Ein kleines Boot, eine kleine Geschichte

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Vor 105 Jahren, am 1.1.1919 wurde J.D. Salinger geboren. Einige Anmerkungen zu seiner Erzählung Down at the Dinghy nach dem 7. Oktober 2023

Von Karl-Josef Müller

Im April 1949 erscheint die Erzählung Down at the Dinghy von J. D. Salinger im Harper’s Magazine. Entstanden war sie bereits im Sommer 1948. International bekannt wurde Salinger durch seinen Roman The Catcher in the Rye aus dem Jahr 1951.

Der US-amerikanische Schriftsteller hatte väterlicherseits jüdische Wurzeln in Litauen, sein Vater wie bereits sein Großvater waren Rabbiner. Seine Mutter war nicht jüdischer Herkunft, sah sich nach der Heirat mit Solomon Salinger aber als Jüdin. 

Als US-Soldat konnte Salinger im April 1945 das KZ-Außenlager Kaufering IV-Hurlach in Augenschein nehmen; nach dem Krieg fasste der Autor seine Erlebnisse dort in einem so kurzen wie drastischen Statement zusammen:

You never really get the smell of burning flesh out of your nose entirely, no matter how long you live. (Du bekommst nie wirklich den Geruch von brennendem Fleisch aus deiner Nase, egal wie lange du lebst.)

Von all dem ist in der etwa zwölf Seiten langen Geschichte Down at the Dinghy nicht die Rede. Der vierjährige Lionel ist weggelaufen, und das nicht zum ersten Mal. ‚Seit er zwei war, ist er regelmäßig losgezogen. Aber nie sehr weit‘, weiß seine Mutter zu berichten. Boo Boo Tannenbaum, so ihr Name, ist eine fast mädchenhafte Erscheinung. Sie wird beschrieben als eine kleine, beinahen hüftlose Frau von fünfundzwanzig Jahren, sie ist nicht hübsch, aber eine umwerfende und vollkommene junge Frau. Keinesfalls erfüllt sie das Klischee der sorgenden Mutter, und so verhält sie sich auch nicht beim Versuch, ihren Sohn aus seiner tiefen Verstörung zu befreien.

Deren Auslöser bleibt zunächst im Dunkeln. Die Geschichte beginnt mit einem Gespräch zwischen Sandra, der Haushälterin, und Mrs Snell, der Putzfrau. Sandra wirkt sichtlich nervös: Seit mittag war Sandra, das Hausmädchen, ungefähr fünfzehn oder zwanzig Mal in der Küche mit zusammengekniffenem Mund vom Fenster zum Seeufer zurückgetreten. Mrs Snell bringt die Sache auf den Punkt: ‚Entweder er sagt’s ihr oder eben nicht.‘ Noch ist nicht klar, wer sich hinter diesem ‚er‘ verbirgt, geschweige denn, was er ‚ihr‘ sagen könnte. Doch es muss etwas sehr beunruhigendes für Sandra sein. ‚Bei ihm muss man jedes Wort auf die Goldwaage legen‘, sagte Sandra. ‚Das macht einen wahnsinnig.‘ Ein gesprochenes und vernommenes Wort lässt sich nicht mehr aus der Welt schaffen, es entfaltet seine Wirkung. Mehrfach wiederholt Sandra, sie würde sich darüber nicht aufregen, also über das, was sie gesagt hat und über die Konsequenzen, die sich daraus ergeben könnten. Und dennoch ist sie voller Zorn gegen Familie Tannenbaum, gipfelnd in der Aussage ‚ich hasse dieses verrückte Haus‘.

Auf die wiederholte Frage, was Mrs Snell an Sandras Stelle tun würde, antwortet diese, sie würde sich ’nach einer anderen – ‚ und hier bricht der Satz ab, zunächst, weil Sandra Mrs Snell unterbricht, das zweite Mal, weil Boo Boo Tannenbaum den Raum betritt.

Es beginnt ein kurzes Gespräch zwischen den drei Frauen. Offen bekennt Boo Boo, dass sie sich das Verhalten ihres Sohnes nicht erkären kann: ‚Ich weiß auch nicht, Mrs Snell. Das ist mir alles eine Spur zu hoch.‘ Und dann macht sie sich mit den Worten ‚ich versuch’s jetzt noch mal‘ auf den Weg zu ihm.

Ereignisse, die für Erwachsene kaum von Bedeutung sind, können bei Vierjährigen große Ängste und Verzweiflung auslösen. Dann gilt es, diesem kleinen Lebewesen neuen Mut zuzusprechen; es gilt, ihm die Angst zu nehmen; aber vor allen Dingen gilt es zunächst, es zum Reden zu bringen. Dies tut Boo Boo Tannenbaum mit großer Geduld und Umsicht. Salinger präsentiert uns ein fein komponiertes Kammerspiel zwischen Mutter und Sohn, das sich schließlich in Nichts aufzulösen scheint und das dennoch an die Worte des Autors über seine Erlebnisse im KZ-Außenlager Kaufering IV-Hurlach gemahnt.

Wenn wir gesagt haben, Boo Boo Tannenbaum erfülle nicht das Klischee der besorgten Mutter, so darf dies nicht falsch verstanden werden. Salinger zeichnet das Bild einer jungen Frau, die diesen Vierjährigen in seiner komplexen Eigensinnigkeit ernst nimmt. Ihr eigentliches Ziel allerdings versteckt der Autor, wie so oft im Text, hinter einer Nuance: Beim Gehen pfiff sie ‚Kentucky Babe‘ durch die Zähne. Salinger greift ein Motiv wieder auf, das wenige Zeilen vorher, und damit vor wenigen Minuten im Zeitablauf der Geschichte, zum ersten Mal auftaucht. Als Boo Boo Tannenbaum die Küche betritt und noch bevor sie auch nur ein Wort mit Sandra und Mrs Snell wechselt, öffnet sie den Kühlschrank und schaut suchend hinein. Und während sie hineinspähte, pfiff sie unmelodisch durch die Zähne und hielt dabei mit einer kleinen ungenierten Pendelbewegung ihres Hinterns den Takt. Sucht sie noch nach der richtigen Melodie, um ihren Sohn aus seiner Erstarrung zu befreien?

Beim Dinghy, einem kleinen Boot, angekommen, beginnt ein Gespräch zwischen Mutter und Sohn; kein offenes Gespräch, sondern eine Art Rollenspiel. Boo Boo gibt sich als Admiral aus, was Lionel nicht akzeptiert. Sie sei, wie sein Vater gesagt habe, eine Dame, und zwar immer.

Lionel ist allein mit einem Schmerz, den er in sich vergraben hat. Die Brücke, die Boo Boo ihrem Sohn schließlich baut, gründet auf einem Rollentausch: Ich sehne mich so nach dir. Ich vermisse dich so sehr. Ich bin den ganzen Tag allein zu Hause gewesen, niemand ist da, mit dem ich reden kann. So lauten ihre Worte, mit denen sie die Rolle des Admirals verlässt. Doch damit ist zunächst nichts gewonnen, noch ist Lionel nicht bereit, seine Mutter mit ins Boot zu holen. Erst muss er sich noch selbst bestrafen, indem er die Schlüsselkette, die seine Mutter ihm zuwirft und an der offensichtlich sein Herz hängt, ins Wasser katapultiert, um anschließend in Tränen auszubrechen.

Und endlich, nach einem langen inneren Kampf, kann Lionel den Grund für seinen tiefen Kummer nennen:

„Sandra hat – Mrs Snell gesagt – dass Papa ein großer – sentimentaler – kike ist.“

Hier nun müssen wir auf einen fatalen Übersetzungsfehler zu sprechen kommen. ‚Sandra–told Mrs. Smell–that Daddy’s a big–sloppy–kike.‘ So lautet der Satz im Original. Wir beziehen uns auf die Neuübersetzung der Geschichte aus dem Jahr 2012 von Eike Schönfeld. Zum einen korrigiert er stillschweigend  Smell zu Snell, zum anderen übersetzt er das Wort ’sloppy‘ nicht als ’schlampig‘, ’schludrig‘ oder ‚liederlich‘, sondern wählt mit ’sentimental‘ eine Version, die kaum zu der tiefen Betroffenheit des Jungen passen will.

Klar wird allerdings auch, dass Lionel Sandra gründlich missverstanden zu haben scheint, verwechselt er doch ‚kike‘ mit ‚kite‘. Auf die Frage seiner Mutter, was denn ein kike sei, antwortet er: ‚Das ist so ein Ding, das in die Luft geht‘, sagte er. ‚Mit einer Schnur zum festhalten.‘ Seine Mutter beschwichtigt ihn, noch bevor sie begreift, dass ihr Sohn überhaupt nicht verstanden hat, was sich hinter dem Wort ‚kike‘ eigentlich verbirgt: ‚Na, das ist ja nicht so schlimm‘ (…) ‚Das ist nicht das Schlimmste, was passieren könnte.‘ Und erneut entscheidet sich Eike Schönfeld für eine eher ‚zahme‘ Übersetzung, diesmal beim Wort ‚terrible‘: ‚Well, that isn’t too terrible,‘. Wäre es falsch, hier ‚terrible‘ mit ’schrecklich‘ zu übersetzen? Zumal keineswegs auszuschließen ist, dass Boo Boo zunächst davon ausgehen muss, dass Lionel um die eigentliche Bedeutung des Wortes ‚kike‘ weiß. Dass Schönfeld ganz darauf verzichtet, diesen Begriff zu übersetzen, ist nachvollziehbar; wollte man nach einer Übersetzung suchen, käme der antisemitisch-abwertende Begriff ‚Itzig‘ in Frage. Wir verweisen in diesem Zusammenhang auf Wolfdietrich Schnurres Erzählung Veitel und seine Gäste, in welcher der Begriff eine zentrale Rolle spielt.

Obwohl Lionel den Begriff ‚kike‘ missversteht, treffen ihn Sandras Worte ins Mark. Der Ton macht die Musik. Als Lionel sich endlich offenbart, gelingt es seiner Mutter gerade noch, ihre Gefühle im Zaum zu halten. Für einen Moment und kaum wahrnehmbar droht sie, die Contenance zu verlieren: Nur so eben wahrnehmbar zuckte Boo Boo zusammen (…). Es folgt die Frage an Lionel, was ein kike sei, und die Erleichterung darüber, dass er nicht um die verächtliche Bedeutung des Wortes weiß.

Boo Boo wischt das Erlebte beiseite und signalisiert ihrem Sohn, dass alles wieder in Ordnung ist. Auf ihren Vorschlag, in die Stadt zu fahren, Pickles und Brot zu kaufen, den Vater abzuholen und schließlich mit dem Boot rauszufahren, folgt die Frage ‚Okay?‘ Und die Antwort ‚Okay‘, sagte Lionel. Und mit dem letzten Satz der Geschichte scheint alles wieder in bester Ordnung zu sein: Sie gingen nicht zum Haus zurück, sie rannten um die Wette. Lionel siegte.

Boo Boo Tannenbaum ist gelungen, was sich mit ihrem Pfeifen angekündigt hat. Sie konnte ihrem Sohn die Angst nehmen, obwohl sie ihm kein Lullaby vorgesungen hat. Aber für diesen Abend hat sie ihn zur Ruhe gebracht, auch wenn er nicht einschläft, sondern zum Haus rennt. Sie hat den Alp vertrieben, der ihn bedrängt hatte, doch wir wissen, dieser Alp wird wiederkommen.

Kann es sein, dass Salinger, wenn er Lionel Mrs Smell statt Mrs Snell sagen lässt, erneut den Geruch verbrannten Fleisches – the smell of burning flesh – heraufbeschwören möchte? Oder unterstellen wir mit unserer Deutung eine Botschaft, von der im Text überhaupt nicht die Rede ist? Und warum verzichtet Salinger darauf, die Dinge viel deutlicher beim Namen zu nennen?

Mit unseren Gedankengängen hat es oftmals eine ganz eigene Bewandtnis. Wochen nach den Ereignissen des 7. Oktober in Israel taucht die Erinnerung an diese kleine Erzählung von J.D. Salinger auf, als eine Ahnung, dass in diesem so bescheiden daherkommenden Text eine ganz besondere und erschreckende Botschaft versteckt sein könnte. Nach einer konzentrierten Lektüre der Geschichte öffnet sich ein Abgrund, in den man nunmehr hineinschaut, als ob einem, in den Worten Heinrich von Kleists, die Augenlider weggeschnitten wären.   

Bild oben: J. D. Salinger, 1950, Foto: Lotte Jacobi