Nach 52 Jahren wird H. G. Adlers Monumentalwerk neu aufgelegt
Die Studie „Der verwaltete Mensch“ über die Ausgrenzung und Vernichtung der Juden erschien 1974, war seit Jahrzehnten vergriffen, und nur zu Fantasiepreisen antiquarisch zu bekommen. Nun ist das Standardwerk endlich wieder erhältlich. In seinem Buch, das den Untertitel „Studien zur Deportation der Juden aus Deutschland“ trägt, beschreibt H. G. Adler, wie Millionen von Menschen scheinbar legitim auf Grundlage von Gesetzen, Verordnungen und anderen behördlichen Maßnahmen zunächst entrechtet und anschließend ermordet wurden. Adler recherchierte unzählige Quellen und arbeitete 16 Jahre lang an dem Manuskript, bis das Werk schließlich veröffentlicht wurde.
Hans Günther Adler wurde 1910 in Prag geboren. Er studierte Philosophie, Musik sowie Literaturwissenschaft an der Karls-Universität und promovierte 1935 über „Klopstok und die Musik“. Nach dem Einmarsch der Wehrmacht begannen für Adler Jahre der Entrechtung und Verfolgung. 1942 wurden er und seine Frau ins Ghetto Theresienstadt gesperrt, 1944 erfolgte die Deportation nach Auschwitz, wo seine Frau vergast wurde. Über Buchenwald gelangte Hans Günther Adler ins KZ Langenstein-Zwieberge bei Halberstadt, wo er am 11. April 1945 von US-Truppen befreit wurde. In der Freiheit legte er seine beiden Vornamen Hans Günther ab, weil er nicht so heißen wollte wie der SS-Sturmbannführer Hans Günther, der in Prag die Deportation der tschechischen Juden organisiert hatte.
H. G. Adler kehrte für kurze Zeit nach Prag zurück und emigrierte 1947 nach Großbritannien, wo er sich als freier Autor und Wissenschaftler in London niederließ und die Studie „Theresienstadt 1941–1945. Das Antlitz einer Zwangsgemeinschaft“ verfasste, die 1955 veröffentlicht wurde. Daraufhin erhielt Adler eine Einladung des Instituts für Zeitgeschichte (IfZ) in München als Stipendiat; er sollte eine Arbeit nach seiner Wahl über ein deutsch-jüdisches Thema verfassen.
Nach sechsjähriger Arbeit legte Adler ein 400-seitiges Teilmanuskript vor, das jedoch „wenig Beifall“ beim IfZ fand, „weder wissenschaftlich noch stilistisch entsprach es den Auffassungen der zuständigen Herren“, so schrieb Adler. Kein Einzelfall. Das Münchner Institut begegnete nicht nur Adlers Werk mit Ablehnung, auch Raul Hilberg, Joseph Wulf, Leon Poliakov und anderen jüdischen Forschern wurden mangelnde Objektivität, emotionale Befangenheit und wissenschaftliche Inkompetenz am Thema „Judenvernichtung“ vorgeworfen.
Das IfZ gab das Manuskript an Adler „zur eigenen Verwertung“ zurück, der unverdrossen an seinem Werk weiterarbeitete, so dass „Der verwaltete Mensch“ 1974 endlich beim Tübinger Wissenschaftsverlag J.C.B. Mohr (Paul Siebeck) erscheinen konnte. Auf Basis von hunderten von Dokumenten, Gesetzen und Gestapo-Akten untersuchte der Autor wie es gelang, in einer „barbarisch zivilen“ deutschen Ordnung einen Menschen zu entmenschlichen. Er wolle „gerade nicht Selbsterlebtes“ schildern, obwohl er den „Deportationsakt persönlich erfahren“ habe, schreibt Adler im Vorwort der Erstausgabe. Es gehe ihm nicht um sich, sondern um „das misshandelte Menschentum des Verfolgten“. Es galt den „Opfern die treu zu halten“, wie Adorno es formulierte.
Adler hat die Umsetzung von Verfolgung und massenhaftem Morden mit Hilfe der deutschen Bürokratie während des Nationalsozialismus in seinem Werk schon früh umfassend dargestellt. Er gehörte zu den Mitbegründern der Shoa-Geschichtsschreibung und trug mit seinem bahnbrechenden Werk entscheidend zum Verständnis von Auschwitz und dem „Zivilisationsbruch“ bei. Dank dem Fischer-Verlag, dass dieses Standardwerk endlich wieder vorliegt – ergänzend mit einem ausführlichen Vorwort von Götz Aly, in dem der renommierte Historiker u. a. die Entstehungsgeschichte des Werkes sowie das unrühmliche Vorgehen des Instituts für Zeitgeschichte beschreibt. Lesen! – (jgt)
H. G. Adler, Der verwaltete Mensch: Studien zur Deportation der Juden aus Deutschland, Frankfurt/Main 2026, 1439 Seiten, 98,00 €, Bestellen?



