Schabbat im Herzen

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Sehnsucht nach Zugehörigkeit

Von Karsten Troyke

Der Lichtig-Verlag. Nea Weissberg: Sie hat es wieder getan! Ist mitten hinein gegangen in die Fragen der Zeit und sie hat auch wieder Menschen aus dem (vor allem jüdischen) Umfeld befragt, was sie denken, assoziieren, befürchten oder wünschen. Wie schon in den Büchern „Der dumme Fuss will mich nach Deutschland tragen“ (1992), „Jetzt Wohin“ (1993), „Als man Juden alles, sogar das Leben raubte“ (1996), „Was ich den Juden schon immer sagen wollte“ (2002), „Beidseits von Auschwitz“ (2015) und „Halle ist überall“ (2020). Das letztere verarbeitet den Schock, den viele, vor allem jüdische Deutsche in diesem Land hier erlitten, als ein Mann versuchte die Beter an Jom Kippur, dem höchsten jüdischen Feiertag, in einer Synagoge in Halle zu erschießen. Auf einmal schien es möglich, dass all das Schreckliche der Vergangenheit des letzten Jahrhunderts in Deutschland wiederkehrt. Ob man das politisch so sagen kann, sollen andere einschätzen, hier sind die Meinungen direkt und indirekt Betroffener gefragt, auch die Gefühle und persönlichen Erlebnisse. Stimmen aus unserer Mitte, die man in den offiziellen Sonntagsreden so nicht hören kann. Und viele leben eigentlich gern in Deutschland, die Gesetze verbieten Verfolgung und Diffamierung, betonen Meinungsfreiheit und Religionsfreiheit, die alten Definitionen von Rassen oder gar Wertigkeiten von Menschen gehören der Vergangenheit an, Geschichte wiederholt sich nicht. So der politische Rahmen und die demokratische Tradition. Doch Ängste bleiben – mit den Familienerinnerungen – und in den letzten 3 Jahren werden doch immer einmal wieder „die Juden“ beschuldigt, an Verwerfungen in der Politik mindestens einen Anteil zu haben.

Für Juden und Jüdinnen kommt immer wieder die Frage auf: was genau ist das, jüdisch sein heute und hier? So folgt nun das nächste Buch dieser eigentlich ungeplanten Reihe: „Schabbat im Herzen“. Der Untertitel: Sehnsucht nach Zugehörigkeit. Ein Herz ist auf dem Cover abgebildet, mit zwei Leuchtern. Einer nur hat eine Kerze, die brennt. Und das Herz hat einen Riss. Es ist also eine Liebe zum Jüdischsein, die schmerzt: „…Wir entsprangen einer Seele, einer Familie, einem Schtetl, Jiddischkeit, Traditionen, vernichtet bis auf den Grund. Damals“, schreibt die Schriftstellerin und Dichterin Halina Birenbaum, die als Kind den Mord am jüdischen Volk überlebte, in ihrem Gedicht „Tante Esther“, das im Buch als Schlusswort abgedruckt ist.

Im Vorwort heißt es: die Befragten sind religiös oder areligiös, traditionsbewusst oder ganz losgelöst davon, einige sehen sich der jüdischen Nation zugehörig, andere nennen es: Teil einer historischen Kontinuität. Und, nicht zuletzt, Juden in Deutschland sind nicht nur deutsch, sondern russisch oder ukrainisch, israelisch, polnisch, amerikanisch, englisch und mehr – die einen von den Eltern oder Großeltern her, andere mit „Migrationshintergrund“ – ein wirklich sehr deutsches Wort – und man muss auch bedenken, dass deutsch-jüdische Familien nach 1945 aus dem Exil zurückkamen, mit ihren dort geborenen Kindern. Im Buch z.B. Alexandra Jacobson.

Es ist also sehr spannend und wer ernsthaft erfahren will, was es heute bedeutet, Jude zu sein, kann in diesen 18 Beiträgen und Interviews mehr erfahren, als mancher lange Aufsatz von Kostümjuden in den großen Zeitungen in Deutschland behauptet. Zumal die beliebten „jüdischen“ Zeugen oft so viel Platz in den Medien bekommen, weil sie Israel so herzlich ablehnen. Die Berichterstattung über diese Zufluchtsstätte steht ja im krassen Gegensatz zu dem von Kanzlerin Merkel 2008 verkündeten Satz: „Diese historische Verantwortung Deutschlands ist Teil der Staatsräson meines Landes. Das heißt, die Sicherheit Israels ist für mich als deutsche Bundeskanzlerin niemals verhandelbar.“

Wieder so eine Sonntagsrede, wie viele Juden empfinden. Denn angesichts der heutigen Proteste gegen die Regierungspolitik innerhalb Israels sei sichtbar, „dass sich ‚Israelkritiker‘ ins Fäustchen lachen und Journalisten in Untergangsfantasien zu Israel schwelgen“ – schreibt Maya Zehden, u.a. Vorsitzende der Deutsch-Israelischen Gesellschaft Berlin Brandenburg, im Buch. Und: „Wir sind besorgt, weil es für uns im schlimmsten Fall keinen anderen sicheren Hafen gibt als Israel. Deshalb hoffen wir mit aller Macht, dass Israel demokratisch und jüdisch bleibt. Sonst hätten wir ein Problem dort zu leben.“ Nea Weissberg schreibt dazu: „Die rabbinische Tradition sagt, dass das seinerzeitige Ende der jüdischen Souveränität ein Stück weit auch auf interne Streitigkeiten wie auf Angriffe von außen auszulegen ist.“

Demokratische Ideale müssen immer wieder neu errungen werden, das erfährt die „westliche Welt“ gerade überall.

„Wenn es acht Milliarden Menschen auf der Welt gibt, sind die Juden ein sehr kleiner Teil der Weltbevölkerung, etwa nur 0,2 Prozent. Nichtsdestotrotz gibt es uns ununterbrochen als jüdisches Volk seit 3.335 Jahren. Was ist unser Geheimnis?“ fragt Rabbiner Yehuda Teichtal, geboren einst in Brooklyn. Und er gibt die Antwort: „Unser Geheimnis ist klipp und klar die Tora und die jüdische Tradition. Die Tora und unsere darauf basierende Philosophie haben das Ziel, die Welt durch wohltätiges Handeln zu verbessern.“ Und das verbindet die Protagonisten dieses Buches. Prof. Karl Erich Grözinger z.B. konnte sich nie entschließen zu konvertieren und schreibt: „Ich bin dann auf meine Weise ins Judentum eingetreten, als jemand, der die Literatur und das Brauchtum kennt und in der Familie lebt, und alles aus jüdischer Perspektive betrachtet…“ Und setzt später hinzu: „Ich wollte nicht den oft gewählten bequemen Weg von der Täterseite auf die Opferseite gehen. Ich habe mir dann auch gesagt, die Juden, religiöse wie säkulare, müssen mit einer Person wie mir zurechtkommen, die ja ihre Weltanschauung teilt.“ Ich denke, auch er spricht von gutem wohltätigem Handeln.

Wieder andere Hintergründe, sozusagen pendelnd von orthodox bis ganz liberal erfährt man in den Beiträgen von Toby Axelrod, Walter Rothschild, Ulrike Offenberg u.a., Gabriel Berger und Herbert Lappe erinnern sich an die DDR, andere kamen aus der Sowjetunion und sind heute sehr froh, in Deutschland zu leben. Ich kann an dieser Stelle nicht alle Beiträge aufzählen und würdigen; jeder einzelne lohnt sich zu lesen. Und eines wird deutlich: Dieses Buch kann auch Mut machen, es betont das Positive im jüdischen Leben, wie auch immer dieses Leben gestaltet oder definiert wird. Und das Wichtigste kommt ständig vor: Mizwa, die gute Tat.

Nea Weissberg & Alexandra Jacobson (Hrsg.): Schabbat im Herzen. Sehnsucht nach Zugehörigkeit, Lichtig-Verlag, Berlin 2023, 167 S., Euro 20,00, Bestellen?

Inhalt und Vorwort als Leseprobe