Vom Taunus in die Welt

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Angelika Rieber erinnert an das Schicksal der Familie Hirsch

Von Roland Kaufhold

Die 1951 geborene ehemalige Frankfurter Lehrerin und Historikerin Angelika Rieber hat in den vergangenen Jahrzehnten ein beeindruckendes Engagement zur „Aufarbeitung“ der Shoah und zur Erinnerung an das jüdische Leben gezeigt. Bis 2012 initiierte und realisierte sie an ihrer ehemaligen Frankfurter Ernst-Reuter-Schule das Projekt Auf den Spuren von Ernst Reuter und anderen Türkei-Emigranten. Im Rahmen der GEW sowie des DGB engagierte sie sich für Projekte „gegen rechts“ und beteiligte sich u.a. Ende der 1990er Jahre an den regelmäßigen Treffen zwischen der GEW-LehrerInnen und der israelischen  Bildungsgewerkschaft Histadrut Hamorim. 

In ihrem Seminarvortrag beschriebt Rieber Begegnungen mit Zeitzeugen im Schulunterricht: „Das Treffen mit aus Frankfurt vertriebenen Juden war für viele ihrer Schüler ein bewegendes Erlebnis. Ruth Sommer, sie war in die USA emigriert, kam im Jahre 1989 in eine Frankfurter Schule. Der Entschluss, noch einmal nach Deutschland zu reisen, fiel ihr anfangs sehr schwer. Nach ihrer Rückkehr in die USA schrieb sie an die Schüler einen Brief: „Diese Reise war wirklich sehr wertvoll für uns, besonders für meinen Mann, der seine Eltern verloren hat. Er kann nun sagen, jetzt ist es doch anders. Das ist sehr wichtig für ihn. (…) Mein Schulbesuch war für mich ein wichtiges Erlebnis, denn es war der Beweis, dass wir ein anderes Deutschland gesehen haben als zuvor. Ich weiß jetzt, dass die Worte „Nie wieder“ bei Ihnen ebenso wichtig genommen werden wie bei uns. Das ist doch die einzige Hoffnung für die Zukunft.“ 

Vor allem jedoch engagierte sich Angelika Rieber für Begegnungen mit ehemaligen, aus Frankfurt vertriebenen Jüdinnen und Juden. Nur wenige von ihnen hatten überlebt. Zu ihnen wollte sie eine Brücke schlagen – konkret. Es gelang ihr, in Zusammenarbeit mit der Stadt Frankfurt, viele von ihnen zu Besuchen in ihre ehemalige Heimatstadt einzuladen, aus der die Frankfurter Mehrheitsgesellschaft sie ab den 1930er Jahren vertrieben hatte.

Jüdisches Leben in Frankfurt

Seit 1984 begleitete der Frankfurter Verein „Jüdisches Leben in Frankfurt“ Besuche ehemaliger jüdischer Frankfurter und seit Neuestem auch die ihrer Kinder in der Stadt am Main.

Um die Erinnerung auch gesellschaftlich, gemäß den neuen digitalen Möglichkeiten, aufzubewahren erstellte Rieber mit Mitstreitern die sehr professionelle Website „I am coming to learn as much as to share”. Projekt Jüdisches Leben in Frankfurt am Main. Sie selbst steuerte hierin über 40 detailreiche Einzelfallstudien bei. 

Ein wirklich beeindruckendes Zeitzeugen-Projekt mit über 100 sorgfältig rekonstruierten Biografien ehemaliger Frankfurter Jüdinnen und Juden. „Wir wollen ihnen auch in Zukunft eine Stimme geben“ betonte Angelika Rieber immer wieder. 2017 wurde ihr und sechs Weiteren für ihr Jahrzehnte anhaltendes Engagement der Obermayer German Jewish History Awards verliehen.

„Vom Taunus in die Welt. Familienwege der Familie Hirsch“

Soeben hat Angelika Rieber in Zusammenarbeit mit dem Geschichts- und Heimatverein Wehrheim das Buch „Vom Taunus in die Welt. Familienwege der Familie Hirsch“ veröffentlicht. Die Familie Hirsch hatte ab dem späten 19. Jahrhundert im hessischen Taunus gelebt. Während des Nationalsozialismus wurde die jüdische Familie verfolgt und gesellschaftlich ausgeschlossen.

Nachfolgend Ausschnitte aus ihrem Vorwort zu ihrem Buch:

Angelika Rieber:  Familiengeschichten

„Im Mittelpunkt des Buches stehen exemplarische Lebenswege von Mitgliedern der Familie Hirsch. Das Dorf Wehrheim ist der Ausgangspunkt dieser Familiengeschichten. Die in dem Buch vorgestellten Mitglieder der Familie Hirsch wurden in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Wehrheim geboren oder haben dort längere Zeit gelebt. Die Familiengeschichten zeigen anschaulich die gesellschaftlichen Veränderungen seit dem Ende des 19. Jahrhunderts, die Geschichte und Entwicklung einer Familie vom Dorf in die Stadt, handeln von der erzwungenen Flucht aus Deutschland in die Welt und den Folgen der Diaspora sowie vom Weg der Nachfahren zurück nach Deutschland zur Spurensuche. Die Lebensgeschichten sind damit nicht auf die Zeit des Nationalsozialismus beschränkt, sondern geben Einblick in Zeiten guter Nachbarschaft und des Zusammenlebens in der Gesellschaft vor dem Nationalsozialismus ebenso wie in die Zeit der Verfolgung während der NS-Zeit und in das Leben nach dem Holocaust.

Bei der Sammlung der Familiengeschichten wurden von den Autorinnen und Autoren sehr unterschiedliche Quellen einbezogen. Teilweise konnten Interviews mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen der NS-Zeit ausgewertet werden. In einigen Fällen gab es Aufzeichnungen von Gesprächen und Begegnungen sowie Korrespondenz mit Nachfahren, in manchen Fällen lagen Erinnerungen von Nachbarn, Arbeitskollegen oder Angestellten vor. Insbesondere die „Devisenakten“ aus der NS-Zeit und die Entschädigungsakten aus der Nachkriegszeit enthalten wichtige Informationen über die Verfolgungsgeschichte.

Teilweise konnten die Autorinnen und Autoren auf Recherchen und Veröffentlichungen von Lokalhistorikern zurückgreifen. Die Nachfahren stellten zahlreiche private Dokumente, insbesondere Fotos, zur Verfügung. Das Buch von Leslie Michaels über die Familie seiner Schwiegermutter Margrit Hochschild und über die Spurensuche in Deutschland bildete eine wichtige Grundlage für die Geschichte dieses Zweigs der Hirsch-Familie.

Oft spielen Zufälle eine Rolle, ob etwas überliefert und erhalten wurde und ob es auch zugänglich ist. Im Falle der Mitglieder des Höchster Zweigs der Familie Hirsch, die die NS-Zeit nicht überlebt und zudem keine Kinder hatte, sind nur wenige Archivdokumente erhalten. Es gibt daher zahleiche Überlieferungslücken und viele offenen Fragen. Die Forschung gleicht einem Puzzle, das zwar nie fertig ist, aber durch immer neue Informationen an Kontur gewinnt.

Zwar stehen die Lebensgeschichten jüdischer Familien im Mittelpunkt dieses Buches, jedoch ist die Mehrheitsgesellschaft bei diesen Biografien sehr präsent. Während die Archivunterlagen vor allem die sich ständig verschärfenden Gesetze und die Korrespondenz mit den Behörden und NS-Organisationen dokumentieren, öffnen die in der Familie überlieferten Geschichten und Fotos den Blick für die unterschiedlichsten Verhaltensweisen des Umfeldes und ermöglichen eine differenzierte Betrachtung des Verhältnisses zu Nachbarn, Arbeitskollegen, Schulkameraden, Kunden, Angestellten oder Käufern der Häuser und Geschäfte. Sie offenbaren ein breites Spektrum von Verhaltensweisen in der Bevölkerung vor, während und nach der NS-Zeit, sei es Hilfsbereitschaft und Freundschaft, sei es Gleichgültigkeit bis hin zu bewusster Schädigung und Täterschaft. Die Beschäftigung mit den Biografien von Verfolgten kann damit eine Anregung sein, sich verstärkt mit dem bislang eher vernachlässigten Thema des Verhaltens der nichtjüdischen Mehrheit auseinanderzusetzen.

Familiengeschichten rücken die Perspektiven, Erfahrungen und Schicksale der Menschen in den Mittelpunkt. Sie dokumentieren die Dilemmata, vor denen die Familien in der NS-Zeit standen, beispielsweise ob sie bleiben oder das Land verlassen sollten. Sie zeigen die getroffenen Entscheidungen ebenso wie mögliche Fehlentscheidungen auf. Sie geben den Opfern einen Namen, ein Gesicht, eine Geschichte, eine Stimme. Die Familienportraits verdeutlichen darüber hinaus, dass sich auch die nachfolgenden Generationen intensiv mit der Vergangenheit ihrer Vorfahren in Deutschland auseinandersetzen und die NS-Zeit damit kein abgeschlossenes Kapitel der Geschichte ist.“

Angelika Rieber, Vom Taunus in die Welt. Familienwege der Familie Hirsch, Verlag Hentrich & Hentrich 2026, 206 S., 24,90 Euro, Bestellen?

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