Seit dem Massaker vom 7. Oktober 2023 kursieren erneut viele israelfeindlichen Stereotype in der Welt. Die Autoren des Sammelbandes „Umkämpfte Geschichte. Einsprüche gegen die Umdeutung des 7. Oktober“ machen darauf in einem kritischen Sinne aufmerksam.
Von Armin Pfahl-Traughber
„Am 7. Oktober 2023 wurde ein Tabu gebrochen, eine Falle gestellt. Kaum war die Nachricht vom Pogrom bekannt geworden, kamen die Wölfe aus ihren Höhlen hervor … Bereits am 8. Oktober, noch bevor die israelische Armee mit ihren Vergeltungsmaßnahmen begann, erklangen an allen nordamerikanischen Universitäten Jubelrufe … Endlich war die ‚zionistische‘ Krake ins Herz getroffen worden“ (S. 279). Dies schreibt Pascal Bruckner, der bekannte französische Essayist. An die Chronologie der Ereignisse sollte immer erinnert werden, eskalierte doch die Feindlichkeit gegenüber Israel nicht aufgrund der späteren Kriegsführung. Bereits zuvor artikulierten sich derartige Auffassungen in westlichen Ländern mit steigender Tendenz. Darauf machen die zwanzig Essays in einem neuen Sammelband aufmerksam. Er wurde von Klaus Bittermann und Christoph Hesse herausgegeben und erschien mit „Umkämpfte Geschichte. Einsprüche gegen die Umdeutung des 7. Oktober“ als Titel. Die darin enthaltenen Beiträge sind Essays, wirkliche Essays.
Es handelt sich also nicht um wissenschaftliche Aufsätze, sondern um persönliche Betrachtungen, was aber hier nicht im abwertenden Sinne verstanden werden soll. Alle Autoren, auch die aus universitären Kontexten, wählten den essayistischen Stil. Einige der Beiträge erschienen bereits zuvor in Feuilletons, die meisten Kommentare entstanden indessen für den genannten Sammelband. Die Autoren folgten damit der Einladung der Herausgeber, die der Einseitigkeit negativer Israelbilder etwas im aufklärerischen Sinne entgegen setzen wollten. Dabei ging es nicht um bloße Apologie, sondern um kritische Reflexionen. So konstatieren viele Autoren auch und gerade Doppelstandards bei der Kommentierung der israelischen Politik, was die Erörterung der Frage motiviert, welche Gründe es für diese inhaltlichen Verzerrungen gibt. Man muss derartige Einseitigkeiten erkennen, um öffentliche Kommentierungen kritisch zu hinterfragen. Genau diese Aufklärung leistet der Band in Form und Inhalt in gelungener Weise.
Ein eher harmloses Beispiel dafür benennt Eva Illouz gleich im ersten Text. Eigentlich sollte es darin hauptsächlich um Antisemitismus und Antizionismus im Verhältnis gehen. Dabei bemerkt die Soziologin treffend: „Beim Versuch zu entscheiden, ob ein Wort, Verhalten oder eine Idee diskriminierend ist …, hat sich die progressive Linke im Großen und Ganzen der Einschätzung von Mitgliedern der betroffenen Minderheit unterworfen. … Diese Annahme ist universell akzeptiert – außer in einem Fall: wenn es um Juden geht“ (S. 15). Auch derartige Aspekte sind wichtig, nicht nur die kontrovers diskutierten großen Fragen. Man findet in dem Band auch viele Beiträge zu Boykottmaßnahmen gegen Israel, zu israelfeindlichen Geschichtsdeutungen oder den Genozid-Vorwürfen gegen den Staat. Gerade zu dem letztgenannten Aspekt werden in differenzierten Erörterungen inhaltliche Klarstellungen vorgenommen. Die Autoren des Bandes belegen hierbei, dass auf einmal bestimmte Kriterien keine Relevanz mehr hatten, etwa die erklärte Absicht als nachgewiesene Einstellung.
Auch in der Detailkritik, die hier komprimiert und verständlich vorgetragen wird, zeigt sich diese Qualität. Der Historiker Norman J. W. Goda belegt anschaulich seine These: „Die Beweise für einen angeblichen Genozid … wurden verdreht“ (S. 140). Aber auch zu vielen anderen Aspekten findet man erkenntnisreiche Betrachtungen, etwa von Klaus Bittermann bei den Erinnerungen an die frühere „radikale Linke“ und ihre israelfeindlichen Positionen, wobei gar von einer „Avantgarde des Antisemitismus“ (S. 235) mit gewisser Überspitzung geschrieben wird. Bilanzierend hat man es mit einer Fundgrube von reflexionswürdigen Texten zu tun. Einige Autoren stellen auch auf den Kontext des Nahost-Konflikts ab und heben die weithin gegenüber dem israelischen Staat geteilten Vernichtungsabsichten hervor. Erneut ist damit der Edition Tiamat ein beachtenswertes Sammelbandprojekt zum Thema gelungen. Man mag in der Bilanz eine gewisse Einseitigkeit konstatieren, aber diese fehlt anderen Kommentatoren häufig genug an ihrer Zweiseitigkeit.
Klaus Bittermann/Christoph Hesse (Hrsg.), Umkämpfte Geschichte. Einsprüche gegen die Umdeutung des 7. Oktober, Berlin 2026 (Edition Tiamat), 304 S., Euro 28,00, Bestellen?



