
Vor 35 Jahren verstarb die unkonventionelle Kölner Schlagersängerin und Schauspielerin Trude Herr
Von Roland Kaufhold
Trude Herr (4.5.1927-16.3.1991) war ein unkonventionelles Kölner Original. Jeder in Köln hat ihren Namen schon mal gehört, kennt ihr schrilles, dralles Aussehen – oder verbindet, wenn er etwas älter ist, sehr persönliche Erinnerungen mit dieser sehr eigenwilligen, unkonventionellen Schauspielerin und Schlagersängerin.
Ihre lebenslange Nonkonformität dürfte familiär geerbt sein: Die 1927 im seinerzeit proletarischen Köln-Kalk (oder nach anderen Angaben in Köln-Niehl) unter dem Namen Gertrud Alexandra Herr Geborene wuchs, wie der Nippes-Biograph Heimerzheim schreibt, „auf einer „Insel“, in einer wilden Ansammlung von Häuschen und Hütten auf freiem Feld zwischen den rechtsrheinischen Industrievororten Kalk, Deutz und Mülheim“ auf (Heimerzheim 2022, S. 210); in dem heutigen Köln-Buchforst. Sie besuchte die Köln-Mülheimer Volksschule und arbeitete danach in einer Bäckerei.
Der NS-Verfolgte Robert Herr
Die nationalsozialistische Gewalt erlebte Trude Herr bereits in ihrer Kindheit unmittelbar und konkret: Ihr Vater Robert Herr (1891 – 1961), ein Lokomotivführer bei den „Chemischen Kalk“, wurde wegen seiner Mitgliedschaft in der KPD als „Landesverräter“ früh verfolgt: Bereits 1933 oder 1934 wurde er verhaftet – da war Trude gerade sechs Jahre alt – , saß unter Folter sechseinhalb Jahre im Gefängnis. Danach wurde er in ein Nebenlager von Auschwitz deportiert, wo er als Lokomotivführer Zwangsarbeit leisten musste. Zwölf Jahre lange war Robert Herr ein politisch Verfolgter.
Trude Herrs Schwester Agathe („Agi“) Hartfeld trat immer wieder als Zeitzeugin auf, um das NS-Unrechtssystem und ihre eigene familiäre Verfolgung an die nachgeborenen Generationen weiter zu geben und diese zu bezeugen. So trat sie als Zeitzeugin in Rheindorfs Film „Die Geschichte von Ford in Köln“ auf.
Trude Herr hatte mit Agathe und Robert zwei ältere Geschwister. Die Familie wuchs in Köln in Armut auf, saß der Familienvater doch im Gefängnis und dann im Konzentrationslager. 1943 wurde ihre Wohnung bei einem Bombenangriff zerstört. Die Familie wurde daraufhin ins hessische Ewersbach evakuiert.
1945: Rückkehr nach Köln
Trude machte im benachbarten Dillenburg eine Ausbildung als Schreibkraft und kehrte nach Kriegsende – da war sie 18 – mit ihrer Familie in ihr geliebtes Köln zurück. Dort arbeitete sie anfangs in der Anzeigenabteilung der von der KPD herausgegebenen Zeitung „Die Volksstimme“. Die Startauflage am 4.3.1946 betrug 146.000 Exemplare. Auf Vermittlung von Parteigenossen – die KPD hatte nach Kriegsende noch einen gewissen Einfluss in Köln, errang im Oktober 1946 9,3 Prozent Stimmen und zog mit zwei Vertretern in den Kölner Stadtrat ein; 1948 errang die Kölner KPD sogar fünf Sitze – erhielten die Herrs zwei Wohnungen in der Nippeser Mauenheimer Straße.
Dann begann Trude Herrs künstlerische Tätigkeit: 1946 war sie Statistin an einer Aachener Wanderbühne, 1948 hatte sie kleine Rollen am Kölner Millowitsch Theater und 1949 gründete sie mit ihrem Mentor Gustav Schellhardt die Kölner Lustspielbühne, die noch im gleichen Jahr pleite ging.
Trude verstand sich früh als unangepasst, schrill, eigenwillig – ein Lebensstil, den sie sich zeitlebens bewahrte und dem sie auch ihren kometenhaften Aufstieg bis hin zum „Weltruhm“ in Köln verdankte. Nippes selbst war früher mentalitätsmäßig ein eher kleinkarierter Stadtteil. Der Trude Herr Biograf G. Schmidt bemerkt über Trude Herrs Anfang in der Mauenheimer Straße (nach Heimerzheim 2022, S. 210):
„Als die Nachbarschaft aber Trude erblickte, konnte sie nur noch nach Luft ringen: Die junge Frau hatte sich die Haare apfelsinenrot gefärbt, schwarze Strümpfe angezogen und statt eines Kettchens einen Karnevalsorden um den Fuß gelegt. … So zeigte sich ganz augenfällig ihr Drang nach Selbstgestaltung, der in einer klein gefassten Umwelt ständig Anstoß erregen musste.“
Ihre Schwester Agathe – Agi – , seit 1942 alleinerziehende Mutter, hatte eine Spedition und Fahrschule, ihr Bruder war ein Geschäftsmann. Das alles war für die eigensinnig-unbürgerliche Trude nichts: Sie wollte Schauspielerin werden, trat ab 1948 beim Volkstheater Millowitsch in Stücken wie „Die spanische Fliege“ auf. Bald erarbeitete sie sich den Ruf als Ulknudel der Nation – oder zumindest als Ulknudel Kölns, fand hierbei vergleichbar interessierte MitspielerInnen. Als das finanziell irgendwann nicht reichte arbeitete sie auch, um 1950, als Bardame am Kölner Gay-Lokal „Barberina“ am innerstädtischen Waidmarkt.
Die legendäre Büttenrednerin im Kölner Karneval
Dann wurde sie eine berühmte Büttenrednerin, war im Kölner Karneval bereits früh eine große Nummer. 1958 trat sie als „Die Gangsterbraut vom Eigelstein“ auf.
Legendär ihr Fernsehauftritt gemeinsam mit Heinz Erhard „Die erste Fahrstunde“ im Jahr 1959:
Im gleichen Jahr, 1959, war Schluss mit Nippes und der Mauenheimer Straße. 32-jährig zog sie in die innerstädtische Große Brinkgasse, machte 1977 in der Severinstrasse – danach und bis heute residiert dort das Odeon Kino (das seit Beginn von Putins Angriffskrieg auf die Ukraine auf seinem Eingangsschild „STAND WITH UKRAINE. STOP PUTIN. STOP WAR“ statt der laufenden Kinofilme bewirbt) – ihr eigenes Volkstheater auf: Das legendäre Theater im Vringsveedel. Es war ein ruheloses, selbstausbeuterisches Engagement, ohne jegliche städtische Subvention, welches sie dennoch zehn Jahre lang mit meist 14 Stunden am Tag betrieb – bis es seelisch und ökonomisch wirklich nicht mehr ging. Sie arbeitete zeitgleich an ihrem berühmten und gut besuchten Theater als „Direktorin, Produzentin, Autorin, Regisseurin, Kostümbildnerin, als zugkräftige Sängerin und Hauptdarstellerin Stück um Stück.“
Als ihr mutiger Vater 1961 starb schrieb sie für ihn ihren Song „Papa“, den sie auch auf seiner Beerdigung sang. Ein Jahr zuvor hatte sie bereits ihren selbstironischen Schlager „Morgens bin ich immer müde“ mit großem Erfolg aufgeführt.
Auf- und Ausbrüche in die Welt
Zwischendurch immer wieder Ausbrüche in die weite Welt. 1964 machte sie eine fünfmonatige Reise in die Sahara, wo sie Ahmed M´Barek kennenlernte und später heiratete.
1980 starb sie zum ersten Mal – jedoch zum Glück nur auf der Bühne. Im ambitionierten Einakter „Et versoffe Lenche“ war sie als Alkoholikerin zu sehen, die sich in einer Kneipe zu Tode tanzte – für ein Volksstück eine durchaus ungewohnte Herausforderung an das Kölner Publikum des „Wirtschaftswunders“: „Ich wollte auch ein bisschen, dass den Leuten das Lachen im Halse stecken bleibt“, sagt Trude Herr über ihre Ambitionen: wie das Lachen über „diese Frauen, die in Kneipen kommen, und man lässt sie tanzen, und man lässt sie trinken, bis diese Frau tot ist.“
In ihrem Volkstheater „Theater im Vringsveedel“ avancierte Trude Herr nun als Schauspielerin und Sängerin in Köln und darüber hinaus endgültig zum unangepassten Volksstar.
Ihr Theater, mit seinen sozialkritischen Anklängen, war der Gegenentwurf zum Millowitsch-Theater, in dem die „heile Welt“ zelebriert wurde. Das Theater war immer ausverkauft. Aber da sie keine städtischen Subventionen erhielt – ihre Anträge wurden von der Stadtverwaltung über Jahre abgelehnt – war 1986 Schluss mit ihrem Theater, das immerhin 21 Mitarbeitern Lohn und Brot zahlte. Darüber hinaus machten ihr zunehmend gesundheitliche Probleme zu schaffen.
„Niemals geht man so ganz“
Als sie sich innerlich von Köln verabschiedete, ihr Theater schloss, trat sie noch einmal bundesweit in Fernsehshows auf.
1987 konnte man sie in der NDR-Talkshow erleben, in dem sie erneut in humorvoll-grundehrlicher Weise über ihren verfolgten kommunistischen Vater sprach, der sie geprägt habe; wie auch, ironisch, über ihren „Schwenk nach Rechts“: Ihrem Eintritt in die SPD.
Ihr Auftritt bei Günter Jauch im Jahr 1988 war legendär. Es war zugleich endgültiger seelischer Abschied von ihrer bisherigen Heimat: Von Köln.
Trude Herr, gesundheitlich schwer angeschlagen, wollte nun weg aus Köln. 1987 interpretierte sie den Song „Niemals geht man so ganz“, den sie gemeinsam mit Wolfgang Niedecken und Tommy Engel vortrug.
Es wurde der unsterbliche Kultsong ihres unangepassten, schrägen Lebens.
Nach sechs schweren Operationen zog sie 1987 – da war sie 60 – auch aus gesundheitlichen Gründen auf die Fidschi-Inseln. 1991 kehrte sie noch einmal kurz nach Köln zurück, trat noch einmal in renommierten Talkshows auf.
Im Februar 1991 zog sie in das französische Lauris bei Aix-en-Provence, einen Monat später verstarb sie dort an Herzversagen. Trude wurde 63 Jahre alt. Ihre Nichte Gisela – „Gigi Herr“ – trat in ihre Fußstapfen. In der Rolle der „Geierwally“ trat sie viele Jahre lang im Univiertel auf.
Es folgten in Köln posthume Ehrungen, Widererinnerungen. 1995 wurde in der Südstadt, vor dem Bürgerzentrum Stollwerk, der Park davor nach ihr benannt, 2002 folgte dort eine Trude Herr Denkmal.
Ihre Theaterstücke wurden auch im Fernsehen immer wieder gezeigt. 2020 sprayte der Graffiti-Künstler Size Two auf der Venloer Str. 274 ein überdimensionales Portrait Trude Herrs, das aber nur einige Monate dort bleiben konnte. Gleichfalls 2020 wurde die Köln-Mülheimer Gesamtschule nach Trude Herr benannt.
Auf dem Nippeser Schillplatz erinnert seit 1986 der Brunnen u.a. an Trude Herr.
Beerdigt wurde sie auf dem Köln-Mauenheimer Nordfriedhof auf ihrem Familiengrab, ganz am Ende des Friedhofs. 2011 sollte ihr Grab „eingeebnet“ werden. Ein unbekannter Spender rettete es – zumindest bis zum Jahr 2036.
Trude Herr jedoch bleibt in Köln unvergessen.

Literatur
Gérard Schmidt (1991): Trude Herr – Niemals geht man so ganz. Ihr Leben. Bergisch Gladbach.
Reinhold Kruse (1998): 111 Jahre Köln-Nippes. Köln, Edition Nippes / Emons Verlag.
Peter Heimerzheim (2022): Nippes (fast) 2000 Jahre. Biografie eines einzigartigen Kölner Stadtteils. Archiv für Stadtteilgeschichte Köln-Nippes e.V.
WDR: Stichtag: 4. Mai 1927 – Trude Herr wird geboren: https://www1.wdr.de/stichtag/stichtag6614.html
WDR Zeitzeichen, 16.3.2026: Sie wollte nie Schokolade: Das tragische Leben der Trude Herr: https://www1.wdr.de/mediathek/audio/zeitzeichen/audio-sie-wollte-nie-schokolade-das-tragische-leben-der-trude-herr-100.html


