„Jetzt erzähl ich Dir was“

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Foto: Thies Marsen

Einer der letzten Zeitzeugen der Nazi-Gräuel ist von uns gegangen: Der Auschwitz-Überlebende Hermann „Mano“ Höllenreiner ist am Freitag in seiner oberbayerischen Heimatstadt Mühldorf am Inn verstorben. Mano Höllenreiner stammte aus einer Sinti-Familie. Er überlebte das Lager Auschwitz-Birkenau, wo er von dem berüchtigten KZ-Arzt Josef Mengele misshandelt wurde, und den Todesmarsch von Sachsenhausen. Später wurde er unter anderem mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet und 2019 als Ehrengast zur Gedenkstunde des Bayerischen Landtags am Shoah-Gedenktag eingeladen. Im Januar 2020 begleitete er Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bei dessen Besuch in Auschwitz.

Von Thies Marsen

Es ist eine Begegnung, die ich nie vergessen werde: Ich bin zum ersten Mal in Auschwitz-Birkenau. Es ist der 2. August 2004, der 60. Jahrestag der Räumung des sogenannten Zigeunerfamilienlagers. An diesem Tag wurden 1944 an die 3000 Sinti und Roma in die Gaskammern getrieben. Ich begleite als Hörfunk-Journalist eine Delegation deutscher Sinti zu der Gedenkfeier, eingeladen hat mich der Auschwitz-Überlebende Hugo Höllenreiner, der damals schon regelmäßig als Zeitzeuge auftritt. Hugo ist einer der wenigen Sinti, die offen und öffentlich über das Grauen sprechen, das seinem Volk durch die Nationalsozialisten angetan wurde. Auf der Fahrt im Bus voller Überlebender von Krakau zur Gedenkstätte wird es immer ruhiger, je näher das Lager rückt. Irgendwann herrscht eine erdrückende Stille, nur noch der Motor ist zu hören. Schweigend steigen die rund 50 Insassen am Lagerzaun aus und gehen ebenso schweigend die wenigen hundert Meter zu den Überresten des „Zigeunerfamilienlagers“.

Überreste des „Zigeunerfamilienlagers“ im August 2004, Foto: Thies Marsen

Nach der Gedenkfeier mit Ansprachen und Musik tritt ein großgewachsener grauhaariger Mann an mich heran – es ist der Cousin von Hugo Höllenreiner: Hermann Höllenreiner, genannt Mano. Er zeigt auf das Mikrophon, das ich in der Hand halte und fordert mich auf, das Aufnahmegerät einzuschalten: „Jetzt erzähl ich Dir was.“ Und dann berichtet er von seinem Kinderfreund, den er damals hier im „Zigeunerlager“ hatte. Wie sie zusammen aus Lumpen einen Ball bastelten und Fußball spielten, bis der Ball aus Versehen in die Nähe des Stacheldrahtzaunes rollte: Der Freund will ihn holen – und wird von einem SS-Mann vom Wachturm aus erschossen. Vor den Augen des damals zehnjährigen Mano Höllenreiner. Was ich erst später erfahre – es war das erste Mal, dass Mano diese Geschichte einem Außenstehenden erzählt hat, dass er überhaupt öffentlich von all dem Leid berichtet hat, das ihm und seiner Familie widerfahren ist. 

Die Nazis verbieten der Familie das Reisen und beschlagnahmen die Pferde

Mano Höllenreiner wurde 1933 als Sohn einer Münchner Sinti-Familie geboren. Als Kind musste er erleben, wie auch die Minderheit der Sinti und Roma immer mehr ins Visier der Nazis geriet. So wurde seinen Eltern verboten, mit dem Planwagen durchs Land zu reisen. Die Nazis beschlagnahmten zudem die beiden Pferde seiner Eltern und entzogen damit der Familie, die ein kleines Fuhrunternehmen betrieb, die Lebensgrundlage. Der Vater wurde schließlich in die Wehrmacht eingezogen und samt Familie als Infantrist im oberbayerischen Lenggries im Isartal stationiert.

Doch 1942 wurde Manos Vater wie auch andere Sinti aus „rassischen Gründen“ aus der Wehrmacht ausgeschlossen. Der Vater musste in München Zwangsarbeit leisten: Er pflasterte mit seinen Brüdern und Cousins die Straße Giesinger Berg am östlichen Isarufer. Im März 1943 wurde die Familie schließlich frühmorgens aus dem Bett geholt: „Die Gestapo hat uns mitgenommen und drei oder vier Tage in die Polizeistation Ettstraße gesperrt“, erinnerte sich Mano Höllenreiner Jahrzehnte später. Dann folgte die Deportation per Bahn nach Auschwitz-Birkenau: „Acht Tage waren wir unterwegs mit dem Wagon. Das war furchtbar. Alles war voller Kot. Wir waren 40 Personen in einem Wagon und manche sind während der Fahrt gestorben.“

Hunger, Krankheit und eine mordlüsterne SS-Wachmannschaft

In Auschwitz wurden Sinti und Roma im sogenannten Zigeunerfamilienlager untergebracht – in einstigen Pferdeställen, die mit tausenden Personen besetzt waren. Es herrschten Hunger, Krankheiten und eine mordlüsterne SS-Wachmannschaft: „In der Früh war Appell, dann sind wir barfuß raus in den Schnee und mussten zählen: Eins, zwei, drei… Manche ohne Kleider ohne alles – sind umgefallen und waren tot.“

Höllenreiner geriet in die Fänge des berüchtigten Lagerarztes von Auschwitz, Josef Mengele, der auch an ihm seine Menschenversuche verübte: „Das war ein Teufel von einem Menschen. Wir haben Spritzen bekommen und Decken voller Läuse, Typhusläuse. Ich hatte Läuse in den Hemden und Hosen – überall. Davon haben wir die Krätze und Flecktyphus gekriegt.“

Die Nazis brauchten wieder Menschenmaterial für den Krieg

Am 2. August 1944 räumte die SS schließlich das „Zigeunerfamilienlager“: 3000 noch in Auschwitz verbliebene Sinti und Roma wurden in die Gaskammern getrieben. Diesem Inferno waren Mano und seine Familie zwei Wochen zuvor entkommen. Denn in einer Zeit, da sich die Niederlage Nazideutschlands bereits abzeichnete, brauchte die Wehrmacht wieder Menschenmaterial. Manos Vater und Onkel wurde angeboten, wieder Soldat zu werden, dafür würde man ihre Familien freilassen. Doch statt in Freiheit kamen die Höllenreiners nur in andere KZ: Nach Ravensbrück, Mauthausen, Bergen-Belsen oder wie Mano und seine beiden Cousins Manfred und Ludwig ins KZ Sachsenhausen nördlich von Berlin: „Sachsenhausen war für mich das schlimmste, denn in Auschwitz war ich noch bei meiner Mama und meinem Vater. Aber dort waren wir ganz allein.“ Kurz vor Ankunft der alliierten Truppen trieb die SS die Häftlinge schließlich auf den berüchtigten Todesmarsch. Mano und seine Cousins schafften es zu fliehen und überlebten so bis zur Befreiung.

Seinen Namen hat er vergessen, nur dank der KZ-Nummer wird er identifiziert

Doch der elfjährige Mano war so krank, ausgemergelt und apathisch, dass seine Cousins sich nicht anders zu helfen wussten, als ihn einer Gruppe befreiter französischer KZ-Insassen zu übergeben. So wurde Mano schließlich gemeinsam mit den französischen Überlebenden nach Paris geflogen, wo er erst in einer Nervenheilanstalt und dann bei Pflegeltern untergebracht wurde – seinen Namen und seine Herkunft hatte er vergessen. Erst anderthalb Jahre später fand seine Familie ihn wieder. Identifiziert wurde er mithilfe der KZ-Nummer, die ihm in Auschwitz auf den Arm tätowiert worden war. Mano Höllenreiner hatte überlebt, anders als ein Großteil seiner Familie: Väterlicherseits wurden 36 Angehörige von den Nazis ermordet, mütterlicherseits über 100, da die Großmutter Jüdin war.

Das Schweigen über die Verbrechen wird erst spät gebrochen

Wie so viele Überlebende der deutschen Lager schwieg Mano Höllenreiner jahrzehntelang über seine Erlebnisse. „Wir waren ja nur froh, dass wir wieder etwas zu essen hatten, dass wir wieder leben konnten. Wir haben nicht über das KZ gesprochen.“ Mano Höllenreiner baute sich trotz aller Diskriminierungen, die Sinti und Roma bis heute in der deutschen Gesellschaft erfahren, ein eigenes Antiquitäten-Geschäft und ein neues Leben auf. Erst im Jahr 2004, beim Besuch in Auschwitz anlässlich des 60. Jahrestags der Vernichtung des „Zigeunerfamilienlagers“, brach er sein Schweigen. Im Angesicht des Lagerzauns, an dem mehr als sechs Jahrzehnte zuvor einer seiner Kindheitsfreunde von der SS erschossen worden war, gab er sein erstes Interview. Später erzählte er der Buchautorin Anja Tuckermann seine ganze Lebensgeschichte, die unter dem Titel „Mano. Der Junge, der nicht wusste, wo er war“ veröffentlicht wurde. In der Folge war Mano Höllenreiner regelmäßig in Schulen als Zeitzeuge zu Gast und engagierte sich in der Erinnerungsarbeit, insbesondere an seinem Wohnort Mühldorf am Inn, wo die Nazis in den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs ein KZ-Außenlager errichtet und hunderte Jüdinnen und Juden ermordet hatten.

Mano schlief am Freitag, 16. Oktober 2026, nach langer Krankheit im Kreise seiner Familie friedlich ein, bis zuletzt gepflegt von seiner Ehefrau Else, mit der er 70 Jahre lang verheiratet war, und seiner Tochter Carol. Er starb nur drei Tage vor seinem 93. Geburtstag.