Die AFD-Politiker Björn Höcke und Ulrich Siegmund missbrauchen den Namen einer jüdischen Familie
Von Karl-Josef Müller
1856 gründen die Brüder Löb und Moses Simson die Firma Simson & Co. 170 Jahre später fahren die AFD-Politiker Björn Höcke und Ulrich Siegmund stolz auf Simson-Mopeds durch ostdeutsche Landschaften als Ausweis ihrer Volkstümlichkeit. Das Modell Schwalbe hat mittlerweile Kultstatus erlangt, das Simson-Moped gilt seinen Fans als Inbegriff ostdeutscher Identität.
Wir schreiben das Jahr 1936:
„Die jüdische Familie Simson muß aufgrund der nationalsozialistischen Diktatur in Deutschland ins Ausland fliehen. Im Rahmen der Enteignung jüdischer Industrieller übernimmt ein Treuhänder die Firma, dabei entstanden durch Fusion mit anderen Werken die ‚Berlin Suhler Waffen- und Fahrzeugwerke‘ (BSW). Am 28. November 1935 wurde das Unternehmen auf den Gauleiter Fritz Sauckel übertragen. Die Familie Simson konnte 1936 in die Schweiz fliehen und wanderte in die USA aus. Der Name Simson wurde schließlich aus der Firmenbezeichnung gestrichen.“ (https://simson-muenchen.com/chronik-der-firma-simson/)
Noch wenige Jahre vorher hatte die Firma Simson einen aufsehenerregenden Pkw auf den Markt gebracht: „Der von Henze für Simson entwickelte Supra war ein ausgeprägter Sportwagen: der 1924 vorgestellte Typ S leistete 50 PS aus zwei Liter Hubraum und hatte einen Radstand von 2,60–3,00 m. Die Höchstgeschwindigkeit betrug 120–140 km/h. Der Vierzylindermotor wurde von vier Ventilen pro Zylinder beatmet, die wiederum von zwei oben liegenden Nockenwellen mit Königswelle gesteuert wurden. Die Potenz dieses Wagens bewiesen zahlreiche Motorsportsiege.“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Simson_Supra) „Nach heutigem Kenntnisstand sind nur wenige Supra-Modelle erhalten geblieben, von den legendären Vierventil-Motoren gibt es kein Exemplar mehr.“ (https://simson-muenchen.com/chronik-der-firma-simson/)
Zum weiteren Schicksal der Firma Simson zitieren wir den Wikipedia-Eintrag:
„Kurz nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten startete der thüringische Gauleiter Fritzt Sauckel ein Untersuchungsverfahren mit der Behauptung, das Deutsche Reich sei durch das jüdische Unternehmen bei der Abrechnung der staatlichen Aufträge übervorteilt worden. Der Reichsrechnungshof konnte keine übermäßigen Gewinne feststellen; trotzdem kam es 1934 auf Initiative von Sauckel in Meiningen zu einem Schauprozess gegen Arthur Simson und einige leitende Angestellte wegen „Übervorteilung des Reiches“. Die inhaftierten Angeklagten wurden ein Jahr später aus Mangel an Beweisen in allen Punkten freigesprochen.
Am 19. September 1933 hatte die Simson & Co KG das Unternehmen an die neu gegründete Berlin-Suhler Waffen- und Fahrzeugwerke GmbH verpachtet, um den Familiennamen aus dem Firmennamen zu entfernen.“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Simson_(Unternehmen))
Doch dann taucht der Name Simson, der Familienname der Gründerväter Löb und Moses Simson, wieder auf. Wir schreiben das Jahr 1952:
„Am 1. Mai 1952 wurde der von nun an volkseigene Betrieb als VEB Fahrzeug- und Gerätewerk Simson Suhl in der späteren IFA-Industrieverband Fahrzeugbau der DDR, eingegliedert.“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Simson_(Unternehmen))
Welche Bedeutung hatte nun, ab 1952, der Name Simson? Wir zitieren Ludwig Wittgenstein:
„Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache.
Und die Bedeutung eines Namens erklärt man manchmal dadurch, daß man auf seinen Träger zeigt.“
„Trotz deutlicher Kritik der Simson-Nachfahren ist AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund im Wahlkampf abermals mit einem der Mopeds unterwegs. Nach einer Versammlung auf dem Markt in Weißenfels im Süden Sachsen-Anhalts war am Sonntag eine Ausfahrt mit Anhängern geplant.“ Wir zitieren aus einem Beitrag der Welt vom 27. Juli 2026.
Welche Bedeutung kommt dem Wort und Namen Simson zu? Wer zeigt hier auf wen? Eines kann mit Sicherheit festgestellt werden: Weder Björn Höcke noch Ulrich Siegmund wollen mit ihrer Fahrt auf dem Schwalbe-Moped an die Familie Simson und ihr Unternehmen erinnern und damit auf diesen Namen zeigen mit dem Ziel, daran zu erinnern, unter welchen Umständen dieser Name seine ursprüngliche Bedeutung verloren hat. Gebraucht wird er von Höcke und Siegmund in einer Absicht, von der sich die Nachkommen der Familie Simson nur – hilflos – distanzieren können.



