democ e. V. veröffentlicht die erste systematische Studie zu antisemitischer Hetze auf Social Media nach Veröffentlichung der Epstein-Akten
Die Veröffentlichung von über drei Millionen Dokumenten zum Fall des Sexualstraftäters Jeffrey Epstein durch das US-Justizministerium am 30. Januar 2026 hat eine beispiellose Welle antisemitischer Desinformation und NS-Verherrlichung in den sozialen Medien ausgelöst. Eine neue Untersuchung von democ e. V. dokumentiert erstmals das Ausmaß, die Narrative und Kommunikationsstrategien und das massive Versagen der Plattform-Moderation angesichts dieser Judenfeindlichkeit.
Zwischen dem 30. Januar und dem 9. Februar 2026 analysierte democ systematisch Inhalte auf Instagram, YouTube und X. Die Ergebnisse zeichnen das Bild einer digitalen Radikalisierung, die durch Algorithmen befeuert und von einflussreichen Akteuren strategisch gesteuert wird.
Algorithmen als Brandbeschleuniger für NS-Verherrlichung
Die Reichweite der untersuchten Inhalte ist alarmierend: Allein 55 untersuchte antisemitische Instagram-Reels gemäß der IHRA-Definition erreichten innerhalb von zehn Tagen 114,4 Millionen Aufrufe und 6,7 Millionen Likes. Besonders problematisch: Das Kommentarsystem von Instagram stufte antisemitische Beiträge systematisch als besonders relevant ein.
- Während antisemitische Kommentare nur 8 % der Stichprobe ausmachten, sammelten sie über 33 % aller Likes.
- Der am häufigsten gelikte Kommentar – eine codierte Hitler-Hommage („Wenn der österreichische Maler gewonnen hätte…“) – erhielt allein 126.000 Likes.
- Fünf solcher codierten Botschaften unter einem einzigen Video generierten zusammen 333.000 Likes.
Totalausfall der Moderation auf Instagram
Trotz klarer Verstöße gegen Richtlinien und Gesetze blieben fast alle Inhalte online. Von 55 dokumentierten antisemitischen Videos wurden lediglich zwei durch die Plattform entfernt – obwohl das Material offene Hitler-Glorifizierung, Zitate aus „Mein Kampf“, SS-Symbolik und Aufrufe zum Völkermord enthielt. Ein zentrales Problem stellt dabei die plattformeigene Infrastruktur dar: Eine Audio-Datei einer Hitler-Rede von 1933 steht auf Instagram als frei verfügbares Werkzeug bereit und wurde bereits in über 500 Videos verwendet.
Influencer als Brückenbauer in den Extremismus
Rechtsextreme Akteure nutzten die Epstein-Akten gezielt, um antisemitische Verschwörungsmythen im Mainstream zu verankern. So konstruierte die US-Aktivistin Candace Owens in einem Livestream mit 2,6 Millionen Aufrufen einen Rahmen, der Epsteins Taten mit Behauptungen über „satanische jüdische Macht“ verknüpfte. Solche Erzählungen fungieren als Einstieg in die Annäherung an explizit nationalsozialistische Ideologien.
Rechtliche Konsequenzen und DSA-Relevanz
Mindestens sieben der dokumentierten Videos erfüllen laut democ den Straftatbestand der Volksverhetzung (§ 130 StGB), unter anderem durch Holocaustleugnung und die Darstellung eines „Krieges zwischen Juden und Nichtjuden“. Die Untätigkeit von Plattformen wie Instagram wirft dringende Fragen zur Einhaltung des EU Digital Services Act (DSA) auf, der ein zügiges Vorgehen gegen illegale Inhalte vorschreibt.
„Unser Report zeigt, dass Instagrams Algorithmen antisemitische Hetze nicht nur dulden, sondern aktiv belohnen”, so Grischa Stanjek, Co-Geschäftsführer von democ und Autor der Studie. „Wenn codierte Hitler-Verehrung hunderte tausendfach gelikt wird und an oberster Stelle der Kommentarspalten erscheint, versagt der digitale Diskursraum. Es ist erschreckend, wie mühelos eine technokratische Infrastruktur – von bereitgestellten Audio-Snippets bis hin zur Kommentar-Sortierung – zum Distributionskanal für NS-Propaganda wird. Rechtsterroristische Anschläge der letzten Jahre zeigen die gefährliche Wirkung dieser Radikalisierungsräume.”
„Es darf nicht sein, dass ausgerechnet jene Kommentare, die Hass und NS-Ideologie verbreiten, durch hohe Interaktionsraten in die prominentesten Sichtfelder gespült werden, betonte Linus Kebba Pook, ebenfalls Co-Geschäftsführer von democ und Autor der Studie. „Die Plattformen müssen ihre Sorgfaltspflichten unter dem Digital Services Act ernst nehmen und systemische Risiken, die von ihren eigenen Ranking-Systemen ausgehen, endlich wirksam unterbinden. Dazu gehört auch, dass illegale Audio-Assets wie Hitler-Reden konsequent aus den Bibliotheken entfernt werden, anstatt sie als kreatives Werkzeug anzubieten.“
Appelle an die Plattformen würden längst nicht mehr reichen: „Die Aufsichtsbehörden müssen entschlossen gegen Plattformen vorgehen, wenn diese ihren Pflichten zur Moderation illegaler Inhalte und zur Risikominderung offenbar nicht gerecht werden – und die Politik muss dieses Vorgehen unterstützen und forcieren. Diese Form der digitalen Hetze ist brandgefährlich. Wir wissen aus den Analysen vergangener Jahre, dass sich fast alle rechtsextremen Attentäter der jüngeren Zeit in genau solchen Online-Subkulturen radikalisiert haben. Wenn Algorithmen die Grenze zwischen legitimer Information und mörderischer Ideologie verwischen, bereitet das den Boden für reale Gewalt.“



