Leopold Selig Leb Schick (1816 – 1882)

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Der vergessene jüdische Wissenschaftler und engagierte Reformer aus Pressburg während des Liberalismus’

Von Juraj Schick, Zürich

Es gibt die resignative Aussage, dass die Geschichte durch die Sieger geschrieben wird. Sie kann in einer einfacheren Form, als Legende geschrieben werden. In ihr werden dann die Ereignisse geradlinig als Folge von logischen, kausalen Schritten, geradezu teleologisch beschrieben. Geschehen oder Akteure, die stören, werden ignoriert. Aber die Geschichte entsteht selbstverständlich als ein Kontinuum von sich wechselseitig beeinflussenden Einzelereignissen, als Resultante von Kräftepolynomen bei konkreten Konstellationen, als Kampf unterschiedlicher Interessen und ist voll von Widersprüchen und Zufällen. Auch in einer solchen Betrachtungsweise werden manche Ereignisse und deren Protagonisten verschwiegen, insbesondere dann, wenn sie das angestrebte Selbstbildnis der Sieger stören. Dieses Schicksal traf auch Leopold Schick, einen religiös und sozial engagierten Reformer, den geistlichen Führer der jüdischen neologischen Bewegung in Presporok (Pressburg, Pozsony, Bratislava), einer Stadt, derer jüdische Gemeinde durch streng konservative Religionsauslegung und Führung gekennzeichnet war. Er sah die Widersprüche zwischen der wirtschaftlichen Entwicklung, mangelnder politischer Repräsentation und geistig-religiösen Rückständigkeit. Er wurde aktiv, reüssierte aber in seinem kleinbürgerlich geprägtem Milieu nicht. Ganz im Gegenteil, er erntete Unverständnis bis Hass und wurde in seinem beruflichen Fortkommen behindert.

Moses Schreiber-Sofer, Lithographie von Josef Kriehuber, um 1830

1835 lebten in Presporok, in einer Stadt mit etwa 35.000 Einwohnern, rund 3.000 Juden; es war die drittgrösste jüdische Gemeinde in Ungarn nach Óbuda und Pest. Die durch die Gemeinde engagierten Rabbiner gehörten alle zur ersten Reihe der Talmudgelehrten des 18. Jahrhunderts und Jeshiwot, die sie unterhielten, konkurrierten mit den wichtigsten Akademien der damaligen Zeit. Dennoch, es war die Amtszeit von Rabbi Mosheh Sofer (Schreiber; besser bekannt als Chatam Sofer) aus Frankfurt von 1806 bis 1839, die den eigentlichen Ruhm der Gemeinde begründete. 1806 wurde er zum Rabbiner von Presporok ernannt, wo er für den Rest seines Lebens blieb. Mit einer Studentenschaft von zeitweise 400 gab es weder in Ungarn noch anderswo in Europa eine vergleichbare Jeschiwa. Während seines 33-jährigen Aufenthalts in Presporok, mit harter Hand geführt, begründete Chatam Sofer seinen Ruf als führender Vertreter des orthodoxen Judentums im Kampf gegen das aufkommende Reformjudentum. Als führender Ideologe der kompromisslosen Orthodoxie erfüllte Chatam Sofer seine Schüler mit einer konservativen Ideologie, die in seinem Motto „Chadasch asur min haTorah“ zusammengefasst ist. („Neues ist von der Torah verboten“) [i] Als erbitterter Gegner weltlicher Aufklärung und jeglichen religiösen Reformbestrebungen hielt er bis zu seinem Tode unbeirrt an seiner erzkonservativen Haltung fest. Es war gerade Chatam Sofer, der mit seinen Obstruktionen die Harmonie der Gemeinschaft zerstörte. [ii]

Vom Lieblingsschüler zum Textilkaufmann

Aus einfachen Verhältnissen kommend – sein Vater wer ein Kleinhändler und später Talmudlehrer – trat Selig Leb Schick mit 12 Jahren in die Jeshiwa von Chatam Sofer ein. Schon früh nahm er mit Brillanz an theologischen Debatten teil und gewann somit nicht nur Anerkennung, sondern auch die Zuneigung von Chatam Sofer. Leopold Schick genügte die Suche im unendlichen „Meer des Talmuds“ nicht, er wollte – trotz strengstem Verbot – auch die verbotene Frucht der weltlichen Bildung kosten. Im kleinräumigen Pressburg konnten seine Besuche von säkularen Einrichtungen nicht verborgen bleiben. Die Zuträger informierten Chatam Sofer über das Vergehen seines Lieblingsschülers, der daraufhin vor die Jeshiwa-Leitung zitiert wurde. Doch nicht nur verzieh ihm sein oberster Lehrer dieses Vergehen, er ermunterte ihn sogar zum weiteren Studium der weltlichen Fächer. Doch dies sollte sich später als fatal für seine Karriere als Rabbiner erweisen, als die Leitung der Jüdischen Gemeinde in die Hände von Avraham Shemu’el Binyamin (bekannt als Chatam Sofer d. Ä.; 1839–1871), dem Nachfolger von Chatam Sofer, fiel. [iii]

Mit seinen Publikationen über Aspekte der orthodoxen und liberalen jüdischen Wissenschaft, die sich nicht nur durch tiefe Kenntnis der Materie, sondern auch durch moderne deutsche Sprache auszeichneten, erntet Leopold Schick insbesondere im Ausland große Anerkennung. 1839, als 23-Jähriger, wird er in Nachfolge seines Schwagers, Jakob Pollak, zum Rabbiner von Sered gewählt. Und auf dem Horizont zeichnet sich bereits ein weiterer, bedeutender Karriereschritt auf– die Prager Gemeinde, durch seine wissenschaftliche Tätigkeit beeindruckt, erwägt seine Berufung. Doch Chatam Sofer d. Ä. weigert sich, die dazu notwendige schriftliche Empfehlung auszustellen. Nicht nur, dass die Prager Gemeinde auf die Berufung verzichten muss, auch auf seine Stellung als Rabbiner von Sered wirkt sich das sehr ungünstig aus, zumal Rabbi Schick keinen Hehl aus seinen Sympathien zum ungarischen Nationalführer Lajos Kossuth und seinen Freiheitsgedanken macht. Sein progressiver Geist verträgt sich nicht mit dem engen Horizont der jüdischen Gemeinde einer Provinzstadt – und so kehrt er zurück nach Presporok und wählt den freien Beruf des Textilkaufmanns. In nächstem Schritt eröffnete er einen Kleinbetrieb in Fünfhaus bei Wien.

Die Liberalisierung sowohl in der Stadt als auch in der Jüdisch-Orthodoxen Gemeinde von Presporok gehen inzwischen weiter. Viele jüdische Kinder wechselten seit den 1840er Jahren auf die Gymnasien über, so dass neben dem Wirtschaftsbürgertum im 19. Jahrhundert auch ein jüdisches Bildungsbürgertum entstand, aus dem, nicht nur in Berlin und Wien, sondern teilweise auch in Presporok bedeutende Kulturschaffende hervorgingen. Nicht zu übersehen ist aber auch das Verharren vieler jüdischer Gemeinden in der solidarisierenden Tradition und damit das fehlende Interesse an einer Öffnung zur christlichen Gesellschaft.

Bis 1840 war es den Juden Presporoks nur erlaubt, im Ghetto in der Judengasse zu wohnen. Diese Straße besaß zwei Tore, die nachts von Stadtwächtern geschlossen wurden. Doch mit der Erlangung der Residenzfreiheit wurde die Wohnbeschränkung aufgehoben, was dann wohlhabende jüdische Familien veranlasste, in andere Stadtteile von Presporok zu ziehen. In der Jüdischen Gemeinde wiederum weihte 1842 eine Opposition von etwa 60 Mitgliedern unter Führung von Leon Biach ein sich außerhalb der Mauern des ehemaligen Ghettos befindendes „jüdisches Casino“ ein, das unter der Schirmherrschaft wohlhabender Wiener-Presporkischen Familien, insbesondere der Biedermanns und Todescos, stand und in dem auch eine für alle, unabhängig von der religiösen Ausrichtung der Schüler, zugängliche Grundschule untergebracht war.

„Sie sind gestorben, damit für uns ein neues Leben beginne!“

Nachdem im Februar 1848 in Paris Unruhen ausgebrochen sind, der König Louis Philippe abdankte und nach London geflüchtet ist, erfasste im März 1848 die Revolution auch Wien. Die jüdischen Intellektuelle standen hier beim Kampf für Freiheit und Bürgerrechte an vorderster Front. Robert S. Wistrich schreibt in seinem Werk „Die Juden Wiens im Zeitalter Kaiser Franz Josephs“: „Obwohl es im Revolutionsjahr 1848 noch keine geeinte jüdische Gemeinde in Wien (oder in ganz Österreich) gab, waren nun immer mehr Angehörige dieser Generation, die sich gegen Metternich auflehnte, bereit, sich offen für die Ideale von Freiheit und Gleichheit einzusetzen. Die meisten dieser jungen Männer waren aus der Provinz nach Wien gekommen und hatten in der habsburgischen Hauptstadt unter sehr schwierigen materiellen Bedingungen studiert.“ Laut Wistrich sollten diese jungen, sich in den Mitte März gegründeten Studentenkomitees organisierten Juden auch im weiteren Verlauf der politischen Kämpfe um Demokratie und Freiheit eine erhebliche Rolle spielen.

Als am 13. März die Abdankung Metternichs gefordert wurde, gab der Stadtkommandant, Erzherzog Albrecht, gegen Mittag das Schießbefehl: Bei der Demonstration rund um das Landhaus starben fünf Menschen, mehr als 500 wurden verletzt. Der erste Tote war dabei der jüdische Technikstudent Karl Heinrich Spitzer. Das war der Initialereignis zur Revolution, die unter der Beteiligung der Akademischen Legion, in Österreich ausbrach. Studenten der Uni Wien und des Polytechnischen Instituts Wien schlossen sich am 13./14. März 1848 zusammen. Am Abend des 13. März 1848 trat der inzwischen 74-jährige Staatskanzler Fürst Metternich zurück und floh nach England.

Isaak Mannheimer, Lithographie von Eduard Kaiser, 1858

Die revolutionären Juden sahen sich vor allem als Kämpfer für die allgemeine Freiheit und weniger für ihre eigenen jüdischen Anliegen. „Kein einziges Wort über jüdische Emanzipation“, argumentierte wiederholt Isaak Mannheimer [iv], der liberale Reformator und Rabbiner in Wien, „außer es wird von anderen in unserem Interesse ausgesprochen.“ Die Juden hätten lange genug „auf den Knien und mit erhobenen Händen“ um ihre Rechte gebettelt, nun müssten sie unter der Prämisse handeln, dass „zuerst der Mensch, der Bürger, kommt und dann erst der Jude. Niemandem soll Gelegenheit gegeben werden, uns vorzuwerfen, dass wir immer zuerst an uns selbst denken.“ Die kollektive Begeisterung zu Beginn Revolution machte es möglich, dass Rabbiner Mannheimer mit katholischen und protestantischen Geistlichen an einem Gemeinschaftsgrab standen, um die Gefallenen der Märztage zu ehren. Doch bald nahmen die Spannungen zu. In Wiens Armenvierteln wurde der Ruf laut: „Schlagt die Juden tot!“, begleitet von einzelnen Gewalttaten. Die revolutionären – und leider auch die antisemitischen Exzesse – breiteten sich im März 1848 in der ganzen Monarchie, so auch nach Presporok, aus.

Leopold Schick hat sich von Anfang an auf die Seite der Aufständischen gestellt. Am 17. März, vier Tage nach den tödlichen Schüssen auf die studentischen Demonstranten, veröffentlichte er in Wien ein Flugblatt mit dem Titel „Am Grabe der für das Vaterland und die Freiheit Gefallenen“[v], in dem er über die, „die für Wahrheit und das Recht, … und das gesamte österreichische Vaterland“ gestorben sind, trauert und festhält: „Sie sind gestorben, damit für uns ein neues Leben beginne!“. Das Flugblatt, auf das noch mindestens zwei weitere folgen werden, endet mit dem Versprechen, „… daß ich, sobald das zu erwartende Preßegesetz erschienen sein wird, eine Wochenschrift herauszugeben gedenke.“

Auch wenn sein Lebensmittelpunkt sicherlich in Presporok lag, fühlte er sich stark mit Wien verbunden – in Fünfhaus bei Wien, heute der nördliche und östliche Bezirksteil des 15. Wiener Gemeindebezirkes Rudolfsheim-Fünfhaus, befand sich auch sein auf Textilverarbeitung spezialisierter Produktionsbetrieb. Möglicherweise aufgeschreckt durch die Exzesse der Revolte in Wien, die sich in der Zerstörungswut „des Pöbels, der Canaille oder eben des Proletariats“, wie die gängigen Bezeichnungen der unterbürgerlichen Schichten in den zeitgenössischen Schriften lauteten, veröffentlichte Schick am 5. April 1848 ein weiteres Flugblatt, das den Titel „An meine Brüder Arbeiter!“[vi] trägt und in dem er versuchte, die aufgewühlte Stimmung zu glätten. Als einer, der die Arbeiter, unter denen er „15 Jahre gelebt hat“, kennt und achtet er „das arbeitende Volk“ und auch, „was diese braven und gutgesinnten Arbeiter jetzt (wollen).“ Sein Optimismus ist schier unendlich, und er wendet sich an seine Leser, die – mit Anspielung an den soeben abgesetzten Kanzler Metternich – doch wissen, dass der „gute Kaiser Seine und unsere Feinde verjagt, und wahre und aufrichtige Freunde des Volkes an seinen Thron berufen hat, und die ärmern Klassen werden nun in geordnetere bessere Verhältnisse treten; …“ Es braucht aber Zeit, appelliert er an die Arbeiterschaft: „Freunde, Brüder, bringt die Ordnung zurück, entfernt jeden Haß, verabschiedet jeden Groll, und behaltet nichts als die Liebe in Eurem Herzen …“ Er unterschreibt das Flugblatt erstmalig als „Nationalgardist, 3. Comp., Schottenviertel“.

Als Mitunterzeichner und als einer, der die Aussagen des Flugblattes voll trägt tritt Johann II. Ludwig Freiherr von Dercsényi, auf, Jurist und Volkswirtschaftler, bekannt insbesondere für sein Werk „Studien über ein humanes Gegenmittel für den Communismus (Pesth 1846)“, worin er ein eigenes später in der Literatur nach ihm benanntes „System der Volkswirthschaft, des Volksunterrichtes und des politischen Volkslebens“ aufstellt. Er unterzeichnet das Flugblatt als „Hofrath Baron Dercsenyi, Hauptmann der obenbezeichneten Nationalgarde – Compagnie.“

Auch in seinem nächsten Flugblatt, betitelt „Brüder Arbeiter! Habt acht! Nr. 2″[vii] vom April 1848 schlägt er moderate Töne an.  In ihm wirbt er für sich als den künftigen Herausgeber einer die Interessen der Arbeiterschaft kämpfenden Schrift und beginnt mit der Aussage, dass das vorangegangene Flugblatt bereits 28000-Mal verkauft worden ist. Aber das sei zu wenig: 26 Millionen Leser möchte er haben, die gesamte Einwohnerschaft der Monarchie! Nicht ganz unbescheiden schreibt er: „Ich will Euch Alles erklären, aber nehmt Euch zusammen und gebt acht!“ Er schreibt drüber, dass das Volk in zweierlei Klassen eingeteilt worden ist, in die sich aber „Verderber und Verführer“ drängen und dass das Volk endlich begreifen muss, dass „wir alle einen Verband bilden“ und deshalb die Aufrechterhaltung der Ordnung und Ruhe wichtig ist, und insbesondere der Schutz den „Fabriken und Maschinen Oestereichs“ gewährleisten werden muss, „die mit den größten Fabriksstaaten Europa’s, mit Frankreich , mit England, mit Sachsen u. s. w. zu konkurriren“ haben.

Die Lage in Presporok

In Presporok, wo in diesen Tagen der ungarische Landtag tagte, war die Situation besonders komplex. Bereits am 3. März hielt hier Lajos Kossuth seine berühmte Rede, in der er wesentliche Finanz- und Wirtschafreformen, politische Rechte für Bürger und Bauern usw. verlangte, die insbesondere auf die Bedürfnisse der ungarisch-sprachigen Mehrheitsgesellschaft ausgerichtet waren. Auf der anderen Seite formulierte der im Landtag auftretende slowakische Nationalführer Ludovit Stur ein nationales und politisches Programm, das die Beseitigung der feudalen Herrschaftsverhältnisse und die politischen Rechte für alle Nationalitäten im Ungaren verlangte.

Nachdem es am 15. März nach Paris, Prag und Wien auch in Pest zu Revolten gekommen war, unterzeichnete der Kaiser von Österreich am 11. April in Presporok die von Lajos Kossuth entworfenen und vom ungarischen Landtag hier verabschiedeten sogenannten Märzgesetze. Schon in den ersten Tagen der Revolution 1848 forderte Adolf Neustadt, der Redakteur der deutschsprachigen Lokalzeitung, der Pressburger Zeitung, die Kasinomitglieder auf, einen Putsch durchzuführen und die kommunale Führung zu übernehmen (aus: „Jews in Eastern Europe, Bratislava“). Die ängstliche jüdisch-orthodoxe Gemeindeführung gab jedoch eine öffentliche Erklärung heraus, in der sie sich von diesen Schritten distanzierte, um die empörte Bürgerschaft zu beruhigen. Die Bürger der Stadt interpretierten die Revolution als Freiheit, den Judenhass frei auszudrücken und nutzten die Gelegenheit, um das „Unrecht“ wiedergutzumachen, das durch die „jüdische Expansion“ über die Ghettomauern hinaus geschaffen wurde. Aus Angst, dass der Landtag die jüdische Emanzipation gutheißen würde, forderten die Bürger, dass die Juden entwaffnet und aus der Nationalgarde ausgeschlossen würden. Am 23. April, dem Ostersonntag, der kalendarisch mit den jüdischen Pesach-Feiertagen zusammenfiel, begannen dann antijüdischen Ausschreitungen und Exzesse in Presporok. Das vor den Toren des Ghettos gelegene Todesco-Haus wurde Stein für Stein auseinandergenommen, und auch die Gemeinde als Ganzes erlitt große Sachschäden. Verluste an jüdischem Leben gab es aber nicht.

Antijüdische Ausschreitungen in Presporok 1848, zeitgenössische Lithographie

In schneller Reaktion auf die Exzesse in Presporok erscheint als Beilage zu der Wiener Zeitschrift „Der Humorist“ in der gleichen Woche eine Schrift von Leopold Schick, in der er unter dem ironischen Titel „Die jüngste Pressburger Judenverfolgung“[viii], differenziert auf die erworbenen Freiheiten der Juden insbesondere im Wirtschaftsleben Bezug nimmt und die Gefahr des Antisemitismus beschreibt. Mit Hinblick auf den Inhalt und den Ton des Schriftstücks, aber auch auf die Vorlaufzeit zwischen dem Einreichen des Manuskripts und dem Erscheinen als Druck muss man annehmen, dass die Schrift noch vor dem Erscheinen mindestens eines Teiles der oben beschriebenen Flugblätter eingereicht worden ist.

Mit möglicherweise zu viel Begeisterung beschreibt er darin seine positiven Erfahrungen als Geschäftsmann im Verkehr mit seinen christlichen Geschäftspartnern am Beispiel des Empfanges, den Graf Esterhazy zu Szered anlässlich einer Bahneröffnung gegeben hat und an dem er mit seinen Freunden, „den Repräsentanten der Wiener Aktionäre“, nach einem Toast des Gastgebers, „von der ganzen anwesenden Gesellschaft mit einem stürmischen donnernden Éljen“ („Hurrah“) begrüsst wurde. Es entgeht ihm, dass der so manifestierte Philosemitismus eher auf die Kohärenz der Geschäftsinteressen aller Versammelten zurückzuführen sein könnte. Er beklagt die allgemeine Furcht vor dem Antisemitismus’ in Presporok („Es ist mir ganz unbegreiflich wie die Juden heute noch immer an dem alten Teige kneten können!“) und behauptet, dass die Judenunterdrückung „gewöhnlich bis zu ihrem Ghetto“ reicht und „… (der Druck der Christen) bei den trennenden Schranken“ aufhört. Und mit Blick auf seine lange in die Vergangenheit reichende gespannte Beziehung mit dem orthodoxen Teil der jüdischen Gemeinde von Presporok nennt er einen Aspekt, der „nicht minder lästiger beginnt; der Druck des jüdischen Obskurantismus!“. Er verniedlicht die durch die Ausschreitungen angerichteten Schäden und beklagt das Echo, das die Unruhen im Ausland hervorriefen. Den Judenhass in Presporok gibt er zu. Er nennt aber auch dessen Ursachen: das „fluchwürdige System“, das die Gesellschaft spaltet und „die Bürger selbst sich in Klassen theilen und gegen einander Groll hegen — wahrlich!“ Und stellt fest, dass es „unmöglich ist, dass ein, Jahrhunderte lang genährtes Vorurtheil sich plötzlich in Enthusiasmus und Liebe umwandle“. Leopold Schick möchte die Situation auch in seinem Sinn, im Kampf gegen das orthodoxe Judentum nutzen und macht weitsichtig die Bürger von Presporok darauf aufmerksam, was die Konsequenzen des Antisemitismus’ sein kann: „Ihr drängt die Juden in ihre Gassen zurück, und es gibt Juden, denen das recht ist, denn dadurch haben sie die andern besser in ihren Klauen und viele ihrer verfaulten Häuser steigen dadurch im Werth. Ihr aber meine lieben Freunde und Brüder, habt dadurch keinen Vortheil, denn die bessergesinnten und wohl-habenden Juden verlassen Preßburch und nur die ärmsten werden endlich dort bleiben, und das kann wahrlich Euer Vortheil nicht sein“.

Mit seinen freimutigen Aussagen, die klar gegen die konservative jüdisch-orthodoxe Gemeinde von Presporok gerichtet war, wurde Leopold Schick definitiv zum Hassobjekt. Ein Sohn des berühmten Rabbiner aus Trebic, Ch. J. Pollak, der später, 1849, die Jeschiwa des Rabbi Sofar in Presporok besuchte, schickte seinem Vater interessante Berichte über die Zustände. Er rühmte zwar Leopold Selig Leb Schick als jüdischen Wissenschaftler, erwähnt aber, „dass man ihn gewarnt hätte, sich nicht mit Selig Leb Schick zu befreunden, da dieser von der Polizei wegen seiner freiheitlichen Gesinnung beobachtet werde“ (Publiziert von Dr. B. Wachstein, Nachruf auf Leopold Schick).

Die Zeitschrift Judaica vom August – September 1935 berichtet, dass man im Archiv der Jüdisch-Orthodoxen Gemeinde von Presporok einen in hebräischer Sprache gedruckten Aufruf (Kol-Koré) – unverkennbar im Stil von Leopold Schick formuliert – aufgefunden hat, in dem ein provisorisch eingesetzter Vorstand im April 1848 um Einzahlung der Steuerrückstände bittet. Dieser provisorische Vorstand schien nach den damaligen Quellen durch eine Palastrevolution im Gemeindehaus eingesetzt worden sein, mit Leopold Schick an der Spitze. Es wäre ein weiterer Mosaikstein im Gesamtbild der Gründe der Intimfeindschaft der Nachfolger „des großen“ Chatam Sofar zu Leopold Schick.

Das Scheitern der Revolution

Während die revolutionäre Erhebung in Ungarn weiter ging, scheiterte sie in Österreich. Der Wiener Oktoberaufstand 1848, war die letzte Erhebung der österreichischen Revolution 1848. Als am 6. Oktober 1848 von Wien aus kaiserlich-österreichische Truppen gegen das aufständische Ungarn ziehen sollten, versuchten die mit den Ungarn sympathisierenden Wiener Arbeiter, Studenten und meuternde Truppen den Abmarsch zu verhindern, und es kam zu Straßenkämpfen. Kaiser Ferdinand floh am 7. Oktober nach Olmütz. Im Verlauf der Kämpfe gelang es den Aufständischen, die Hauptstadt in ihre Gewalt zu bringen, nachdem die Regierungstruppen geflohen waren. Am 23. Oktober wurde Wien von Truppen, die aus Kroatien – unter Joseph Jellacic – und aus Prag – unter Feldmarschall Fürst Windischgrätz – angerückt waren, eingeschlossen. Nach einwöchigem heftigen, aber aussichtslosen Widerstand der Wiener Bevölkerung wurde die Stadt von den kaiserlichen Truppen wieder eingenommen. Am 2. Dezember 1848 kam es in Österreich zum Thronwechsel – Kaiser Ferdinand dankte ab und überließ den Thron seinem 18-jährigen Neffen Franz, der den Kaisernamen Franz Joseph I. annahm. Die Errungenschaften der Märzrevolution gingen zum größten Teil verloren und Österreich trat in die Phase des Neoabsolutismus ein.

Als die durch Kossuth formulierten Reformansätze durch Ferdinand, bekannt als „Aprilgesetze“, am 11. April 1848 bestätigt wurden, wähnten sich die ungarischen Liberalen am Ziel angelangt: Ungarn hatte eine eigene Regierung, ein für drei Jahre gewähltes Parlament, es gab eine eigene Verwaltung und Gerichtsbarkeit, eine Nationalgarde und eine eigene Armee. Es gab eine fast vollständige Religionsfreiheit. Die früheren Steuerprivilegien waren abgeschafft und die Bauern verfügten über eigenen Grund und Boden. Auf der anderen Seite aber war das Wahlrecht erheblich auf die besitzenden und gebildeten Schichten ausgeweitet – auf nur ca. 6% der der Einwohner der ungarischen Reichshälfte – und in den Landtag konnten nur Männer gewählt werden, die die ungarische Sprache beherrschen.  

Aus der Sicht Wiens, der nichtmagyarischen Nationalitäten, der Juden, der Unterschichten sah die Bilanz weniger positiv aus. Die Situation Hunderttausender von Bauern, die auf Vertragsbasis auf herrschaftlichen Feldern wirtschafteten war weiterhin unklar. Die Grossgrundbesitzungen blieben erhalten und die Landreform blieb aus, so dass es schon bald zu Bauernaufständen kam. Die Arbeitszeit- und Lohnregelungen für der Arbeiter blieben ebenfalls aus. Die Pressefreiheit, für die die Radikalen gekämpft haben, blieb stark eingeschränkt. Die nationale Frage der Magyaren stand klar im Vordergrund und die neue Verfassung nahm die Existenz anderer Nationalitäten einfach nicht zur Kenntnis. Bis zum Herbst 1848 konnte das neu gewählte Parlament weder die Nationalitätenfrage noch das Verhältnis zum König lösen. Im September ging man zur „revolutionären Diktatur“ über, mit Kossuth als dem Führer des Landes. Die zuvor durchaus mit der Revolution sympathisiert nicht-ungarischen Volksgruppen wurden durch den so manifestieren Nationalismus vor den Kopf gestoßen. Selbst bescheidene Bitten, wie etwa die der Slowaken nach slowakischer Verhandlungssprache und Unterrichtssprache in den Grundschulen in den Komitaten, in denen sie die Mehrheit stellten, wurden zurückgewiesen und als Panslawismus verunglimpft.

Man kann nur vermuten, wie verbittert aber auch enttäuscht Leopold Schick über die eigene Verkennung der Zustände in Presporok war. Er musste das Bedürfnis verspüren, den Leidtragenden der antisemitischen Exzesse zur Seite zu stehen. Er folgte dem Ausruf der von den Pogromen und schwankenden Liberalen in Pest, Wien und Prag enttäuschten Literaten zur Auswanderung nach Amerika und gründete im 1848, zusammen mit dem Buchhändler und späterem Hauptmann in der Kossuth-Armee, das „Büro für die Auswanderung der Juden in Pressburg“, das einigen Duzend jüdischen Familien aus Presporok erlaubte, in Amerika ein neues Leben anzufangen (vgl. Nachruf auf Leopold Schick, S. 5).

Der „Aufruf zur Auswanderung nach Amerika“ beginnt mit der Feststellung, dass die Ursache, die die ungarischen Juden zur Auswanderung zwingt eine „ausserordentliche, je schreckliche sein“ muss. Er beklagt, dass es keine Sicherheit mehr gibt für „Erwerb und Ernährung, Person und Eigenthum“, sogar die letzten Ruhestade der Juden werden ihnen nicht vergönnt. Er spricht das Wort Trennung aus, um zu beschreiben, worum es geht: Um die Suche nach einer Gegend, in der man ungestört und ungehindert nach eigenem Glauben leben kann, ohne Verfolgung und Verachtung. Leopold Schick verfolgt den – in seiner Zeit – ausserordentliche Ansatz, dass die Ausgewanderten zeigen wollen, dass „Israel den Pflug zu führen und den Hammer zu schwingen nicht scheucht, wenn kein mittelalterlicher Druck und tödlicher Zunftgeist ihre Hemmnisse in den Weg legt.“ Man kommt nicht umhin, an die Idee die im zukünftigen Staat Israel zu realisierenden Kibutzim zu denken.

Wiederum unterliegt Schick dem Wunschdenken, dass in Ortschaften, in denen die Ungaren die Mehrheit bilden, Juden in Schutz genommen werden, dort aber, wo „die Eingewanderte und Nichtungarn hausen, die grässlichste Verfolgungen … stattfinden, so … namentlich in der königl. Frei- und Krönungsstadt Pressburg“.

Diejenigen, die bereit wären dieses Vorhaben zu unterstützen, macht er auf die Tatsache aufmerksam, dass ein Grossteil der Auswanderer keine Bettler, sondern „einstig solide Menschen sind, die bereits über ein Kapital von 12.000 Fl. Verfügen“, hingegen gibt es unter denen auch mittellose, die durch ihre Arbeit den Aufstieg schaffen können, dazu aber eine Starthilfe bräuchten. Er ruft in Erinnerung, dass Israeliten-Gemeinde in Presporok seit 100 Jahren fast die Einzige in Ungarn ist, die auch den ausländischen jüdischen Studenten Unterhalt gibt und auch sonst bei Naturereignissen den Juden Hilfe gibt.

Sein Zeitplan sah vor, dass sich die Auswanderungswilligen am 1. Juli 1848 in Presporok treffen und am 15. Juli aufbrechen sollten, um sich Ende Juli in Hamburg einzuschiffen. Er ersucht die Unterstützer, ihre Spenden zu Händen des Oberrabbiners M.W. Schreibers in Pressburg oder L. Schwabs, Oberrabbiner von Pest, zu schicken.

Nach Revolten der einfachen Bevölkerung 1848 führte Ungarn Kriege gegen die Nicht-Magyaren in ihrem Königreich oder versuchte, durch Repressalien den Widerstand der Nicht-Magyaren zu brechen – betroffen waren Slowaken, Rumänen, Kroaten. Feldmarschallleutnant Graf Franz Lamberg, Kommandant des Pressburger Armeekorps und ein ethnischer Ungar, wurde durch Wien im Sommer 1848 beauftragt einzuschreiten. Das Parlament in Pest reagierte und erklärte, Lamberg müsse als Rebell und Verräter behandelt werden. Lamberg wurde von den fanatisierten Massen in Ofen – Pest gesucht, gefunden und umgebracht. Das war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte.

Im September 1848 wurde in Ungarn die allgemeine Wehrpflicht eingeführt und die Honvédarmee aufgestellt. Juden, die anfänglich nicht die erwünschten Bündnispartner der Ungarn waren, zeigten Kampfgeist und bildeten in der jungen Nationalgarde eine besondere Division[ix]. Am 1. Mai 1949 bat Kaiser Franz Joseph öffentlich den russischen Zaren, Alexander I., um Hilfe im „heiligen Krieg gegen die Anarchie“. Die Russen, Mitte Juni aus Galizien über die Karpatenpässe kommend, stiessen anfangs kaum und später nur auf wenig Widerstand. Am 13. August kapitulierten die Ungarn nach der Schlacht von Vilagos. Die Ungarische Revolution war damit praktisch beendet. Als letzte kapitulierte die Stadt Komarno im September 1849.

Weil die Sieger bei ungarischen Juden so starken Widerstand gefunden hatten, verhängten sie drastische Strafen, um deren Freiheitswillen zu brechen: „Schon Fürst Windischgrätz belastete die jüdische Gemeinde in Pest mit 100.000, die in Raab mit 80.000 Gulden als Strafe für die Beteiligung an der Revolution. Noch schärfer ging der neue Gouverneur General Haynau vor, der die Gemeinden in Budapest, Altofen, Kecskemét, Nagy-Korös, Czegléd, Irsa, Szeged, Szabadka insgesamt mit einer Strafe von 2.300.000 Gulden (ca. 51.758.000 Euro nach der Kaufkraft 2023) belegte. Die Petitionen dieser Städte mit dem Hinweis auf die Unmöglichkeit, diese Summe aufzubringen, führte dazu, dass Haynau die Kontribution auf alle jüdischen Gemeinden Ungarns verteilte, mit Ausnahmen von Pressburg und Temesvar, die Österreich gegenüber loyal geblieben waren.“ (vgl. Dissertation Kapp).

Nach der Niederlage 1848/49 und der folgenden „Pazifierung“ der Zustände im Kaisertum widmete sich Schick wieder vermehrt seiner kommerziellen Tätigkeit, vergas dabei aber nicht seine Rolle als Lehrer: in der Primarschule erteilte er gratis Religionsunterricht und – wie aus der „Allgem. Zeit. des Judentumes“ hervorgeht – verpflegte jährlich einige Wochen 18 Talmudschüler.

Die erste zuverlässige modern Volkszählung in 1869 zeigte für Presporok 4500 Einwohner jüdischen Glaubens auf, was ca. 9% der Einwohner der Stadt entsprach. Die Wachstumsdynamik entsprach bei weitem nicht derjenigen in der Metropole Budapest. Die Nähe von Presporok zu Wien war während der Vor-1848-Zeit aber ein Vorteil. Da die Anzahl der jüdischen Einwohner in Wien restriktiv gehandhabt wurde und Presporok den jüdischen Geschäftsläute das Pendeln erlaubte, zog es jetzt die agilsten und liberalsten Unternehmer von Wien an, um von hier aus ihre Geschäfte zu tätigen. In den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts kam ein beträchtlicher Teil der Juden Wiens, ca. 25%, aus Presporok.

Die Entwicklungen in der Gesellschaft in der Nach-März-1848-Zeit waren für Leopold Schick, trotz bestimmter politischer Rückschläge, ein positives Zeichen, um sich selber aufzulegende politische Zurückhaltung aufzugeben. 1861 gründete er zusammen mit einem Teil der Jüdischen Gemeinde die „Liberale Kommission für Überwachung und Regulierung der Angelegenheiten der Kultusgemeinde“, die sich auch gegenüber der nicht-jüdischen Gesellschaft öffnen will und darum den Kontakt auch zur weltlichen, eher den Strengorthodoxen zugeneigten Behörde in Presporok sucht.

Spaltung der Gemeinde

In 1864 wurde in Presporok eine neue Synagoge gebaut. Die Gemeinde, geführt von Ketav Sofer, dem Sohn des großen Sofer und präsidiert von den Pappenheimern und Bettelheimern, blieb standhaft orthodox. Die Einwilligung für deutschsprachigen Gottesdienst und die Aussicht, dass ein neoorthodoxer Rabbi möglicherweise als Co-Rabbi eingeladen werden könnte, erschütterte aber die Selbstgewissheit der Ultraorthodoxen. Dass noch dazu das konservative Erbe von Chatam Sofer von seinem eigenen Sohn Ketav, in der Gemeinde, der er jahrelang so treu gedient hatte, aufgegeben würde, empörte eifrige Militante. In diese Auseinandersetzung wurde auch Leopold Schick involviert. Der Israelitische Landeskongress 1968 in Pest besiegelte die Spaltung zwischen der Orthodoxie und der Neologie, und Leopold Schick wird zum Führer des Neologischen Distriktkomitees ernannt. Die Ultraorthodoxen hatten jeden Grund besorgt zu sein: Die Delegierten wählten als Vertreter von Presporok zum Landeskongress zwar nicht einen von den Neologen, aber doch einen aus dem moderat-orthodoxen Lager, das geführt wurde durch Esriel Hildesheimer. In Presporok selbst geht der Kampf um die Leitung des Distriktkomitees weiter – und die Ultraorthodoxen setzen sich durch. Kurz nach dem Tod von Ketav Sofer treten im März 1872 etwa 150 Mitglieder aus der Muttergemeinde aus und bilden die Neologische Kultusgemeinde – die Spaltung, die der Reformator Leopold Schick unbedingt vermeiden wollte, wurde vollzogen.

Neologe Synagoge in Presporok, Foto: Ľuboš Repta / CC BY-SA 4.0

Schick blieb der geistige Führer der Neologen, es ist ihm aber nicht gelungen, sein Ideal in EINER Gemeinde zu verwirklichen. Er bekämpft noch die Errichtung des eigenen, neologischen Friedhofs. Vergebens. Enttäuscht kehrt er in die jetzt moderat-orthodoxe Gemeinde zurück. Schwer erkrankt, zieht er sich für die nächsten zwölf Jahre in sein Studierzimmer zurück und widmet sich seinen wissenschaftlichen Studien. Am 29. Dezember 1882 stirbt Leopold Schick in Presporok. Er ruht – welch Ironie – auf dem orthodoxen Friedhof von Bratislava, wie aus dem Gräberbuch des Friedhofs, Seiten 469 – 469, hervorgeht.

Die Grabplatte aus seinem Grabmal aber habe ich, zertrümmert – einen allmählichen Zerfallprozess kann man hier, auch wegen der Geometrie der vorgefundenen Grabplattenstücke, ausschließen – und durch Unkraut überwachsen auf und unter dem Boden neben seinem Grab vorgefunden (siehe Foto oben). Die lesbaren Teile der Inschrift lauten: „… Hier ruhet …. der gottesfürchtige … Schmuckstück seiner Frau…“.

Bild oben: Leopold Selig Leb Schick (Zeichner unbekannt, Quelle: Judaica, August-September 1935) und die zertrümmerte Grabplatte, Foto: J. Schick

Anmerkungen:
[i] Vgl. https://en.wikipedia.org/wiki/Moses_Sofer 
[ii] https://yivoencyclopedia.org/article.aspx/Bratislava
[iii] Leopold Schick, Nachruf von Rabbi Albert Stern, bearbeitet in: Judaica : Zeitschrift für Geschichte, Literatur, Kunst und Bibliographie, Nr. 11-12 vom August 1935, S. 1-5.
[iv] https://www.wina-magazin.at/die-juedischen-revolutionaere/
[v] https://www.digital.wienbibliothek.at/wbrobv/content/titleinfo/1970635
[vi] https://www.digital.wienbibliothek.at/wbrobv/content/titleinfo/1971504
[vii] https://www.digital.wienbibliothek.at/wbrobv/content/titleinfo/1976988
[viii] https://www.digital.wienbibliothek.at/wbrobv/content/titleinfo/1974648
[ix] Revolutionäre jüdischer Herkunft in Europa (1848-49), Dissertation Heinz Kapp, S. 212ff