Von der Gemeindeordnung von Medina oder weshalb wir nicht von „islamischem Antisemitismus“ sprechen sollten

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Pilger in der Prophetenmoschee in Medina, Foto: Ali Mansuri / CC BY-SA 2.5

Die von Mohammed mit den medinensischen Jüdinnen*Juden ausgehandelte Gemeindeordnung von Medina sowie das muslimisch-jüdische Zusammenleben im islamischen Spanien und im Osmanischen Reich zeigen, dass Antisemitismus keineswegs immer dem Islam inhärent war, weshalb wir nicht von „islamischem Antisemitismus“ sprechen sollten.

Ein Kommentar von Thomas Tews

Im Jahre 622 verließen Mohammed und etwa siebzig seiner Anhänger*innen Mekka und zogen in das gut 300 Kilometer nördlich gelegene Yathrib, das spätere Medina (arab. madinat an-nabi, „Stadt des Propheten“). Laut der muslimischen Quellen folgte Mohammed damit einer Einladung, als Schlichter nach Yathrib, wo bereits eine Reihe von Menschen zum Islam konvertiert war, zu kommen. Yathrib war eine weit auseinandergezogene Oasensiedlung, deren Bewohner*innen dank fruchtbarer Böden und genügender Grundwasserversorgung Landwirtschaft neben Handwerk betreiben konnten. Dort lebten, gruppiert um befestigte Wohnburgen, mehrere Stämme in einem gespannten bis feindseligen Verhältnis, unter ihnen auch mehrere jüdische. Nach Mohammeds Ankunft traten zum Teil ganze Stämme zum Islam über, wobei es unter den Jüdinnen*Juden kaum Konversionen gegeben zu haben scheint.

Mohammed war es ein Anliegen, die Stammeskämpfe zu beenden. So entstand um 623 eine neue, auf die sogenannte Gemeindeordnung von Medina gestützte politische Einheit, welche die muslimische Gemeinschaft mit örtlichen Stämmen, unter ihnen auch jüdischen, zu einer politischen Schutz- und Solidargemeinschaft (umma) verband. Ihr politisches, Streitigkeiten schlichtendes Oberhaupt war Mohammed, welchen die Muslim*innen auch als ihren religiösen Führer anerkannten. Die Gemeindeordnung definierte Medina als „heiligen Bezirk“ (haram) und bezeichnete die eigenen Mitglieder als „Gläubige“ bzw. „Bundestreue“ (mu’minun), wobei den sich anschließenden Jüdinnen*Juden explizit Gleichbehandlung zugesichert wurde. Unter dieser überkonfessionellen Gemeindeordnung versammelten sich neun Stämme bzw. rund 10.000 Menschen.

Zu den nach islamischer Überlieferung Mohammed in Medina zuteilgewordenen Offenbarungen zählt folgende von religiöser Toleranz zeugende: „Siehe, die glauben, und die Juden und die Sabier und die Christen – die an Gott glauben und an den Jüngsten Tag und die rechtschaffen handeln, die werden keine Furcht empfinden und sollen auch nicht traurig sein“ (Koran, Sure 5, Vers 69).

Im Zuge der Ausbreitung des islamischen Glaubens wurde jüdischen Gemeinschaften der im islamischen Recht verankerte Status als „schutzbefohlene Völker“ (ahl al-dhimma) zuerkannt. So zeigten sich die Muslim*innen auf der Iberischen Halbinsel den Jüdinnen*Juden gegenüber aufgeschlossener als die westgotischen Christ*innen. Unter Abd ar-Rahman III., der im Jahre 912 Emir von Córdoba wurde und mit Chasdai ibn Schaprut einen jüdischen Wesir hatte, verbesserte sich der Status der Jüdinnen*Juden, die nun ihre Religion ausüben und nach ihren Gesetzen und Schriften leben durften, enorm, auch wenn es Einschränkungen gab (Jüdinnen*Juden mussten eine Sondersteuer [dschizya] entrichten, Kleidungsvorschriften beachten und durften ihre religiösen Rituale nicht in der Öffentlichkeit ausüben). Als 1492 das letzte islamische Territorium in Südspanien (al-andalus), das Emirat von Granada, fiel, ordneten Isabella von Kastilien und Ferdinand II. von Aragón, die vom Papst mit dem Titel „Katholische Könige“ geehrt wurden, umgehend die Vertreibung aller Jüdinnen*Juden aus Spanien an. Diese vertriebenen spanischen Jüdinnen*Juden, die sogenannten Sephardim, fanden im Osmanischen Reich, in dem sie sich in einer separaten, ausschließlich auf ihrer Religionszugehörigkeit basierenden „Nation“ (millet) mit eigenem Bildungs- und Justizsystem organisieren durften, Unterschlupf.

Alle genannten Beispiele – die von Mohammed mit den medinensischen Jüdinnen*Juden ausgehandelte Gemeindeordnung von Medina, mit der diese in die umma aufgenommen wurden, sowie das muslimisch-jüdische Zusammenleben im islamischen Spanien und im Osmanischen Reich – zeigen, dass Antisemitismus keineswegs immer dem Islam inhärent war. Genau dies suggeriert aber die terminologische Verknüpfung von Antisemitismus mit dem Attribut „islamisch“, die deshalb geeignet ist, der ohnehin in den ‚westlichen‘ Gesellschaften zunehmenden Islamfeindlichkeit Vorschub zu leisten. Daher sollten wir das bestehende Problem lieber präzise als „Antisemitismus unter Muslim*innen“ benennen und bekämpfen, ohne Gefahr zu laufen, eine ganze Glaubensgemeinschaft unter Generalverdacht zu stellen.

–> Warum man von einem „islamischen Antisemitismus“ sprechen kann und diese Formulierung nicht muslimenfeindlich ist

6 Kommentare

  1. P.S.: Einer Aufforderung zum fragwürdigen „Wir“, die vom islamischen Antisemitismus lieber nicht zu reden vorziehen möchten, schliesse ich mich auch deshalb nicht an, weil sie keine Rücksicht nimmt auf den Umstand, dass eine so integre, fachkundige Persönlichkeit wie Ahmad Mansour seit Jahren von der Polizei geschützt werden muss, und der, weil er fortlaufend als Rassist und Islamfeind verleumdet werde, erst vor vor wenigen Monaten klagte „Auch wir sind Muslime!“
    > Zeit v. 13.11.2025
    https://www.zeit.de/2025/48/extremismuspraevention-bedrohung-nahostkonflikt-social-media

    • Ahmad Mansour wird nicht von „dem“ Islam, sondern von einzelnen Muslimen bedroht. Auf diesen wichtigen Unterschied zielt mein Beitrag ab.

  2. Freundlichen Dank. – Als in der Jetzt-Zeit Befindlicher beschäftige ich mich mit der Bedrohung jüdischen Lebens heute und erlaube mir die Lektüre eines Beitrags zu empfehlen, der sich auf die Schilderung Falladas über Frau Rosenthal in Berlin bezieht, – ohne damit das Geringste gegen die „Gemeindeordnung von Medina“ einwenden zu wollen:
    https://blogs.timesofisrael.com/the-clean-slate-is-a-trap-the-politics-of-erasure/?_gl=1*2n7bgt*_ga*NjMxNDEwODYxLjE3Njc2MzY0NDE.*_ga_RJR2XWQR34*czE3Njc2MzY0NDEkbzEkZzEkdDE3Njc2MzY2NzIkajU4JGwwJGgw

  3. Bitte um Pardon für Tippfehler + ergänze zu Mamdani (als Prototypus für die hierzulande schon weit fortgeschrittene Mission zur Re-Defition des Antisemitismus bzw. der politischen Islamisierung):
    https://blogs.timesofisrael.com/mamdanis-malevolent-mission-to-redefine-antisemitism-in-america/?_gl=1*nggfg7*_ga*NTkwMjMwNzM4LjE3Njc1NDAwNjM.*_ga_RJR2XWQR34*czE3Njc1NDAwNjMkbzEkZzAkdDE3Njc1NDAwNjMkajYwJGwwJGgw
    Weiterer Stoff allein zum Kapitel Mamdani:
    https://docs.google.com/document/d/1OWOeXeA4llnIcO8ubCLkbfE9AV8Uv_LSt8I9camV-mM/edit?tab=t.0

  4. Wem immer diese Aufforderung zur historischen Einäugigkeit dienen mag, mein entschiedener Einspruch sei hiermit gemeldet. – Angesichts der besorgniserregenden Meinungs-Umfragen in allen muslimischen Gruppierungen Europas kann die Diktion von Herrn Tews nur als Plädoyer für die Übernahme der Mamdami-Strategie gelesen werden. Von Parolen wie „alle Juden muss tot“ bei Grossstadt-Demos, von den krassen Zustimmungsquoten für den türkischen Präsidenten und Scharfmacher bis zu den zahllosen Pro-Sharia-Proklamationen der vergangenen Jahre spricht alles dafür, die Realität durchaus vielfältiger Formen von muslimisch geprägtem Antisemitismus zu beachten, anstatt sich in vormittelalterliches Wunschdenken zu flüchten, wie in diesem geradezu grotesken haGalil-Beitrag dargelegt. Zum Beleg Auszüge aus kleiner Stoffsfammlung:

    https://docs.google.com/document/d/1lVUJ8LcfbxEbcaGYPrgscX-WEe2zyUPDH_ivhTlUieM/edit
    https://docs.google.com/document/d/1nriHa5Fe6CsVOBtTbbC6nD1rJvH0cJqc1OZ8qJ1hU0I/edit
    https://docs.google.com/document/d/1_2CBlLXiUvMkukDAvc9ZEP7tO8V-KhsHgBjoP0eS8go/edit

    • Wenn Sie das mohammedsche Medina (622–630), das islamische Spanien (711–1492) und das Osmanische Reich (1299–1920) für „vormittelalterlich“ halten, empfehle ich Ihnen die Lektüre eines Geschichtseinführungsbuches.

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