Spott-Light: Antisemitismus, die „zweite Schuld“, heute: Der Spiegel

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Aufmerksame Leser*innen  wissen inzwischen, etwa von meinem im Rückblick auf die Nietzsche-Story von Rudolf Augstein[1], zuletzt im Blick auf eine Story des Spiegel-Redakteurs Guido Mingels[2], die auch im Folgenden im Zentrum steht, dass mich mit diesem Hamburger Nachrichtenmagazin eine Art Hass-Liebe verbindet – Letzteres, die Liebe, anhebend zu einer Zeit, zu der mein Vater es mit Helmut Kohl hielt und geradezu panisch auf den Namen Augstein reagierte.

Von Christian Niemeyer

Damit also bleibt nur noch die Erläuterung des Ursprungs des Gegenteils von Liebe. Wozu mir das Format des offenen Briefes über die Hintergründe meines in Nr. 7 / 10.2.2024 des Spiegel abgedruckten Leserbriefes durchaus nicht ungeeignet scheint. Lesen sie also, bitte:

Sehr geehrte Frau Martina Struck vom Spiegel-Leserservice,

Ihre mir per Mail gestern (Freitag, dem 8.2.2024, 10:55) mitgeteilte Freude ob des Erscheinens meines Leserbriefs zu Guido Mingels Story Der Erbsünde in Heft Nr. 5/2024 ist nach Besichtigung des im Spiegel Nr. 7 vom 10.2.2024 (S. 121) abgedruckten Produkts nicht die meine, im Gegenteil: Sie haben resp. der Spiegel hat durch systematische Auslassungen fast aller kritischen Bemerkungen gegen Ihr Haus und Ihren Autoren Guido Mingels sich schuldig gemacht an einer fast sinnverkehrenden Fälschung meines Leserbriefs und damit einen Skandal provoziert, für welchen die Rechnung zu zahlen ich jedenfalls nicht gewillt bin. Die vom Spiegel vorgenommenen Eingriffe in meinen Text, durchaus nicht zum ersten Mal von mir zu beobachten und schon bei früheren Gelegenheit von mir öffentlich moniert, beschädigen meinen Ruf als Wissenschaftler nachhaltig und sind keineswegs gedeckt durch Ihren Hinweis, die Redaktion behalte sich vor, Leserbriefe „gekürzt“ zu veröffentlichen. Zum Beleg dieses meines Vorwurfs mein Leserbrief im Original; fett markiert sind die von Ihnen veranlassten Kürzungen, deren Bedeutung ich im Nachgang erläutere, geeignet zum Einsatz in der Journalistenausbildung:

Was für eine Schmonzette in Sachen Arisierung, des Spiegel schlicht unwürdig: Mitten hinein in die „Nie-wieder-ist-jetzt“-Demos bringt der Spiegel-Autor Guido Mingels die 85-Jährige Gabriele Lieske zu Gehör („Bevor mich die hier rausholen, mache ich selber Schluss“) sowie deren Sohn, der ein 1945 im besiegten Deutschland gängiges „Noch nie gehört“  von sich gibt – noch nie davon, dass der Großvater dereinst das „Haus der Lieskes in Wandlitz“, heute 1,5 Millionen Euro wert, 1939 zwei jüdischen Erzieherinnen für 21.500 Reichsmark abkaufte; Geld, dass gerade reichte, um die Reise nach Theresienstadt und damit in den Tod zu finanzieren. Wer ist aber das eigentliche Opfer? Nun, dieser Arisierungsgeschichte zufolge natürlich die Lieskes. Die 1945 aus ihrem Haus „rausgeschmissen“ wurden, „weil die Russen sich einquartierten“; später habe „ein polnischer Major in ihrem Haus gewohnt“; auch danach, zu DDR-Zeiten, habe es, so der 59-jährige Sohn, „Versuche gegeben, ihrer Familie das Haus wegzunehmen“; und nach der Wende, bei einem Wert von 100.000 Euros, ging es erneut los, diesmal ausgehend von der Jewish Claims Conference (JCC). Der eigentliche Skandal, jedenfalls nach Meinung des Spiegel Autors:: Dass die Sache noch immer nicht entschieden ist, zugunsten der schwer leidenden Mutter („Ich komme mir vor, als wenn ich die Juden umgebracht hätte“) sowie des betroffenen Sohnes („Ich dachte, Sippenhaft gibt es nicht in Deutschland“) – Sprüche, die bei AfD-Stammtischen gut ankommen und die Idee freisetzen könnten, in jener 1,5 Millionen-Euro-Herberge dereinst eine Bildungsstätte zu eröffnen, etwa zum Vertreibungsschicksal, das Arisierungsgewinner ertragen mussten. Vielleicht noch mit dem Spruch „Danke, Guido!“ an der Haustür.

Prof. Dr. Christian Niemeyer, Berlin

Ich kommentiere nun die fett markierten Auslassungen des Spiegel in der zeitlichen Abfolge aus wissenschaftlicher Perspektive:

Was für eine Schmonzette in Sachen Arisierung, des Spiegel schlicht unwürdig:

  1. Die Fortlassung dieser einführenden Bemerkung bringt den Leser (gemeint ist im Folgenden wechselnd auch die Leserin), zumal der auf Erläuterung dieses Vorwurfs hinweisende Doppelpunkt entfällt, um die Einsicht, dass das Folgende als Vorwurf gemeint ist.

der ein 1945 im besiegten Deutschland gängiges

  1. Die Fortlassung dieses Einschubs bringt die Leserin um die Einsicht, dass diesem „Noch nie gehört“ ein Verleugnungsnarrativ zugehört, das unmittelbar nach 1945 die Leugnung des Holocaust gegen die Reeducation der „US-Siegerjustiz“ antrieb und aktuell zumal durch geschichtsrevisionistische AfD-Ideologen wieder aufgegriffen wird.

59-jährige Sohn

  1. Die Fortlassung der Altersangabe bringt den Leser um die Einsicht, dass der Sohn wohl kaum aus eigenem Erleben von „Wegnahmeversuchen“ zu DDR-Zeiten berichten konnte, also als unglaubwürdig zu gelten hat.

Spiegel Autors

  1. Die Fortlassung der Vokabel „Spiegel“ kann die Leserin zu der Mutmaßung verleiten, ich, zweifellos ja auch ein Autor, sei gemeint, nicht aber Guido Mingels. Damit wird die Lesart ermöglich, ich sei der Meinung, dass den eigentlichen Skandal Mutter wie Sohn auszutragen hätten – eine schwerwiegende Beleidigung meiner Person, wenngleich wohl passend für Mingels.

und die Idee freisetzen könnten, in jener 1,5 Millionen-Euro-Herberge dereinst eine Bildungsstätte zu eröffnen, etwa zum Vertreibungsschicksal, das Arisierungsgewinner ertragen mussten. Vielleicht noch mit dem Spruch „Danke, Guido!“ an der Haustür.

  1. Die komplette Fortlassung dieser meiner Schlusswendung nach „bei AfD-Stammtischen gut ankämen“ kappt meine Pointe, also meine Warnung, Guido Mingels mache mit seiner Story letztlich die neue, unerträgliche Mär auf vom „Vertreibungsschicksal der Arisierungsgewinner“, vor deren Hintergrund die Schlusswendung mit dem Spruch „Danke Guido!“ an der Haustür makabren Charakter gewinnt. Dass auch diesen Spruch wegließen, um Ihren Autor zu schützen, kann, werte Frau Sturm, vor keinem höheren Gerücht Achtung erfahren und dürfte dem Spiegel, so diese Art der Fälschungspolitik qua Leserbriefregime bekannt wird, schweren Schaden zufügen, etwa unter dem Term Antisemitismus: „Die zweite Schuld“.

Insoweit würde ich Ihnen raten, möglichst schnell zu reagieren und Ihr Handeln zu erläutern. Gründe für diesen Ratschlag wird Ihnen sicherlich Frau Dr. Claudia Schmid-Rathjen von der Geschichtswerkstatt Wandlitz erläutern,

mit freundlichen Grüßen
Prof. Dr. Christian Niemeyer, Berlin/TU Dresden

[1] www.hagalil.com/2024/01/papst-und-nietzsche/
[2] www.hagalil.com/2024/02/spott-light-spiegel/

2 Kommentare

  1. apropos Hass-Liebe zum SPIEGEL, hier „Der Plural von Heimat“, Printausgabe Nr. 15 vom 6.4.24, S 48, von Jonah Lemm und Ofir Berman; im Kern gehts um Identität – sehr gut, wichtig und vor allem sehr berührend!

  2. Ein wirklich sehr guter und vor allem wichtiger „offener Brief“ an den SPIEGEL, danke dafür Herr Niemeyer!

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