„Einer aus dem Volk“

0
1
Ahad haAm, Foto: Jewish National Fund Archive

Heute vor 170 Jahren, am 18. August 1856, wurde Ascher Ginsberg in der Nähe von Kiew geboren. Unter dem Namen Achad haAm, übersetzt mit „Einer aus dem Volk“, wurde er zum führenden Vertreter des sog. Kulturzionismus.

Vor dem Hintergrund der Pogrome im Osteuropa des ausgehenden 19. Jahrhunderts entwickelte Achad haAm seine Vorstellungen des spirituellen oder kulturellen Zionismus. Er sprach sich für eine intensive geistige Vorbereitung des jüdischen Volkes für die Emigration aus. Die Gründe für die Auswanderung sollten aus den großen Ideen des Judentums selbst kommen, wovon eine der wichtigsten die der Gerechtigkeit unter allen Menschen sei. Palästina sollte die Bedeutung eines geistigen Zentrums des Judentums zukommen und dort auf der Basis der Gleichheit eine gerechte Gesellschaft entstehen. So forderte er eine vorläufige Einstellung der Ansiedlung in Palästina und alle Konzentration auf die zwar langwierigere, aber umso fruchtbarere Vorbereitungsarbeit im Innern zu richten. Die Grundgedanken seiner Idee fasste Achad haAm in seinem Text „Nicht dies ist der Weg!“ zusammen. Er nahm einen Standpunkt gegen den politischen Zionismus und somit das Konzept Herzls ein. Während Theodor Herzl einen Judenstaat wollte, wollte Achad haAm einen jüdischen Staat. Er sah das fundamentale Problem nicht in der Krise der Juden, sondern der Krise des Judentums durch den radikalen und rapiden Verfall von jüdischem Glauben und Identität als Folge der Assimilation. Nur die geistige Kraft des Judentums könne alle Juden zu einem nationalen Ganzen vereinen, war Achad haAm überzeugt. 

In seinem Text „Drei Stufen“ schrieb Achad haAm 1898:

„Wir können uns nicht — und wenn wir’s tausendmal selber wollten — losreißen von den Wurzeln unseres Seins. Der Wille zum Leben bäumt sich auf gegen die Vernichtung. Dreitausend Jahre Weltgeschichte haben es bewiesen, daß es unmöglich ist, die jüdische Volksseele zu vernichten. (…)

Hinterher erst kommt der Verstand und findet Gründe und Beweise, warum wir Juden sein müssen, und findet das gut und schön und löblich und vernünftig, was in unserem Herzen wohnt und längst darin gewohnt hat, ehe der geschmeidige Verstand es gerechtfertigt hat. Und jeder, der ein jüdisches Herz hat, findet andere Gründe und immer bessere Gründe und meint nun wirklich, aus diesen Gründen, aus Ehrgefühl oder aus Pietät oder aus Bewunderung des Judentums oder sonst warum ein Jude zu sein und jeder hat darum seine eigene jüdische Lehre und seine eigene jüdische Auffassung und erklärt sich für den wahren Juden, für den besseren Juden, für den echten und rechten Juden!

Aber nicht die jüdische Ueberzeugung, nicht die jüdische Lehre, nicht das jüdische Bekenntnis ist das Erste, das Primäre, das Erweckende, sondern das jüdische Empfinden, das Instinktive, nennt’s, wie ihr wollt, nennt’s Gemeinschaft des Bluts, nennt’s Stammesgefühl, nennt’s Volksseele, am liebsten aber nennt’s: das jüdische Herz!“

Achad haAm machte selbst Alija und zog 1922 nach Tel Aviv. Er starb dort am 2. Januar 1927.