
Mit dem Tod von Yaakov Agam im Alter von 98 Jahren verliert die Kunstwelt einen radikalen Innovator. Der israelische Pionier, der weltweit als einer der bedeutendsten Wegbereiter der Kinetischen Kunst gefeiert wurde, hinterlässt ein monumentales Lebenswerk aus abstrakten, geometrischen und farbenprächtigen Formen. Erst vor wenigen Monaten schloss sich für ihn ein Kreis: Kurz vor seinem Lebensende wurde ihm mit dem Israel-Preis die höchste Auszeichnung seines Heimatlandes verliehen – eine Würdigung, die dem Künstler in seiner Heimat trotz seines weltweiten Ruhms lange verwehrt geblieben war.
Aufgrund seines hohen Alters konnte Agam damals nicht mehr an der offiziellen Zeremonie in Jerusalem teilnehmen. Stattdessen überreichte ihm Erziehungsminister Yoav Kish die renommierte Auszeichnung in einem intimen Rahmen im Agam-Museum in seiner Geburtsstadt Rischon leZion.
„Die wahre Wirklichkeit“
Genau dort kam der Künstler im Jahr 1928 unter dem Namen Yaakov Gibstein zur Welt. Als Sohn eines Rabbiners wuchs er in einer religiösen Umgebung auf – ein Fundament, das sein gesamtes späteres Schaffen leitete. Für Agam war visuelle Kreativität kein bloßer Selbstzweck, sondern der Kern des Judentums. Er verstand Gott nicht als statisches Prinzip, sondern als eine Kraft der permanenten Schöpfung und der Bewegung.
Nach einem prägenden Studium an der Bezalel Akademie in Jerusalem unter Mordechai Ardon zog es ihn nach Europa. Seine Reise führte ihn zunächst nach Zürich, wo er bei Johannes Itten lernte, bevor er sich in Paris niederließ und dort 1953 seine erste Einzelausstellung feierte.
Seine künstlerische Philosophie beschrieb Agam am besten selbst: „Wenn ich meine Werke betrachte, sehe ich weit mehr als die Werke selbst“, reflektierte er einst. „Ich drehe den Kopf ein wenig – und sehe sofort etwas völlig anderes. Hier verändert sich alles. Und genau das ist die Wirklichkeit. Die Wirklichkeit in anderen Kunstformen ist starr und eng gefasst, hier aber ganz und gar nicht – sie ist offen, sie verändert sich, und genau das bringt einen der wahren Wirklichkeit der hebräischen Sprache und des Judentums näher.“
Wahrzeichen von Tel Aviv
Diese Philosophie der ständigen Metamorphose manifestierte sich nirgendwo so prominent im öffentlichen Raum wie im Herzen von Tel Aviv. Sein 1986 eingeweihter Brunnen „Feuer und Wasser“ auf dem Dizengoff-Platz ist zweifellos sein bekanntestes Werk. Jahrzehntelang zog das rotierende, regenbogenfarbene Monument, das synchron Elemente aus Feuer und Wasser emporstieß, die Blicke auf sich.

Nachdem die Stadt den historisch überbauten Platz wieder in seine ursprüngliche, ebenerdige Form zurückversetzte, wurde zwar der Brunnen erneut aufgestellt, präsentiert sich jedoch in tristem Grau – die bunten Paneele fehlen. Ein langjähriger, unerbittlicher Streit zwischen dem Künstler und der Stadtverwaltung verhinderte bis zuletzt eine adäquate Restaurierung.
Der Journalist Yaakov Bar On erinnerte jüngst an ein Gespräch, das er vor vier Jahrzehnten für die Zeitung Maariv mit Agam geführt hatte. Damals spiegelte der Künstler die tiefere gesellschaftliche Dimension seines Werks: Man habe ihm gesagt, wenn es ihm gelinge, die unversöhnlichen Gegensätze von Feuer und Wasser visuell zu vereinen, dann müsse auch der Frieden zwischen Juden und Arabern greifbar sein. Agam betonte damals stolz, dass diese Skulptur die unbändige Dynamik Tel Avivs verkörpere und nirgendwo sonst ihren Platz finden könne.
Dass der Brunnen heute farblos und erstarrt inmitten einer von tiefen Krisen geschüttelten Nation steht, entfaltet im Moment von Agams Abschied eine fast schmerzhafte Symbolik. Die Elemente sind nicht mehr vereint. Was bleibt, ist das Vermächtnis eines Künstlers, der uns zeitlebens lehrte, dass die Wirklichkeit niemals stillsteht. (al)


