Monty Python im PEN Berlin

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Ich habe mich nie um die Mitgliedschaft im PEN Berlin beworben. Ich wurde angefragt. Habe eine Nacht darüber nachgedacht und dann zugesagt. Und mich dann sehr gefreut. Ich empfand es als Ehre berufen zu werden und bin ein großer Anhänger der PEN-Charta und der Idee, dass sich Schriftsteller umeinander kümmern…

Von Ramona Ambs

Gesinnungsschnüffelei ist etwas, was zuletzt die AFD 2018 in Hamburg getan hat. Die Partei hat eine Plattform eingerichtet, auf denen Schüler politische Äußerungen ihrer Lehrer melden können. Schüler wurden aufgefordert, der Partei Rückmeldung zu geben, wenn sich ein Lehrer negativ über die AFD äußern sollte.

Journalistische Recherche hingegen ist KEINE Gesinnungsschnüffelei. Insbesondere dann nicht, wenn man recherchiert, wer unter ohnehin ÖFFENTLICHEN Aufrufe seinen Namen setzt. Als Unterzeichner sollte man sich darüber im Klaren sein, dass man möglicherweise hier oder dort auf diese jeweils vertretene Haltung angesprochen werden könnte. Das gilt insbesondere für öffentliche Personen wie Schriftsteller oder Journalisten.

Als Gesinnungsschnüffelei wird neuerdings vom PEN Berlin (1) kurioserweise auch eben diese normale Arbeit von Journalisten bezeichnet: „Die Gesinnungsschnüffelei auf Unterschriftenlisten untergräbt die Rede- und Kunstfreiheit und macht weder den Staat Israel noch die in Deutschland lebenden Juden sicherer“, heißt es in einer Stellungnahme zur Aussetzung des Peter-Weiss-Preises an Sharon Dodua Otoo, die ihrerseits mit der Preisaussetzung kein Problem hatte, sondern mittlerweile ihre einstmals getätigte Unterschrift bedauerte… Aber hej, egal, – immerhin sorgt man sich mal um jüdische und israelische Sicherheit. Das Oktoberpogrom und die Folgen, die es für Juden weltweit hatte, war jedenfalls nicht so wichtig, dass man eine Pressemitteilung dazu gemacht hätte. Gut, es gab und gibt immer wieder eine Veranstaltungen, eine direkt auf der Buchmesse im Oktober in Frankfurt und auch die Rede von Deniz Yücel zum 9. November in Hamburg war wirklich gut, aber Veranstaltungen sind keine Statements. Und wenn man sich diese „Nie wieder ist Jetzt – Gegen Antisemitismus“- Lesungen, im einzelnen mal anschaut, dann kann man sich auch nicht sicher sein, ob die Solidarität grade wirklich Israel und den jetzt lebenden Juden gilt, oder vielmehr eine Huldigung der Juden ist, die bereits brav gestorben sind, denn deren Texte werden gelesen und das Wort Israel oder gar das Massaker, dass die größten antisemitischen Wellen weltweit nun ausgelöst hat, taucht beispielsweise in den Veranstaltungsankündigungen überhaupt nicht auf.

Das ist Judensolidarität im luftleeren Raum.

In der Eröffnungsrede (2) zu einem dieser Events hat sich Joachim Helfert nach einem eigentlich guten Einstieg, dann auch ernsthaft Gedanken darum gemacht, dass „das Schweigen vieler muslimischer Vertreter zum Terror gegen Israel der pauschalen Verdächtigung aller Palästinenser als Sympathisanten Vorschub leistet“ und es dann weiter für erwähnenswert erachtet zu betonen, dass „die Hamas auch säkulare, feministische, queere Palästinenser mordet.“ Na dann! Dann muss man in jedem Fall gegen die Hamas sein! 

Entsprechend bedrohlich klingt denn auch sein Schlusssatz: “ Über Wege zu einem gerechten Frieden im Nahen Osten werden wir auf dem PEN Berlin Kongress im Dezember diskutieren.“ Besonders, wenn man sich anschaut, welche Leute u.a. zu diesem Kongress als Redner eingeladen wurden (Susan Neiman, die beispielsweise von einer „deutschen Fixierung auf die Vergangenheit“ spricht und ernsthaft über einen „philosemitischen McCarthyismus“ hierzulande philosophiert und A. L. Kennedy, die nun wirklich eine prominente BDS-Unterstützerin ist und unter anderem zum Boykott des Eurovision Song Contest (ESC) 2019 in Israel aufgerufen hatte, bis Israel eine „besserer Menschenrechtsbilanz“ vorweisen könne) Wenns für uns Juden nicht so bitter wäre, könnte man an der Stelle lachen. Denn es entbehrt nicht einer gewissen Komik: Ein Verein, der lautstark gegen Kulturboykotte ist, lädt eine Frau ein, die sich für Kulturboykott stark macht, und wenn man das kritisiert und fordert die Frau wieder auszuladen, droht man als Kulturboykotteur gebrandmarkt zu werden….

Monty Python sitzt offenbar im PEN Berlin.

Das Ganze verwundert natürlich nicht weiter, wenn man weiß, wie die PEN-Berlin-Sprecherin Eva Menasse tickt. Im Zeitpodcast (3) erklärt sie, dass sie sich „sehr viele Varianten von harmlosem Antisemitismus“ vorstellen kann, und denkt, dass „Antisemitismus eine Meinung“ sei, und solange niemand physisch attackiert oder bedroht werde, man meinen darf, „dass Juden etwas sind, was man nicht mag“, um „Reste von dem zu bewahren, was Meinungsfreiheit ist“.

Achja. Da isse wieder, die bedrohte Meinungsfreiheit…

Auch wenn sie das als Privatperson geäußert hat, ist das für einen Verein, deren Sprecherin sie ist, und der sich für die Freiheit des Wortes einsetzt auf sehr vielen Ebenen problematisch. Erstens, dass sie die Meinungsfreiheit hierzulande gefährdet sieht (eine beliebter Mythos sämtlicher Verschwörungsideologien und besonders beliebt bei der AFD) und zweitens, dass sie glaubt, auch Antisemitismus sei einfach eine Meinungsäußerung. Bedauerlicherweise spiegelt sich aber eben genau diese Haltung in einigen Äußerungen/Aktivitäten des Pen Berlin, weswegen er mittlerweile von manchem im Hintergrund als Menasse-Club betitelt wird (und Nein, das ist nicht meine Wortschöpfung!).

Eigentlich wollte ich die Mitgliederversammlung abwarten, um zu sehen, ob diese ominöse Haltung in ihre Grenzen verwiesen wird. Nun gab es aber im Vorfeld ein Interview (4) mit Deniz Yücel und Eva Menasse, bei dem auf die Kritik an der bisherigen Vereinspolitik und die Austritte von Michael Wuliger, Ernst Piper und einigen anderen der letzten Tage auf so herablassende Art und Weise reagiert wurde, dass ich tatsächlich alle Hoffnung auf eine Heimat in diesem Verein aufgeben muss. Selbstkritik oder wenigstens nachdenkliche Töne wären hier heilsam gewesen und hätten Brücken bauen können.

Ich bin nicht bereit, Antisemitismus als Meinung zu akzeptieren.

Und schon gar nicht hab ich die Kraft & Nerven mich mit Leuten auseinander zu setzen, die Antisemitismus verharmlosen. Dafür bin ich einfach zu sehr von ihm betroffen.

Deshalb habe auch ich den Pen Berlin nun verlassen. Darüber bin ich tatsächlich traurig, denn ich finde viele der Aktionen dieses Vereins großartig und wichtig. Dazu zählen das beharrliche Einsetzen für Toomaj Saleh, die Unterstützung für Salman Rushdie, Yavuz Ekinci, Seyran Ateş usw. Das nutzt nur leider nichts, wenn der Verein eine Schlagseite hat und die Kritik daran als 15-Minuten-Fame abgetan wird. Die Einsamkeit in solchen Reihen halt ich nicht aus.

Ich wünsche Deniz Yücel dennoch weiterhin viel Erfolg für die guten Dinge des PEN Berlin und danke vor allem Alexandru Bulucz für seine empathischen Bemühungen, mich in dem Verein zu haben und zu halten.

Und ansonsten: Lest mal wieder Popper: „Uneingeschränkte Toleranz führt mit Notwendigkeit zum Verschwinden der Toleranz. Denn wenn wir die uneingeschränkte Toleranz sogar auf die Intoleranten ausdehnen, wenn wir nicht bereit sind, eine tolerante Gesellschaftsordnung gegen die Angriffe der Intoleranz zu verteidigen, dann werden die Toleranten vernichtet werden und die Toleranz mit ihnen.“

 

(1) https://penberlin.de/causa-sharon-dodua-otoo-pen-berlin-mahnt-zu-augenmass/
(2) https://penberlin.de/judenhass-ist-hass-auf-die-freiheit/
(3) https://www.zeit.de/politik/2023-11/haltung-israel-die-linke-hamas-eva-menasse-politikpodcast
(4) https://www.berliner-zeitung.de/kultur-vergnuegen/literatur/eva-menasse-und-deniz-yuecel-zu-israel-position-des-pen-berlin-warum-ist-meinungsstreit-ein-problem-li.2165305

1 Kommentar

  1. Moin liebe Frau Ambs,

    jetzt habe ich Ihren Kommentar schon drei mal gelesen und an andere weitergeleitet, so gut ist er meiner Meinung nach.
    Dass die Menasse sich in diesem Club so wohlfühlt wie ein Fisch im Wasser, kann ich mir gut vorstellen; zumal sie sich seinerzeit auch nicht zu schade war, sich mit dem alten SS – Kameraden Grass in Lübeck vor die Kameras zu drängeln und von einem Literaturtreffen zu raunen. Zumal sie mit ihrem quasi toxischem Humanismus von Judenhass als eine Meinung schwurbelt. Menschen mit solch einer Meinung brauchen auch keine Information mehr.
    Antisemitismus ist und bleibt ein Gerücht, eine Lüge.
    Antisemitismus gibt es noch, selbst wenn es gar keine jüdischen Menschen mehr gibt.
    Antisemitismus ist das Gift, das Brandstifter brauchen, um den äusseren Feind zu brandmarken und Einigkeit vorzugaukeln. In solchen Reihen fühle auch ich mich als weisse alte männliche nichtjüdische hetero Kartoffel einsam.
    Und umso „uneinsamer“, wenn ich Ihren Text lese, welcher mit solch einem guten Zitat – fast schon ein Spruch für Tshirts, Transparente und Sticker – endet.
    Bei Yücels Rede am 9. November auf dem Joseph-Carlebach-Platz war ich zugegen, sie war der beste Beitrag an der Veranstaltung, doch da ging es ihm um Erdoğan, dessen Antisemitismus doch auch keine Meinung ist.
    Schöne Grüsse aus Hamburg
    Hardy Koch

  2. Und wieder eine Enttäuschung, es ist so bitter, wirklich bitter!

    Folgendes ist zwar keine Enttäuschung, da längst bekannt, aber trotzdem:

    Jüdische Allgemeine aktuell, Zitat der Woche – »Ehrlich gesagt: Ich glaubʼs gar nicht.«
    Der Publizist Jakob Augstein bestreitet in seinem Podcast, dass Deutschland ein großes Problem mit dem Antisemitismus hat.