„Mut, Verantwortung und Menschlichkeit auch unter schwierigsten Bedingungen“

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Oberbürgermeister Dieter Reiter und IKG-Präsidentin Charlotte Knobloch mit Bernd und Iris Knobloch, Enkel und Enkelin von Fritz Neuland, Foto: IKG München und Oberbayern

Vergangene Woche weihten Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter und IKG-Präsidentin Charlotte Knobloch in Anwesenheit zahlreicher Ehrengäste, darunter etliche Stadträte der Landeshauptstadt München, die Fritz-Neuland-Straße ein. Die Initiative dazu stammte von CSU-Stadtrat Michael Dzeba. Die Straße verläuft fortan in Verlängerung der Corneliusstraße zwischen Blumenstraße und dem St.-Jakobs-Platz.

Fritz Neuland, Vater von Charlotte Knobloch, war Rechtsanwalt und Mitbegründer der jüdischen Nachkriegsgemeinde Münchens. Er wurde 1889 in Bayreuth geboren, studierte in München Rechtswissenschaften und führte eine gutgehende Kanzlei am Stachus. Nach dem 30. Januar 1933 konnte Fritz Neuland aufgrund des sog. Frontkämpferprivilegs noch einige Zeit weiter als Anwalt tätig sein. Seine zum Judentum übergetretene Frau Margarethe war dem Druck und den zunehmenden Repressalien nicht gewachsen und verließ die Familie, Tochter Charlotte blieb bei Vater und Großmutter.

Die Möglichkeit zur Auswanderung ließ Fritz Neuland verstreichen, denn seine Mutter hätte zurückbleiben müssen. Auch die Vorstellung, nicht weiter in seinem Beruf arbeiten zu können, hielt in davon ab. Ab Februar 1939 konnte Fritz Neuland als Rechtskonsulent nur noch Juden vertreten. Seine Tochter Charlotte konnte er vor der Deportation bewahren und bei einer ehemaligen Hausangestellten in der fränkischen Provinz unterbringen, die das Mädchen als ihr uneheliches Kind ausgab. Dort überlebte sie auf einem Bauernhof die Kriegszeit. Seine Mutter Albertine wurde im Juli 1942 nach Theresienstadt deportiert. Sie starb dort im Januar 1944. Fritz Neuland musste Zwangsarbeit in einem Rüstungsbetrieb leisten. 1944 wurde er entlassen, nachdem bei einem Unfall beim Umgang mit Batteriesäure seine Sehkraft geschädigt wurde. Bis zum Kriegsende überlebte er untergetaucht bei Freunden.

Nach Kriegsende zogen Vater und Tochter zurück in ihre alte Wohnung am Bavariaring und Fritz Neuland erhielt die Wiederzulassung als Rechtsanwalt. Doch er habe sich nicht nur zum Bleiben in Deutschland entschlossen, so Charlotte Knobloch in ihren Erinnerungen, „er wollte gestalten.“ So gehörte Fritz Neuland zu den Wiederbegründern der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) am 19. Juli 1945. Ab 1951 war er 18 Jahre lang Präsident der IKG. Von 1953 bis 1957 war Neuland außerdem Vorsitzender des Landesausschusses des Landesverbands der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern und von 1951 bis zu seinem Tod Mitglied des Bayerischen Senats. Das sei für ihren Vater „eine persönliche ,Wiedergutmachung‘“ gewesen, die er gerne annahm, so Charlotte Knobloch. „Denn er wusste sich damit in die Mitte der bürgerlichen, rechtsstaatlichen Gesellschaft zurückgekehrt, an die er immer geglaubt hatte, auch wenn die Zeiten ihm anderes bewiesen hatten.“ Fritz Neuland starb am 4. November 1969 im Alter von 80 Jahren in München. 

„Die Fritz-Neuland-Straße erinnert uns daran, dass Mut, Verantwortung und Menschlichkeit auch unter schwierigsten Bedingungen möglich sind“, sagte Oberbürgermeister Dieter Reiter bei der Einweihung. Die Straße erinnere auch daran, „dass jüdisches Leben nach der Schoa nicht selbstverständlich wieder entstanden ist, sondern das Ergebnis von Menschen war, die nicht aufgegeben haben.“