Von der Flucht vor dem Auftrag zur Korrektur des Handelns und zum Erlernen des Erbarmens. Über die Teschuwa / Umkehr auf der Grundlage der Bibelkommentatoren, der Literatur der Weisen und des Denkens
Von Ari Lipinski
Dieser Text geht der Frage nach, warum die Weisen festlegten, das Buch Jona als Haftara im Nachmittagsgebet von Jom Kippur zu lesen, und was die biblische Erzählung zum Verständnis der Teschuwa / Umkehr an diesem heiligen Tag beiträgt.
Jona war ein Prophet. Sein Buch ist das fünfte Buch unter den sogenannten ‘Trei Assar’, den 12 ‘Kleinen Propheten’. Wenn man im Buch genau sucht, so stellt man überraschenderweise fest, dass Jona lediglich 5 hebräische Worte einer Prophezeiung im Kapitel 3 in Vers 4 aussprach. Das Buch unterscheidet sich deutlich von den übrigen Schriftpropheten. Es sammelt nicht Jonas Weissagungen, sondern erzählt Ereignisse aus seinem Leben, die mit einem einzigen Auftrag verbunden sind. Gerade durch die dramatische Handlung entfaltet es eine philosophische Lehre über Wesen und Ziel der Prophetie sowie über die Wege der göttlichen Vorsehung.
Der erste Auftrag nennt seinen Inhalt noch nicht. Jona soll nach Ninive, der „großen Stadt“, gehen und gegen sie ausrufen, „denn ihre Bosheit ist vor Mich heraufgestiegen“. Die ausgelassene Botschaft steigert die Spannung; aus der Begründung ist jedoch zu erkennen, dass der Stadt wegen der Taten ihrer Bewohner Unheil angekündigt werden soll.
Im hebräischen Original besteht der Ruf aus fünf Wörtern (Jona 3,4).
Luther: „Es sind noch vierzig Tage, so wird Ninive untergehen.“
Buber–Rosenzweig: „Noch vierzig Tage, und Ninive wird umgestürzt!“
Luther gibt das Verb mit „untergehen“ wieder. Buber und Rosenzweig bewahren mit „umgestürzt“ seine Doppeldeutigkeit: Ninive kann zerstört oder innerlich verwandelt, also umgekehrt, werden.
Die Erörterung stützt sich auf Bibelverse, Aussagen der Weisen aus verschiedenen Epochen sowie auf den Aufsatz von Dr. Avi Tzifroni, „Die Beziehung des Buches Jona zu Jom Kippur“, vom 18. September 2026, der eine der Grundlagen dieser Arbeit bildet. Aus diesem Aufsatz wurden die Grundlinien der literarischen Analyse übernommen: die Spannung zwischen Jona und seinem Auftrag, die moralische Gestalt der Seeleute, die Umkehr der Einwohner von Ninive, die Auseinandersetzung zwischen dem Maß des Rechts und dem Maß des Erbarmens sowie das Gleichnis vom Rizinusstrauch.
Die folgende Erörterung erweitert diese Linien mithilfe von achtzehn Kommentatoren und Denkern. Nicht alle erwähnten Gelehrten verfassten einen Kommentar zum Buch Jona.
Raschi, Ibn Esra, Abarbanel und Malbim kommentierten das Buch unmittelbar. Nachmanides, Rabbenu Bachja, Chiskuni, Sforno, Kli Jakar von Rabbiner Schlomo Ephraim Luntschitz, Or HaChaim, der Netziv, Rabbiner Samson Raphael Hirsch, Gur Arje des Maharal aus Prag, HaKetav VeHaKabbala und Meschech Chochma beleuchten dagegen den Begriff der Teschuwa / Umkehr aus ihren Kommentaren zur Tora; Sfat Emet, Rabbiner Kook und der Lubawitscher Rebbe ergänzen die chassidische und philosophische Sicht.
Diese Unterscheidung ist wichtig: Man darf einem Kommentator keine Auslegung zu Jona zuschreiben, wenn er keine solche verfasst hat; doch es ist erlaubt und sogar hilfreich, seine Grundsätze der Erzählung gegenüberzustellen und zu sehen, wie sie diese schärfen.
Die Hauptthese lautet, dass die Haftara aus Jona nicht nur beweist, dass ein Urteil durch Teschuwa / Umkehr (sogar bei den Nationen wie bei den Einwohnern der assyrischen Stadt Ninive) aufgehoben werden kann.
Jona ben Amittai und die prophetische Tradition
Das Buch nennt über Jona nur seinen Namen und den seines Vaters. In 2 Könige 14,25 erscheint Jona ben Amittai aus Gat-Hefer im Gebiet Sebulons als der Prophet, dessen Wort über die Wiederherstellung der Grenzen Israels unter Jerobeam II. in Erfüllung ging. Diese Verbindung erklärt, weshalb die Frage nach der Glaubwürdigkeit eines Propheten für Jona ein persönliches Gewicht haben konnte.
Die Weisen identifizieren Jona in einer Midrasch Tradition mit dem Sohn der Witwe von Zarpat, den Elija zum Leben erweckte. Die letzten Worte der Frau an Elija lauten: „Nun erkenne ich, dass du ein Mann Gottes bist und dass das Wort des Ewigen in deinem Mund Wahrheit ist“ (1 Könige 17,24). Das Wort „Wahrheit“, Emet, wird dabei als Hinweis auf den Namen Amittai gelesen. Jona gilt ferner als Schüler Elijas. Wie sein Lehrer tritt er als Eiferer für Gottes Recht auf; zugleich muss er lernen, dass prophetische Treue nicht nur im Bestehen auf dem Urteil, sondern auch im Dienst an der Umkehr der Menschen liegt.
Andere große Propheten versuchten ebenfalls, einem Auftrag auszuweichen. Mose verwies auf seine mangelnde Beredsamkeit, Jeremia auf seine Jugend. Sie hielten sich der Aufgabe nicht gewachsen. Jona flieht aus einem anderen Grund: Er kennt den barmherzigen Charakter Gottes und fürchtet, dass die Umkehr Ninives seine Unheilsbotschaft unerfüllt lassen werde. Seine physische Flucht vor dem Auftrag ist deshalb in der prophetischen Literatur von besonderer Schärfe.
Sie schildert die ganze Schwierigkeit der Teschuwa / Umkehr:
Der Mensch flieht vor der Verantwortung, erwacht bisweilen aus Angst, hält an Ritualen fest, kann nur schwer auf seine Selbstgerechtigkeit und seine Ehre verzichten und lernt erst allmählich, sein Leben zu verändern.
Jom Kippur stellt dieselbe Herausforderung. Fasten, Sündenbekenntnis und Gebet sind notwendig, doch ihr Ziel ist eine Veränderung des Willens und des Handelns, die Bitte um Vergebung beim Mitmenschen und die Nachahmung des Erbarmens des Heiligen, gelobt sei Er.
Die Lesung des Buches Jona im Nachmittagsgebet von Jom Kippur
Die Mischna und die Gemara bestimmen: „Und im Nachmittagsgebet liest man über die verbotenen Beziehungen und trägt als Haftara Jona vor“ (Megilla 31a). Die Lesung erfolgt zu einer späten Stunde des Tages, nach Stunden des Fastens, Betens und Sündenbekenntnisses, nahe dem Ne’ila-Gebet. Gerade zu diesem Zeitpunkt besteht die Gefahr, dass der Mensch die Umkehr mit der Entbehrung selbst und dem Aufenthalt in der Synagoge gleichsetzt. Das Buch Jona führt ihn zur Bewährungsprobe des Handelns zurück. Über die Einwohner von Ninive heißt es: „Und Gott sah ihre Taten, dass sie von ihrem bösen Weg umgekehrt waren“ (Jona 3,10). Die Schrift macht die Vergebung nicht von Sack, Asche oder Fasten abhängig, sondern von der Abkehr vom bösen Weg.
Die Weisen formulierten diesen Punkt mit Nachdruck: „Von den Einwohnern Ninives heißt es nicht: Gott sah ihren Sack und ihr Fasten, sondern: Gott sah ihre Taten“ (Ta’anit 16a). Das Fasten bezeichnet die Bereitschaft zur Veränderung, ist aber nicht die Veränderung selbst. Deshalb ergänzt die Haftara des Nachmittagsgebets die Haftara des Morgengebets aus Jesaja: „Ist das ein Fasten, wie ich es wünsche? … Brich dem Hungrigen dein Brot“ (Jesaja 58). Jesaja fordert Gerechtigkeit und Güte; Jona zeigt, wie eine ganze Stadt an der Aufgabe ihrer Gewalttat geprüft wird. Beide Haftarot hindern den Betenden daran, Jom Kippur zu einem Ritual zu machen, das vom gesellschaftlichen Leben getrennt ist.
Die Lesung erweitert auch den Horizont des Erbarmens. Die Einwohner von Ninive gehören nicht zu Israel, und dennoch wird ihre Umkehr angenommen. Darin wird deutlich, dass der Heilige, gelobt sei Er, nicht den Untergang seiner Geschöpfe wünscht. Wenn die Tore der Umkehr sich für eine fremde, von Gewalttat erfüllte Stadt öffnen, umso mehr für Israel, das im Gebet vor Ihm steht; doch dieser deduktive Schluss “min haKal el haKawed”, vom Leichteren auf das Schwerere ist kein automatisches Verdienst. Er verpflichtet Israel, durch seine Taten zu beweisen, dass das Gebet in das Leben eingedrungen ist.
Flucht und Abstieg als geistliche Diagnose
Die Erzählung beginnt im Buch Jona mit dem Befehl „Mach dich auf, geh nach Ninive“ und mit seiner entgegengesetzten Reaktion: „Da machte sich Jona auf, um vor dem Ewigen nach Tarschisch zu fliehen.“ Die Folge der Verben betont einen Abstieg: Jona steigt nach Jafo hinab, steigt in das Schiff hinab, steigt in den untersten Schiffsraum hinab und sinkt schließlich in die Tiefen. Das ist nicht nur eine geografische Bewegung. Die Flucht vor dem Auftrag verengt sein Bewusstsein, bis er schlafen kann, während die Menschen um ihn herum um ihr Leben kämpfen. Er erklärt: „Ich bin ein Hebräer und fürchte den Ewigen, den Gott des Himmels“, doch in diesem Stadium entspricht die Erklärung nicht seinem Verhalten.
Die geografische Richtung verstärkt den Gegensatz. Ninive liegt östlich von Israel; Jona geht nach Jafo hinab und sucht ein Schiff nach Tarschisch im äußersten Westen. Tarschisch wird häufig mit Tartessos auf der Iberischen Halbinsel, westlich der Straße von Gibraltar, verbunden. In seiner Entschlossenheit bezahlt Jona nach traditioneller Auslegung sogar den Fahrpreis des ganzen Schiffes. Seine Bewegung ist zugleich räumlicher Abstieg und moralische Entfernung vom Auftrag.
Jona weiß, dass man dem allgegenwärtigen Gott nicht entkommen kann. „Wohin sollte ich vor Deinem Angesicht fliehen? … Auch dort würde Deine Hand mich führen“ (Psalm 139,7–10). Die Wendung „vor dem Ewigen“ bezeichnet daher vor allem die Flucht aus dem prophetischen Dienst. Ein Prophet steht vor Gott, wie Elija vor Ahab bekennt: „So wahr der Ewige, der Gott Israels, lebt, vor dem ich stehe“ (1 Könige 17,1). Jona verlässt nicht Gottes Reich, sondern den Ort seiner Verantwortung.
Gott zwingt Jona nicht allein durch ein weiteres Wort zur Umkehr, sondern durch die Wirklichkeit. Der Sturm bringt das Schiff an den Rand des Zerbrechens. Während die Seeleute rufen und Ladung ins Meer werfen, geht Jona in den untersten Raum und schläft. Sein Schlaf ist ein Versuch, die Wirklichkeit auszublenden. Er ist bereit, mit dem Schiff unterzugehen, solange er den Auftrag nicht erfüllen muss, und zeigt zunächst keine erkennbare Empathie für die Menschen, die seinetwegen in Lebensgefahr geraten.
Raschi erklärt, die Flucht „vor dem Ewigen“ sei der Versuch, das Land Israel, den Ort der Gegenwart der Prophetie, zu verlassen, damit der Auftrag nicht auf ihm ruhe. Diese Auslegung macht Jona nicht zu einem Leugner der Gegenwart Gottes, sondern zu einem Menschen, der sich der praktischen Verantwortung seines Glaubens entziehen will. Hier liegt ein unmittelbarer Berührungspunkt mit Jom Kippur. Es ist leicht, im Plural „Wir haben Schuld auf uns geladen“ zu sagen; schwer ist es, den konkreten Auftrag zu erkennen, vor dem ich geflohen bin, und den Menschen, der die Folgen meiner Flucht tragen musste.
Ibn Esra betont in seinem Kommentar zum Buch den einfachen Wortsinn und den Aufbau des Geschehens. Die in Kapitel 3 wiederholte Aufforderung „Mach dich auf“ lehrt, dass der Auftrag nach dem Scheitern nicht verschwunden ist. Der Heilige, gelobt sei Er, wendet sich „zum zweiten Mal“ an Jona. Die biblische Umkehr ist keine Auslöschung der Vergangenheit, sondern die Möglichkeit, sich erneut zu derselben Verantwortung zu erheben. An Jom Kippur wird der Mensch nicht aufgefordert, eine andere Identität zu erfinden; er wird gerufen, zu dem Ort zurückzukehren, an dem er aufgehört hat, seine Pflicht zu erfüllen.
Auch die Seeleute dienen als moralischer Spiegel. Sie gehören verschiedenen Völkern an, doch sie beeilen sich nicht, Jona über Bord zu werfen. Sie forschen nach, beten, rudern zum Land und bitten darum, nicht mit der Schuld an unschuldigem Blut belastet zu werden. Jona dagegen betet zunächst nicht und zeigt keine Sorge um ihr Schicksal. Das Buch lehrt somit, dass eine erklärte religiöse Identität nicht genügt. Gottesfurcht wird an der Verantwortung für das Leben des Mitmenschen geprüft.
Die Seeleute als moralischer Gegenentwurf
Das Verhalten der Seeleute wird in einer Reihe von Entscheidungen sichtbar, die Jonas Gleichgültigkeit umso schärfer hervortreten lassen:
- Obwohl das Los auf Jona fällt und er seine Flucht eingesteht, werfen sie ihn nicht sofort ins Meer.
- Sie behandeln ihn als Menschen und fragen nach seinem Beruf, seiner Herkunft, seinem Land und seinem Volk.
- Mit der Frage „Was hast du da getan?“ halten sie ihm die moralische Bedeutung seiner Flucht vor Augen.
- Als Jona schweigt, fragen sie geduldig, was sie tun sollen, damit das Meer sich beruhigt.
- Selbst nachdem Jona vorschlägt, ihn über Bord zu werfen, rudern sie mit aller Kraft zum Land, um ihn zu retten.
- Bevor sie ihn ins Meer werfen, bitten sie den Ewigen, ihnen keine Schuld an unschuldigem Blut anzurechnen.
- Als das Meer still wird, fürchten sie den Ewigen, bringen ein Opfer dar und geloben Gelübde. Nach Pirke de-Rabbi Elieser 9 gingen sie später nach Jerusalem, ließen sich beschneiden und nahmen sich vor, auch ihre Familien zum Glauben zu führen.
Ihre Umkehr endet demnach nicht mit der akuten Gefahr. Zugleich wird Jona gegen seinen Willen zum Auslöser einer religiösen Wandlung, noch bevor er bereit ist, Ninive zur Umkehr zu rufen. Der Kapitän und später der König von Ninive übernehmen jeweils die Rolle, die Jona meiden will: Sie wecken andere aus ihrer Passivität und rufen zum Gebet und zur Veränderung auf.
Von der Bedrängnis zum Gebet
Der Fisch rettet Jona vor dem Tod, schließt ihn aber zugleich ein. Im Bauch des Fisches betet er zum ersten Mal. Sein Gebet ist aus Formulierungen der Psalmen gewoben und beschreibt die Rettung beinahe so, als sei sie bereits vollendet: „Ich aber will dir mit lautem Dank Opfer bringen; was ich gelobt habe, will ich erfüllen. Die Rettung kommt vom Ewigen.“ In dem Gebet liegen die Anerkennung von Jonas Abhängigkeit vom Heiligen, gelobt sei Er, und die Bereitschaft, sein Gelübde zu erfüllen; doch es enthält kein ausdrückliches Bekenntnis seiner Flucht und noch kein Mitgefühl mit Ninive. Deshalb ist das Gebet eine echte, aber unvollständige Stufe seiner Umkehr.
Die Rettung enthält ein doppeltes Wunder: Der große Fisch erscheint im richtigen Augenblick, und er verschlingt Jona nicht als Beute, sondern bewahrt ihn drei Tage und drei Nächte lang. Eine alte sprachliche Assoziation verbindet den Namen Ninive mit einem „Wohnort des Fisches“; im Akkadischen wurde die Stadt in einer Zeichenverbindung dargestellt, die an einen Fisch im Haus erinnert. Der Fisch, vor dem Jona nicht fliehen kann, weist ihn somit bereits auf die Stadt zurück, der er entkommen wollte.
Die drei Tage im Innern des Fisches steigern seine Not und zwingen ihn zur Selbstprüfung. Zuvor war er bereit, durch die Hand der Seeleute zu sterben; nun setzt sich sein Lebenswille durch. Als gläubiger Mensch spricht er nicht nur eine Bitte, sondern bereits Dank für die erwartete Rettung aus. Sein Gelübde lässt erkennen, dass er nun bereit ist, den Auftrag auszuführen.
Dennoch spricht Gott an dieser Stelle ironischerweise nicht zu Jona, sondern zum Fisch. Dieser „spie Jona auf das trockene Land aus“ (Jona 2,11). Die drastische Sprache markiert Jonas Erniedrigung. Erst danach ergeht das Wort des Ewigen „zum zweiten Mal“ an ihn. Die erneuerte Berufung ist Gnade, aber keine Verharmlosung seiner Flucht.
Diese Vielschichtigkeit ist für den Dienst an Jom Kippur wichtig. Ein Mensch kann aufrichtig aus Bedrängnis beten und den Mitmenschen dennoch nicht sehen. Ein solches Gebet darf nicht verworfen werden; es kann der Anfang des Weges sein. Dennoch darf es nicht zum Ende des Prozesses erklärt werden. Das Buch Jona begleitet den Propheten auch nach seinem Gebet weiter, weil die Umkehr die Wurzel der Haltung erreichen muss, aus der er geflohen ist.
Sfat Emet betont in seinen Predigten zu Jom Kippur, dass Umkehr die Rückkehr zu dem inneren Punkt ist, der unversehrt bleibt, und dass die Heiligkeit des Tages selbst dabei hilft, ihn freizulegen. Diese Sprache beleuchtet Jonas Gebet: Unter den Schichten der Flucht besteht weiterhin jener Verbindungspunkt, der es ihm ermöglicht, zum Ewigen zu rufen. Doch die Entdeckung des inneren Punktes muss sich im Handeln fortsetzen. Die Stimme, die aus den Tiefen emporsteigt, muss zum Gang nach Ninive werden.
Die Umkehr Ninives zwischen Fasten und Veränderung des Handelns
Jona kommt nach Ninive und ruft: „Noch vierzig Tage, dann wird Ninive umgewendet.“ Raschi führt in seinem Kommentar eine homiletische Möglichkeit an, wonach „umgewendet“ zwei Bedeutungen trägt: Wenn sie nicht umkehren, wird die Stadt zerstört; wenn sie umkehren, werden ihre Bewohner selbst vom Bösen zum Guten verwandelt. Selbst wenn man Ibn Esras Anmerkung akzeptiert, dass dies nicht der einfache Sinn des Ausdrucks ist, formuliert die Auslegung das Ziel der Unheils Prophezeiung treffend. Die gewünschte Umwendung ist nicht das Umstürzen von Steinen, sondern die Umwandlung von Herzen und Taten.
Ein erfüllter Auftrag mit innerem Widerstand
Ninive wird als Stadt von drei Tagereisen beschrieben. Jona geht nur eine Tagereise hinein und ruft lediglich fünf hebräische Wörter. Seine Ausführung bleibt in vier Punkten auffällig knapp: Er durchquert nicht die ganze Stadt, nennt Gott nicht als seinen Auftraggeber, erklärt den Zusammenhang zwischen dem Unrecht der Bewohner und dem drohenden Untergang nicht und fordert sie nicht ausdrücklich zur Umkehr auf.
Zu Jonas Gunsten muss festgehalten werden, dass sein Auftreten Mut verlangt. Als Fremder kündigt er in der Hauptstadt einer Großmacht deren Untergang an und vertraut darauf, dass Gott ihn schützt. Dennoch erfüllt er den Auftrag wie unter Zwang. Der Erfolg kommt nicht durch seine pädagogische Bereitschaft zustande, sondern trotz ihrer Begrenzung.
Umso überraschender reagiert Ninive sofort. Noch bevor die Nachricht den König erreicht, glauben die Bewohner Gott, fasten und kleiden sich in Sack. Der König legt sein Gewand ab, setzt sich in den Staub und ordnet an, dass auch Tiere fasten und mit Sack bedeckt werden. Entscheidend ist jedoch sein Ruf: „Jeder kehre um von seinem bösen Weg und von der Gewalttat in seinen Händen“ (Jona 3,8). Der König tut damit, was der Prophet unterlassen hat: Er drängt die Stadt zur Umkehr.
Die Erzählung parallelisiert Schiff und Stadt. Die Seeleute und die Einwohner Ninives reagieren auf eine lebensbedrohliche Botschaft mit Gottesfurcht und verändertem Handeln; der Kapitän und der König rufen ihre Umgebung zum Gebet auf. Beide Gruppen von Nichtisraeliten werden dadurch zu Lehrern des Propheten und des Lesers.
Ibn Esra verbindet die Prophezeiung mit dem Grundsatz aus Jeremia 18: Wenn ein Volk von seinem Bösen umkehrt, lässt der Heilige, gelobt sei Er, von dem Unheil ab, das Er ihm zuzufügen gedachte. Daraus folgt, dass eine Unheilsprophezeiung ihrem Wesen nach bedingt ist, auch wenn die Bedingung nicht jedes Mal ausgesprochen wird. Der Erfolg des Propheten wird somit daran gemessen, dass die Drohung nicht eintritt, weil die Hörer sich verändert haben. Die Sorge um das Ansehen des Propheten steht im Gegensatz zu dem Zweck, zu dem er gesandt wurde.
Der König von Ninive begnügt sich nicht mit dem Fasten. Er befiehlt: „Jeder kehre um von seinem bösen Weg und von der Gewalttat in seinen Händen.“ Die Gewalttat ist konkretes gesellschaftliches Unrecht, kein abstrakter ritueller Makel. Raschi betont in seinem Kommentar zu den Versen, dass die Sünden, die der Mensch in der Hand hält, im Mittelpunkt stehen. Malbim hebt hervor, dass der Heilige, gelobt sei Er, die Taten sah, insbesondere die Abkehr vom bösen Weg, und nicht die äußeren Zeichen. Dies ist die unmittelbarste Botschaft für Jom Kippur: Wer fremdes Eigentum in der Hand hält, eine nicht wiedergutgemachte Verletzung oder eine Beziehung, in der er nicht um Vergebung gebeten hat, kann sich nicht mit einem allgemeinen Sündenbekenntnis begnügen.
Die Mischna bestimmt: „Übertretungen zwischen Mensch und Gott sühnt Jom Kippur; Übertretungen zwischen Mensch und Mitmensch sühnt Jom Kippur nicht, bis er seinen Mitmenschen versöhnt hat“ (Joma 8,9). Die Einwohner Ninives dienen als erzählerische Veranschaulichung dieser Halacha. Sie kennen den Wortlaut des Sündenbekenntnisses Israels nicht, doch sie geben das durch Gewalttat Erlangte zurück. Daraus folgt, dass die Bewährungsprobe der Umkehr nicht allein im Reichtum der Formulierung liegt, sondern in der Bereitschaft des Menschen, die Sünde aus seinen Händen zu geben.
Ist Umkehr aus Angst Umkehr?
Die Einwohner Ninives kehren infolge einer Vernichtungsdrohung um. Man könnte vermuten, ihre Umkehr sei eigennützig und vorübergehend. Auch die Seeleute wenden sich an den Ewigen, als das Meer stürmt. Die Bibel weist das Erwachen jedoch nicht zurück, weil es aus Angst entstanden ist. Sie prüft die Tat, die daraus hervorgeht. Umkehr aus Furcht ist nicht die höchste Stufe, doch sie ist ein wirkliches Tor. Jom Kippur selbst weckt die Furcht vor dem Gericht, und die Furcht kann den Menschen aufhalten, bevor die Liebe zum Guten heranreift.
Sforno deutet im Abschnitt über die Umkehr in Deuteronomium 30 „du wirst es dir zu Herzen nehmen“ als einen Akt der Besinnung und „du wirst zum Ewigen, deinem Gott, umkehren“ als eine Rückkehr, deren Ziel es ist, den Willen des Schöpfers zu tun. Dieser Linie folgend kann man in Ninive einen Prozess sehen: In der ersten Stufe kommt die äußere Erschütterung; in der zweiten werden die Dinge ins Herz zurückgeführt; und in der dritten verändert sich der Weg. Der erste Schritt braucht nicht verworfen zu werden, doch man darf bei ihm nicht stehen bleiben.
Rabbiner Kook unterscheidet in Orot HaTeschuva zwischen einer Umkehr, die aus Not, Angst oder der Erkenntnis des Schadens hervorgeht, und einer höheren Umkehr, die aus der Erkenntnis des Guten und des Lebens erwächst. Dennoch hängt jede Bewegung der Rückkehr mit der Lebenskraft zusammen, die in ihre Ordnung zurückzukehren sucht. Diese Auffassung ermöglicht es, Ninive mit einem Blick zu lesen, der weder naiv noch zynisch ist: Vielleicht war das ursprüngliche Motiv Angst, doch die Aufgabe der Gewalttat ist eine wirkliche Korrektur. Daraus erwächst auch Hoffnung für den Menschen, der an Jom Kippur aus einem unvollständigen Grund erwacht. Er soll das Erwachen achten und es nach dem Fasten vertiefen.
Der Lubawitscher Rebbe betonte häufig, dass Umkehr die Rückkehr zur wesentlichen Verbindung eines Juden mit dem Heiligen, gelobt sei Er, bedeutet und dass dort, wo Menschen der Umkehr stehen, die Kraft besteht, vorsätzliche Sünden selbst in Verdienste zu verwandeln, wenn die Umkehr aus Liebe geschieht. Im Blick auf das Buch Jona wird eine Bewegung der „Umwandlung“ hervorgehoben: nicht nur die Aufhebung des Urteils, sondern die Veränderung der Lebensrichtung. Die vierzig Tage, die Ninive gegeben wurden, entsprechen im jüdischen Bewusstsein den vierzig Tagen des Erbarmens vom Neumondstag des Elul bis Jom Kippur, einer Zeit, die dazu bestimmt ist, Gewohnheit in korrigiertes Handeln zu verwandeln.
Das Gebot der Umkehr ist dem Menschen nahe
Nachmanides deutet „Denn dieses Gebot, das ich dir heute gebiete, ist dir nicht zu wunderbar und nicht fern“ (Deuteronomium 30,11) auf das zuvor erwähnte Gebot der Umkehr: „du wirst es dir zu Herzen nehmen“, „du wirst zum Ewigen, deinem Gott, umkehren“. Seinen Worten zufolge ist Umkehr „zu jeder Zeit und an jedem Ort“ möglich und umfasst das Bekenntnis mit dem Mund, die Rückkehr im Herzen und den Entschluss zum Handeln. Diese Auslegung beleuchtet Jona von allen Seiten. Sowohl auf dem Meer als auch im Bauch des Fisches und in einer fremden Stadt besteht die Möglichkeit umzukehren. Die geografische Entfernung hebt die geistige Nähe nicht auf, und der Fall entbindet nicht vom Aufstehen.
Rabbenu Bachja erörtert dieselben Verse und verbindet Mund, Herz und Tat miteinander. Auch wenn er seine breite Auslegung von „diesem Gebot“ auf die Tora bezieht, erklärt er die Formulierung „in deinem Mund und in deinem Herzen, es zu tun“ als ein Muster innerer Erkenntnis, mündlichen Ausdrucks und praktischer Verwirklichung. Die drei Dimensionen zeigen sich im Buch Jona: Die Einwohner Ninives rufen zu Gott, nehmen die Warnung zu Herzen und kehren von der Gewalttat um; Jona dagegen ist zunächst mit dem Mund erfolgreich, doch sein Herz und seine Taten bedürfen noch der Korrektur.
Chiskuni stellt in seinem Kommentar zum Wochenabschnitt Nizawim die Rückkehr in einen Bundesvorgang: Der Mensch hört Segen und Fluch, nimmt sie zu Herzen und kehrt zurück, um auf die Stimme des Ewigen zu hören. Sein Beitrag zur Lektüre Jonas ist die Betonung, dass Umkehr kein augenblickliches Gefühl, sondern die Rückkehr zu verpflichtender Treue ist. Jonas Gelübde im Bauch des Fisches erhält erst Bedeutung, als er aufsteht und nach Ninive geht.
Or HaChaim untersucht genau die Vielzahl der Ausdrücke für Rückkehr in Deuteronomium 30 und beschreibt einen stufenweisen Prozess: Erwachen des Herzens, Rückkehr zum Ewigen, Hören auf Seine Stimme und Rückkehr zur Erfüllung der Gebote. Diese Abstufung entspricht dem Aufbau des Buches Jona. Die Seeleute gelangen von natürlicher Angst zur Ehrfurcht vor dem Ewigen; Ninive gelangt vom Glauben an die Warnung zum Fasten und schließlich zur Aufgabe der Gewalttat; Jona gelangt von der Flucht zum Gebet und zum Gehorsam, bedarf aber noch der Korrektur des Erbarmens. Keine Umkehr gleicht der anderen, doch alle verlangen einen Übergang vom Bewusstsein zur Tat.
Sündenbekenntnis, Umkehr und Sühne an Jom Kippur
Kli Jakar betont in seinem Kommentar zum Wochenabschnitt Nizawim die Nähe zwischen Mund und Herz und die Gefahr einer Kluft zwischen ihnen. Dieser Gedanke berührt den Kern des Dienstes an Jom Kippur. Das Sündenbekenntnis wird mit dem Mund gesprochen, um das Herz zu wecken und Verantwortung zu formulieren; doch Worte, die keine Veränderung hervorbringen, können zum Schleier werden. Jona versteht es, Glauben und sogar ein erhabenes Gebet zu formulieren, doch die Erzählung begnügt sich nicht mit seinen Worten und prüft seine Beziehung zu den Geschöpfen.
HaKetav VeHaKabbala untersucht gewöhnlich die genaue Bedeutung der biblischen Ausdrucksweisen. Im Zusammenhang von „du wirst zum Ewigen umkehren“ lässt sich zwischen der Abkehr vom bösen Weg und dem erneuten Gelangen zu einer Beziehung der Nähe vor dem Ewigen unterscheiden. Umkehr ist nicht nur Rückzug von der Sünde; sie ist eine positive Ausrichtung. Die Einwohner Ninives lassen von der Gewalttat ab, während Jona lernen muss, nicht nur die Flucht zu beenden, sondern vor dem Ewigen als ein Prophet zu stehen, der die Rettung seiner Hörer wünscht.
Meschech Chochma betont in seinem Kommentar zum Dienst an Jom Kippur in Levitikus 16 die Verbindung zwischen Sühne, Reinigung der Gemeinschaft und dem Stehen „vor dem Ewigen“. Der Tag gewährt eine besondere Möglichkeit der Reinigung, macht den Menschen jedoch nicht passiv. Die Reinigung verlangt Umkehr, und bei Sünden zwischen Mensch und Mitmensch ist die Wiederherstellung der Beziehungen erforderlich. Das Buch Jona liefert die parallele Erzählung: Das göttliche Erbarmen ist verfügbar, doch die Schrift vermerkt, dass das Urteil nach der Änderung des Weges aufgehoben wurde.
Rabbiner Samson Raphael Hirsch deutet die Sühne und Reinigung von Jom Kippur als Erneuerung der Fähigkeit, dem Ewigen mitten im praktischen Leben zu dienen. Die Entbehrung ist kein Ziel der Verneinung des Körpers, sondern eine zeitweilige Entfernung von der Abhängigkeit von Bedürfnissen, um dem Menschen seine moralische Freiheit zurückzugeben. Diese Lesart beleuchtet auch das Fasten in Ninive. Sein Wert liegt nicht im Leiden an sich; es soll den Automatismus von Macht und Gewalttat brechen und eine andere Wahl ermöglichen.
Erbarmen ist kein Verzicht auf Wahrheit
Nachdem das Urteil aufgehoben worden ist, zitiert Jona die Eigenschaften des Erbarmens: „Denn ich wusste, dass Du ein gnädiger und barmherziger Gott bist, langmütig und reich an Güte, und dass Du vom Unheil ablässt.“ Er lässt das Wort „Wahrheit“ aus der Formulierung in Exodus 34 aus. Man kann seinen Zorn als Kampf um die Glaubwürdigkeit der Prophezeiung und um das Maß des Rechts verstehen. Doch das Buch lehrt, dass Erbarmen keine Verfälschung der Wahrheit ist. Zur Wahrheit gehört auch die Veränderung, die im Menschen stattgefunden hat. Wenn das Ninive von heute nicht das Ninive ist, über das das Urteil verhängt wurde, würde die Vollstreckung der Strafe ohne Berücksichtigung der Umkehr die neue Wirklichkeit missachten.
Jonas Einwände gegen die Vergebung
Erst nach der Rettung Ninives erklärt Jona ausdrücklich, weshalb er nach Tarschisch floh. Er wusste, dass Gott „gnädig und barmherzig, langmütig und reich an Güte“ ist und vom angekündigten Unheil ablässt. Die Prophetie des Unheils soll jedoch gerade warnen und Umkehr hervorbringen. Jeremia 18,7–8 formuliert die Regel: Kehrt ein Volk von seiner Bosheit um, lässt Gott von dem Unheil ab. Eine Warnung, die wegen ihres Erfolges nicht eintritt, ist daher keine falsche Prophetie, sondern eine erfüllte prophetische Aufgabe.
Neben der Sorge um sein persönliches Ansehen lassen sich drei theologische Einwände erkennen. Erstens fürchtet Jona um die Beständigkeit des göttlichen Wortes: Gott ist kein Mensch, der beliebig bereut. Zweitens verbindet er den Namen seines Vaters Amittai mit Emet, Wahrheit, und besteht auf dem Maß des strengen Rechts. Wenn er die dreizehn Eigenschaften aus Exodus 34 zitiert, lässt er das Wort „Wahrheit“ aus. Drittens bezweifelt er die Echtheit einer Umkehr, die erst unter äußerer Drohung beginnt.
Möglicherweise wirkt außerdem ein politisch-historischer Gedanke mit. Jona könnte den Aufstieg Assyriens vorausgesehen haben, das später das Nordreich Israel zerstören und seine Bewohner ins Exil führen sollte. Aus dieser Perspektive wäre die Vernichtung der Hauptstadt eine Rettung Israels. Das Buch billigt diese Berechnung jedoch nicht. Der Prophet darf die gegenwärtige Möglichkeit der Umkehr nicht einem von ihm berechneten zukünftigen Nutzen opfern.
Jonas Zweifel an einer aus Not geborenen Umkehr trifft ihn selbst. Er nahm das Gebet erst im Innern des Fisches wieder auf, als sein eigenes Leben bedroht war. Wer die aus Bedrängnis entstandene Rückkehr anderer verwirft, muss erklären, warum sein eigenes Gebet aus Bedrängnis angenommen werden soll.
In dieser Hinsicht steht Jona neben Ijob. Ijob ringt mit der Frage des leidenden Gerechten; Jona mit der des geretteten Schuldigen. Ijob erkennt nach der göttlichen Antwort die Grenze menschlichen Verstehens. Bei Jona bleibt die Wirkung der Belehrung zunächst offen, weil er auf Gottes letzte Frage schweigt.
Gur Arje des Maharal hilft in seinem Kommentar zu Raschi über die Eigenschaften des Erbarmens, die Verbindung „Er spricht frei, doch spricht Er nicht frei“ zu verstehen: Reinigung gibt es für die Umkehrenden, aber nicht für diejenigen, die an ihrer Sünde festhalten. Erbarmen ist keine Aufhebung der Gerechtigkeit, sondern eine unterschiedliche Beziehung zu unterschiedlichen Zuständen. Das Buch Jona veranschaulicht dies gut. Der Heilige, gelobt sei Er, erlässt Ninive nichts, solange es an der Gewalttat festhält; Er vergibt, nachdem es davon abgelassen hat. So ist auch Jom Kippur keine Erlaubnis, denselben Weg fortzusetzen, sondern ein Bund der Sühne mit dem, der umkehrt.
Abarbanel widmet der Frage nach Jonas Motiven breiten Raum. Er führt die Sorge des Propheten um die Ehre Israels und um die geschichtlichen Folgen der Rettung Assyriens an, neben der Befürchtung, als falscher Prophet zu erscheinen. Auch wenn diese Motive grundsätzlich klingen, verpflichtet der prophetische Auftrag dazu, das Wort des Ewigen zu überbringen und die Vorsehung nicht nach menschlicher Berechnung zu lenken. An Jom Kippur muss der Mensch auf die Argumente verzichten, mit denen er seine Herzenshärte rechtfertigt: warum der andere keine Vergebung verdient, warum dessen Verletzung schwerer ist als meine und warum die Gerechtigkeit verlangt, dass ich weiter zürne.
Malbim liest die Stufen des Buches als Zusammenstoß zwischen Jonas Denken, der bisweilen meint, das Urteil sei bereits besiegelt, und dem Willen des Ewigen, eine Öffnung für die Umkehr zu lassen. Darin liegt die Kraft von Jom Kippur: Solange der Mensch lebt und handelt, darf er die Strenge des Gerichts nicht in Verzweiflung verwandeln. Die Furcht vor dem Gericht soll zur Umkehr antreiben, nicht ihre Möglichkeit verneinen.
Der Rizinusstrauch und die Erziehung des Propheten zum Mitgefühl
Kapitel 4 ist kein Anhang zur Erzählung von der Umkehr, sondern ihr Höhepunkt. Jona hat den Auftrag bereits erfüllt, die Stadt ist bereits umgekehrt und das Urteil bereits aufgehoben, doch der Prophet selbst bedarf noch der Veränderung. Der Heilige, gelobt sei Er, antwortet ihm nicht mit einem abstrakten Vortrag. Er fügt einen Rizinusstrauch, einen Wurm und einen Ostwind, und schafft eine Erfahrung, durch die Jona Verlust empfinden wird. Das Mitleid mit dem Rizinusstrauch wird zu einer Öffnung für das Verständnis des Erbarmens mit Ninive.
Jona setzt sich östlich der Stadt nieder und baut sich eine Hütte. Er wartet ab, ob die Bewohner in ihrer Veränderung bleiben oder ob die Stadt doch noch untergeht. Seine Haltung bleibt die des Beobachters. Anders als Abraham, der für Sodom eintritt und um seine Rettung ringt, zeigt Jona keine innere Beteiligung am Schicksal der vielen Menschen vor ihm.
Der Rizinus macht den Widerspruch sichtbar. Jona freut sich sehr über die Pflanze, weil sie ihm Schatten gibt, trauert aber nicht über die mögliche Vernichtung Ninives. Gott bestellt einen Wurm, der die Pflanze verdorren lässt, und danach einen heißen Ostwind. Als Jona unter Sonne und Hitze zusammenbricht, wünscht er erneut den Tod, diesmal nicht aus einem theologischen Konflikt, sondern wegen seines persönlichen Leidens.
Gottes Schlussfrage stellt die Maßstäbe nebeneinander: Jona hat Mitleid mit einer Pflanze, die er weder gepflanzt noch großgezogen hat. Sollte Gott nicht Mitleid mit einer Stadt von mehr als 120.000 Menschen haben, darunter viele, die „nicht zwischen rechts und links unterscheiden können“, sowie mit zahlreichen Tieren? Das Buch endet mit dieser Frage und macht den Leser zum Adressaten.
Jonas Schweigen kann als fortdauernder Widerstand, als Beschämung oder als stilles Eingeständnis seines Irrtums verstanden werden. Dass das Buch ihn nicht als abgesetzt darstellt, spricht dafür, sein Schweigen zumindest als Beginn einer Einsicht zu lesen. Anders als sein Lehrer Elija erhält Jona keinen Befehl, einen Nachfolger an seiner Stelle einzusetzen. Auffällig bleibt dennoch, dass ihn das Buch selbst nie ausdrücklich mit dem Titel „der Prophet“ bezeichnet. Seine Auffassung von Prophetie muss erst korrigiert werden.
Der Netziv betont an vielen Stellen seines Tora Kommentars, dass die Führung des Ewigen vom Menschen verlangt, in Seinen Wegen zu gehen und Verantwortung für die Gemeinschaft zu tragen. Im Zusammenhang mit dem Abschnitt über die Umkehr unterscheidet er verschiedene Stufen und Gruppen von Umkehrenden und beschränkt die Erlösung nicht auf ein einheitliches Modell. Dieser Geist hilft, die Schlussfrage zu lesen: „Und ich sollte Ninive, die große Stadt, nicht verschonen?“ Das Maß des Ewigen erstreckt sich über eine große und vielfältige Gemeinschaft, einschließlich derer, die „nicht zwischen ihrer Rechten und ihrer Linken unterscheiden können, und viel Vieh“. Der Mensch, der an Jom Kippur betet, steht nicht als isolierter Einzelner; er trägt Familie, Gemeinschaft und Welt mit sich.
Rabbiner Kook sieht in der Umkehr eine kosmische Kraft der Korrektur des Lebens und nicht nur eine private Abrechnung von Übertretungen. Der Rizinusstrauch lehrt Jona, die Grenzen des Ichs zu erweitern. Solange er sich nur an dem freut, was ihm Schatten spendet, und nur über das trauert, was ihm genommen wurde, ist seine Umkehr begrenzt. Wenn der Mensch fähig wird, eine ganze Stadt zu verschonen, zeigt sich, dass die Rückkehr zum Ewigen auch eine Rückkehr zur Einheit und zur Verantwortung für die Schöpfung ist.
Jonas Schweigen am Ende des Buches lässt die Frage für den Leser offen. Die Schrift berichtet nicht, ob er die Zurechtweisung angenommen hat, weil die erforderliche Antwort bei jeder Lektüre neu erfolgen muss. Im Nachmittagsgebet von Jom Kippur richtet sich die Frage „Und ich sollte nicht verschonen?“ an die Gemeinde: Haben die Gebete das Herz erweitert oder nur die Sorge um unser persönliches Schicksal verstärkt?
Achtzehn Stimmen der Auslegung
Raschi hebt die Möglichkeit der Umwandlung und die Pflicht hervor, die Sünde, die man in der Hand hält, aufzugeben. Sein Beitrag ist die Unterscheidung zwischen religiöser Erklärung und wirklicher Veränderung.
Ibn Esra verankert die Aufhebung des Unheils in der prophetischen Regel Jeremias und macht deutlich, dass ein Urteil sich ändern kann, wenn die moralische Wirklichkeit sich ändert.
Nachmanides definiert die Umkehr als ein nahes Gebot, das an jedem Ort möglich ist und Mund, Herz und Tat verbindet.
Rabbenu Bachja weist auf die erforderliche Einheit von Erkenntnis im Herzen, Bekenntnis mit dem Mund und korrigierendem Handeln hin.
Chiskuni stellt die Rückkehr in den Rahmen der Bundestreue und des erneuten Hörens auf die Stimme des Ewigen.
Abarbanel analysiert Jonas Motive und die Spannung zwischen nationaler oder persönlicher Berechnung und dem Auftrag des Propheten.
Sforno betont die Besinnung, die den Menschen dazu bringt, die Dinge zu Herzen zu nehmen und umzukehren, um den Willen des Ewigen zu tun.
Malbim unterscheidet zwischen dem Urteil und der verbleibenden Möglichkeit zur Umkehr und stellt die Taten in den Mittelpunkt der Umkehr Ninives.
Kli Jakar schärft die Verbindung zwischen Mund und Herz und die Gefahr eines Sündenbekenntnisses, das nicht in den Willen eindringt.
Sfat Emet sieht in Jom Kippur die Offenbarung des inneren Punktes, von dem aus man neu beginnen kann.
Or HaChaim beschreibt Umkehr als einen stufenweisen Prozess vom Erwachen zum Hören und Handeln.
Der Netziv erweitert die Umkehr vom Einzelnen auf die Gemeinschaft und erkennt die Vielfalt der Wege und Stufen im Prozess der Rückkehr an.
Rabbiner Samson Raphael Hirsch deutet die Entbehrung von Jom Kippur als Mittel zur Erneuerung der moralischen Freiheit und nicht als Selbstzweck.
Rabbiner Kook stellt die Umkehr als umfassende Lebensbewegung dar, die mit Furcht beginnen und zu Liebe und zur Korrektur der Welt aufsteigen kann.
Der Lubawitscher Rebbe betont die Rückkehr zur wesentlichen Verbindung mit dem Heiligen, gelobt sei Er, und die Kraft der Umkehr, die Richtung des Lebens zu verändern.
Gur Arje des Maharal erklärt, dass die Eigenschaften des Erbarmens den Umkehrenden reinigen, demjenigen aber, der an der Sünde festhält, keine Immunität gewähren.
HaKetav VeHaKabbala schärft die Sprache der Umkehr als positive Bewegung der Annäherung und nicht nur als Beendigung des Bösen.
Meschech Chochma verbindet die Sühne von Jom Kippur mit der Reinigung der Gemeinschaft und dem erneuten Stehen vor dem Ewigen, aus Verantwortung und Umkehr.
Vom Buch zum Dienst des Tages
Die Inhalte der Umkehr an Jom Kippur, die sich aus dem Buch Jona ergeben, lassen sich in fünf Schritten zusammenfassen. Der erste ist das Ende der Flucht und die Anerkennung des Auftrags. Der zweite ist der Ruf zum Ewigen und ein aufrichtiges Sündenbekenntnis. Der dritte ist die Aufgabe der Sünde und die Wiedergutmachung der Gewalttat in der eigenen Hand. Der vierte ist der Glaube, dass Veränderung auch nach dem Scheitern möglich ist. Der fünfte ist die Erweiterung des Herzens, bis der Mensch fähig ist, auch für jemanden, der nicht zu seiner nahen Welt gehört, um Leben und Erbarmen zu bitten.
Fünf Gründe für die Haftara am Nachmittag
Die Verbindung des Buches mit Jom Kippur lässt sich in fünf Gründen bündeln:
Teschuwa steht im Mittelpunkt. Die Seeleute und die Bewohner Ninives bleiben nicht bei Worten und Zeichen stehen. Ihre Taten belegen eine wirkliche Richtungsänderung, auch wenn diese durch äußere Gefahr ausgelöst wurde. Radak hebt in seiner Einleitung zu Jona den beschämenden Vergleich hervor: Ninive kehrte nach einem einzigen Ruf um, während Israel trotz der wiederholten Warnungen seiner Propheten oft halsstarrig blieb.
Am Jom Kippur hoffen wir auf göttliches Erbarmen. Im Ne’ila-Gebet bitten wir: „In Deinem großen Erbarmen erbarme Dich unser, denn Du willst nicht die Vernichtung der Welt … Du willst die Umkehr der Frevler und nicht ihren Tod.“ Gottes Erbarmen umfasst im Buch Jona den fliehenden Propheten, die gefährdeten Seeleute und die schuldige Stadt. Wenn Ninive Vergebung finden kann, darf Israel umso mehr hoffen, ist aber ebenso zur Umkehr verpflichtet.
Jom Kippur sühnt nicht automatisch Vergehen zwischen Mensch und Mitmensch. Die Seeleute zeigen beispielhafte Verantwortung für fremdes Leben. Ninive bereut Raub und Gewalttat und verändert die zwischenmenschliche Ordnung. Ohne Versöhnung, Rückgabe und Wiedergutmachung bleibt die religiöse Zeremonie unvollständig.
Das Fasten Ninives entspricht äußerlich der Selbstenthaltung des Tages. Das Buch bestimmt zugleich ihren Sinn: Hunger, Sack und Asche erhalten ihren Wert erst dadurch, dass sie den bösen Weg unterbrechen und zu anderem Handeln führen.
Die Haftara aus dem Buch Jona ergänzt die morgendliche Haftara aus Jesaja 57–58. Jesaja verwirft ein Fasten ohne Gerechtigkeit und fordert, dem Hungrigen Brot zu brechen, den Obdachlosen ins Haus zu bringen und den Nackten zu bekleiden. Jona erzählt dieselbe Wahrheit als Handlung: Gott sieht die Taten Ninives. Beide Lesungen markieren gemeinsam den Höhepunkt der zehn Tage der Umkehr.
Diese fünf Schritte verhindern zwei entgegengesetzte Irrtümer. Der eine Irrtum ist ein äußerlicher Kult: Fasten, Sack, Gebet und Sündenbekenntnis ohne praktische Korrektur. Der andere Irrtum ist moralische Verzweiflung: der Gedanke, die Sünde habe den Menschen bereits definiert und er könne nicht mehr umkehren. Ninive widerlegt den ersten, weil seine Rettung von seinen Taten abhängt; Jona widerlegt den zweiten, weil das göttliche Wort zum zweiten Mal an ihn ergeht.
Die Beziehung zu Jom Kippur wird somit in drei Kreisen deutlich. Im persönlichen Kreis lehrt Jona Verantwortung, Gebet und erneutes Aufstehen. Im gesellschaftlichen Kreis lehren die Seeleute und die Einwohner Ninives, dass das Leben des Mitmenschen und die Rückgabe des durch Gewalttat Erlangten die Bewährungsprobe des Glaubens sind. Im theologischen Kreis lehren der Rizinusstrauch und Ninive, dass das Maß des Erbarmens keine Schwäche ist, sondern die Weise, in der sich die göttliche Wahrheit zu Geschöpfen verhält, die sich verändern können.
Zur Stunde des Ne’ila-Gebets bittet der Betende darum, dass die Tore des Himmels sich nicht schließen. Das Buch Jona fügt eine stille und schwierigere Bitte hinzu: dass auch die Tore seines Herzens sich nicht schließen. Der Heilige, gelobt sei Er, öffnet dem fliehenden Propheten, den fremden Seeleuten und der sündigen Stadt einen Zugang. Die vom Leser geforderte Umkehr besteht darin, durch diesen Zugang einzutreten, das durch Gewalttat Erlangte zurückzugeben, Verantwortung zu übernehmen und Erbarmen zu lernen.
Zusammenfassung
Das Buch Jona wird im Nachmittagsgebet von Jom Kippur gelesen, weil es die Umkehr nicht als abstrakte Idee, sondern als menschliches Drama darstellt. Es enthält Flucht und Abstieg, Angst und Gebet, teilweisen Gehorsam, Veränderung des Handelns, Zorn über die Vergebung und das Erlernen des Mitgefühls. Die Einwohner Ninives lehren, dass Umkehr an der Abkehr vom bösen Weg geprüft wird; Jona lehrt, dass auch ein gläubiger Mensch und Prophet in der Tiefe seiner Charaktereigenschaften der Umkehr bedarf; und der Heilige, gelobt sei Er, lehrt, dass Sein Erbarmen alle Seine Werke umfasst, ohne die Forderung der Wahrheit aufzuheben.
Die achtzehn Stimmen der Auslegung fügen sich zu einem Bild zusammen: Umkehr ist nahe und möglich, aber nicht leicht oder oberflächlich. Sie verlangt Mund, Herz und Tat; sie kann mit Angst beginnen und sich zur Liebe erheben; sie sucht Sühne vor dem Ewigen und Wiedergutmachung gegenüber dem Menschen; und sie gelangt zu ihrer Vollendung, wenn der Umkehrende selbst barmherziger wird. Deshalb ist das Buch Jona die angemessene Haftara für die letzten Stunden des heiligen Tages. Es verheißt, dass kein Mensch und keine Gemeinschaft von der Rückkehr ausgeschlossen sind, und fordert zugleich, dass wir das Fasten nicht so verlassen, wie wir in es eingetreten sind.
-> Auslese origineller Feiertags-Auslegungen – Von Ari Lipinski
Quellen und Verweise
Bibel: Buch Jona; Exodus 34,6–7; Levitikus 16; Deuteronomium 30; Jesaja 58; Jeremia 18,7–8; Psalmen 145.
Mischna Joma 8,9; Babylonischer Talmud, Megilla 31a; Ta’anit 16a.
Raschi zu Jona 1–4, insbesondere Jona 3,4; 3,9–10.
Ibn Esra zu Jona 3,4; 3,10; 4,2.
Nachmanides zu Deuteronomium 30,2; 30,11–14.
Rabbenu Bachja zu Deuteronomium 30,2; 30,11–14.
Chiskuni zu Deuteronomium 30,1–14.
Abarbanel, Kommentar zum Buch Jona, Einleitung und Kommentar zu den Kapiteln 1 und 4.
Sforno zu Deuteronomium 30,1–2; 30,11–14.
Malbim zu Jona 3–4.
Kli Jakar zu Deuteronomium 30,11–14.
Sfat Emet, Predigten zu Jom Kippur und zum Schabbat Teschuva.
Or HaChaim zu Deuteronomium 30,1–11.
Ha’amek Davar des Netziv zu Deuteronomium 30,1–10.
Rabbiner Samson Raphael Hirsch zu Levitikus 16,29–31 und zu Deuteronomium 30,1–14.
Rabbiner Abraham Isaak HaKohen Kook, Orot HaTeschuva, Kapitel 5, 7 und 15.
Der Lubawitscher Rebbe, Likkutei Sichot und Gespräche zu den zehn Tagen der Umkehr und zu Jom Kippur, über das Wesen der Umkehr und die Verwandlung vorsätzlicher Sünden in Verdienste.
Gur Arje des Maharal zum Raschi-Kommentar zu Exodus 34,7, über „Er spricht frei, doch spricht Er nicht frei“.
HaKetav VeHaKabbala zu Deuteronomium 30,2; 30,11–14.
Meschech Chochma zu Levitikus 16,30 und zum Abschnitt über die Umkehr in Deuteronomium 30.
Avi Tzifroni, „Die Beziehung des Buches Jona zu Jom Kippur“, 18. September 2026, dem Verfasser des Aufsatzes übergebene Fassung.



