A jidiszer Szrajber, Weltbirger un Utopist

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Melech Rawitsch in der Jewish Public Library, Montreal (ca. 1950), Foto: Canadian Jewish Archives (PC1-6-421/JPL)

Vor 50 Jahren starb Melech Rawitsch, ein Gigant der jiddischen Literatur

Von Jim G. Tobias

„Es gibt Schriftsteller, die mit ihrem Werk eins sind“, schrieb die jiddische Romancière und Lyrikerin Chava Rosenfarb. „So war Melech Rawitsch. Es lässt sich über ihn überhaupt nicht nur als Schriftsteller sprechen, weil sein Werk und sein Leben so miteinander verbunden sind, dass sich dazwischen kaum eine Trennwand aufstellen lässt.“ Vor 50 Jahren starb der heute nahezu vergessene jiddische Essayist, Lyriker, Journalist und Visionär. Er wurde am 27. November 1893 als Sacharja C. Bergner im ostgalizischen Radymno geboren. Zuhause sprach man Jiddisch und die Eltern, Hinde und Efraim Bergner, ließen ihren Sohn von einem Privatlehrer erziehen; später besuchte Sacharja die Handelsschule und arbeitete danach in Lemberg in einer Bank. Doch zu dieser Zeit war dem jungen Mann schon klar: Er wollte Schriftsteller werden und in jiddischer Sprache schreiben.

Einer seiner ersten Texte erschien bereits 1910 in einer jiddisch-galizischen Zeitschrift, unter seinem Pseudonym Melech Rawitsch, dem Namen, den der junge Autor fortan trug und der ihm Weltruhm einbrachte. Nachdem Rawitsch im Ersten Weltkrieg seinen Wehrdienst in der österreichischen Armee abgeleistet hatte, arbeitete er eine Zeit lang in einer Wiener Bank. Doch die Liebe zur jiddischen Literatur zog ihn nach Warschau. Hier lernte er den späteren Literatur-Nobelpreisträger Isaac Bashevis Singer kennen. In seinem autobiografischen Text, „Ein kleiner Junge auf der Suche nach Gott“, beschreibt der damals noch unbekannte Singer seinen elf Jahre älteren Kollegen: „Rawitsch glaubte mit absoluter Sicherheit daran, dass die Welt der Gerechtigkeit heute oder morgen kommen müsse.“ Alle Menschen würden Brüder, es werde „keine Juden, keine Christen, nur eine einzige geeinte Menschheit geben.“ Singer schätzte die Begabung und die Weltläufigkeit seines Mentors, „wunderte sich aber gleichzeitig über seine Naivität“.

Mittlerweile hatte Rawitsch erste Gedichte und Texte in der jiddischen Zeitung „Di fir Sejtn fun majne Welt“ veröffentlicht. Zusammen mit dem Kommunisten Perez Markisch und dem Zionisten Uri Zwi Grinberg gründete der Kosmopolit Melech Rawitsch den expressionisch-literarischen Zirkel „Di Chaljastre“ (Die Bande). In ihrer unbändigen revolutionären Begeisterung forderte „Di Chaljastre“, dass die jiddische Sprache und Kultur zur geistigen und kulturellen Heimat aller Juden werde – unabhängig von politischen oder religiösen Überzeugungen.

Di Chaljastre: Melech Rawitsch (2.v.r.), mit Mendl Elkin, Peretz Hirschbein, Uri Zwi Grinberg, Perez Markisch und I. J. Singer, 1922.

Ab 1924 hatte Rawitsch den Posten des Geschäftsführers des „Farejn fun Jidize Literatn un Tsurnalistn in Warszhe“ übernommen. Bei seinen Reisen durch Polen blieb ihm auch der zunehmende Antisemitismus nicht verborgen. Nachdem Hitler in Deutschland an die Macht gekommen war, plante der Literat eine jüdische Heimstatt außerhalb Europas. Seine Idee: Zehntausende osteuropäische Juden in der unbewohnten australischen Kimberley Region anzusiedeln.

Mit Hilfe einiger wohlhabender jüdischer Kaufleute und Intellektueller machte Rawitsch sich im Frühjahr 1933 auf die Reise in den nahezu unbewohnten Nordwesten des fünften Kontinents. „Mein Vater ist durch Russland und China nach Australien gefahren, er wollte in die Kimberley“, berichtet sein Sohn Jossl Bergner in einem Interview für das „Oral History-Project“ des Yiddish Book Center. Die Kimberley, eine entlegene und schwer zugängliche Region, wurde erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts von Europäern besiedelt. Heute leben auf den rund 420.000 Quadratkilometern etwa 40.000 Bewohner. Neben dem Bergbau ist die Rinderzucht ein wichtiger Wirtschaftszweig.

Nach Aufenthalten in Melbourne, Sydney und Brisbane fuhr Rawitsch mit der Eisenbahn vom südaustralischen Adelaide ins über 1.500 Kilometer entfernte Alice Springs im Northern Territory. Von dort begann die „wilde Reise durch das wilde Land“, notierte Rawitsch. „Es war ein langer Weg, es gab keine richtigen Straßen“, erzählt Jossl Bergner und verweist auf die alten Fotos seines Vaters. „Er reiste mit einem Lastwagen, einem italienischen Fahrer und einem jungen Aborigine als Guide. Und sie fuhren, fuhren und fuhren.“

Rawitsch dokumentierte seine Reise fotografisch mit seiner Kodak-Kamera und in einem längeren Bericht für den in Melbourne in jiddischer Sprache erscheinenden „Auistralisz-Jidiszer Almanach“. Nach seiner Ansicht biete das „Northern Territory hervorragende Möglichkeiten zur Ansiedlung von jüdischen Flüchtlingen aus Deutschland“, da auch die australische Verwaltung des Territorys der Meinung sei, dass die „vorhandenen Ressourcen hinsichtlich Bodenschätze, Weide- und Ackerflächen zur Ansiedlung von etwa einer Million Menschen ausreichen“ würden.

Mit antisemitischen Karikaturen kommentiere die Zeitschrift „Smith’s Weekly“ die geplante Ansiedlung von Juden in den Kimberley, Repro: nurinst-archiv

In einem Interview mit der in Brisbane verlegten Zeitung „Courier Mail“ warb Rawitsch eindringlich für seine Idee. Die beobachtete „Vitalität und Gesundheit der Menschen, die bereits jetzt im Nordwesten leben“, haben ihn überzeugt, dass „die klimatischen Verhältnisse kein ernsthaftes Hindernis für eine erfolgreiche Ansiedlung“ wären. „Die Juden sind ein Volk mit starker Lebenskraft und Kreativität, die sie als produktive Siedler im tropischen Australien prädestinieren.“ Zudem spreche die „White Australia Policy“, die Prämisse, die Einwanderung von Nichtweißen zu verhindern, für die Ansiedlung von Juden im Northern Territory. Doch „das Glück stand ihm nicht zur Seite“, berichtete die Zeitung „Tweed Daily“. Die australische Regierung wollte sein Vorhaben nicht unterstützen. Die Arbeitslosigkeit im Land, internationale Verpflichtungen und die guten Beziehungen zu Großbritannien sprächen dagegen, „die Türen im Norden für die Einwanderung von jüdischen Flüchtlingen sperrangelweit zu öffnen“, vermeldete das Blatt.

Trotz des Rückschlags – sein alternatives Zion blieb eine Fantasie – ließ Rawitsch sich für einige Jahre in Melbourne nieder, bevor er über Buenos Aires und New York nach Montreal immigrierte. Seine Reisen verarbeitete er zu Balladen in seinem Werk „Kontinentn un Okeanen“, das wie sein Reportagenband „Iber Ostralje“ 1937 verlegt wurde. Ihm folgte 1940 die Gedichtsammlung „Lider un Baladn fun di lezte draj-fir Jor“.

Die kanadische Stadt am Sankt-Lorenz-Strom wurde ab 1941 zur neuen Heimat, wo Rawitsch – mit Unterbrechung durch zwei längere Aufenthalte in Israel – bis zu seinem Tod lebte. Er arbeitete viele Jahre in der „Jidisze Folks Bibliotek“ und schrieb unablässig weiter; zahlreiche Artikel publizierte er etwa in der jiddischen Zeitung „Keneder Odler“. Täglich hat er vierundzwanzig Stunden lang geschrieben“, erinnert sich der Schriftsteller Abraham Sutzkever. „Er veröffentlichte etwa viertausend Aufsätze in der jiddischen Presse weltweit und zwei Dutzend Bücher“, ergänzt sein Kollege Jossl Birstein. 1962 legte Rawitsch den ersten Band seiner über 1.300 Seiten umfassenden Autobiografie „Dos Majse-Buch fun majn Lebn“ (dt.: Das Geschichtenbuch meines Lebens) vor, der dritte und letzte Band erschien 1975, ein Jahr vor seinem Tod am 20. August 1976. Durch den unermüdlichen Einsatz von Melech Rawitsch für die jiddische Sprache und Kultur wurde Montreal neben Buenos Aires und Melbourne zu einem Zentrum der jiddischen Literatur.

Heute ist Melech Rawitsch lediglich einer Handvoll Spezialisten bekannt, nur wenige Werke sind ins Deutsche übersetzt worden. Auch von seiner umfangreichen Biografie ist nur ein kleiner Teil auf Deutsch veröffentlicht worden – und schon lange vergriffen! Es ist zu wünschen, dass sich ein Verlag findet, der sein Werk anlässlich des 50. Todestages erneut auflegt. Denn nach Ansicht von Chava Rosenfarb war Melech Rawitsch „der griechische Riese Atlas, der auf seinen Schultern, den ganzen Erdkreis, die ganze Welt trug“ – zumindest die jiddische Welt!