„Gegen den Geist des Sozialismus“

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Anarchistische und kommunistische Kritik der Judenfeindschaft in der KPD zur Zeit der Weimarer Republik

–> Buchvorstellung mit Olaf Kistenmacher
Donnerstag, 7. Dezember 2023, 19 Uhr, online
(Zoom-Link: https://us06web.zoom.us/j/88664348128?pwd=alZJWDZFalJlK2FGclBUMW9BdklGUT09)

In diesem Jahr jährte sich das antisemitische Pogrom im Berliner Scheunenviertel vom 5. zum 7. November 1923 zum hundertsten Mal. Für das Pogrom werden gängigerweise völkische Agitatoren verantwortlich gemacht, die durch ihre Parolen die Wut der durch die fortschreitende Hyperinflation aufgebrachten Berliner Arbeiter und Erwerbslosen in antisemitische Gewalt übersetzen halfen. Der Historiker Dirk Walter vermutet allerdings, es hätte sich an dem Scheunenviertel-Pogrom »eher« das »Klientel der Linksparteien« als das Fußvolk völkischer Gruppierungen beteiligt.

Olaf Kistenmacher legt in seiner ideologiekritischen Untersuchung dar, weshalb ausgerechnet die KPD zumindest eine Mitschuld an den Ausschreitungen trägt. In der Krise von 1923 und besonders angesichts des Pogroms im Scheunenviertel zeigt sich nämlich, dass die KPD den Antisemitismus der Deutschen stets nur unzureichend wahrzunehmen vermochte. So gelang es den Funktionären der Partei nie, einen hinreichenden Begriff des Antisemitismus zu entwickeln, wodurch die Kommunisten sich theoretisch selbst entwaffneten und dem Nationalsozialismus darum auch in der Praxis letztlich nichts entgegensetzen konnten. Offiziell kritisierte die KPD den Antisemitismus zwar stets, doch in Wahrheit begriff sie ihn lediglich als taktisches Manöver der herrschenden Klasse, mit dem Ziel, das untergehende Kleinbürgertum sowie das Proletariat von den wahren Ursachen der gesellschaftlichen Misere abzulenken. Im schlimmsten Fall galt ihr der Antisemitismus jedoch als »Sozialismus der dummen Kerls« und damit als bloß fehlgeleitete revolutionäre Energie, die bloß umgeleitet und für die eigenen politischen Ziele nutzbar gemacht werden müsse. Das zeigt sich nicht nur an den verharmlosenden bis instrumentellen Stellungnahmen der KPD zum Pogrom im Scheunenviertel, sondern auch an Verlautbarungen der Partei zum Antisemitismus, die Kistenmacher für seine Analyse heranzieht. Bisweilen präsentierte sich die KPD sogar als nationale Partei im Kampf gegen Frankreich und als Dienerin des deutschen Volkes, was bis zur Lobpreisung des rechtsradikalen Untergrundkämpfers Leo Schlageter durch Karl Radek und zur Agitation gegen das »jüdische Kapital« führen sollte.

In der kommunistischen und anarchistischen Bewegung der Weimarer Republik traten aber auch entschiedene Kritiker dieses Kurses auf. Antisemitismus in der politischen Linken wurde nicht erst seit dem Sechstagekrieg 1967 kritisiert, als die westdeutsche Linke fast geschlossen eine antizionistische Feindschaft gegen den jüdischen Staat pflegte, oder nach 1945, unter dem Eindruck der Shoah. Die Kritik des Antisemitismus ist vielmehr so alt wie das Problem selbst. In der Weimarer Republik waren es ehemalige Gründungsmitglieder der KPD wie Franz Pfemfert oder Anarchosyndikalisten wie Rudolf Rocker, die die antisemitische Agitation während des Schlageter-Kurses kritisierten. Mitte der 1920er Jahre warnte Clara Zetkin auf dem Parteitag der KPD vor judenfeindlichen Stimmungen an der Basis. 1929 erschien im Zentralorgan der um Heinrich Brandler und August Thalheimer gebildeten KPD-Opposition eine der ersten radikalen Kritiken des Antizionismus der KPD. Mit ihrer Kritik knüpften die anarchistischen und kommunistischen Linken an Interventionen von Rosa Luxemburg oder Leo Trotzki an und reflektierten zugleich die Entwicklung in Russland nach der bolschewistischen Revolution. Marx’ Anspruch, alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch »ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen« ist, schloss für sie den Kampf gegen Antisemitismus auch in den eigenen Reihen mit ein. Ihre Kritik kam nicht nur Jahrzehnte vor der innerlinken Debatte über Antisemitismus von links, Luxemburg und Pfemfert nahmen auch Argumente der späteren antinationalen und antideutschen Linken vorweg.

Olaf Kistenmachers Untersuchung fasst das Vermächtnis dieser frühen und hellsichtigen Kritiker des Antisemitismus aus den Reihen der Linken zusammen, die jedoch immer eine Minderheit geblieben sind. Erinnert wird damit also auch an das Scheitern der kommunistischen Bewegung und des Antifaschismus im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts. So entwirft Kistenmacher ein Bild der politischen Stimmung in der Weimarer Republik am Vorabend des Nationalsozialismus.

Olaf Kistenmacher: »Gegen den Geist des Sozialismus«. Anarchistische und kommunistische Kritik der Judenfeindschaft in der KPD zur Zeit der Weimarer Republik. Ça-ira-Verlag, Freiburg/Wien 2023, 156 Seiten, 23 Euro, Bestellen?