Nach der Restaurierung und feierlichen Wiedereröffnung ist ein Band über die Reichenbach-Synagoge in München erschienen.
Von Alexandra Klei
Den wenigen Synagogen in deutschen Städten, die den Zerstörungen durch die Nationalsozialisten in der sogenannten Reichspogromnacht am 9. und 10. November 1938 weitgehend entgingen und die nach 1945 nicht abgerissen, sondern einer erneuten Nutzung durch eine Gemeinde oder andere Akteur:innen überführt wurden, kommt normalerweise eine besondere Aufmerksamkeit und damit Bekanntheit zu. Für die am 5. November 1931 zum ersten Mal eingeweihte Synagoge auf einem Hinterhof in der Reichenbachstraße 27 in der Münchener Isarvorstadt dürfte dies, zumindest überregional, erst seit einigen Monaten der Fall sein, wenngleich vielleicht noch einmal mehr, weil der Bundeskanzler Friedrich Merz beim Festakt zur erneuten Weihe mit den Tränen kämpfte.
Es war die nunmehr dritte Eröffnung, das Gebäude war, im Inneren stark vereinfacht und verändert nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wieder aufgebaut und am 20. Mai 1947 das zweite Mal offiziell geweiht worden. Anschließend diente es der Nachkriegsgemeinde als Hauptsynagoge; eine Nutzung die erst 2006 mit dem Umzug in das neue jüdische Zentrum Ohel Jakob auf dem St.-Jakobs-Platz endete. Parallel zur nun am Original orientierten Wiederherstellung erschien ein kleines, reich bebildertes Buch, herausgegeben von Rachel Salamander und Christoph Wagner. Es versammelt vier Texte, die in ihren unterschiedlichen Schwerpunkten jeweils immer auch Aussagen zur Baugeschichte machen. Rachel Salamander verfasst den einleitenden Beitrag, der neben einem Überblick zur Geschichte und einigen ersten Beschreibungen des Innenraums vor allem eine persönliche Annäherung ist: an die eigenen Erinnerungen als Kind an diesen Ort und an seine Wiederentdeckung und -herstellung, die zuallererst ihrem Engagement und ihrer Arbeit zu verdanken sind. 2011 hatte sie, eher zufällig, bei einem Blick durch die Fenster den schlechten Zustand ausgemacht und war umgehend aktiv geworden.
Der zweite Text widmet sich ostjüdischen Lebenswelten in München und stammt von dem Historiker und Journalisten Stefan Meining. Er geht zum einen der Geschichte der beiden größten ostjüdischen Betvereine Münchens, Linath Hazadek und Agudas Achim nach, die sich 1920 zusammengeschlossen und ab Ende des Jahrzehnts mit den Planungen für den Neubau begonnen hatten. Zum anderen rekonstruiert er, ausgehend von Interviews, die Anfang der 1990er gemacht wurden, ausgewählte Biografien. Dem Kunsthistoriker Christoph Wagner obliegt es in seinem Beitrag, das Gebäude der Synagoge detaillierter vorzustellen; mit Blick auf seinen Architekten Gustav Meyenstein, auf die zur Verfügung stehenden Quellen, auf das Farbkonzept des Hauptraums, die Bauaufgabe Synagoge in der Zeit ihrer Entstehung und schließlich auf die Bedeutung des Ortes als Erinnerungs- und Denkmalsraum. Zuletzt gibt Stefan Gödeke, der das vom Münchner Architekturbüro Hölzl, Simson, Sporer umgesetzte Bauprojekt leitete, einen Überblick zum Zustand des Gebäudes vor den Arbeiten und zu den einzelnen durchgeführten Maßnahmen.
Das Buch vermittelt so, ausgehend von dem wiederhergestellten Gebäude, unterschiedliche Aspekte jüdischer Vergangenheit. Dies ist besonders wertvoll, weil es durch seinen versteckten Standort selbst keine Aufmerksamkeit erregt, die dazu verleitet, sich mit der Geschichte des Ortes, mit jüdischem Erbe und/oder jüdischer Gegenwart zu beschäftigen. Zugleich ist das Buch Anlass, sich schnell weitere Publikationen zu wünschen, denn bei der Lektüre wird auch deutlich, dass (zu) viele Leerstellen bleiben. So sind zum Beispiel die Geschichten der Vereine osteuropäischer Juden:Jüdinnen vielerorts nach wie vor wenig präsent. Die von ihnen genutzten Räume – oft Umbauten in bestehenden Gebäuden, wie zu Beginn auch in der Reichenbachstraße in München – spielen in der Erinnerungskultur oft keinerlei Rolle und sind nur selten im öffentlichen Raum markiert. Dass diese Vereinigungen sich nicht nur entschließen, einen Neubau zu realisieren, sondern diesen auch tatsächlich umsetzen können, ist eine Besonderheit jüdischer Geschichte vor 1933.
Aber auch die Nachkriegsgemeinde weist zahlreiche Besonderheiten auf, denen es lohnenswert wäre zu folgen. Neben biografischen Forschungen und Erzählungen, die über die unmittelbare Nachkriegszeit und die Schicksale jüdischer displaced persons hinausgehen, wie sie vor einigen Jahren im Rahmen der Ausstellung „München Displaced. Der Rest der Geretteten“ vorgestellt wurden, könnte es zudem interessant sein zu rekonstruieren, warum die politisch Verantwortlichen des Bundeslandes keine Veranlassung sahen, der in seiner Hauptstadt existierenden Gemeinde einen Neubau als ‚Wiedergutmachung‘ zuzugestehen. Von Interesse könnte es auch sein, mehr zur Gestaltung von 1947 zu erfahren und dabei der Frage nachzugehen, inwieweit diese über die kommenden fast 60 Jahre eigentlich unverändert blieb; etwas, das ein Novum in der Geschichte von Weiternutzungen bestehender Gebäude nach dem Holocaust wäre. Darüber hinaus könnte sich ein vergleichender Blick in die jüngere Vergangenheit lohnen: In Frankfurt und in Augsburg fand die Wiederherstellung der historischen Gestaltung der Haupträume in den erhaltenen Synagogen deutlich früher statt. Dies in Verbindung mit der Entscheidung, das Gebäude in München nach 2006 dem Verfall preiszugeben, ist auffallend vor dem Hintergrund, dass die Bewahrung jüdischen Erbes anderenorts zu einem zentralen Gegenstand der Forschung und zivilgesellschaftlicher Initiativen wurde. Damit verknüpft werden könnte für die Gegenwart die Frage nach der Funktion im Besonderen auch vor dem Hintergrund einer veränderten Gegenwart auch für Juden:Jüdinnen in Deutschland nach dem 7. Oktober. Die Synagoge kann für Gottesdienste genutzt werden, allerdings gibt es (bisher) keine Gemeinde, die dies regelmäßig tun wird.
Und auch zu dem Komplex selbst sind nach wie vor zu viele Fragen offen: Nicht nur, dass die Geschichte und Funktionen der an der Straße situierten Gemeindebauten nahezu nicht einbezogen sind, es irritiert vor allem die in dem Buch aber auch in anderen Veröffentlichungen und Interviews wiederholt vorgenommene Bezeichnung des Gebäudes als „Bauhaus-Synagoge“. Zweifellos war der Innenraum in Farbe, Gestaltung, Form und Lichtführung dem Neuen Bauen zuzuordnen, einer Phase (und wenn man möchte einem Stil) in der Geschichte der Architektur, die (der) mit Begriffen von Funktionalität, Sachlichkeit, technischem Fortschritt, Rationalisierung verknüpft ist. Die Reichenbachsynagoge dem „Bauhaus“ zuzurechnen, verkennt nicht nur die Vielfalt von Strömungen und Entwicklungen jener Jahre, sondern benutzt den Begriff vor allem als inhaltsleeres Schlagwort, um Aufmerksamkeit zu erzielen und Bedeutung herzustellen. In der Folge wird erneut eine Besonderheit des Gebäudes verkannt: Zu den Architekturprinzipien jener Jahre gehört unter anderem die enge Beziehung zwischen Innenräumen und Außenfassaden. Es entstanden nicht immer, aber oft weiße, dabei minimalistische, gradlinige, kubische Bauten, in Beton, Glas und Stahl und mit Fensterbändern und Flachdächern. Die Hüllen der Reichenbach-Synagoge folgen derartigen Prinzipien nicht. Dies wird sofort offensichtlich in den Fassaden, die gegliedert sind von senkrecht stehenden Fenstern; ein ausgesprochen konservatives Verständnis der Gestaltung.
Aber dieser Diskrepanz nachzugehen und aus ihr Rückschlüsse zur Situierung jüdischer Räume in der städtischen Öffentlichkeit und zu den Möglichkeiten des Neuen Bauens in jener Zeit in München zu treffen, muss nun ebenfalls den hoffentlich folgenden Auseinandersetzungen vorbehalten bleiben.
Rachel Salamander, Christoph Wagner (Hg.), Die Reichenbach. Eine ‚Bauhaus‘-Synagoge, Klinkhardt & Biermann Verlag 2025, 80 S., 40 Farbabb., Euro 14,00, Bestellen?
Dr. Alexandra Klei ist Architekturhistorikerin und wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Bet – Tfila. Forschungsstelle für Jüdische Architektur in Europa, Braunschweig. Sie forscht zum ‚Jüdischen Bauen’ nach dem Holocaust, zu den Netzwerken des Architekten Eric Mendelsohn in den USA, über Beziehungen zwischen Raum/Architektur und Erinnerung sowie (Post-)Holocaust Landscapes.
–> „Trotz allem“ – Die Wiedereröffnung der Reichenbach-Synagoge in München



