Israelsolidarität vor Ort – DIG Stuttgart und Gießen in Israel

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In Magen, Foto: Judith Klubmann

Die DIG Stuttgart verleiht seit Jahren israelischen Stimmen Gehör, um antiisraelische Propaganda mit der Realität zu konfrontieren. In dem Sinne unterstützt die DIG Stuttgart auch deutsch-israelische Begegnungen und Austausche. Die überparteiliche Solidarität der DIG Stuttgart gilt der israelischen Bevölkerung und den Institutionen des israelischen Staates und ganz ausdrücklich den israelischen Streitkräften. Entsprechend stieg die DIG Stuttgart Anfang 2023 in die Planung und Organisation einer Israelreise mit Schwerpunkt Armee ein.

Nach dem 7.10. galt es, sichtbare Solidarität mit dem jüdischen Staat zu bezeugen und israelfeindliche Akteure wie das Palästinakomitee, die den Antisemitismus in Deutschland schüren, zu bekämpfen. Die DIG Stuttgart konnte nach kurzer Schockstarre ein breites Bündnis schmieden, dass zu mehreren israelsolidarischen Kundgebungen und Mahnwachen einlud und die Reihe „Stimmen aus Israel“ ins Leben rufen.

Adele Raemer aus Nirim, Martin Sessler aus Magen und Ralph Lewinsohn aus Kfar Aza haben bei Veranstaltungen der DIG Stuttgart als Überlebende des 7.10. gesprochen. Verschiedene israelische JournalistInnen haben von der Lage vor Ort berichtet, sie eingeordnet und analysiert.
 
Anfang des Jahres beschlossen die DIG Stuttgart und die DIG Gießen, anknüpfend an den Planungen der Israelreise, eine Solidaritätsreise zu konzipieren und Orte im Kriegsgebiet zu besuchen, sich den Horror des 7.10. bezeugen zu lassen und und Israelis aufzusuchen, die das Land mit ihrem zivilgesellschaftlichen Engagement retten. Die Delegation hat sich zum Anliegen gemacht, um Spenden für herausragendes Engagement zu werben. 

ADI NEGEV

Erste Station der Solidaritätsreise war das Rehabilitationsdorf ADI NEGEV. Die Einrichtung und weit über Hundert pflegebedürftige junge Menschen blieben wegen einer Fehleinschätzung der angreifenden palästinensischen Terroristen, die statt einer bewohnten Einrichtung ein leeres Schulgebäude auf ihren Karten verzeichnet hatten, am 7.10. verschont.

Dem Dorf und seinem inklusiven und ressourcenorientierten Ansatz ist eine Rehabilitationsklinik angegliedert, in der auch verwundete Soldaten behandelt werden. Hunderte Patienten werden seit dem 7. Oktober mit Amputationen behandelt. Tausende Menschen müssen nach schweren Verletzungen zurück ins Leben finden.
 
Von ADI Negev ging es über die vom Terror am 7.10. schwer getroffene Stadt Ofakim direkt an die Grenze zum Gazastreifen.

Nirim

Im Kibbutz Nirim wurden die TeilnehmerInnen der Solidaritätsreise von Adele Raemer durch Häuser von Überlebenden geführt, in die Palästinenser eingedrungen waren. Um die BewohnerInnen aus ihren Schutzräumen zu zwingen, wurden viele Häuser in Brand gesteckt. Die Delegation hat Häuser gesehen, deren BewohnerInnen ermordet oder verschleppt wurden. Adele Raemer hat in ihrem seit dem 7.10. leer stehenden Haus berichtet, wie sie sieben Stunden im Schutzraum ausgeharrt und nur knapp überlebt hat. Ihr Schwiegersohn konnte in seinem Haus einen Terroristen ausschalten und damit sich und Adeles Enkelkinder retten.

Wie überall folgten den Terroristen auch hierher viele „normale“ Bewohner des Gazastreifens, um im Kibbutz zu plündern und Gräueltaten zu verüben.

Nadav Popplewell und Yagev Buchshtab aus Nirim sind noch immer als Geiseln in Gaza.

Zum ersten Mal in seiner Geschichte muss die Community, die heute auf verschiedene Stadtteile von Be’er Sheva verteilt ist, und immer stolz war, sich selbst versorgen zu können, um Hilfe bitten.

Die DIG Stuttgart bittet um Spenden für den Wiederaufbau von Nirim.

Sderot

In Sderot hat sich die DIG Delegation einen Zeugenbericht von Miriam Goani zum Massaker in der Entwicklungsstadt angehört und die Schlacht um die Polizeistation am Schauplatz schildern lassen. In Sderot wurden Dutzende Israelis ermordet. In Folge des Überfalls flohen Bewohner*innen ungeordnet aus der noch umkämpften Stadt bevor diese nach fünf Tagen offiziell evakuiert wurde. Die monatelange Unterbringung von Familien in Hotelzimmern führte teilweise zu schlimmen sozialen Verwerfungen. Der Schaden wird Generationen prägen. 

Intakte Familien seien zerbrochen und stabile Menschen abgestürzt, versichert uns Miriam aus ihrer Arbeit mit den Evakuierten in Eilat und am Toten Meer, die sie versucht hat, im Rahmen ihrer Möglichkeiten zu unterstützen. 
   
Der erste Tag der Solidaritätsreise bot bereits einige Einblick in das Versagen der Regierung. Den nächsten Tag widmeten wir den zivilgesellschaftlichen Anstrengungen dieses Versagen zu kompensieren und den Israelis an der Front.

Achim weAchaiot leNeshek

Der zweite Tag der Solidaritätsreise begann in einem Außenbezirk Tel Avivs, wo wir den Reserveoffizier und ehemaligen U-Boot Kommandanten Ronen Koehler im Hauptquartier der Achim/Achaiot LeNeshek (Waffenbrüder/-schwestern) besuchten, ein basisdemokratischer Zusammenschluss von ReservistInnen der israelischen Armee, der sich kreativ und entschlossen in die Proteste gegen die Justiz-Reform eingebracht und diese massiv gestärkt hat.

Nach dem 7. Oktober haben sich die Waffenbrüder/-schwestern über Nacht in eine hochprofessionelle Hilfsorganisation gewandelt, die rund um die Uhr im Einsatz ist. Die Patrioten, die sich bis dato gegen die Gefahr von Innen gestellt hatten, beschlossen, im Chaos der ersten beiden Kriegstage alle ihre Anstrengungen dem Sieg der israelischen Armee und der Unterstützung der Betroffenen unterzuordnen. Am 7. Oktober haben Mitglieder der Organisation auf eigene Faust im Süden gekämpft, Transporte für Soldaten an die Front koordiniert und durchgeführt und ca. 4000 Menschen aus dem Kriegsgebiet gerettet. 

Gemeinsam mit Hunderten Freiwilligen sorgte die Organisation in 40 eigens dafür kosher gemachten Restaurants täglich für 30.000 fertige Mahlzeiten für die Truppen. In einem von HiTech Experten aufgezogenen Informationszentrum wurde mit technologiegestützter Auswertung aller Filmdokumente nach den Vermissten gesucht. Die Organisation arbeitete so effizient, dass staatliche Institutionen begannen ihr zuzuarbeiten. 

In den Orten in denen sich die Binnenflüchtlinge gesammelt haben, bauten die Achim/Achaiot LeNeshek viele Stützpunkte für die gezielte Hilfe auf, deckten den Grundbedarf, errichteten Kindergärten und boten dringend benötigte professionelle psychologische Hilfe an.

Die Organisation hat außerdem einen mächtigen Zweig zur Unterstützung der Landwirtschaft und Industrie mit Freiwilligen entwickelt.

Die DIG Stuttgart ruft dazu auf, für Achim/Achaiot LeNeshek zu spenden. 

Der Besuch bei Achim/Achaiot LeNeshek rief noch einmal die orchestrierte Hetze rechtsextremer Fringe Gruppen gegen die Demokratiebewegung in Erinnerung, die von großen Teilen der deutschen Israelsolidarität nachgeplappert wurde. 

Durch die Linse der Reservisten

Am Mittag des zweiten Tages hat sich die Delegation in Givatayim von Yonatan Ginzburg in die Gedanken- und Gefühlswelt israelischer Soldaten einweihen lassen. Der Reservist hat als Krankenwagenfahrer monatelang an der Front in Gaza gedient und ging mit uns einige der Bilder durch, die er in der Zeit mit seiner Handykamera gemacht hat. Von Beruf Sportfotograf hat Yonathan einen begnadeten Blick für die Situation und die DIG Stuttgart wird ihn und seine Bilder nach Stuttgart holen.   

Im Anschluss hat uns der Gewerkschafter, Stadtrat und Funktionär der Arbeiterpartei Eli Holtzman von den Herausforderungen der Kommunen berichtet, die den Großteil der seit dem 7. Oktober aufgetretenen Probleme auffangen müssen, und von den Anstrengungen der Gewerkschaften für angestellte und selbstständige Reservisten. 

In einem persönlichen Vortrag ließ uns Eli dann am Zusammenbruch seiner Überzeugungen und Weltsicht seit dem 7. Oktober Teil haben. Er habe geglaubt, die Palästinenser mit Zugeständnissen zu einem friedlichen Nebeneinander bringen zu können. Als Linker habe er an die Möglichkeit des Friedens durch die signifikante Verbesserung der Lebensqualität in Gaza geglaubt. Doch alle Zuwendungen und Arbeitsmöglichkeiten hätten den Hass der Palästinenser nicht gedämpft.

Eli erzählte von antisemitischer Hetze und Indoktrination in der palästinensischen Gesellschaft, die durch unzählige Funde der israelischen Truppen in Schulen und Behörden in Gaza offengelegt wurden. 

Es ist kein Krieg um Land, so Eli, sondern ein Krieg der unterschiedlichen Werte. Friede sei nicht möglich, so lange der Judenhass das Denken der anderen Seite bestimmt und der Judenmord das größte Anliegen der anderen Seite sei. 

Tischtennis gegen Parkinson

Von Givatayim hat sich die Delegation zu einer kleinen Sackgasse im Süden von Ramat Gan begeben, wo der Verein Maccabi Ramat Yizhak im oberen Stockwerk eines runtergekommenen Gebäudes der Stadt einen Tischtennis Saal mit acht Platten eingerichtet hat. Obwohl es an einem Aufzug fehlt, die Beleuchtung suboptimal und der Boden beschädigt ist, haben sich dort Parkinson Patienten eingefunden, die drei, fünf und sogar sieben Mal in der Woche kommen, um Tischtennis zu spielen.

Na’or Brachel und seine Mitstreiter Eyal und Ofir haben sich nach dem 7. Oktober ins Zeug gelegt, gesammelt und rund um die Uhr renoviert, um zwei weitere Stockwerke zu Gemeinschaftswohnungen für evakuierte Familien aus Kiriat Shmona zu machen. 

Dort konnte sich die Gruppe mit einer 18Jährigen unterhalten, deren Rekrutierung bevorsteht und die in einer Kampfeinheiten dienen wird. Das Verlangen das Land zu verteidigen brenne in ihr, erklärt sie ihre Entscheidung.

Das Engagement des Vereins Maccabi Ramat Yitzhak beeindruckte die Delegation so sehr, dass die DIG Stuttgart im Besonderen um Spenden für Na’or und seine Mitstreiter bittet und versichern kann, dass jeder Betrag Betroffenen zu Gute kommt.

Shavei Zion

Der dritte Tag der Reise führte die Delegation in die informelle Partnerstadt von Stuttgart, Shavei Zion. Dort stellte Amos Fröhlich als Zeitzeuge der Gründergeneration die wechselvolle Geschichte des Genossenschaftsdorfs vor, das von schwäbischen Auswanderern gegründet wurde und schon im Befreiungskrieg 1948 existentiell bedroht war.

Außerdem ging Amos auf die heutige Situation ein. Der 94jährige hält es für unerträglich, mit welchem antisemitischen Unterton über Israel berichtet wird und ist schockiert, wie Israel nach den Gräueltaten, Vergewaltigungen, Entführungen und dem Massenmord von der Welt auf die Anklagebank gesetzt wird.

Die Delegation hat sich in Shavei Zion die Spannungen und Kämpfe an der Front im Norden erläutern und das Engagement der community für Soldaten und Evakuierte aus dem direkten Grenzgebiet zeigen lassen. Für die Versorgung der Soldaten wurde eine Großküche eingerichtet. In einem Erholungsheim für Holocaust-Überlebende haben wir die christliche Hausmutter Dorit Bayer getroffen, deren Neffe, der in einer Eliteeinheit gedient hat, in Gaza gefallen ist.

Auch wurde der Delegation das nach dem 7.10. errichtete Kontrollzentrum gezeigt, in dem die Verteidigung koordiniert und rund um die Uhr der Strand überwacht wird. Die Angst vor Infiltration ist groß. Vor dem Kontrollzentrum treffen wir ein Mitglied der 22-köpfigen Bürgerwehr. Die Menschen im Norden Israels sind besorgt und entschlossen.

Von Jerusalem nach Tel Aviv

Über Haifa und den Aquäduktstrand bei Caesarea, wo eine Einheit der Luftwaffe beim BBQ saß, ging es nach Jerusalem, wo es am vierten Reisetag eine großartige Jerusalem Tour mit Uriel Kashi gab und eine ausgezeichnete Tour zu Gedenkkultur in Yad VaShem mit Julian.

Am Freitag Morgen stellte General Orit Adato in einem Vortrag, die Rolle von Frauen in den israelischen Streitkräften vor und gab Beispiele von Heldentaten israelischer Soldatinnen.

Auf dem Weg von Jerusalem nach Tel Aviv hat es sich die Delegation nicht nehmen lassen, die multikulturelle und multireligiöse Stadt Ramle zu besuchen, um sich zu versichern, dass es bei all den Fronten keine innerisraelische Front zwischen jüdischen und arabischen Israelis gibt.

Am Freitag Abend bekam die Delegation im Nova Zelt auf dem Platz der Entführten und Vermissten in Tel Aviv im Beisein des Onkels des nach Gaza verschleppten DJ Elkana Bohbot einen Einblick in das Schicksal der Entführten und ihrer Angehörigen.

Nova und Magen

Am letzten Tag der Solidaritätsreise ging es noch einmal in den westlichen Negev. Auf dem Gelände des Nova Festivals erinnern Angehörige und Freunde der 364 Ermordeten und die der 40 nach Gaza entführten FestivalbesucherInnen an ihre Liebsten.  

Shani Gabay aus Yokneam war 25, Fan von Maccabi Haifa und hat Einlasskontrolle beim Festival gemacht. Sie konnte sich in einen Krankenwagen retten, der mehr als ein Dutzend BesucherInnen hätte vom Gelände bringen sollen, aber dann unter Feuer kam und von Granaten und RPG getroffen und zerstört wurde. Dort wo die Teile des Krankenwagens noch herumliegen haben uns die Eltern von Shani von ihrer ermordeten Tochter erzählt.

Der Besuch des Festivalgelände war wie ein Schlag in die Magengrube.

Am Nachmittag stand dann ein Besuch im Kibbutz Magen an, wo Martin Sessler in knapp eineinhalb Stunden die Geschichte der Kibbutzbewegung, die Geschichte von Magen und die vor einem Jahr vollzogene Teilindividualisierung des Lebens in der Kollektivsiedlung erklärte.

Sein Leben, so sagt Martin, hat er der Bürgerwehr zu verdanken, die den Kibbutz gegen eine Übermacht von Terroristen in einer vierstündigen Schlacht verteidigen konnte. Der Kampf wurde von Baruch Cohen dirigiert, der durch eine RPG schwer verletzt wurde. Martin führte die DIG Delegation zum Ort des Geschehens, eine Anhöhe auf der Gaza zugewandten Seite des Kibbutz, von wo Khan Yunis sichtbar und vereinzeltes Artilleriefeuer hörbar ist.  

Zum Abschluss hat sich die Delegation der DIG bei einem Scheich über die Situation der Beduinen im Negev informiert, die auch in großer Zahl Opfer des Terrorüberfalls geworden sind, und am Fastenbrechen seines Clans in Rahat teilgenommen.

Nach dieser Reise wurde uns mehr als klar, dass die vielen Perspektiven, die wir bekommen haben, im Diskurs in Deutschland ausgeblendet werden. Es braucht Menschen und Organisationen, die an Leid und nachhaltiger Zerstörung auf israelischer Seite erinnern und die unverhandelbare Notwendigkeit dieses Kriegs erklären.

Weitere Bilder der Reise und Spendenadressen: http://www.dig-stuttgart.net/?p=4358