Spott-Light: Eine AfD-Bildungsstätte, bewirkt durch den Spiegel?

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Eine kritische Anfrage an den Spiegel-Autor Guido Mingels

Von Christian Niemeyer

Wie schnell es manchmal gehen kann, ins Gerede zu kommen, zeigt der am 31. Januar 2024 auf JC, The Jewish Chronicle eingestellte, sich auf das Sachliche beschränkende Bericht von Rob Hyde[1] über einen Skandal, der nur vier Tage zuvor im Spiegel (Nr. 5/ 27.1.2024) unter dem nach großem Theater klingenden Titel Die Erbsünde vom Spiegel-Redakteur Guido Mingels (*1970) letztlich ganz zu Lasten der jüdischen Opfer thematisiert wurde. Seitdem steht der Spiegel, jedenfalls bei mir und wieder einmal, wie ein Rückblick auf Mingels Kollegen Tobias Rapp sowie Jurek Skrobala lehrt[2], im Verdacht, statt nüchterner Aufklärung popjournalistischem Geschwätz Vorschub zu leisten. Und derart auf geradezu provozierende Weise an den Nöten der Zeit – nicht denen der Zeit, um dies klarzustellen – vorbeizuschreiben. Damit zugleich auch, wie mir scheinen will, der schon seit Jürgen Leinemann währenden Not des Spiegel im Edelfeder-Segment Ausdruck gebend.

Schlimmer und am hier in Rede stehenden Beispiel gesprochen: Mitten hinein in den endlich aufbrechenden Aufstand der Anständigen, also die inzwischen von Hunderttausenden in zahllosen Städten besuchten „Nie-wieder-ist-jetzt“-Demos, rückt der Schweizer Journalist Guido Mingels Parolen wie „Noch nie gehört“ ins Zentrum, mitsamt einer gewissen, 83-jährigen Gabriele Lieske aus Berlin-Wandlitz, mitsamt ihres zielgerichtet ins Bild gesetzten treudoofen Hundeblicks (S. 45) vom Typ Unschuld vom Lande. Hinzugerechnet einen „reich gedeckten Tisch für den Besuch“ (= Mingels) inklusive selbst gebackenen Pflaumenkuchens, bewacht offenbar von einem auf der Eckbank deponierten „schwerhörigen alten Dackel namens Felix“ (S. 42) – wer, popjournalistisches Gewäsch hin (und her), kann da schon widerstehen? Mingels jedenfalls nicht, insofern er im nächsten Zug eine Aktie zu zeichnen beginnt auf Bild-Journalismus der übelsten Sorte („Bild sprach zuerst mit dem Toten“), und zwar per Zitat: „Bevor mich die hier rausholen, mache ich selber Schluss“ – so nicht der alte Dackel, sondern die alte Dame, als überdächte sie ihr Verhalten, wäre sie Jüdin und gleich stünde die Gestapo vor der Tür.

Nicht bedacht, diese Lesart des Satzes jener alten Dame, werter Herr Mingels aus der Schweiz? Das, so will mir scheinen, ist Ihr Problem (und ab jetzt folglich auch das des Spiegel), nicht das meine – ebenso wie die Assoziation, auf die sie offenbar abstellten, jedenfalls doch: mit der sie rechnen mussten: Die Vokabel „die“ vor „rausholen“ im eben zitierten Satz meint letztlich „die Juden“, konkret: die im späteren Textverlauf benannte, 1951 gegründete Jewish Claims Conference (JCC), deren Credo ihr Ex-Direktor, der ukrainische Holocaustüberlebende Roman Haller (*1944), mittels des von Mingels im Fettdruck herausgestellten Satz gebündelt wird, es gehe ihm und der JCC um Rückgabe „‘arisierter‘ Liegenschaften“, in welchen „die Enkel oder Urenkel […] es sich bequem gemacht [haben].“ (S. 47, im breit herausgestellten Fettdruck) Nochmal, aber nicht, weil es so schön ist: Weil Leute wie diese Lieskes es sich so bequem gemacht haben, will ein Jude wie Haller das „Haus der Lieskes in Wandlitz“ (Bildunterschrift, S. 42) zurück? Das ist, mit Verlaub, AfD-nahe Denke, für die typisch ist, das Unrechtmäßige der an diesem Beispiel ins Auge stechenden Arisierungsdeals – das Motiv also, das die JCC exklusiv antreibt – überhaupt nur in Betracht zu ziehen.

Hierzu passt – und damit wird nun ein Schuh daraus –, dass jene 83-Jährige, ab jetzt Oma Lieske geheißen, im rückblickenden Teil von Mingels Story zu nichts weiter als einem kleinen Mädchen gerät, welches zufällig in einem Haus aufwächst, welches ein Fabrikant 1939 von „Frau Helene Lindenbaum und Fräulein Alice Donat“ käuflich erworben hatte; und die sich nun, heutzutage, derart bedroht fühlt von Juden wie Haller vom JCC, dass ihr die Drohung, sie wähle dann schon eher den Freitod, also das gängige Mittel der von der Gestapo verfolgten Juden, leicht über die Lippen geht – nicht realisierend, wie nahe dieser Vergleich liegt und wie unstatthaft er ist. Dies, so meine ich, hätte unser Spiegel-Autor unbedingt erkennen müssen, auch, dass die Namen Lindenbaum und Donat für Rechtsextremismus- und Naziforscher, wie das eingangs erwähnte Beispiel Rob Hyde lehrt, gleichsam altbekannte sind, am zuletzt genannten Namen erläutert[3]: Die Spuren eines der beiden wahrhaften Opfer, der gelernten Kindergärtnerin Alice Donat, geb. 1898 in Wien, verlieren sich am 6. März 1943 in Auschwitz, weisen den für menschlich empfindende Wesen nur mit Erschütterung zu rekonstruierenden Weg der meisten der klassischen Arisierungsopfer auf.

Offenbar kein Thema für Oma Lieske, geschweige denn ihren 59-jährigen Sohn, der irgendwann, wohlmöglich beim Pflaumenkuchen und kritisch beäugt vom Gottseidank schwerhörigen Dackel namens Felix, das oben schon genannte „Noch nie gehört“ von sich gibt, im ganzen Satz: er habe noch nie gehört, dass „sein Grundstück bis 1939 Eigentum von jüdischen Frauen gewesen war.“ (S. 42) Guido Mingels macht kein weiteres Aufhebens um diesen Satz von „Sohn Lieske“, im Bildteil (S. 45) überaus skeptisch in die Kamera blickend, als übe er seine Rolle ein für die Verfilmung von Hans Falladas Nachkriegsdrama Der Alpdruck (1947), in welchem das „Noch nie gehört“ zum Kanon der Allermeisten gehörte, die im Übrigen dahingehend übereinstimmten, namentlich nur von maximal drei Nazis zu wissen: Hitler, Himmler, Göring. „Sie waren“ – so Falladas bitteres Fazit – „in den vergangenen Jahre schon immer darauf aus, die Schuld für alles, was geschah, stets bei den andern, nie bei sich zu suchen – warum sollten sie sich geändert haben –?!“ (S. 20) Beklemmend zeitlos, dieser Satz, wenn man an Oma und Sohn Lieske denkt – und eben an Guido Mingels, dem, wie einleitend gezeigt, alles fehlt zu einem großen Erzähler, vom, wie wir nun ergänzen können, großen Denker ganz zu schweigen.

Auch mit dem Rechnen hapert es offenbar. Jedenfalls wird es nur häppchenweise erzählt und nicht wirklich in Zusammenhang gebracht, dass der Großvater dereinst das „Haus der Lieskes in Wandlitz“ 1939 zwei jüdischen Erzieherinnen für 21.500 Reichsmark abkaufte; Geld, dass gerade reichte, um die Reise nach Theresienstadt und damit in den Tod zu finanzieren. Wer ist aber, der Mingels-Story zufolge, das eigentliche Opfer? Nun, natürlich die Lieskes, die, genau betrachtet, über 80 Jahre hinweg mietfrei leben konnten in einer, heutigen Marktwert gerechnet, 1,5 Millionen-Herberge. Trotzdem: Larmoyanz (s. Fallada) geht immer: 1945 – so protokolliert Mingels, gleichsam ohne mit der Wimper zu zucken, Oma Lieskes Sermon – seien sie aus ihrem Haus „rausgeschmissen“ worden, „weil die Russen sich einquartierten“; später habe „ein polnischer Major in ihrem Haus gewohnt“; auch danach, zu DDR-Zeiten, habe es, so der 59-jährige Sohn, „Versuche gegeben, ihrer Familie das Haus wegzunehmen“; und nach der Wende, bei einem Wert von 100.000 Euros, ging es erneut los, diesmal ausgehend von der JCC.

Der eigentliche Skandal, und unser Spiegel-Autor tut nichts gegen diesen Schluss: Die Lasten der schwer leidenden Oma („Ich komme mir vor, als wenn ich die Juden umgebracht hätte“, S. 43) sowie ihres Sohnes („Ich dachte, Sippenhaft gibt es nicht in Deutschland“, S. 44) – Sprüche, im Spiegel jeweils in Fettdruck herausgestellt; Sprüche, wie man vielleicht noch hinzusetzen darf, die bei AfD-Stammtischen gut ankommen dürften und die Idee freisetzen könnten, in jener 1,5 Millionen-Euro-Herberge, gesetzt, die JCC unterläge juristisch final, eine Bildungsstätte zu eröffnen, welche die Anmietung des Landhauses „Adlon“ in Potsdam entbehrlich machen könnte. Themen? Nun, vielleicht wie dort im November 2023, ergänzt um Vorträge zum Vertreibungsschicksal, das Arisierungsgewinner ertragen mussten (angedachte Referentin: Oma Lieske); sowie ein Vortrag zu den Leiden, die Björn Höckes aus den vormaligen deutschen Ostgebieten stammende Sippe auf sich zu nehmen hatte; und welche illegale Immigranten vom „nordafrikanischen Ausbreitungstyp“ in naher Zukunft als Folge ihrer Remigration auf sich zu nehmen haben werden.

Eine Bildungsstätte übrigens, für die der Spruch „Gruezzi, Guido!“ an der Haustür durchaus eine Option darstellen könnte.

Autor: Prof. Dr. Christian Niemeyer, Berlin/TU Dresden

Bild von Hermann Traub auf Pixabay

[1] https://www.thejc.com/news/world/german-family-fear-eviction-from-home-forcibly-bought-from-jews-in-1939-px1vrfcp
[2] Vgl. v. Verfasser: Die AfD und ihr Think Tank im Sog von Trumps und Putins Untergang. Eine Analyse mit Denk- und Stilmitteln Nietzsches (= Bildung nach Auschwitz). Weinheim Basel 2023, S. 104 ff.
[3] Alice Donat | Stolpersteine in Berlin (stolpersteine-berlin.de)