#westillneedtomakesomeart

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Der Kultur- und Kunstbetrieb ist seit einiger Zeit von Diskussionen über Antisemitismus, Erinnerung und den Umgang mit Geschichte gespalten. Die Initiative #westillneedtomakesomeart, eine Kooperation zwischen dem israelischen Künstler Boaz Kaizman und dem Institut für Neue Soziale Plastik, setzt dem Kunst entgegen. Keinen weiteren offenen Brief, keine Konferenz, keine Pamphlete, sondern Kunst.

Künstler:innen aus allen Disziplinen sind dazu aufgerufen, ihre Unterstützung in einer digitalen Galerie zum Ausdruck zu bringen. Wir haben mit Boaz Kaizman über die Initiative gesprochen.

#westillneedtomakesomeart will zeigen, dass nicht alle Künstler:innen vom israelisch-palästinensischen Konflikt eingenommen sind und Arbeiten hervorheben, die frei sind von Antisemitismus oder voreingenommenen Darstellungen Israels. Das sollte eigentlich selbstverständlich sein. Sie hatten aber das Gefühl, dass die Realität anders ist?

Ja, eigentlich sollte es selbstverständlich sein. Ich war überzeugt, dass der Abschlussbericht der documenta fifteen, welcher den Antisemitismus vor und während der Ausstellung aufgezeigt hat, zu einer Wende führen würde. Doch zu meiner Überraschung haben sich diese Tendenzen stattdessen noch verstärkt.

Schon die 7. Berliner Biennale im Jahr 2012 wurde unter dem Leitgedanken „Verantwortungsvolle Lösungen umsetzen“ eingeleitet. Viele dieser Lösungen standen in Beziehung zu Israel oder dem israelisch-palästinensischen Konflikt. Mit der Zeit hat sich jedoch gezeigt, dass oft der Boykott als Werkzeug eingesetzt wird, um diese Lösungen „verantwortungsvoll“ umzusetzen. Bedauerlicherweise hat sich die Anziehungskraft und Verbreitung der Boykott-Kultur als ansteckend erwiesen, was weitreichende Auswirkungen auf die Kunst- und Kulturszene hat.

Ich bin in Deutschland geblieben, weil die Kunstszene offen, aktiv und solidarisch war, und ich hoffe auch ist. Ich denke, dass diese Entwicklung, die nicht nur in Deutschland stattfindet, eine Gefahr für den Zusammenhalt des Kulturbetriebs als offen, aktiv und solidarisch ist.

Nehmen Sie eine Veränderung im Kulturbetrieb nach dem 7. Oktober wahr?

Ich denke, dass sich die Situation verschärft hat. Die Politik, teilweise auch die des Kulturbetriebs, nimmt die Gefahr des Antisemitismus in Deutschland wahr. Der Kulturbetrieb ist finanziell sehr von staatlicher Finanzierung abhängig. Und weil die Bundespolitik klar zu Israel steht, werden nun deutliche Linien gezogen. Ich denke, dass die Boykottbewegung ihre Werkzeuge nun eher gegen Einzelindividuen als gegen Institutionen richtet.

Sie selbst leben seit 30 Jahren in Deutschland. Wie erleben Sie junge israelische Künstler:innen in Deutschland? Wie erleben sie die Diskussionen in Deutschland über Antisemitismus, beispielsweise in Zusammenhang mit der documenta?

Ich treffe zwar nicht viele junge israelische Künstlerinnen und Künstler, aber einige junge Kunstschaffende, die eine Verbindung zu Israel haben, sei es, weil sie jüdisch sind oder weil sie sich gegen das Boykottsystem aussprechen, das jüngst an Schärfe zugenommen hat.

Gerade diese junge Künstler:innen könnten sich in Deutschland in einem komplexen Spannungsfeld wiederfinden. Einerseits bietet die lebhafte und vielfältige deutsche Kunstszene zahlreiche Möglichkeiten. Andererseits könnten die Debatten über Antisemitismus, gerade in Anbetracht aktueller Geschehnisse, ihre Erfahrungen und zukünftige Perspektiven prägen.

Das Online-Akut-Netzwerktreffen des Instituts für Neue Soziale Plastik, an dem ich teilgenommen habe, markierte für mich persönlich einen Punkt, an dem das Thema Antisemitismus in der Kulturlandschaft besonders real wurde. Dieses Online-Treffen hatte für eine solche Veranstaltung sehr viele Teilnehmer und heute muss ich darüber berichten, dass wir ein Problem haben. Die Tatsache, dass der Antisemitismus in Kulturinstitutionen nach der documenta zunehmend stärker wird und auch andere Bereiche erfasst, beunruhigt junge Künstler:innen, und nicht nur israelische, besonders. Antisemitismus in jeglicher Form kann nämlich nicht nur ihre persönlichen, sondern auch ihre beruflichen und künstlerischen Existenzgrundlagen bedrohen.

Die Sorge vor einem Boykott Einzelner – aufgrund ihrer Herkunft, ihres Glaubens oder ihrer politischen Ansichten – hat bereits direkte Auswirkungen auf Individuen in der Kunstszene.

Ein weiterer beunruhigender Aspekt ist die Haltung vieler Institutionen. Die Tatsache, dass sie keine klare Position beziehen oder potenziell antisemitische Tendenzen unterstützen könnten, erzeugt einen Rückenwind dieser Entwicklung. Es besteht die Gefahr, dass dies zur Normalisierung von Diskriminierung beitragen und ein zunehmend feindseliges Umfeld für Jüdinnen und Juden und dadurch für viele junge Künstler:innen schaffen könnte.

In der vergangenen Dekade hat die Boykott-Kultur die Kunstwelt tiefgreifend beeinflusst und dabei zu einer Spaltung junger Künstler:innen geführt: Einige erleben durch solidarische Unterstützung in Boykottbewegungen einen Karriereschub, während für andere die gleichen Bewegungen das berufliche Aus bedeuten. Diese gegenwärtige Boykott-Kultur zeigt deutlich, wie in der Kunstszene die Macht des Boykotts darüber entscheiden kann, ob junge Künstler:innen Erfolg haben oder ihre Karrieren ins Stocken geraten.

Schon die 7. Berliner Biennale im Jahr 2012 nahm ihren Anfang mit dem Leitgedanken „Lösungen verantwortungsvoll umsetzen“. Mit der Zeit hat sich jedoch gezeigt, dass oft der Boykott als Werkzeug der Macht eingesetzt wird, um diese Lösungen „verantwortungsvoll“ umzusetzen. Bedauerlicherweise hat sich die Anziehungskraft und Verbreitung der Boykott-Kultur als ansteckend erwiesen, was weitreichende Auswirkungen auf die Kunst- und Kulturszene hat.

Wer kann sich am Projekt #westillneedtomakesomeart beteiligen? Wenden Sie sich explizit an jüdische Künstler:innen?

Das Projekt #westillneedtomakesomeart verfolgt einen inklusiven Ansatz und lädt Künstler:innen jeglichen Ursprungs ein, sich kritisch mit aktuellen Themen auseinanderzusetzen, wobei Antisemitismus keinen Platz findet. Ziel ist es, einen Raum zu schaffen, der zur Vielfalt beiträgt und eine kritische Auseinandersetzung ohne Diskriminierung und selbstverständlich auch ohne Diskriminierung/- Antisemitismus ermöglicht.

–> Zum Projekt: https://dringlicherappell.boazkaizman.de/letsTalk/index.html

–> Einsendungen an: info@neue-soziale-plastik.org

Bild: Dall-E 3/OpenAI: digitally generated image using the sentance „We still need to talk, but first, let’s make some art.“