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Lewandowski: Zur kantoralen Musik der Synagoge Pestalozzistraße

Anfang der 1970er Jahre, ich war damals Kantorin Schweden, sagte zu mir Leo Pincus, ein gebürtigerBerliner: „Herr Pásztor, Sie werden sicher einmal Kantor in Berlin, in der Synagoge Pestalozzistraße.“ „Wieso?“, fragte ich und Pincus antwortete:„Weil Sie die Tradition des liberalen Judentums in Ihrem Herzen haben!“…

von Kantor László Pásztor

In Göteborg kam ich in den glücklichen Besitz eines handgeschriebenen Buches von Kantor Martin Schachtel, der dort 40 Jahre lang bis 1940 Kantor war und ausschließlich mit Lewandowski-Melodien vorbetete. In seinem Buch über die Hohen Feiertage ist jedes Wort mit Noten versehen – Louis Lewandowski pur!

Die Tradition, in der Schachtel stand, nahm um1840 ihren Anfang in Wien. Es war eine echte Novität, dass der Kantor nun nicht mehr allein vorbetete, sondern von Chor und Orgel begleitet wurde. Der Kantor musste sich daher intensiv mit dem Orgelspiel und der Leitung des Chores auseinandersetzen, was traditionelle Vorbeter vorher nie hatten tun müssen. Die großen Namen der synagogalen Musik des liberalen Judentums im 19. Jh. waren Salomon Sulzer (Wien), Moritz Deutsch (Breslau), Samuel Naumburg (Paris), Abraham Baer (Göteborg), Isaac Heymann (Amsterdam) und Louis Lewandowski (Berlin). Berlin war mit der Neuen Synagoge in derOranienburger Straße das Zentrum dieser Bewegung.

Meine Ausbildung begann in den 1960er Jahren beim vormaligen Berliner und Danziger Kantor Professor Sigmund Torday. Besonders stolz war ich, als er mich zu seinem Lieblingsschüler erklärte und sagte: „Ich bilde Dich nicht nur für Ungarn aus, gehe hinaus in die Welt und hab’ Erfolg in der Ferne!“ Das klang damals, hinter dem Eisernen Vorhang, völlig unrealistisch, aber für mich wurde es wahr. In Ungarn, Österreich, Schweden, Holland und in Deutschland hatte ich Kantorenstellen inne, aber gesungen und Konzerte gegeben habe ich weltweit.

1987 fing ich in Berlin an. In der PestalozzistraßeKantor zu sein ist nicht einfach irgendeine Position. Durch Estrongo Nachama, sel. A., der in dieser Synagoge 54 Jahre gewirkt hat und Harry Foss sel. A., wurde sie zu einer echten Lewandowski-Synagoge. Hier fand ich meine letzte und wichtigste Stelle. Diese Synagoge ist dank der Zusammenarbeit mit meinen Kollegen Isaac Sheffer, Simon Zkorenblut, den Organisten Regina Yantian und Gabriel Irányi sowie früher Gloria Seipelt, sel. A., und dem Chor weiterhin weltbekannt. Mit dem klassischen Lewandowski-Gottesdienst repräsentiert sie das liberale Judentum, wie es seinen Anfang 1866 in der Neuen Synagoge genommen hat.

Ich hoffe, die Jüdische Gemeinde zu Berlin kann mit ihrer gesunden Vielseitigkeit allen Betern, orthodoxen wie liberalen, das Bewusstsein vermitteln, dass wir alle gemeinsame Wurzelnhaben, die auf die Worte Haschems vom Sinai zurückgehen: Amen, ken jehi ratzon!

Kantor Lászlo Pásztor unterichtet in diesem Wintersemester am Abraham Geiger Kolleg u.a. zum Schabbatmorgengottesdienst.

Abraham Geiger Kolleg

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