Seeigel-Sterben im Atlantik

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Der Diadema Seeigel vor (links) und nach (rechts) dem Absterben, Foto: Tel Aviv University

Ein massives Seeigelsterben auf den Kanarischen Inseln alarmiert Forschende weltweit, denn die ökologischen Folgen könnten gravierend sein.

Ein internationales Forschungsteam hat erstmals Hinweise auf ein lokales Aussterben von Seeigeln entdeckt. Betroffen sind die Kanarischen Inseln, wo die massenhafte Sterblichkeit der langstacheligen schwarzen Seeigel der Gattung Diadema offenbar so weit fortgeschritten ist, dass sich die Tiere nicht mehr fortpflanzen können. Die Forschenden warnen: Das beobachtete Muster könnte sich auch in anderen Meeresregionen der Welt wiederholen.

Die neuen Erkenntnisse stammen aus einer globalen Studie unter Leitung von Prof. Omri Bronstein von der School of Zoology der Universität Tel Aviv sowie dem Steinhardt Museum für Naturgeschichte in Tel Aviv. Gemeinsam mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus Spanien und den Kanarischen Inseln untersuchte das Team das jüngsten Seeigel-Massensterben. Die Ergebnisse wurden in der Fachzeitschrift Frontiers in Marine Science veröffentlicht.

Im Zentrum der Studie steht ein bislang unentdecktes Massensterben, das sich bereits Mitte 2022 vor der Küste der Kanarischen Inseln ereignete. Die Region gilt als entscheidendes Bindeglied in der geografischen Ausbreitung einer tödlichen Krankheit, die Seeigelpopulationen weltweit dezimiert. Besonders alarmierend: In mehreren untersuchten Gebieten der Inselgruppe fanden die Forschenden keinerlei junge Seeigel mehr – ein starkes Indiz dafür, dass die Art dort lokal ausgestorben sein könnte.

„Seeigel vermehren sich, indem sie Eier und Spermien ins Wasser abgeben. Daraus entstehen Millionen von Larven, die sich nach einiger Zeit am Meeresboden ansiedeln“, erklärt Prof. Bronstein. Dieser als „Rekrutierung“ bezeichnete Prozess sei auf den Kanarischen Inseln offenbar vollständig zum Erliegen gekommen. „Das bedeutet, dass die verbliebenen erwachsenen Tiere nicht mehr ausreichen, um eine neue Generation hervorzubringen. Ohne Nachwuchs verschwindet die Art aus dem Ökosystem.“

Die Studie stützt sich auf eine breite Datengrundlage: Neben wissenschaftlichen Tauchgängen und Proben vom Meeresboden flossen auch Satellitendaten sowie Beobachtungen aus Bürgerforschungsprojekten ein.

Seeigel spielen eine Schlüsselrolle in marinen Ökosystemen, da sie Algen abweiden und so das Gleichgewicht auf Korallenriffen und Felsböden stabilisieren. Frühere Massensterben zeigen, welche Folgen ihr Verschwinden haben kann. So kam es nach einem großflächigen Seeigelsterben in der Karibik in den Jahren 1983/84 zu einer explosionsartigen Ausbreitung von Algen, die Korallenriffe dauerhaft schädigte. Ein weiterer Vorfall traf die Karibik 2022; erstmals konnte dabei auch der verantwortliche Krankheitserreger identifiziert werden. In den Folgejahren breitete sich die Krankheit bis ins Rote Meer und in den westlichen Indischen Ozean aus.

Normalerweise erholen sich Seeigelpopulationen nach starken Einbrüchen wieder. Doch diesmal, so die Forschenden, deute vieles auf ein dauerhaftes Verschwinden hin. „Was wir auf den Kanarischen Inseln sehen, ist kein vorübergehender Rückgang“, warnt Prof. Bronstein. „Es ist sehr wahrscheinlich ein Ereignis – mit schwerwiegenden ökologischen Konsequenzen.“

Die Sorge der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler reicht über die Kanaren hinaus. Ähnliche Massensterben wurden in den vergangenen Jahren auch im Roten Meer und im Golf von Eilat beobachtet. Sollte sich dort ein vergleichbarer Zusammenbruch der Fortpflanzung zeigen, könnten ganze Küstenökosysteme aus dem Gleichgewicht geraten – mit bislang kaum absehbaren Folgen.