Verteidigung und Verständigung als doppelte Notwendigkeit

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Angesichts der Massaker der Terrororganisation Hamas in Israel sowie ihrem Aufruf zur weltweiten Mobilisierung, die auch außerhalb Israels lebende Jüdinnen*Juden bedroht, bilden Solidarität und der Schutz jüdischen Lebens das Gebot der Stunde. Dabei ist eine Instrumentalisierung für eine islam- oder migrationsfeindliche Agenda abzulehnen, denn langfristig können nur interkulturelle und interreligiöse Verständigung zu echtem Frieden führen.

Von Thomas Tews

Israel

Verbunden mit der Gründung des Staates Israel vor 75 Jahren war das Versprechen der Schaffung eines sicheren Zufluchtsortes für Jüdinnen*Juden weltweit. Die Terrorpogrome der Hamas gegen die jüdische Zivilbevölkerung Israels am 7. Oktober, bei denen mehr jüdische Menschen an einem einzigen Tag ermordet wurden als je zuvor seit der Shoah, hat das Vertrauen in dieses Versprechen tief erschüttert. Es wiederherzustellen und sicherzustellen, dass die Hamas nie wieder einen solchen Terroranschlag auf jüdisches Leben in Israel verüben kann, wird keine leichte Aufgabe sein.

Einen Imperativ der Verteidigung bei existenzieller Bedrohung formulierte der deutsch-israelische jüdische Religionshistoriker Gershom Scholem (1897–1982) in einer am 18. Juni 1967, eine Woche nach dem Sechstagekrieg zwischen Israel und seinen arabischen Nachbarn, auf einer israelsolidarischen Kundgebung des Zürcher Schauspielhauses gehaltenen Rede: »In den Momenten der Krise und Bedrohung des Ganzen, wie wir sie nun mehrfach durchgemacht haben, bleibt uns keine Wahl. Wir müssen uns behaupten.«[1]

Zugleich betonte Scholem die Unverzichtbarkeit eines jüdisch-arabischen Dialoges: »Die jetzt in den arabischen Ländern das Wort führen, sind Gefangene ihrer eigenen blutrünstigen, radikalen, aber leeren Phraseologie. Wir sind überzeugt, daß es jenseits dieser Losungen des Hasses und der Vernichtung, die uns täglich zugeschleudert werden, auch noch andere Kräfte gibt. Sie zu aktivieren und eine Brücke zu ihnen zu schlagen, wird nicht leicht sein. Es zu versuchen, wird immer wieder unsere Aufgabe sein, denn wir glauben, daß wir miteinander nicht nur leben müssen, sondern auch leben wollen und leben können. […] Friede für Israel ist zugleich auch Friede mit den Arabern.«[2] Am Ende seiner Rede verlieh Scholem seiner Hoffnung, dass »Haß und Feindschaft sich einmal in Verständnis, Respekt und Freundschaft transformieren«[3] würden, Ausdruck.

Auch Hannah Arendt (1906–1975) unterstrich in einem 1948 auf Vorschlag des Präsidenten der Hebräischen Universität in Jerusalem, Judah Leon Magnes (1877–1948), geschriebenen und 1950 erstmals veröffentlichten Artikel die Notwendigkeit jüdisch-arabischer Verständigung: »Frieden im Nahen Osten ist unerlässlich für den Staat Israel, für das arabische Volk und für die westliche Welt. Anders als ein Waffenstillstand kann Frieden nicht von außen aufgezwungen werden, sondern nur Resultat von Verhandlungen, wechselseitigen Zugeständnissen und schließlichen Vereinbarungen zwischen Juden und Arabern sein.«[4]

An dieser Stelle sei daran erinnert, dass die erste gewählte und Anfang März 1949 von der Knesseth bestätigte Regierung Israels in ihrem ebenfalls von der Knesseth genehmigten Grundsatzprogramm neben dem »Schutz der Selbständigkeit und vollen Souveränität des Staates Israel« auch die »Bemühungen um ein jüdisch-arabisches Bündnis (wirtschaftliche, soziale, kulturelle und politische Zusammenarbeit mit den Nachbarländern)« zu »Grundsätzen« der »Außenpolitik Israels« erklärte[5], und das, obwohl der Staat Israel einen Tag nach seiner Ausrufung durch David Ben Gurion (1886–1973) am 14. Mai 1948 von den Armeen Ägyptens, Syriens, Jordaniens, des Libanon und des Irak mit dem Ziele seiner Vernichtung angegriffen worden war.

Der österreichisch-israelische jüdische Religionsphilosoph Martin Buber (1878–1965) erklärte in seinem 1965 in der englischsprachigen, der arabisch-jüdischen Verständigung gewidmeten israelischen Zeitschrift »New Outlook« erschienenen Beitrag »A Time to Try!« (»Es ist an der Zeit, einen Versuch zu machen!«), seinem letzten, vor seinem Tode am 13. Juni 1965 veröffentlichten Aufsatz, »daß es die Schicksalsfrage des Nahen Orients ist, ob eine Verständigung zwischen Israel und den arabischen Völkern zustande kommt, solange noch eine Möglichkeit dazu besteht«[6].

Europa

Die teils verstörenden Reaktionen muslimischer Vertreter bzw. Verbände in Deutschland auf den jüngsten Terrorangriff der Hamas nahm die Ethnologin und Leiterin des Frankfurter Forschungszentrums Globaler Islam (FFGI), Susanne Schröter, zum Anlass, in einem Gastkommentar für die Neue Zürcher Zeitung die gesamte »deutsche Islampolitik« für »gescheitert« zu erklären. Als Beispiel nannte sie den Unabhängigen Expertenkreis Muslimfeindlichkeit, der – »bestens ausgestattet« – in einem »skandalösen Bericht« Kritik »umstandlos als ›antimuslimischen Rassismus‹ denunziert« habe.[7] Dass in ebendiesem Bericht auf »eine unreflektierte Solidarität« mit den Palästinenser*innen »innerhalb des migrantisch-muslimischen Milieus«, die in der Vergangenheit »zu judenfeindlichen Vorfällen« geführt habe, hingewiesen wird[8], verschwieg Schröter.

Relativierungen der Terrororganisation Hamas sind beileibe kein ausschließlich muslimisches Phänomen. So zitierte beispielsweise der katholische Theologe Clemens Ronnefeldt, Referent für Friedensfragen beim deutschen Zweig des Internationalen Versöhnungsbundes, in einem in der ZivilCourage, dem Magazin der Deutschen Friedensgesellschaft – Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen (DFG-VK), erschienenen Beitrag zum Gaza-Krieg 2008/2009 eine hamasrelativierende Publikation: »In ihrer äußerst differenzierten Untersuchung weist die Autorin auf wenig bekannte Sachverhalte hin, die den Pauschalvorwürfen, die Hamas erkenne Israels Existenzrecht nicht an und wolle das Land zerstören, die Grundlage entziehen.«[9] Seinen Beitrag schloss Ronnefeldt mit einer Pathologisierung des jüdischen Staates: »Ein anderer Freund sagte mir: ›Wenn Israel kein Staat, sondern eine Person wäre, würde diese vermutlich von einem Psychologen umgehend in eine Klinik zur Heilung eingewiesen, damit sie andere und sich selbst nicht mehr länger gefährdet.‹«[10] Hat angesichts solcher Relativierung der Hamas und einseitigen Dämonisierung Israels irgendwer die gesamte Politik gegenüber dem Christentum (das für zwei Jahrtausende antijudaistischer Hetze und Pogrome verantwortlich zeichnet) für gescheitert erklärt?

Ein erschreckendes Beispiel für Hamasterrorrelativierung im linken oder linksextremen politischen Spektrum lieferte am 8. Oktober, einen Tag nach den Massakern der Hamas in Israel, der ehemalige griechische Finanzminister und Gründer der paneuropäische Bewegung DiEM25, Yanis Varoufakis: »Diejenigen, die sich sehr bemühen, Leuten wie mir, von DiEM25, eine Verurteilung des Angriffes der Hamas-Guerilla zu entlocken, werden sie nie bekommen. […] Jeder Mensch, der unter Apartheid lebt, stirbt irgendwann entweder einen schrecklichen, stillen Tod oder rebelliert und reißt oft unschuldige Menschen mit sich. Die Verbrecher sind hier nicht die Hamas.«[11] Weshalb haben diese unsäglichen Äußerungen nicht genauso viel Empörung wie die Äußerungen muslimischer Vertreter oder Verbände ausgelöst?

Auf der anderen Seite des politischen Spektrums nutzte der Vorsitzende der CDU-Fraktion im Landtag von Baden-Württemberg, Manuel Hagel, die widerwärtige öffentliche Zelebrierung des Hamasterrors auf Berliner Straßen für einen populistischen Rundumschlag zur deutschen Migrationspolitik: »Wir können und dürfen diese Art von Parallelgesellschaft nicht länger dulden. Viel zu lange schon waren wir hier unter dem wohlfeilen Hinweis auf eine vermeintliche Meinungsfreiheit zu blauäugig. […] Wir brauchen endlich einen 180-Grad-Kurswechsel in unserem Land – auch und gerade in der Migrationspolitik. Das Beispiel Dänemark zeigt uns, wie das in einem freiheitlichen Rechtsstaat funktionieren kann. Wir brauchen jetzt keine leeren Worte mehr, sondern den politischen Willen der Bundesregierung zum Umsteuern.«[12] Dänemark, wo es seit diesem Jahr möglich ist, Geflüchtete in Teile des Bürgerkriegslandes Syrien abzuschieben, als Vorbild?

Altneuland

In seinem 1902 erschienenen utopischen Roman »Altneuland« entwarf Theodor Herzl (1860–1904), der Begründer des Zionismus als politischer Bewegung, seine Vision einer pluralistischen Gesellschaft: »Ob einer im Tempel, in der Kirche, in der Moschee, im Kunstmuseum oder im philharmonischen Konzerte die Andacht suchte, die ihn mit dem Ewigen verbinden sollte, darum hatte sich die Gesellschaft nicht zu kümmern. Das machte jeder füglich mit sich selbst aus.«[13] Diese Vision eines friedlichen und toleranten Miteinanders sollte uns bei allen Bemühungen um interkulturelle und interreligiöse Verständigung als Leitbild dienen.

Bild oben: Israelsolidarische Kundgebung in Stuttgart am 9.10.2023, Foto: T. Tews

Quellen:

[1] Gershom Scholem: Rede über Israel, in: Ders.: Judaica 2. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1970, S. 47–54, hier S. 50.
[2] Ebd., S. 53.
[3] Ebd., S. 54.
[4] Hannah Arendt: Frieden oder Waffenstillstand im Nahen Osten? In: Dies.: Wir Juden. Schriften 1932 bis 1966. Zusammengestellt und hrsg. von Marie Luise Knott und Ursula Ludz. Piper, München 2021, S. 259–297, hier S. 259.
[5] David Ben Gurion: Wir und die Nachbarn. Gespräche mit arabischen Führern. Aus dem Hebräischen übertragen von Moshe Tavor. Wunderlich, Tübingen 1968, S. 431.
[6] Martin Buber: Es ist an der Zeit, einen Versuch zu machen! In: Ders.: Ein Land und zwei Völker. Zur jüdisch-arabischen Frage. Hrsg. und eingeleitet von Paul R. Mendes-Flohr. Insel, Frankfurt am Main 1983, S. 380–382, hier S. 380.
[7] Susanne Schröter: Nach dem Angriff der Hamas auf Israel zeigt sich: Die deutsche Islampolitik ist gescheitert, Neue Zürcher Zeitung, 12.10.2023, https://www.nzz.ch/meinung/hamas-israel-deutsche-islampolitik-ist-gescheitert-ld.1760176 (Zugriff 15.10.2023).
[8] Muslimfeindlichkeit – Eine deutsche Bilanz. Bericht des Unabhängigen Expertenkreises Muslimfeindlichkeit. Bundesministerium des Innern und für Heimat, Berlin 2023, S. 294, https://www.bmi.bund.de/SharedDocs/downloads/DE/publikationen/themen/heimat-integration/BMI23006-muslimfeindlichkeit.pdf;jsessionid=C12305EE71929023B6185B62E9035EF2.2_cid360?__blob=publicationFile&v=18 (Zugriff 15.10.2023).
[9] Clemens Ronnefeldt: Der Gaza-Krieg. Hintergründe jenseits von Kassam-Raketen, ZivilCourage Nr. 1/2009, Februar/März 2009, S. 10–15, hier S. 10.
[10] Ebd., S. 15.
[11] Yanis Varoufakis im Videointerview mit »red.«: »Those who try very hard to extract from people like me, from DiEM25, a condemnation of the attack by the Hamas guerillas will never get it. […] Any human being living under apartheid at some point will either die a terrible silent death or rebel and often take innocent people with them. The criminals here are not Hamas.« X (vormals Twitter), 08.10.2023, https://twitter.com/redstreamnet/status/1711025426867380254 (Zugriff 15.10.2023).
[12] Manuel Hagel: Krieg und Terror sind keine Meinung, die es zu schützen gilt, Facebook, 08.10.2023, https://www.facebook.com/manuel.hagel/posts/pfbid02Nd5VzCbaPaDjnaHRfu1AetKBXGMzNMDjEbexq3Zds5ggKBt23BPkZRdZ8q9P7vHal (Zugriff 15.10.2023).
[13] Theodor Herzl: Altneuland. Ein utopischer Roman. Bearb. und hrsg. von Andrea Livnat. 2. überarb. Aufl. HaGalil 2023, S. 220.