Der Schabbattisch der Entführten

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Es dämmert in Berlin. Es ist Freitag gegen Abend, gleich wird der Schabbat beginnen. In den Familien werden die Schabbatkerzen aufgestellt und angezündet, ein Schabbat Schalom gesprochen. Ein vertrauter Familienabend soll der Schabbatabend sein. Familien treffen sich, Alte und Junge, speisen miteinander und freuen sich beieinander am großen Tisch zusammen sein zu können, den Abend voll Freude und feinen Speisen genießen zu können.

Von Christel Wollmann-Fiedler

Dieser Schabbattisch in der Fasanenstraße in Berlin-Charlottenburg mit weißem Leinen und Porzellan gedeckt, ist ein schrecklicher, ein kaum auszuhaltender, ein entsetzlich trauriger, den es so noch nie gegeben hat. 220 Biographien mit Fotos sind an der Rücklehne eines jeden Stuhls angebracht, für jede verschleppte Geisel in den Gazastreifen ist gedeckt. Die fröhlichen Menschen auf den Fotos schauen uns an. Sehr alte Menschen und gar kleinste Kinder sind von den Terroristen der Hamas nach Gaza verschleppt worden. Für die Jüngsten sind Kinderstühlchen und Nuckelfläschchen aufgestellt worden. Zum Weinen,  kaum zu erklären, nicht zu verstehen geschieht am 7. Oktober 2023 in Israel dieser mörderische Anschlag der Hamas auf unschuldige Bürger Israels. Auch 1400 Menschen werden in kürzester Zeit von der Hamas im Land Israel kaltblütig ermordet. Der größte Massenmord an den jüdischen Menschen seit der Schoah.

Wie werden die Familien in Israel diesen Schabbat verbringen? Hohe Trauer umgibt sie, denen ein Angehöriger gewalttätig genommen wurde, den anderen, deren Angehörige oder Freunde als Geiseln nach Gaza verschleppt wurden, werden von der Hoffnung verzehrt. Leben die Angehörigen noch, wann werden sie freigelassen und mit gebrochenem Herzen nach Hause kommen?

Leise schluchzende Menschen mit Tränen in den Augen laufen um den Tisch herum, der auf der Straße vor dem Jüdischen Gemeindehaus, der früheren Synagoge, aufgestellt ist, um die Biographien der Geiseln, die mit grausamen Ängsten in Gaza zubringen, lesen zu können. 

Tal Koch der begnadete Tenor und Komponist singt hebräische Lieder, am Ende der Gedenkveranstaltung liest er zusammen mit der Schauspielerin Neta Riskin Biographien der nach Gaza verschleppten Menschen vor. Auf dem Podium treffen sich sehr spontan Politiker des Bundes und der Stadt Berlin, unter ihnen ist die Vizepräsidentin des Bundestages und der Gesandte der Israelischen Botschaft in Berlin, auch die Generalsuperintendentin der Evangelischen Kirche. Sie alle und wir alle versichern unsere Solidarität mit dem Land Israel, dem jüdischen Volk weltweit. Dr. Gideon Joffe der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde spricht die einleitenden Worte, spricht ebenfalls über Solidarität mit dem Land Israel und seinen Bewohnern, der Gemeinderabbiner Jonah Sievers erteilt den Schabbatsegen.

Gesprochen wird am Mikrofon über den Kampf gegen den Antisemitismus und für die Demokratie, wofür wir uns alle einsetzen müssen, jeden Tag erneut. Gegen sämtliche Hetze werden wir angehen und Jüdinnen und Juden in unserem Land, in unserer Stadt, schützen. Die Berliner Polizei ist seit Jahren Tag und Nacht für den Schutz unterwegs.

Schabbat Schalom ist oft zu hören, mal leiser und mal lauter.

Alle Fotos: C. Wollmann-Fiedler