen Gründen:
„Weniger ist mehr!“ – diese Maxime gilt gerade für junge Menschen!
Die Fokussierung auf Berlin wäre insgesamt weitaus angemessener!

Weil:
Wir wollen hier in Freiburg keinen „Mahnmalstreit en miniature“ in Form einer „Provinzposse“! Das würde Energien absorbieren, einen „Jahrmarkt der Eitelkeiten“ eröffnen und schlussendlich dazu dienen, den Initiatoren und Akteuren dieses Aufrufs eine mediale Dauerpräsenz zu verschaffen, was mit dem propagierten Anliegen, die Opfer nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, denn nun gar nichts mehr zu tun hat!
Unserer Einschätzung nach geht es wohl eher um ein „Denkmal“ für die Initiatoren selbst:
Da sind wir nicht dabei und dafür möchten wir uns nicht instrumentalisieren lassen!

Bezeichnenderweise wurde die Jüdische Gemeinde über dieses Vorhaben nicht informiert, geschweige denn gefragt. Das erinnert sehr an die Vorgehensweise des „Stolperstein-Projektes“, welches in allen Jüdischen Gemeinden, so auch in unserer, nach wie vor sehr kontrovers diskutiert, teilweise auch vehement abgelehnt wird!
Für München vom „Zentralrat der Juden in Deutschland“ durch Frau Knobloch verboten, in Freiburg und anderen Städten „über unseren Kopf hinweg“ einfach umgesetzt:
Man spricht über, aber nicht mit uns!

Weil:
Die Konzeption der Initiatoren, alle „Opfergruppen“ (Juden, politisch Verfolgte, Zwangsarbeiter, Opfer der NS- und Militärjustiz, religiös Verfolgte, Homosexuelle, Euthanasieopfer, Sinti und Roma) – so werden sie in besagtem Aufruf aufgelistet –in einer „Mahn – und Gedenkstätte“ in „einen Topf zu werfen“ und damit quasi „einzuebnen“, stößt auf unseren ganz entschiedenen Widerstand!
Der einzige „gemeinsame Nenner“ ist doch der, dass sie im Mordplan der Nazis „zu eliminieren“ waren: also nur in der Optik und nur in der Perspektive der Täter gehörten diese Menschen „zusammen“. Dies in einer „Mahn- und Gedenkstätte“ noch zu zementieren, lehnen wir ganz entschieden ab!

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Was WIR wollen:
Seit geraumer Zeit schon hat es sich die Jüdische Gemeinde in Freiburg zur Aufgabe gemacht, auch in unserer Stadt die Einrichtung eines Jüdischen Museums zu realisieren.
Dies soll sowohl ein Informationszentrum als auch ein Ort lebendiger Begegnung sein!
Wir möchten uns auch nicht auf die „Holocaust – Thematik“ reduzieren lassen!
Jüdische Geschichte, jüdisches Leben in Freiburg und der Region soll in seiner ganzen Vielfalt und Lebendigkeit dokumentiert werden!
Jüdische Geschichte als Teil unserer Stadtgeschichte, als Teil der deutschen Kultur , soll ebenso thematisiert werden wie die heutige Gemeindesituation, die durch „Zuwanderung“ geprägt ist, dadurch Bereicherung erfährt und neue Perspektiven eröffnet und fordert!
Kein Mausoleum, keine „Mahn- und Betroffenheits-Pädagogik“ , sondern ein Ort des Gesprächs, des Austausches – offen und vor allem zukunftsorientiert!
Dafür wird die Jüdische Gemeinde Freiburgs in der Öffentlichkeit werben.

Vorstand der Jüdischen Gemeinde in Freiburg
Mikhail Kats – Irina Katz – Michael Kimerling
Schreiben der DIG Freiburg

An die Initiatoren einer Mahn- und Gedenkstätte in Freiburg

Sehr geehrte Damen und Herren,

der Vorstand der Deutsch-Israelischen Gesellschaft Freiburg hat sich gegen die Errichtung einer Mahn- und Gedenkstätte ausgesprochen.

Folgende Gründe haben zur Ablehnung geführt:

1. In Freiburg gibt es unseres Erachtens eine ausreichende Gedenkkultur, die das Andenken an die jüdischen Opfer der Schoa wach hält:
Erinnerung an die Befreiung von Auschwitz am 27. Januar
Erinnerung an die Deportation deutscher jüdischer Bürger nach Gurs am 22. Oktober
Erinnerung an die Reichspogromnacht am 9. November
Aktion „Stolpersteine“.
Mit einer weiteren Gedenkstätte werden jüdische Bürger von damals und heute nur noch mehr unter dem Blickwinkel von Tod, Vernichtung und Vergangenheit gesehen. Dabei gibt es überall in Deutschland aufstrebende jüdische Gemeinden mit Kindern und Jugendlichen, mit einem lebendigen Gemeindeleben, mit Gottesdiensten und jüdischem Erziehungswesen in jüdischen Schulen und Kindergärten.

2. Die Deutsch-Israelische Gesellschaft hat ihre eigene Zielsetzung. Diese lautet: Pflege der Beziehungen zu Israel. Israel, die Heimstätte der Juden, in der viele Überlebende der Shoa eine Heimat gefunden haben, muss seit seiner Gründung 1948 um seine Existenz bangen. Neuerdings wird sogar offen darüber nachgedacht, ob der jüdische Staat überhaupt ein Existenzrecht hat. Daneben sorgt eine unausgewogene Presse weltweit für eine andauernde Verunglimpfung Israels. Gegen diesen Ungeist vorzugehen gehört zu den Aufgaben der Deutsch-Israelischen Gesellschaft. Sie versucht diese insbesondere dadurch zu erfüllen, dass sie die Kenntnis über Israel, seine Geschichte und vor allem seine Gegenwart, vertieft. Dies geschieht unter anderem durch den Austausch von Besuchergruppen zwischen beiden Ländern, in den vor allem auch die nachwachsende Generation mit einbezogen wird.

3. Mehr lebendige Beziehungen helfen unserer Meinung nach besser, Verantwortung für den anderen zu entwickeln, als mehr tote Mahnmäler. Die Kosten für eine weitere Mahn- und Gedenkstätte wären deshalb z. B. sinnvoller in einem aktiven Jugendaustausch investiert oder auch in einem jüdischen Museum, das zu einem Ort lebendiger Begegnung werden kann.
Wer bis heute nicht begriffen hat, was Deutschland bzw. Deutsche im Nationalsozialismus angerichtet haben, den wird unserer Meinung nach auch eine weitere Gedenkstätte nicht zum Nachdenken bewegen. Im Gegenteil: Übersättigten Menschen hilft man nicht dadurch, indem man ihnen noch mehr Kost zuführt.
Es gibt unter nicht-jüdischen Jugendlichen in Deutschland viel zu viele, die zwar eine gewisse Kenntnis über Juden im Nationalsozialismus haben, jedoch keine heute lebenden Juden persönlich kennen. Heute gelebtes Judentum ist vielen Nicht-Juden fremd. Und Fremdem gegenüber reagiert man in der Regel misstrauisch. Hier hat die „Gedenkkultur“ versagt, und sie wird weiterhin versagen, wenn sie sich nicht gedanklich bewegt und auch in Zukunft auf mehr tote Mahnmäler anstatt auf mehr lebendige Beziehungen baut. Eine Erinnerung, die im Vergangenen verharrt, ist ohne Bedeutung.

Der Vorstand der Deutsch – Israelischen Gesellschaft Freiburg
Freiburg, im Dezember 2009

2 Kommentare

  1. Bei uns in der City hat man alle 20 Meter diese bekloppten Steine auf dem Fussweg,die sollen auch irgendwas anmahnen,da es leider zuviele davon gibt achtet man gar nicht mehr darauf.
    In der Ortschaft in der ich letztens noch hauste wurde mitten in der Einkaufszone son Denkmal für irgendwelche Kommunisten hingestellt(ICH BIN NUN WAHRLICH KEIN KOMMUNIST,aber muss man die denn gleich erschiessen?).Mitten im Einkaufszentrum!Wer bitte stellt sich da in Ruhe hin und hält Andacht?Das Kriegsdenkmal im Park,das war besser plaziert,meines Erachtens,man sah es selten und nahm manchmal was mit auf den Weg.t….Andenken-Overkill,da kommt nix bei rum…ausser in den Kassen der „Künstler“ die diese Dinger basteln,weil sie sonst nix (verkaufen) können.
    Von speziellen Weltkriegsdenkmälern(Homos,Behinderte,Kriminelle,etc.) halte ich gar nix,auch DingsdaVashem find ich nich so prickelnd,am widerlichsten ist Auschwitz selbst!Das Ding ist so ne ekelhafte Schandefür die Menscheit und vermutlich nich gerade ein heiliger Ort den man „entweihen“könnte.Abreissen!Aber die Sklavenmühlen in Ägypten,wo Pharao ganze Völker zu Tode geschliffen,hat stehen ja auch noch,evtl wird Auschwitz ja in 3000 Jahren zum Weltwunder erklärt.Würde mich nich wundern.
    Wenn man sich die Menschen so ansieht,denke ich manchmal ich wäre keiner.Wenn ihr die Gesellschaft seid….dann bin ich gerne asozial!

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