Jerusalem, Juli 2026 – Eine tiefe Stille liegt über dem Garten der Gerechten unter den Völkern in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem. In Steinplatten sind tausende Namen eingraviert – Menschen, die sich in der dunkelsten Stunde der Menschheit für Humanität und Rechtschaffenheit entschieden haben, oft unter Einsatz ihres eigenen Lebens und dem ihrer Familien.
Im Sektor 30, wo die im Jahr 2004 Geehrten verewigt sind, sticht eine klare Inschrift aus dem Jerusalemer Kalkstein hervor:
GEORGIA 2004 גרוזיה
METREVELI SERGEI

Dies ist der einzige offizielle Eintrag an der Gedenkwand von Yad Vashem, der einen ethnischen Georgier ehrt. Sergo (Sergei) Metreveli wurde in Anerkennung seines außerordentlichen Heroismus bei der Rettung jüdischen Lebens während des Zweiten Weltkriegs posthum der Titel Gerechter unter den Völkern verliehen.
Wer war Sergo Metreveli?
Sergo Metreveli wurde 1906 im Dorf Utsera in der georgischen Bergregion Ratscha geboren. Von Beruf Winzer, arbeitete er in Kislowodsk im Nordkaukasus, als der Krieg eskalierte.
Als im August 1942 Wehrmachtstruppen auf Kislowodsk vorrückten, drohte der örtlichen jüdischen Bevölkerung tödliche Gefahr. Metreveli – selbst Vater von vier Kindern – weigerte sich, tatenlos zuzusehen.
Ein 500-Kilometer-Marsch in die Freiheit
Als die NS-Truppen Ende August 1942 in Kislowodsk einmarschierten, organisierte Metreveli einen Fluchtweg für eine Gruppe von Flüchtlingen. Unter ihnen waren der 16-jährige jüdische Jugendliche Emil Zigel und Arkady Rabinovich. Emils Eltern blieben in Kislowodsk zurück (wo sie im September 1942 von den NS-Kräften in Mineralnyje Wody hingerichtet wurden). Metreveli führte die Flüchtlinge über geheime Pfade durch das gewaltige Massiv des Großen Kaukasus.
Die Gruppe legte fast 500 Kilometer zu Fuß zurück und überwand dabei gefährliche, hochgelegene Gebirgspässe. Während des Marsches erkrankte der 16-jährige Emil Zigel schwer an Malaria. Anstatt ihn zurückzulassen, trug Metreveli den Jungen auf dem Rücken und auf den Armen durch die kräftezehrendsten Abschnitte. Metreveli brachte die Flüchtlinge in sein Heimatdorf Utsera – eine abgelegene Region, die von der deutschen Besatzung unberührt blieb. Die Familie Metreveli nahm Emil auf, versorgte ihn mit Nahrung und pflegte ihn über mehrere Monate hinweg wieder gesund.
Nach seiner Genesung gelang es Emil Zigel, sich den Militärlinien anzuschließen. Er überlebte den Krieg, stieg bis in den Rang eines Obersts auf und hielt ein Leben lang eine enge, familiäre Verbindung zur Familie Metreveli aufrecht.

Jahrzehnte später waren es genau die Aussage und das unermüdliche Engagement von Emil Zigel, die dazu führten, dass Yad Vashem Sergo Metreveli im Jahr 2004 – 13 Jahre nach dessen Ableben – offiziell ehrte.
Eine lebendige Erinnerung
Heute verbindet ein ergreifender Moment im sonnenbeschienenen Garten von Jerusalem Vergangenheit und Gegenwart: Sergo Metrevelis Enkelin Tamar streicht mit den Fingern über den in Stein eingravierten Namen ihres Großvaters.

Diese Geste ist mehr als ein Tribut an die Geschichte – sie ist eine lebendige Verbindung. Sie dient als dauerhafte Erinnerung daran, dass Mut, Empathie und Aufopferung weder Grenzen noch Zeit kennen.
In der reichen Chronik der 26 Jahrhunderte währenden georgisch-jüdischen Freundschaft bleibt der Name Sergo Metreveli ein unauslöschliches Symbol für moralischen Triumph und menschliche Würde.
Mikheil Khachidze ist ein georgischer Journalist, der seit vielen Jahren über Israel, jüdisches Leben und die Kriege in der Ukraine und im Nahen Osten berichtet. Er schreibt für georgische und internationale Medien und verbindet persönliche Eindrücke mit politischer Analyse.



