Kriegs- und Nachkriegszeit in der hessischen Provinz

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Die Historikerin Vanessa Conze legt mit „Krieg und Nachkriegszeit auf dem Land. Die Schwalm 1939 bis 1955“ eine eng an den historischen Quellen orientierte Studie zur politischen Entwicklung im ländlichen regionalen Raum vor. Damit entsteht ein plastischer Eindruck von den damaligen Ereignissen, wozu auch die Aufmerksamkeit für das Ende des jüdischen Lebens in der Schwalm und den zaghaften Neuanfang nach 1945 zählt.

Von Armin Pfahl-Traughber

Welche Auswirkungen hat die große Politik für den regionalen Raum? Antworten auf diese Frage sind nicht nur für die Gegenwart von Interesse, sondern auch für die Vergangenheit. Gelegentlich deuteten aber auch regionale Entwicklungen kommende politische Umbrüche an. Ein Beispiel dafür ist die hessische Schwalm, so grob zwischen Kassel und Marburg gelegen. Dort erhielt die NSDAP bereits bei den Reichstagswahlen 1930 knapp über 40 Prozent der Stimmen und wurde zur stärksten Partei. Auf kleineren Dörfern erhielt die Hitler-Partei gar bis zu 90 Prozent der Stimmen, all dies bereits vor dem politischen Jahr 1933. Die Historikerin Katharina Stengel hat diese Entwicklung bereits vor Jahren dargestellt, was ihre ausführliche Studie „Nationalsozialismus in der Schwalm 1930 – 1939“ (Marburg 2016) veranschaulichte. Darin wurden die Ereignisse jener Jahre eng an den Quellen orientiert aufgearbeitet. An diese Arbeit knüpfte nun ein Forschungsprojekt an, welches als direkte Fortsetzung anzusehen ist. Autorin ist diesmal Vanessa Conze, Professorin für neuere und neueste Geschichte an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt.

Sie blickt in ihrem Buch „Krieg und Nachkriegszeit auf dem Land. Die Schwalm 1939 bis 1955“ auf die Entwicklung während des Zweiten Weltkriegs bis in die frühen Jahre der Bundesrepublik Deutschland. Die untersuchte Region, die lange als Kreis Ziegenhain bezeichnet wurde und heute zum Schwalm-Eder-Kreis gehört, wies einige Spezifika auf. Es handelte sich um einen agrarisch geprägten Raum mit protestantischer Mehrheitsgesellschaft, fern von größeren und industriellen Zentren. Allein diese Besonderheiten der Region erklären, warum dortige Entwicklungen bislang kein so großes Interesse fanden. Die Autorin veranschaulicht aber in ihrer Darstellung anschaulich, dass sich im dortigen Lokalen auch die große Politik spiegelte. Gerade durch die beschreiende Fixierung auf konkrete Ereignisse, wozu die Dokumentation von zeitgenössischen Fotographien gehört, wird dieser Kontext anschaulich vermittelt. Dabei gliedert sich das Buch in die drei relevanten historisch-politischen Abschnitte: die Jahre während des Zweiten Weltkriegs, die unmittelbare Nachkriegszeit und die Anfänge der Bundesrepublik Deutschland.

Bei der erstgenannten Entwicklungsphase geht es um die Folgen des Krieges in der Region, wobei auch die Dimensionen der diktatorischen Herrschaft veranschaulicht werden. Ein ganzes Kapitel ist Gewalt, Verfolgung und Vernichtung gewidmet. Das Ende des jüdischen Lebens in der Schwalm ist denn auch ein wichtiges Thema, wobei diese Dimension in der Folge der ersten Studie noch stärker hätte herausgearbeitet werden können. Gleiches gilt für die „Euthanasie“-Politik, war doch davon eine dortige Einrichtung namens „Hephata“ besonders stark betroffen. Von dort aus wurden geistig- und körperlich behinderte Menschen deportiert, um sie an anderen Orten umzubringen. Lange bildeten Erinnerungen daran ein Tabu, erst nach Jahren stieg das öffentliche Interesse. Der zweite Teil geht dann auf die Entwicklungen bis zur Gründung der Bundesrepublik Deutschland ein, wobei zunächst die Ära der amerikanischen Besatzung, dann aber auch die Aufnahme von Flüchtlingen jeweils Themen sind. Besondere Aufmerksamkeit erfährt ebenso die Auseinandersetzung um die Entschädigung von Schwälmer Juden, die enteignet und vertrieben wurden.

Und dann wird im dritten Block schließlich die Entwicklung der Schwalm bis Mitte der 1950er Jahre thematisiert, aber nicht nur bezogen auf die Neuausrichtung der Kreispolitik oder die Folgen der Währungsreform, sondern auch hinsichtlich des Fortbestehens antisemitischer und rechtsextremistischer Tendenzen. Diese waren Anfang der 1930er Jahre noch mehrheitlich in der Region verankert, wurden aber nach 1949 immer mehr marginalisiert, wenngleich die dortige Gegend attraktiv für viele später bedeutsame bundesdeutsche Rechtsextremisten wurde. Conze spricht davon, dass man sich auch in der Schwalm über Umwege freiheitlich-demokratischen Werten angenähert habe. Ihre Darstellung ist mit solchen Einschätzungen und Reflexionen aber eher zurückhaltend, versteht sie sich doch wohl mehr als dokumentierende Historikerin. Gleichwohl verschweigt Conze derartige Defizite im öffentlichen Umgang mit der jüngsten Vergangenheit nicht. Sie hat eine beeindruckende Fallstudie zur regionalen Entwicklung anhand der historischen Quellen vorgelegt, welche hoffentlich noch eine Fortsetzung für die Jahre nach 1955 findet.

Vanessa Conze, Krieg und Nachkriegszeit auf dem Land. Die Schwalm 1939 bis 1955, Marburg 2023 (Schüren-Verlag), 372 S., Bestellen?