Die ungleichen Künstlerinnen aus der „Ateliergemeinschaft“ in der Klosterstraße

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Meine Erinnerung an Ottilie Kasper und Ingeborg Hunzinger

Von Christel Wollmann-Fiedler

Die „Ateliergemeinschaft“ in der Klosterstraße 75, in der Mitte Berlins, neben dem „Grauen Kloster“, entstand 1933 durch politische Veränderungen in Deutschland. Der Bildhauer Günther Martin, ein treuer Gefolgsmann der Nazis, wurde Obmann der vom Staat geduldeten Künstlergemeinschaft. Trotz seiner Zugehörigkeit zu der braunen Herrschaft war er bereit, sich für die Künstler des Hauses einzusetzen, mit ihnen und für sie Ausstellungen zu organisieren. Vierzig preiswerte Ateliers wurden eingerichtet, während draußen in der Stadt bereits Berufsverbote stattfanden, Ateliers und Kunstgalerien schließen mussten, Kunstzeitschriften eingestellt und Künstler politisch diffamiert wurden. Einige von ihnen emigrierten bereits in andere Länder. Künstler unterschiedlichster Schaffensrichtungen, Meinungen, auch politischer, bezogen die neu entstandenen Ateliers. So auch die Malerin und Bildhauerin Ottilie Kasper, 1905-2009, und der Bildhauer Ludwig Kasper, 1893-1945, der bereits zur damaligen Zeit in der Kunstszene einen Namen hatte. Für verheirate Künstler wurden kleine Wohnungen eingerichtet

Ottilie Wolf aus Schlesien und Ludwig Kasper, der Bauernsohn aus Gurten in Oberösterreich, lernten sich während ihrer Studienzeit nach dem ersten Weltkrieg an der Kunstakademie in München kennen, gingen gemeinsam 1928 nach Paris, heirateten, zogen 1930 in die Einsamkeit ihrer niederschlesischen Heimat Berna/Bierna bei Görlitz jenseits der Neiße im heutigen Polen. Wichtige bildhauerische Werke Ludwig Kaspers entstanden hier. Lebensgroße Plastiken aus Marmorzement und Gips, Torsen und Akte. 

Die ländliche Idylle verließen sie 1933, gingen nach Berlin und zogen in eine dieser Atelierwohnungen in der Klosterstraße. Ihre gemeinsame Wohnung wurde der Mittelpunkt der benachbarten Künstler, der Treffpunkt zum Musizieren und Diskutieren. Ludwig Kasper wurde von ihnen als Persönlichkeit und Bildhauer geschätzt. Käthe Kollwitz, Hermann Blumenthal, Gerhard Marcks und viele andere waren ihre Nachbarn. Eine schwierige politische Zeit im „Deutschen Reich“, auch für Künstler. Später wurde auch so mancher aus dem Atelierhaus von den Nazis als verfemt erklärt.

Ein Stipendium führte das Ehepaar 1936 für einige Monate nach Griechenland. Während in Deutschland Kriegsluft zu spüren war, bekam Ludwig Kasper den Rompreis und beide zogen 1939/40 in die Villa Massimo in Rom. Zurück kamen sie in das Berlin mit all seinen Kriegsgrausamkeiten.

Villa Massimo in Rom

Für Ottilie und Ludwig Kasper begannen die letzten Jahre ihres gemeinsamen Lebens. Sie verließen noch während des Krieges Berlin, um einem Ruf an die Kunstschule zu Braunschweig zu folgen. Bombenzerstörung auch hier, drängte beide 1943 zurück in Kaspers oberösterreichische Heimat nach Mauerkirchen, wo er 1945 starb und in Gurten beerdigt wurde. Einen modernen Kubus mit einer großen Kugel für sein Grab entwarf der Bildhauer selbst.

Ottilie Kasper am Eingang ihres Häuschens in Gauting, die Wand bemalte sie selbst

Ottilie Kasper kehrte Jahre später nach Deutschland zurück, ließ sich ein kleines Häuschen bauen und lebte seit 1952 in Gauting bei München. Plastiken von Ludwig Kasper, ebenso eigene bildhauerische Werke umgaben sie in ihrem Refugium. Das angebaute Atelierhaus wurde ihre malerische Heimat. Die große Liebe zur Fotografie ist in Veröffentlichungen zu sehen, bis ins hohe Alter malte sie in ihrem Atelier sehr farbige Bilder, stellte sie aus und verwaltete den Nachlass ihres Mannes. Im Jahr 2002 bekam sie den ehrenvollen Günther-Klinge-Preis der Stadt Gauting überreicht.

Gerne saß ich mit „Odi“ Kasper auf meinen vielen Durchreisen ein Stündchen in ihrem kleinen Häuschen oder ihrem Garten vor dem Atelier. Im hohen Alter von 103 Jahren starb diese bezaubernde Frau und Künstlerin 2009 in Gauting.

Plastik von Ludwig Kasper im Garten in Gauting

So ganz anders verlief der Lebensweg der damals noch sehr jungen Bildhauerin Ingeborg Franck, der Enkeltochter des Berliner Sezessionisten Philipp Franck, die am 3. Februar 1915 in Berlin geboren wurde. 1936 wurde sie als Jüdin von der Kunstakademie gejagt, ging zur Steinbildhauerlehre nach Franken, bekam kurz darauf Berufsverbot. Der Bildhauer Gerhard Marcks brachte sie 1938 in die Klosterstraße 75 zu Ludwig Kasper, bei dem sie ein Jahr Schülerin wurde und sich mit seiner liebenswerten Ehefrau Ottilie Kasper anfreundete. Das Jahr bei Ludwig Kasper war für Ingeborg Franck eine sehr wichtige Zeit. Hier wurde ihr bildhauerisches Talent geformt und bestätigt.

Als Jüdin verfolgt, mit Arbeitsverbot bestraft, emigrierte sie bei Ausbruch des Krieges nach Italien. In Florenz lernte sie den Stipendiaten der Villa Romana, Helmut Ruhmer, einen Maler aus Halle kennen. Mit ihm, der großen Liebe ihres Lebens, zog sie bis nach Sizilien und ging 1943 in den Hotzenwald im Südschwarzwald, wo ihre beiden gemeinsamen Kinder geboren wurden. Kurz vor Kriegsende fiel Helmut Ruhmer an der Ostfront. Mit den Kindern blieb sie im Schwarzwald im Dörfchen Bergalingen.

Ost-Berlin buhlte um sie, 1949 ging sie nach dort. Schon im großbürgerlichen Elternhaus in Neu-Westend bekannte sie sich zum Kommunismus, half sozial Schwachen. Bis zu ihrem Lebensende ist sie diesem Schwur treu geblieben, stritt weiter für Gerechtigkeit. An der Weißenseer Kunstschule in Ost-Berlin bekam sie eine Assistenz von 1950 – 1951, später interessierte sich Fritz Cremer für ihre Arbeit. 1952 – 1954 wurde sie Meisterschülerin bei ihm und Gustav Seitz an der Akademie der Künste der DDR am Pariser Platz. Danach bekam sie die Chance, als freie Bildhauerin zu arbeiten.

In der ehemaligen DDR war Ingeborg Hunzinger-Franck eine gefeierte Bildhauerin. Über 20 Skulpturen im Ostteil Berlins kann der Kenner und Liebhaber plastischer Kunstwerke bewundern. Beim Bereisen der Neuen Bundesländer vom Elbsandsteingebirge bis zur Ostsee findet er noch mal so viele. Noch kurz vor der Öffnung der Grenzen in Deutschland, in Berlin, hat Ingeborg Hunzinger der DDR den Vertrag für die großartige Bildhauerarbeit aus Rochlitzer Porphyr zum Thema „Frauenprotest in der Rosenstraße“ im wahrsten Sinne des Wortes abgetrotzt!

Noch lebte ich in Südwestdeutschland und hatte in Berlin in den 1990er Jahren eine andere, eine ungewöhnliche Begegnung mit der Bildhauerin Ingeborg Hunzinger:

Ingeborg in Rahnsdorf im Sommeratelier

„Während des jahrelangen Durchstöberns meiner vielgeliebten Stadt Berlin entdeckte ich im Ostteil liegende und kauernde Skulpturen, die mich neugierig machten. „Die Liegende“ hinter dem Berliner Dom, die „Sinnende“ im Biesdorfer Schloßpark und nicht zuletzt die großartige plastische Arbeit aus Rochlitzer Porphyr zum Thema „Frauenprotest in der Rosenstraße“ gehören dazu. Welche Bildhauerin, welche Künstlerin, welche Persönlichkeit hat diese Gesichter, diese übergroßen starken Hände erdacht? So wuchs der Wunsch, mehr und viel über sie zu erfahren. Viele Stunden und Tage in Berlin-Rahnsdorf, wo sie lebte, wurden eine Reise in die Vergangenheit, die Gegenwart allgegenwärtig. Viel erfuhr ich über ihre Schwierigkeiten als Jüdin und Marxistin im Dritten Reich, ihre künstlerische Freiheit in der DDR und die Unzulänglichkeiten im wiedervereinten Deutschland. Ihre Bildhauerwerke suchte und fotografierte ich von der Ostsee bis ins Elbsandsteingebirge. Als streitbare Persönlichkeit, als Enkeltochter von Philipp Franck, dem Berliner Sezessionisten, als Tochter eines Berliner Professors und einer jüdischen Mutter ging sie unbeirrt ihren Weg.“ (C.W.-F.)

Der jünglingsgroße Flötenspieler stand monatelang bei Wind und Wetter in Berlin – Rahnsdorf im Sommeratelier. Vor Jahren wurde er verpackt und nach Nonantola bei Modena gebracht und dort bei der Villa Emma aufgestellt. Die Kinder der Villa Emma mussten in den 1940er Jahren vor den Nazis fliehen und kamen bei Nacht und Nebel in der Schweiz an. Der Flötenspieler lehnt am Baum im Park, mitten im Ort und spielt seine verlorene lyrische Melodie. Der Drachen zu seinen Füßen wird nicht mit Gewalt überwältigt, sondern besänftigt durch die schönen Klänge der Flöte. Eine große Ovation für die damals 94jährige Bildhauerin und Jüdin, an einem so geschichtsträchtigen Ort in Italien gefeiert zu werden. Im April 2009 wurde ein Relief von ihr, das sie für ein Internierungslager in Kalabrien geschaffen hatte, ebenfalls im Park des Palazzo di Comunale in Nonantola aufgestellt. Dr. Klaus Voigt, der Berliner Historiker, war Ehrenbürger der Stadt Nonantola geworden und konnte den Bürgermeister zum Aufstellen der künstlerischen Arbeiten zum Gedenken an die Kinder, gewinnen.

Noch zu DDR-Zeiten erfuhr Ingeborg Hunzinger-Franck zufällig den neuen Lebensort ihrer Freundin Ottilie Kasper „Odi“. Der Krieg und die Teilung Deutschlands hatten ihre Wege getrennt. Die beiden grundverschiedenen Künstlerinnen trafen sich nach der Öffnung der Grenzen ab und zu in Gauting bei München, um auf dem Sofa sitzend erzählen zu können. Bei ihrem letzten Treffen im November 2003 durfte ich dabei sein und den beiden hochbetagten Künstlerinnen zuhören.

Im April 2009 starb Odi Kasper im gesegneten Alter von 103 Jahren in Gauting, einige Monate später im Juli 2009 Ingeborg Hunzinger mit 93 Jahren in Berlin.

Alle Fotos: © C. Wollmann-Fiedler

1 Kommentar

  1. Das verstehe ich nicht. Die drei – so leid es mir tut das sie gefallen sind – hätten sich auch dazu entschliessen können umzudrehen und Hitler eine Kugel in den Kopf zu knallen. Was ich damit sagen will ist, dass sie sich hätten sich auch den Alliierten anschliessen können oder schon vorher das Nazipack bekämpfen können. Dann wären sie echte Helden gewesen.
    Das hätte den Krieg verkürzt und Menschenleben gerettet. So waren sie im bestenfalls Mitläufer oder einfach nur Feiglinge – Sorry I am not very objektive in these Questions since most of my relatives got killed by the Nazi Pack