Ein Kibbuz auf Schloss Hartmannsberg

Jüdische Jungen und Mädchen aus Rumänien bereiteten sich 1948 im Chiemgau auf ihre neue Heimat Israel vor …

Von Jim G. Tobias

In der malerischen Landschaft des Chiemgaus, am Ufer des Langbürgner Sees, lieg Schloss Hartmannsberg. Bereits im 10. Jahrhundert stand hier ein erstes mittelalterliches Kastell. Über viele Generationen gehörte Schloss Hartmannsberg verschiedenen Adelsgeschlechtern, bis es im 19. Jahrhundert in bürgerlichen Besitz überging. 1994 erwarb der Landkreis Rosenheim das Anwesen und nutzt es seitdem als Veranstaltungsort für Ausstellungen und Konzerte.

Dass das schmucke Schlösschen während der NS-Zeit von Sepp Thorak, einem von Hitler äußerst geschätzten Bildhauer, genutzt wurde, ist kein Geheimnis. Auf Einladung des Künstlers traf sich im Rittersaal regelmäßig die regionale Nazi-Prominenz und veranstaltete ihre völkischen Feiern. Völlig in Vergessenheit geraten ist jedoch, dass Hartmannsberg in der Nachkriegszeit vorübergehend von Überlebenden der Shoa bewohnt war.

Wahrscheinlich zu Beginn des Jahres 1948 beschlagnahmte die amerikanische Militärregierung das Gebäude und richtete hier eine Unterkunft für jüdische DPs, Displaced Persons (zu deutsch: verschleppte entwurzelte Menschen) ein. Überall in Bayern existierten seit Kriegsende solche DP-Camps, wie etwa in Föhrenwald, Pocking oder Landsberg, in denen jeweils bis zu 5.000 Juden lebten. Schon im Sommer 1946 zählte man in den westlichen Besatzungszonen über 100.000 Holocaust-Überlebende, die vor antisemitischen Ausschreitungen und Pogromen aus ihrer osteuropäischen Heimat in das besetzte Deutschland geflüchtet waren. Allein im Distrikt München (Oberbayern und Schwaben) lebten in 27 Jewish Centers, darunter auch zwei jüdische Hospitäler in Gauting und St. Ottilien, rund 34.000 Juden. Hartmannsberg unterschied sich allerdings von diesen Flüchtlingsunterkünften: Hier entstand ein Trainingskibbuz für jüdische Jungen und Mädchen.

Die Kinder und Jugendlichen gehörten zu den etwa 6.000 rumänischen Juden, die zu Beginn des Jahres 1948 auf geheimen Wegen in die US-Zone geschmuggelt wurden. Obwohl die amerikanische Militärregierung bereits im April 1947 weitere Ansiedlungen von Juden innerhalb ihres Machtbereiches untersagt hatte, gelang es der Untergrundorganisation Bricha (hebr. für Flucht) immer wieder, Menschen aus Osteuropa in die deutschen DP-Lager zu schleusen. Nachdem die Flüchtlinge sich von den Strapazen der Reise erholt hatten, sollten sie direkt nach Palästina weiter geleitet werden. Da eine offizielle Emigration zu dieser Zeit jedoch nicht möglich war – die englische Mandatsmacht verwehrte den Juden die Einreise ins Gelobte Land – mussten Zehntausende in den deutschen „Wartesälen“ ausharren. So auch auf Schloss Hartmannsberg: Hier quartierte die „International Refugee Organization“ Anfang März 1948 eine Gruppe von 40 rumänischen Kindern und Jugendlichen im Alter zwischen 14 und 19 Jahren ein, die zuvor illegal über die nahegelegene deutsch-österreichische Grenze nach Bayern eingereist waren.

Schon ab dem Jahre 1946 waren in der Region zahlreiche Heime für überlebende Kinder des Völkermords eröffnet worden, wie etwa in Aschau, Prien, Bayrisch Gmain oder in Rosenheim, in denen Hunderte von jüdischen Mädchen und Jungen auf ihre Immigration nach Erez Israel warteten. In Hartmannsberg entstand ein sogenannter Marine Kibbuz. Im Unterschied den anderen Trainingskibbuzim innerhalb der US-Zone, wo junge Juden in Ackerbau und Viehzucht unterrichtet wurden, erhielten die Kinder und Jugendlichen auf Schloss Hartmannsberg Grundkenntnisse in der Teichwirtschaft vermittelt. Dabei fingen sie täglich auch einige Kilogramm Fisch zum Eigenverzehr. Eine willkommene Abwechslung auf dem Speiseplan der Kibbuz-Küche, der sonst hauptsächlich aus Konservennahrung bestand.

hartmannsberg
Auf dem Weg nach Erez Israel: Jüdische Kinder machen Zwischenstation im oberbayrischen DP-Camp Dorfen. Die hebräische Inschrift auf dem Transparent lautet: „Die Gruppe der Auferstandenen auf dem Weg“ (Ken Hatchja ba Derech), Repro: jgt-archiv

Auch wenn nur wenige Informationen vorliegen, lässt sich das Leben auf Schloss Hartmannsberg rekonstruieren, da der Alltag in allen diesen jüdischen Kollektiven ähnlich organisiert war. Der Tag begann schon früh am Morgen. Nach einem gemeinsamen Frühstück machten sich die Gruppen an die Arbeit. Es galt für die Zukunft im noch nicht existenten eigenen Staat zu lernen. Neben der praktischen Ausbildung konnten die Bewohner zudem mit der Verwirklichung ihres Traums vom freien und gleichberechtigten Leben in der Gemeinschaft beginnen. Ergänzend stand Unterricht in Hebräisch und Palästinakunde auf dem Stundenplan. Bis auf wenige Ausnahmen existierte kein Privateigentum und die Gemeinschaft übernahm die Funktion der Familie. Die Juden von Hartmannsberg gehörten der – schon vor dem Krieg – in Osteuropa aktiven sozialistisch-zionistischen Organisation Dror (hebr. für Freiheit) an.

Der oberbayerische Kibbuz bestand nur einige Monate und wurde im Laufe des Jahres 1948 aufgelöst, da David Ben-Gurion im Mai 1948 den Staat Israel proklamiert hatte. Endlich konnten die Juden ungehindert in ihre langersehnte Heimat einwandern. Auch die Kinder von Hartmannsberg übersiedelten offensichtlich in den neu gegründeten Staat und beteiligten sich mit ihren im Chiemgau erlernten Fähigkeiten tatkräftig am Aufbau des Landes.

2 Kommentare zu “Ein Kibbuz auf Schloss Hartmannsberg

  1.  
     Es ist kum zu begreifen wie Thorak auch heute noch verklärt, verherrlicht und verharmlost wird. Unzählige Webseiten, hier ein ganz besonders markantes Beispiel

    http://www.galleria.thule-italia.com/thorack.html

    erklären ihn, den Unterstützer und Profiteur der Nazis, zu einem Künstler von Weltruf, verbreiten sie Informationen lediglich zu dessen Leistungen als Bildhauer, verschweigen sie dessen tiefe Einbindung in das verbrecherische NS-Regime und heben sie dessen Entnazifizierung ohne Befund als Freisprechung von jedweder Schuld hervor.

    Aufklärung tut Not!

    RS

  2. Auch bei uns in Niederbayern gab es frühe Kibbuzzim. Nähere Aufschlüße hierzu enthält der reich illustrierte Aufsatz „Jüdische ‚Displaced Persons‘ in Deggendorf 1945-1949“ von Birgitta Petschek-Sommer, abgedruckt in den „Deggendorfer Geschichtsblättern“, Heft 20/1999, S. 283-316
     
    Der „Künstler“ Josef Thorak stand auf der Sonderliste der zwölf wichtigsten bildenden Künstler, der „Gottbegnadeten“ der sog. „Führerliste“
     
    Thorak, 1889 geboren, Träger des Staatspreises der Preuß. Akademie der Künste 1928, ließ sich rechtzeitig zur Machtergreifung von seiner jüdischen Frau Hilda scheiden, unterstützte durch seine Unterschrift und seine Reputation den Aufstieg Hitlers („Wir glauben an diesen Führer, der unsern heißen Wunsch nach Eintracht erfüllt hat.“), wofür er mit einer Reihe von Staatsaufträgen belohnt wurde und er erhielt 1937 die Ernennung zum Professor für Kunst in München. Im selben Jahr notierte Goebbels kennergleich in seinen Tagebüchern: „Thorak ist unsere stärkste plastische Begabung.“
    Als Thorak noch in der Künstlerkolonie Saarow-Pieskow am Scharmützelsee residierte, war die andere deutsche Integrationsfigur, Max Schmeling, der Boxer, sein Nachbar und Modell gewesen (Skulptur Faustkämpfer); Rüstungsminister Albert Speer (der im nachhinein vermeintlich „unschuldige“) förderte seinen engen Freund Thorak mit immensen Summen; Hitler ließ seinem Staatskünstler Thorak vor Kriegsausbruch im oberbayerischen Baldham ein riesiges Atelier (nach Plänen Speers) errichten, in dem Skulpturen von 17 Metern Höhe am Stück ver- und bearbeitet werden konnten.
    Die Große Deutsche Kunstausstellung im Münchner Haus der (deutschen) Kunst bereicherte der „Kulturträger“ Thorak mit nicht weniger als 42 seiner „Meisterwerke“.
     
    Eine Entnazifizierung konnte doch ihm in unserem schuldunbewussten Bayern  („Mia san doch unschuidig da neigrutscht!“) nichts anhaben; „nicht betroffen“ lautete dementsprechend der ihn betreffende Richterspruch und so konnte Thorak im mental nicht viel anders gearteten nahen Salzburg bereits 1950 wieder eine Einzelausstellung  seiner Werke eröffnen. Bis zu seinem Tod, 1952 im oberbayerischen Hartmannsberg bei Rosenheim, erhielt er weiter  von der öffentlichen Hand lukrativste Aufträge.
     
    Thoraks Arbeiten erfreuten sich anscheinend auch in der Türkei großer Beliebtheit: 1934 entstand unter seinen Händen das nationale türkische Befreiungsdenkmal in Eskisehir.
     
    RS
     

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