Einige Überlegungen zur Textsammlung „Karl Mannheim: Militante Demokratie. Reden zur Re-Education“
Von Karl-Josef Müller
Beginnen wir mit dem Hinweis auf einen verloren gegangenen Text. In seiner Einleitung skizziert Oliver Neun, Herausgeber der Textsammlung, deren Herkunft. Während der erste Beitrag mit dem Titel Diagnose unserer Zeit ursprünglich aus einer Publikation Mannheims aus dem Jahr 1943 stammt, damals zuerst in englischer Sprache veröffentlicht und 1951 unter eben dem Titel Diagnose unserer Zeit auf Deutsch erschienen, waren weitere vier der insgesamt sechs nunmehr neu herausgegebenen Texte Mannheims bislang der Öffentlichkeit nicht zugänglich, handelt es sich bei ihnen doch um Radiovorträge aus dem Jahr 1945.
Antisemitismus und Rassenhass, so der Titel des ersten der damaligen Radiobeiträge, deren schriftliche Form nicht überliefert wurde und deren Inhalt sich folglich auch nicht annähernd rekonstruieren lässt. Festgehalten werden kann allerdings, dass es Mannheim offensichtlich wichtig war, zu dem zentralen Kennzeichen des Nationalsozialismus Stellung zu nehmen. In den uns nunmehr vorliegenden Radiobeiträgen allerdings fehlt, sofern wir nichts übersehen haben, jeder direkte Hinweis auf die systematische und mit kalter Rationalität geplante Vernichtung des jüdischen Volkes.
Datiert ist der verschollene Beitrag Antisemitismus und Rassenhass auf den 8. Juli 1945, gefolgt von dem ebenfalls verloren gegangenen Text The Problem of Nationalism vom 15. Juli 1945. Es folgt dann, etwa einen Monat später, The Problem of Re-Education, gesendet in zwei Teilfolgen am 12. und 19. August 1945. Mannheim wendet sich folglich zunächst der Vergangenheit zu, um seinen Blick anschließend, in den uns nunmehr zugänglichen Beiträgen, auf die Zukunft zu richten. Und dies in der Absicht, die Deutschen zu wehrhaften Demokraten zu erziehen. Die Titel der weiteren Vorträge sind quasi selbsterklärend: The Role of the Intelligentsia in Reconstruction vom 23. September 1945, der Text ist nicht erhalten; Das Problem der Neuerziehung, Wie ist Neuerziehung möglich, Die Rolle der Universitäten sowie Die Zukunft der Erwachsenenbildung.
Unübersehbar glaubte Karl Mannheim an die fraglos gegebene Kraft von Vernunft und Aufklärung im Kampf gegen das Irrationale. Unmittelbar nach einer zwölfjährigen Diktatur, die Millionen von Opfern forderte, erwecken seine Ausführungen den Eindruck, als gelte es nunmehr, lediglich die passenden Stellschrauben neu zu justieren mit dem Ziel, den Dämon des Irrationalen auszutreiben und stattdessen eine wehrhafte, ja militante Demokratie zu etablieren. Soziologie, wie Mannheim sie versteht, verfügt über die pädagogischen Mittel, um eine Erziehung zur demokratischen Mündigkeit zu bewerkstelligen.
„Die Vernunft müsse jetzt das Kommando führen, und die Soziologie die Mobilmachung bereitwillig akzeptieren. Diese Überzeugung motiviert Mannheim dazu, eine neue Strategie der Rationalisierung des Irrationalen vorzuschlagen und führt infolgedessen, trotz der grundsätzlichen Kontinuität zentraler Fragestellungen, zu einer anderen Form soziologischer Theorie.“
In dem hier zitierten Text Karl Mannheim und die Entmutigung der Intelligenz ist mit Verweis auf Theodor W. Adornos Kritik an Mannheims Argumentation von dessen „Voraussage einer umfassenden, heilenden Planungsvernunft“ die Rede. Wir sind, so Mannheim, dem Irrationalen, dessen Gehalt selbstredend zunächst definiert werden müsste, nicht hilflos ausgeliefert; vielmehr können die Deutschen sich quasi am eigenen Schopfe aus dem Sumpf des Widersinnigen herausziehen, um dergestalt eine wehrhafte, ja militante Demokratie zu garantieren.
Aktuell seien die Überlegungen Mannheims „aufgrund der gegenwärtigen Gefährdungen der Demokratie durch das Erstarken rechtsextremer Strömungen“, so der Herausgeber Oliver Neun zu Beginn seiner Einleitung. Wie aber kann diese wehrhafte Demokratie gesichert werden, wenn eine immer größere Zahl derer, die als Bevölkerung diese Demokratie doch verkörpern, sich extremen politischen Parteien zuwenden? Und dabei meinen wir nicht alleine rechtsextreme Gruppierungen, sondern auch Teile des linken Parteienspektrums:
„Recherchen des Bayerischen Rundfunks (BR) zeigen, dass Funktionäre der Linksjugend Josef Stalin, Mao Zedong und die DDR verherrlichen. Zugleich verbreiten Amtsträger der anerkannten Jugendorganisation der Partei Die Linke antisemitische Aussagen und verharmlosen die Terrormiliz Hamas. Das belegen Posts in Sozialen Netzwerken, Veranstaltungsfotos, Beiträge in Chatgruppen sowie im internen Forum der Linksjugend, in das BR Recherche exklusiv Einblick nehmen konnte.“
Werden die Erkenntnisse der Psychologie, Pädagogik und Soziologie konsequent angewendet, so steht nach Ansicht von Mannheim einer gefestigten demokratischen Gesellschaft nichts mehr im Wege. Einerseits sollen die Deutschen, die dem Wahn des Nationalsozialismus verfallen waren, unter Aufsicht der Siegermächte erzogen werden, andererseits sollen sie sich im Sinne Kants ihrer selbstverschuldeten Unmündigkeit entledigen.
Karl Mannheim war seit 1930 ordentlicher Professor für Soziologie an der Universität Frankfurt, aufgrund seiner jüdischen Herkunft wurde er 1933 entlassen und ging nach London ins Exil.
Nur wenige Monate nach Mannheims Radiobeiträgen erschien 1946 im Eberhard Brockhaus-Verlag ein Buch des Historikers Friedrich Meinecke mit dem Titel Die deutsche Katastrophe. Betrachtungen und Erinnerungen. Wir zitieren im Folgenden aus der 6. Auflage, erschienen im Jahr 1965.
Im Gegensatz zu Mannheim verblieb Meinecke nach 1933 in Deutschland, er war bereits 1932 emeritiert worden. 1948 wurde er zum Ehren-Direktor der Freien Universität Berlin gewählt; 1949 erhielt er die Goethe-Plakette der Stadt Frankfurt am Main; 1951 wurde das Seminar für Mittelalterliche und Neuere Geschichte der Freien Universität Berlin nach ihm benannt, das geschichtswissenschaftliche Institut der FU trägt bis heute seinen Namen.
Das 9. Kapitel des oben erwähnten Buches trägt den Titel Vom positiven Gehalt des Hitlerismus. Dieser, also der „Hitlerismus“, habe sich darum bemüht, „einer neuen fruchtbaren Volksgemeinschaft“ den Weg zu bereiten.
Die Geborgenheit der Volksgemeinschaft sollte die Kälte einer Ansammlung vieler vereinzelter Individuen ablösen.
Verständnis für die Attraktivität derartiger Versprechen darf im Falle Meineckes nicht gleichgesetzt werden mit unkritischer Zustimmung, und dennoch erweckt die Lektüre des Buches im Ganzen den Eindruck, es könne eben doch nicht alles falsch gewesen sein an der ‚Idee‘ des Nationalsozialismus.
In seinem Vortrag Was bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit aus dem Jahr 1959 verweist Theodor W. Adorno auf einen Gedankengang, der sich auch in Meineckes Überlegungen wiederfindet. Zunächst weist Adorno darauf hin, „Kampfhandlungen im Krieg, deren Modell überdies Coventry und Rotterdam hieß“, seien „kaum vergleichbar mit der administrativen Ermordung von Millionen unschuldiger Menschen. Auch diese Unschuld, das Allereinfachste und Plausibelste, wird abgestritten. (…) so etwas, tröstet sich das schlaffe Bewußtsein, könne doch nicht geschehen sein, wenn die Opfer nicht irgendwelche Veranlassung gegeben hätten (…).“
Und damit kommen wir zurück auf Meineckes Text. Mit Blick auf die Wurzeln des eliminatorischen Antisemitismus im 19. Jahrhundert entwickelt der Historiker folgenden Gedankengang:
Die antisemitische Bewegung vom Beginn der 80er Jahre an brachte ein erstes Wetterleuchten. Die Juden, die dazu neigen, einer ihnen einmal lächelnde Gunst der Konjunktur unbedacht zu genießen, hatten mancherlei Anstoß erregt seit ihrer vollen Emanzipation. Sie haben viel beigetragen zu jener allmählichen Entwertung und Diskreditierung der liberalen Gedankenwelt, die seit dem Ausgange des 19. Jahrhunderts eingetreten ist. Daß sie neben dieser negativen und zersetzenden Wirkung auch recht viel Positives für den Geist und das Wirtschaftsleben Deutschlands geleistet haben, wurde von den Massen derer, die die Schäden des jüdischen Wesens jetzt bekämpften, vergessen.
„so etwas (…) könne doch nicht geschehen sein, wenn die Opfer nicht irgendwelche Veranlassung gegeben hätten“. Es lässt sich wohl nicht exakt rekonstruieren, wann genau Meinecke am Schreibtisch gesessen hat, um derartige Gedanken zu formulieren, die ja nicht seine eigenen sind, sondern sich speisen aus dem Arsenal des allgegenwärtigen Antisemitismus. Konstatieren lässt sich allerdings, dass die Überlegungen Karl Mannheims nahezu zeitgleich mit denen Friedrich Meineckes zu Papier gebracht worden sind.
Antisemitismus wie Rassismus widersprechen einer humanistisch gesinnten Vernunft, wie sie in den ersten Worten des Grundgesetzes niedergelegt ist: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Karl Mannheims Radiovorträge erwecken den Anschein, als könne eine wissenschaftlich fundierte Pädagogik eine Gesellschaft dazu bewegen, diesen ersten Satz zu ihrem kategorischen Imperativ zu erklären.
Diesen Optimismus Mannheims können wir nicht teilen. Die nahezu undurchschaubare Komplexität der Moderne verlangt nach einfachen Antworten, die es nicht geben kann. Das Bedürfnis aber nach Orientierung verführt dazu, denen Glauben zu schenken, die mit Parolen wie „Deutschland den Deutschen“ oder „From the river to the sea“ durch unsere Straßen laufen.
Karl Mannheim: Militante Demokratie. Reden zur Re-Education, herausgegebenen und eingeleitet von Oliver Neun. Klostermann Rote Reihe, Klostermann GmbH, Frankfurt 2026, 99 Seiten, 19,80 €, Bestellen?



