Feuer

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Ron Leshem über Israel und den 7. Oktober. Ein wichtiges Buch, das jeder lesen sollte.

Ron Leshem, 1976 in Tel Aviv geboren, ist Roman- und Drehbuchautor. Derzeit lebt er mit seinem Partner und der gemeinsamen Tochter in Boston, arbeitet in Hollywood und Tel Aviv und ist international erfolgreich. Zuvor hat er als Journalist bei einer der großen israelischen Tageszeitungen gearbeitet, während seines Armeedienstes war er Geheimdienstoffizier bei der Elite-Aufklärungseinheit 8200. Leshem ist politisch links, setzt sich seit Jahren für Verständigung mit den Palästinensern ein und hat viele palästinensische Freunde, auch in Gaza.

Und außerdem hat Ron Leshem Familie im Kibbutz Beeri. Seine Tante Orit Svirsky wurde am 7. Oktober von den Hamas-Attentätern ermordet, sein Cousin Itay Svirsky nach Gaza entführt. Im Januar veröffentlichte Hamas eines ihrer Propaganda-Videos, in dem Itay zu sehen war. Kurz darauf musste die israelische Armee seinen Tod bestätigen.

Die Ereignisse haben Ron Leshem veranlasst, ein Buch über Israel und den 7. Oktober zu schreiben. Ein wichtiges Buch, eine dokumentarische Sicht auf den 7. Oktober und den Terror der Hamas, aber auch ein Überblick zur Geschichte Israels und seiner Kriege, drastisch geschrieben, durchaus kritisch, ungeschönt. Deprimierend.

Die geballte Rekonstruktion der Ereignisse, das fast minutengenaue Protokoll des 7. Oktober, aber auch die Zusammenfassung aller bisher bekannten Fehleinschätzungen und Falschentscheidungen von Politik und Armee, die den mörderischen Angriff der Hamas ermöglichten, machen dieses Buch zu einem Muss, will man die Lage verstehen. Es ist ein Buch, das nicht einfach zu lesen ist. Teilweise ist es nur schwer zu ertragen, was Leshem beschreibt, schließlich war der 7. Oktober „der am besten dokumentierte Massenmord der Geschichte“. Das Geschehene zu verstehen, anzuerkennen, scheint der Welt dennoch schwerzufallen. Aber „wenn Wahrheit und Empathie sterben und mit ihnen jede Chance, die Situation in ihrer ganzen Komplexität zu sehen“, so Leshem, „dann wird die furchtbare Gewalt, die aus dieser Geschichte hervorgeht, nur noch wachsen.“

Leshem geht zurück in der Geschichte des Landes, erzählt vom Scheitern des Friedensprozesses, wie Hamas groß geworden ist, unterstützt von der Rechten in Israel, auch was Intifada bedeutet. Als Journalist berichtete er vom Selbstmordanschlag am Dolphinarium in Tel Aviv, bei dem 21 Israelis, überwiegend Teenager starben. In seinem Überblick geht Leshem immer wieder auf gesellschaftliche Details ein, wie zum Beispiel den Armeedienst: „Die Erfahrung von Eltern, wenn ihre Kinder Soldaten werden, ist eine die israelische Kultur prägende Tragödie.“ Er beschreibt auch wie das Land im vergangenen Jahr von Protesten gegen die sog. Justizreform gespalten wurde, welche Auswirkungen die Entscheidungen von Netanyahus Koalition haben.

Wie kann es weitergehen? „Der Krieg würde aufhören, wenn die Hamas die Gefangenen freiließe – jedoch fordert ein Großteil der Welt Israel auf, den Krieg zu stoppen, während die Hamas ankündigt, solche Massaker zu wiederholen“, fasst Leshem die Absurdität der Situation zusammen. Tatsächlich kann Israel diesen Krieg nicht gewinnen, von Beginn an, denn Hamas stellte der Armee die „Genozidfalle“, wohlwissend, dass die Zivilisten in Gaza keine Luftschutzbunker haben, während sich Hamas in den unterirdischen Tunneln versteckt. Daran hat sich bis jetzt nichts geändert.

Ein wichtiges Buch, das jeder lesen sollte. Ein Buch, das nicht mit Kritik spart, an Israel, seiner Regierung, seiner ideologischen Ausrichtung. Aber auch ein Buch, das die Realitäten in aller Deutlichkeit wiedergibt und dabei die Hoffnung auf Frieden hochhält, die sein Autor, und mit ihm so viele Israelis noch nicht aufgegeben haben. (al)

Ron Leshem, Feuer. Israel und der 7. Oktober, Rowohlt 2024, 320 S., Euro 25,00, Bestellen?

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