Aus Siebenbürgen nach Berlin

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Die künstlerischen Werke der Siebenbürger Künstlerin Grete Csaki-Copony sind in der GaleriaPlan B am Strausberger Platz in Berlin-Mitte zu sehen

Von Christel Wollmann-Fiedler

Der Architekt Hermann Henselmann entwirft 1960 den Strausberger Platz in Berlin Mitte, ein städtebaulicher Höhepunkt im sozialistischen Klassizismus wird der Platz. Geräumig gebaut, Nahe der Karl Marx Allee. In die Nordecke des Platzes Nr. 1 hält im Frühjahr 2023 die GaleriaPlan B Einzug. Zweistöckig und großzügig gestaltet, weiße hohe Wände, ein interessanter weiter Blick nach oben. Denkmalgeschütze Berliner Motive von damals, aus der Zeit der DDR, sind am Eingang an der Wand erhalten geblieben.

Im Parterre der Galerie sind die Gemälde der zeitgenössischen Bukarester Künstlerin Diana Capleanu ausgestellt.

Empfangen werden Kunstinteressierte im 1. Stock von Kunstwerken der Grete Csaki-Copony, der gebürtigen Siebenbürger Sächsin. Geboren wird sie 1893 in Zernyest/Zernescht im Karpatenbogen unweit von Kronstadt/Brasov. Zur Donaumonarchie gehört der Teil der Welt bis 1918. Bäuerliche Motive der siebenbürgischen Landschaft und den Dörfern hat sie auf ihren hinreißenden Gemälden, farblich hochmodern, festgehalten. Immer wieder gehe ich zurück und bewundere die Bäuerin mit dem Kind und den beiden Äpfeln in der rechten Hand aus dem Jahr 1938, das Portrait einer älteren Frau mit grünen Haaren und mehrfarbig coloriertem Teint von 1927. Damals exzessiv, farbig gewagt. Ihr Selbstportrait bei Segal stammt von 1931-32 und zeigt eine selbstbewusste klar blickende junge Frau. Kunstkennerinnen und Kunstkenner betiteln ihre malerische Kunst als expressiven Realismus. Inspiriert wird die Künstlerin ihr Leben lang von dieser einmaligen Landschaft, den typischen siebenbürgischen Dörfern, umgeben von den Karpaten. In der Zeit des Nationalsozialismus wird ihre Kunst als „entartet“ und „bolschewistisch“ degradiert.

Die vermögenden Eltern schicken die junge Grete auf die Kunstschule des Berliner Künstlerinnenvereins von 1867 und die Kunstakademien nach München und Budapest. Die Kunstszenen von damals lernt sie kennen, ein recht ungewöhnliches Leben für eine Frau zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Mit 16 Jahren bereits reist sie nach Paris, dem Traumziel der europäischen Malerei. Als Malerin, Zeichnerin und Dichterin wird sie später zu großen Ausstellungen in Europa eingeladen.

1917 heiratet Grete Copony den Hermannstädter Dr. Richard Csaki, Brigitte und Joachim werden geboren. Zusammen ziehen sie nach Bukarest und weiter nach Deutschland, nach Württemberg in die Landeshauptstadt Stuttgart, wo Csaki das Auslandsinstitut, IFA, leiten wird. Auf dem Rückflug einer Dienstreise von Rom nach Deutschland, zerschellt das Militärflugzeug am Apennin. Grete Csaki wird 1943 Witwe.

Im Krieg wechselt sie ihr Heim von Stuttgart nach Wankheim, einem kleinen Dorf auf den Härten bei Tübingen. Bombenangriffe in Stuttgart nehmen zu und werden zunehmend gefährlicher. Bis zum Ende des Krieges wird sie bei der Tochter im Pfarrhaus in Wankheim untergebracht. Der dortige Pfarrer und Kirchenmusiker Richard Gölz hilft im Krieg jüdischen Nachbarn. Versteckt werden sie im Pfarrhaus, bekommen falsche Pässe und Lebensmittelkarten. Pfarrer Gölz wird an Weihnachten 1944 während des Stundengebets in der Tübinger Stiftskirche von den Nazis verhaftet. Das Wankheimer „Judenversteck“ ist entdeckt worden und Pfarrer Gölz wird bis Kriegsende im KZ Welzheim im beschaulichen württembergischen Welzheimer Wald inhaftiert und gefoltert. Das KZ Welzheim ist ein Durchgangslager zum KZ Dachau, 65 Personen werden bereits hier  hingerichtet. Eine Erinnerung von Brigitte Möckel-Czaki: „Nach dem Ende des Krieges kam Pfarrer Gölz nach Hause, als schmale dunkle Gestalt die Dorfstraße herauf, seinen kleinen Koffer auf einem Leiterwägelchen herziehend. – Er hat mit keinem Wort je aus dem KZ berichtet.“

Weitab des  Dorfes ist der Jüdische Friedhof von 1774 gelegen auf dem die Tübinger und Reutlinger Juden beerdigt wurden.

Die Kirche des Dorfes wird 1958 renoviert und die siebenbürgische Künstlerin Grete Csaki-Copony entwirft die drei Kirchenfenster im Altarraum mit farbig gestalteten biblischen Darstellungen. Etwas Besonderes sind diese Kirchenfenster und sehenswert zu jeder Jahreszeit.

Tochter Brigitte wird 1918 in Temeswar/Timisoara geboren, zieht als Schülerin von Stuttgart alleine zurück nach Hermannstadt in Siebenbürgen, kehrt Nazideutschland den Rücken, besteht in der alten Heimat das Abitur und möchte Theologie studieren. Bislang wird keine Frau zum Studium der Theologie in Siebenbürgen zugelassen. Brigitte Csaki lässt nicht locker, die Landeskirche in Hermannstadt wird sie als erste Frau zum Theologiestudium zulassen, „wir haben heute ein Lex Csaki gemacht“ sind die persönlichen Worte von Bischof Glondys.

Später wird sie sich der Bekennenden Kirche zuwenden, geht nach Deutschland, geht nach Bielefeld und weiter nach Tübingen. Der 2. Weltkrieg beginnt und Brigitte findet sich in Berlin an der Kirchlichen Hochschule der Bekennenden Kirche bei Helmut Gollwitzer wieder. Diese Hochschule wird 1935 gegründet und noch im selben Jahr von den Nazis verboten. Im Untergrund, in Privathäusern in Dahlem, werden heimlich Seminare von Günther Dehn und Helmut Gollwitzer fortgesetzt. Brigitte Csaki ist beeindruckt von Gollwitzer. Helmut Gollwitzer wird 1908 im fränkischen Altmühltal in Pappenheim geboren. Evangelische Theologie studiert er und wird 1934 Mitgliede der Bekennenden Kirche. Verfolgten Juden hilft er zur Flucht oder Ausreise, hat Kontakt zu Widerständlern im 3. Reich. Von 1941 bis 1945 sind Helmut Gollwitzer und Eva Bildt verlobt. Die Nazis verhindern eine Heirat des Paares, Evas Mutter ist Jüdin. 1945 marschieren russische Truppen in Zeesen, südlich von Berlin, ein. Eva nimmt sich das Leben, nachdem sie Vergewaltigungen beobachtet hat.

Erst 1949 kommt Helmut Gollwitzer aus Russischer Kriegsgefangenschaft zurück, wird später Professor in Bonn und West-Berlin. Große Sympathie hegt er für die 68-er Bewegung, wird Freund und Wegbegleiter von Rudi Dutschke bis zu dessen Tod 1979 in Aarhus/Dänemark. Rudi Dutschke ist marxistischer Soziologe und politischer Aktivist in der Zeit der o.g. Bewegung. Gollwitzer wird Rudi Dutschke auf dem St. Annen-Friedhof neben der Dahlemer Dorfkirche zur letzten Ruhe begleiten. 

Mitten im Krieg geht Brigitte Csaki zu den Eltern nach Stuttgart und nimmt eine Vikarstelle in Wankheim bei Tübingen an. 15 Jahre später entwirft ihre Mutter, die Künstlerin Grete Csaki-Copony, die Kirchenfenster für diese Dorfkirche, wie bereits erzählt.

Der 2. Weltkrieg ist beendet. Brigitte kehrt zurück nach Stuttgart, heiratet 1953 den Pfarrer Gerhard Möckel, der ebenfalls aus Siebenbürgen, aus Hermannstadt stammt. Die Hochzeitsreise beginnt in Venedig und endet in Athen, wo sie einige Jahre bleiben werden. Der Theologe Gerhard Möckel übernimmt die Auslandspfarrstelle der Evangelischen Gemeinde in Athen und wird zuständig für Gesamtgriechenland. Brigitte Möckel ist Pfarrfrau und kümmert sich um die Gemeinde, vor allem um deutsche junge Frauen, die griechische Männer geheiratet haben, die Zwangsarbeiter unter den Nazis in Deutschland waren. Auch andere soziale Dienste übernimmt sie und die Erziehung der drei Kinder sind ihre Aufgaben.

Die drei Kinder werden in den 1950er Jahren in Athen geboren und 1962 bricht die Familie schweren Herzens die Zelte in dem sonnigen liebenswerten Land ab und verlässt Athen. Der Neuanfang in Berlin-Wannsee beginnt für Familie Möckel, später in Dahlem bis zur Trennung des Ehepaares.

Im Haus in Berlin-Wilmersdorf versorgt der Enkel Konrad den Nachlass, die vielen Gemälde, Skizzen und Zeichnungen und plastischen Arbeiten der Großmutter. An den Wänden seiner Etage hängen die Csaki-Copony-Gemälde, wie in einer Galerie. Eine schöne Umgebung für ihn, der ein besonderes und sehr gutes Verhältnis zu seiner Großmutter hatte. Während eines Schulausflugs von Berlin nach Athen besucht er sie für einige Stunden auf Ägina. Ihr erstes Gedicht liest sie ihm vor, eine anhaltende Erinnerung für ihn, den Enkel zu Beginn der 1970er Jahre.

Halb und halb

Laß das blanke Heut uns teilen
halb und halb.
Laß das schmale Lager
halb und halb genügen.
Laß mich geteilt umfangen
Ganz deine Kraft.

Laß mich vergehn an deinem Werden,
laß werden mich zu deinem Teil.
Und laß den Glanz der Liebe
Doppelt sein im Teilen  

(Grete Csaki-Copony, 1970er Jahre)

Grete Csaki-Copony lebt und malt in Griechenland auf der Insel Ägina, unweit von Athen. Bis 1962 ist ihr Zuhause in Stuttgart. Danach zieht sie zur Tochter nach Berlin. Das Atelier auf Ägina ist weiterhin ihre künstlerische Heimat. In dem bereits erwähnten Haus in Berlin-Wilmersdorf wohnen sie viele Jahrzehnte von Etage zu Etage zusammen. Grete Csaki-Copony, Tochter Brigitte Möckel-Csaki und Enkel Konrad Möckel mit Kommilitonen.

Mit 97 Jahren stirbt Grete Csaki-Copony, die Siebenbürgerin in Berlin und ist auf dem Evangelischen St. Annen-Kirchhof neben der Dahlemer Dorfkirche beerdigt. Professor Helmut Gollwitzers Grab ist neben ihrem zu finden und auch Gollwitzers Freund Rudi Dutschke wird 1979 auf diesem Kirchhof beerdigt. Brigitte Möckel-Csaki ruht neben der Mutter und ist ebenfalls Nachbarin ihres Mentors Helmut Gollwitzer. Ein Ausflug nach dort ist lohend und interessant.

Bis zum 26. Januar 2024 sind die sehenswerten Gemälde und auch die selten ausgestellten, recht unbekannten einmaligen Zeichnungen von Grete Csaki- Copony am Strausberger Platz Nr. 1 in Berlin – Mitte zu bewundern.

–> https://www.plan-b.ro/

Alle Fotos: (c) C. Wollmann-Fiedler