„Anmerkungen zum Antisemitismus“ heißt das neue Buch von Armin Nassehi, dem bekannten Soziologen. Die Funktionen der Judenfeindschaft im gesellschaftlichen Selbstverhältnis sind darin das Thema. Man wird indessen nicht mit empirischen Daten, sondern mit soziologischen Reflexionen konfrontiert. Dabei hätte der Bezug zum gemeinten gesellschaftlichen Selbstverhältnis noch klarer herausgearbeitet werden können.
Von Armin Pfahl-Traughber
Angesichts eines kursierenden Antisemitismus greifen auch Autoren zur Feder, die für eigene Erörterungen zur Judenfeindschaft bislang keine Notwendigkeit gesehen hatten. Diese Anmerkung ist keineswegs despektierlich gemeint. Ganz im Gegenteil steht sie doch für wachsende Sensibilität. Je nach Autor können dabei auch neue Deutungen im Detail wie im Grundsatz entstehen. Dafür sind die „Anmerkungen zum Antisemitismus“ ein Beispiel, die als Buch von Armin Nassehi vorgelegt wurden. Es geht darin um „Die Funktion der Judenfeindschaft und das westliche Selbstverhältnis“, so der bekannte Soziologe im gewählten Untertitel. Die Frage nach der Funktion ist hier wichtig, also der Nutzen für den Ressentimentgeladenen. Anders formuliert will sich die Erörterung von Nassehi folgender Problemstellung widmen: „Für welches Problem ist der Antisemitismus eine Lösung?“ (S. 16) oder genauer formuliert: „… scheint der Antisemitismus für den Judenfeind eine Lösung zu sein“. Denn der Antisemit verbindet damit eben einen subjektiven Nutzen.
Nassehi wäre indessen kein Soziologe, ginge es ihm nicht mehr um die Gesellschaft als Rahmensituation. Er will auf die Bedingungen blicken, welche Judenfeindschaft sozial relevant machen. Dazu präsentiert er keine empirischen Daten, sondern soziologische Reflexionen. Sie benennen gesellschaftliche Gegebenheiten, welche Judenfeindlichkeit kontinuierlich existent machen. Anders formuliert fragt der Autor: „Gibt es eine funktionale Leerstelle dessen, was man eine moderne Gesellschaft nennt, nämlich sich in einer Welt einzurichten, die systematisch weder Zentrum noch Spitze kennt, die ihre innere Komplexität verarbeiten muss und die mehr Nebenfolgen als geplante Folgen erzeugt?“ (S. 29). Es ginge demnach nicht um Eigenschaften realer Juden, womit Nassehi hier Sartre folgt, sondern um deren Identifizierung mit einer irritierenden Welt. Der Bezug auf das „Jüdische“ bearbeite dabei „die Unmöglichkeit einer bruchlosen Selbstbeschreibung in der Sozialdimension“ (S. 143). Antisemitische Motive verwiesen „nahtlos auf ungeklärte Selbstverhältnisse“ (S. 163).
Aufzeigen will der Autor das Gemeinte anhand dreier bekannter historischer Persönlichkeiten, die sich nicht in ihren Hauptwerken zum „Judentum“ äußerten, sondern lediglich partiell oder nicht öffentlich dazu Positionen in ihren Schriften formulierten. Gemeint sind damit der Aufsatz „Das Judentum in der Musik“ von Richard Wagner, danach der Beitrag „Zur Judenfrage“ von Karl Marx und bei Carl Schmitt in diversen privaten und publizierten Stellungnahmen. Nassehi geht eng am Text auf die Veröffentlichungen ein. Er stellt dabei viele Gemeinsamkeiten in einem allgemeinen Sinne fest, eben bei der Deutung der dynamischen Moderne. Alle drei Autoren unterstellten nicht, die Juden seien dafür verantwortlich. Sie gelten dabei aber als deren Nutznießer und Verkörperungen. Derartige Effekte werden nicht nur für die Geschichte von Nassehi gesehen, wovon die Ausführungen zur Gegenwart zeugen. Hier fragt der Autor nach den Hintergründen dafür, dass islamistische Gruppen mit postkolonialen Linken so problemlos israelfeindlich kooperieren könnten.
Es geht demnach in der Bilanz nicht um eine Deutung der aktuellen Entwicklungen, die sich auf die Folgen des Massakers vom 7. Oktober 2023 beziehen. Der Autor greift ideen- und realgeschichtlich weit zurück, berechtigt macht er auch auf funktionale Dimensionen aufmerksam. Denn Antisemitismus könnte gesellschaftlich nicht so breit in unterschiedlichen Milieus wirken, wenn mit ihm nicht für deren Angehörigen ein konkreter Nutzen verbunden wäre. Doch ist der berechtigte Hinweis auf ein ungeklärtes Selbstverhältnis hierbei primär zentral? Wie artikulieren sich auch einschlägige Bedürfnisse in konkreten Kontexten? Dazu finden sich viele Andeutungen in den erwähnten Fallstudien, die interessante Interpretationen zu den jeweiligen Sachverhalten präsentieren. Doch fehlt es nicht wenigen Beschreibungen an einer gewissen Bodenhaftung, auch sind die Erörterungen von einer gewissen Sprunghaftigkeit geprägt. Doch bedürfte es schon genauerer Bezüge zum westlichen Selbstverhältnis. Nur so wird die Bedeutung der gemeinten Funktionen verständlich.
Armin Nassehi, Anmerkungen zum Antisemitismus. Die Funktion der Judenfeindschaft und das westliche Selbstverhältnis, München 2026 (C. H. Beck), 237 S., 22 Euro, Bestellen?



